Viaduc de Millau

Viaduc de Millau ist eröffnet Viaduc de Millau ist eröffnet

Viaduc de Millau

— 17.12.2004

Als erster über den Wolken

Sie ist die höchste Autobrücke der Welt. Jetzt wurde sie für den Verkehr freigegeben. AUTO BILD rollte vorab über den "Viaduc de Millau".

Wie ein Geisterschiff im Nebel

Die Fahrt zwischen Himmel und Erde dauert sechs Minuten. Ich genieße jede einzelne Sekunde. Als erster Autofahrer rolle ich über die höchste Brücke der Welt, den "Viaduc de Millau". In 270 Meter Höhe blicke ich von oben auf Wolken und die Ausläufer des französischen Zentralmassivs. Die Sicht ist atemberaubend. Es ist wie fliegen, nur auf vier Rädern.

Die Brücke beschreibt einen kleinen Bogen, schwindelfreie Männer führen letzte Arbeiten aus. Heute darf ich noch trödeln. Ab 16. Dezember 2004, wenn der Verkehr auf der A75 zwischen Clermont-Ferrand und Montpellier freigegeben wird, gilt hier Tempo 130. Dann dauert die Fahrt nur noch gut eine Minute.

In unserem Job kommt man viel rum. Sieht fremde Länder, befährt traumhafte Straßen, glaubt irgendwann, alles gesehen zu haben. Und dann biege ich auf der Landstraße von Albi nach Millau um eine enge Rechtskurve – und erschrecke. Das, was da plötzlich vor mir auftaucht, ist einfach zu groß, zu filigran, zu schön. Es liegt da wie ein Geisterschiff mit sieben Masten im Nebel.

In 270 Metern Höhe über Frankreich

Den Mund offen, das Gesicht an die Windschutzscheibe gepreßt, beschließe ich: Ich muß da hoch, ich muß da rüber. Sofort. Monsieur Favray klopft ans Fenster, ein Rentner aus Peyre, dem Dorf im Schatten des "Viaduc de Millau". Er zeigt hoch und sagt "magnifique!". Großartig, daß der Verkehr von Paris ans Mittelmeer nun nicht mehr durchs Tal, sondern über die A75 läuft, dort oben, 270 Meter über dem Flüßchen Tarn.

Millau war das schlimmste Nadelöhr auf Frankreichs Fernstraßen. Nun brauchen Autofahrer 100 Kilometer weniger und haben ein Abenteuer mehr. Stararchitekt Norman Foster hatte die Rekord-Brücke bereits 1996 entworfen. Nach 38 Monaten Bauzeit ist sie fertig. Sieben Betonpfeiler, der längste 245 Meter hoch. Darauf Pylonen mit je 22 Tragseilen, an denen die aus 36.000 Tonnen Stahl gebaute Fahrbahn aufgehängt ist.

Gesamthöhe: 343 Meter; die vier Fahrstreifen bis zu 270 Meter über dem Boden – gigantische Rekorde. Neben mir schwärmt Jean-Pierre Martin, "wie sehr die Brücke in die Landschaft einfließt". Die Brücke ist sein Lebenswerk. Martin (53) ist Projektleiter des Stahlkonzerns Eiffage, der den Viadukt für 320 Millionen Euro baute und nun 75 Jahre lang Mautgebühren kassiert: 4,90 Euro (im Sommer 6,50 Euro) pro Pkw; 20,40 Euro pro Lkw.

Heftige Böen und ein Korkenzieher

Ich darf die Fahrt noch kostenlos genießen. Genau in der Mitte gönne ich mir, was bald verboten sein wird: Ich halte an, steige aus. Über der Schlucht weht ein eisiger Wind. Eine drei Meter hohe Schutzwand aus Plexiglas sorgt dafür, daß die bis zu 200 km/h schnellen Böen die Autos nicht von der Brücke fegen. Ich steige ein, gebe Gas und nehme Abschied vom Himmel, bis die Erde mich wieder hat.

Der Franzose Jacques Stiemon war der erste Autofahrer, der am 16. Dezember den Viaduc offiziell einweihen durfte. "Für mich ist es wie Weihnachten", freute sich der Lehrer – denn er hatte die ganze Nacht in seinem Auto verbracht, um dieses Erlebnis nicht zu verpassen. Der Bürgermeister des Städtchens Millau, Jacques Godfrain, überreichte ihm als Präsent einen symbolträchtigen Korkenzieher. Grund: Im Französischen heißt "bouchon" nicht nur Korken – sondern auch Verkehrsstau.

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