Vier Supersportler von 0 bis 300 km/h

Vier Supersportler im Test

— 28.12.2007

Voller Adrenalinschub

Extrem-Sportwagen contra Kampfjet: Lamborghini LP 640, SLR McLaren, Saleen S7 und Ruf Rt 12 stellen sich dem Beschleunigungs-Duell der etwas anderen Art.

Es ist einer dieser Trume, von denen Autoverrckte wie wir hoffen, sie mgen irgendwann in Erfllung gehen. Du stehst mit vier der strksten, schnellsten und seltensten Supersportwagen auf einer einsamen, eigens fr dich abgesperrten Autobahn. Dreispurig. Flach wie eine Bowlingbahn und so weit das Auge reicht. Fern am Horizont geht die Sonne auf, whrend das Anlassen der Motoren die Stille durchbricht. Moment! Das ist gar kein Traum? Korrekt. Es ist die Startbahn des Jagdbombergeschwaders 32 ECR. Exakt 2778 Meter lang, 27 Meter breit. Geographische Lage: 1052' stlicher Lnge, 4811' nrdlicher Breite. Lagerlechfeld/Bayern. Luftwaffensttzpunkt und Basis einiger der besten Piloten der Bundeswehr. Knapp 2000 Mann sind hier stationiert, 900 davon fr die Technische Wartung der Flugzeuge zustndig und rund 400 im Pilotenstab. Das 577 ha groe Gelnde beherbergt 33 Kampfjets vom Typ Panavia Tornado ECR in seinen Hangars. Jeder schwer wie ein Tanklastzug, dabei bis zu 2300 km/h (Mach 2) schnell. Kosten pro Stck einst: 70 Millionen Mark und selbst fr Pazifisten ein erhabener Anblick. Blo, das interessiert im Moment keine Menschenseele. Zumindest niemanden, der ein Bundeswehr-Abzeichen trgt. Stattdessen schart sich die halbe Kompanie wie ein Rudel hungriger Wlfe um unsere vier Hauptdarsteller: Lamborghini LP 640, Mercedes SLR McLaren, Ruf Rt 12 und Saleen S7 Biturbo. Besonders die Piloten, die sonst bei sogenannten "Airfield Attack"-Manvern mit bis zu 1,1 Mach (1400 km/h) nur 30 Meter ber Grund, Wasser oder durch Canyons fliegen, gleichzeitig in ihren Spezialanzgen und mit Pressatmung Krfte von bis zu 8g (achtfaches Krpergewicht!) aushalten, haben nur noch Augen fr diese vier Herrscher der Strae.

Der LP 640 ist getarnt wie ein Stealth-Bomber

Vier gegen einen: Supersportler bereit zum Duell mit dem Tornado.

Aber auch wir blicken gespannt auf unser Vorhaben, die Boliden von null bis 300 km/h zu beschleunigen: Welcher ist der Schnellste? Reicht die Lnge der Startbahn? Treten Probleme auf? Was ist mit der Aerodynamik? Fragen, die es zu beantworten gilt. Also installieren wir unser "2D"-GPS-Messgert und fangen an. Als Erstes ist der Lamborghini fllig. Getarnt wie ein Stealth-Bomber, fllt der mattgraue LP 640 zwischen all den Kampfjets kaum auf. Dieser Wagen ist Top-Gun pur. Martialisch, bedrohlich, roh. Unverwechselbar. Und noch strker als sein Vorgnger: Durch eine Hubraumvergrerung von 6,2 auf 6,5 Liter leistet der Murcilago jetzt 60 PS mehr insgesamt 640 PS. Das Fahrwerk wurde mit neuen Dmpfern und anderen Stabilisatoren ausgestattet, um das Handling zu verbessern und vor allem die Lastwechselreaktionen des 1665 Kilo schweren Supersportlers zu entschrfen. Auf der Nordschleife hat Testfahrer Giorgio Sanna damit laut offizieller Angabe eine Zeit von 7 Minuten und 40 Sekunden erzielt, die Topspeed wurde mit 342 km/h gemessen. Hrt sich gut an, doch wir wollen erst mal wissen, was die Beschleunigung hergibt.

Tarnkappenbomber auf Rädern: der Lamborghini Murciélago LP 640.

Unser Testwagen ist mit automatisiertem Schaltgetriebe (E-gear) und Launch-Control ausgerstet, so soll der Spurt auf 100 km/h in 3,4 Sekunden gelingen. Eine Viscokupplung verteilt bei solch einem Jump-Start die Antriebskraft des Allradlers zu 80 Prozent an die Hinterachse. Nach ausreichender Aufwrmphase rollt der italienische Stier heiser rchelnd an den Start. Wir aktivieren die Launch-Control oder besser gesagt, die Abschussvorrichtung: Traktionskontrolle aus, "Sport"-Taste ein (fr schnellere Schaltzeiten), Rder gerade, Wippe ziehen, erster Gang, Fu von der Bremse, Hnde ans Lenkrad, kurz durchatmen und blitzschnell wie ein Kickboxer das Gaspedal durchtreten.

Was dann passiert, macht den Piloten zum Passagier. Die Drehzahl jagt hoch, whrend der Wagen noch fr knapp eine Sekunde im Stand verharrt. Pltzlich ein Schlag ins Kreuz, die Einscheiben-Trockenkupplung hat bei 5000/min zugebissen: "Verdammt, fliegt mir jetzt der komplette Antriebsstrang um die Ohren?!" Die gewaltigen 335er-Walzen drehen kurz durch, suchen Grip. Finden ihn. Und dann gehts ab. Mit diabolischem Gebrll fliegt der V12-Lambo frmlich davon, durchbricht im ersten Gang die 100 km/h und schafft deshalb berragende 3,3 Sekunden, Tempo 200 fllt bei 11,1 und die 300er-Marke schlielich bei 33,3 Sekunden. Eine deutliche Ansage an die Konkurrenz.

Das Herzstck des SLR ist ein 5,4 Liter groer V8-Kompressormotor

Der Mercedes SLR McLaren versucht sich als Nchstes. Bullig blubbernd wie ein Power-Boat aus Miami Vice bewegt sich der mitternachtsblaue Sternenkreuzer an den Soldaten vorbei. "Unser Kommodore fhrt auch Mercedes", raunt Oberstleutnant Volker Heilmann, Chefausbilder der Kampfpiloten, schmunzelnd herber. "Aber natrlich keinen McLaren." Das Herzstck des SLR ist ein 5,4 Liter groer V8-Kompressormotor ach was, eher eine Triebwerkskulptur. Allerdings haben die 626 PS und 780 Newtonmeter Drehmoment null Bock aufs Museum, sondern suhlen sich lieber im l der Trockensumpfschmierung. Das hat jetzt knapp ber 90C Temperatur, ideal fr einen ersten Vollgastest. Wir whlen den Sport-Modus der Fnfgangautomatik. Das Ansprechverhalten ist nun schrfer, die Schaltzeiten am krzesten.

ESP aus, Whlhebel auf "D". Linken Fu auf die Bremse, rechts aufs Gas und bei knapp 3500 Touren heit es: Feuer frei. Die ewig lange Haube reckt sich himmelwrts, das Heck geht in die Knie und mit grollendem Getse aus den Sidepipes rast der SLR vorwrts. Subjektiv ist der gefhlte Schub im McLaren-Mercedes am eindrucksvollsten. Vor allem zwischen 100 und 200 km/h demonstriert er, welche Power in ihm steckt. Zwar verliert er den Start (3,9 Sekunden von 0 auf 100) gegen den Lambo, holt dann aber mchtig auf und passiert den 200-km/h-Messpunkt in exakt der gleichen Zeit (11,1s). Erst oberhalb von 280 km/h kmpft der SLR mit seinem migen cw-Wert von 0,37. "Ganz schn knapp. Die 300 erreicht er erst einen halben Kilometer vor Ende der Landebahn", berichtet SPORTSCARS-Testfahrer Henning Klipp. "Sofort danach musste ich in die Eisen" die sind brigens aus Keramik und verzgern erstklassig.

Der Saleen ist an der Reihe. Ein amerikanischer Enzo, ultraflach (1041 mm), Seriennummer "047". Es ist der erste Test eines Saleen S7 Biturbo in Europa berhaupt. Wir wollen das Geheimnis des "Bugatti-Jgers born in the USA" lften. Spannende Frage: Wird er die unglaubliche Werksangabe von 2,8 Sekunden fr den Spurt auf 60 Meilen (96 km/h) erreichen? Vom Aussehen ist dem S7 alles zuzutrauen. Zahlreiche Kiemen sowie eine berdimensionierte Dachhutze sorgen fr Khlung der Brembo-Bremsen (ohne ABS!) und Frischluftzufuhr fr den V8-Biturbomotor. Zwei gewaltige Garret GT37 Lader pushen den Siebenliter-Giganten auf 750 PS und 950 Newtonmeter maximales Drehmoment. Elektronische Helferlein? ESP? Airbags? Fehlanzeige! Dafr gibts einen integrierten berollkfig, optional Fnfpunkt-Renngurte und eine Rckfahrkamera im LCD-Monitor der Kenwood-Anlage. Bei den Piloten kommt der Saleen bestens an, aber nur bis zum Start. Zwar produziert die Vierrohr-Auspuffanlage auf Kommando infernalischen Rennwagensound, doch das Rasseln der Sintermetallkupplung weckt Misstrauen: "Wenn mein Jet solche Gerusche machen wrde, wrde ich keinen Meter fliegen."

Der US-Supersportler Saleen S7 Biturbo enttuscht

Bloß nichts schleifen lassen: Bei 286 Sachen setzt der Saleen auf.

Unser Testfahrer ist in diesem Punkt weniger zimperlich. Nachdem er seine 1,93 Meter an den geffneten Flgeltren vorbeigewunden, den engen Furaum (keine Chance ohne Rennfahrerschuhe!) erkundet und es sich hinter dem winzigen Lenkrad "bequem" gemacht hat, kanns losgehen. Direkt der erste Start gelingt, die Michelin Sport Pneus drehen nur kurz durch, dann schiet der rote S7 mit berstendem Krach davon. Der Sound aus den vier Auspuffrohren hallt noch nach, obwohl der Wagen bereits nach wenigen Sekunden nur noch als Punkt am Horizont zu sehen ist. Wow, das sah schnell aus Doch das Ergebnis ist ernchternd: "nur" 4,2 Sekunden bis hundert. Die Zielvorgabe Dreihundert endet gar bei 286 km/h Grund: die aerodynamisch ausgefeilte Kohlefaser-Karosserie (extrem langes Heck, glatter Unterboden, Diffusor) produziert so viel Anpressdruck, dass die Carbonlippe bei diesem Tempo ber den Asphalt schrubbert. Weiterbeschleunigen unmglich.

Kurz darauf macht der Saleen berhaupt keinen Mucks mehr. Eine defekte Lichtmaschine verhindert weitere Versuche und erklrt im Nachhinein die fehlende Leistung und schlechte Beschleunigung. Leider entfallen damit weitere Messfahrten und folglich die Werte fr Elastizitt und Bremsen. Wir holen es nach, versprochen. Als kleine Entschdigung knnen wir vorab mit Werten dienen, die unsere amerikanischen Kollegen von "Road&Track" gemessen haben: Dort beschleunigte ein Saleen S7 Biturbo in 3,4 Sekunden auf 60 mph, in 6,2 auf 100 mph (160 km/h) und in 12,1 Sekunden auf 150 mph was ungefhr 240 km/h entspricht.

Mit einem getunten Porsche 911 zum Sieg

Der Ruf Rt 12 ist von ganz anderem Kaliber als der anfllige Ami-Bolide. Leistung trifft Zuverlssigkeit, lautet beim bayrischen Kleinserienhersteller die Devise. Es gilt eben, einen guten Ruf zu verteidigen und der besagt in der zwlften Generation: 911 Turbos noch besser zu machen, als sie ohnehin schon sind. So liegen zum Beispiel die ffnungen zur Anstrmung der Ladeluftkhler beim Rt 12 wie schon beim Vorgnger direkt auf den hinteren Kotflgeln. Das ermglicht schnellere Luftzufuhr und optimiertes Ansprechverhalten. Bis auf die knallblaue Auenhaut hinterlsst der Rt 12 im Vergleich zur Konkurrenz einen dezenten Eindruck. Auen stechen die typischen Sport-Auenspiegel und der geteilte Heckspoiler ins Auge. Im Cockpit geben Schalensitze und Drei-Punkt-Gurte perfekten Halt, das mit Wildleder bezogene Volant sichert Griffigkeit bei Topspeed. Fr Nordschleifentrips empfiehlt sich als Extra fr 11.000 Euro auerdem ein berrollkfig.

Blauer Knaller: Den Ruf Rt 12 schlägt zwar der Tornado – sonst aber keiner.

Das wahre Meisterstck bleibt jedoch im Verborgenen: Zwei Abgasturbolader, 3,8 Liter Hubraum, Trockensumpfschmierung, Titanpleuel, hydraulischer Ventilausgleich, Getriebelkhlung und weitere Finessen sitzen im Heck. Offiziell stehen 650 PS und 870 Nm an. Der Rumpfmotor und das Getriebe stammen vom Porsche 996 Turbo. Der Rest ist selbst entwickelt: "Bis auf das Kurbelwellengehuse haben wir alles ausgetauscht", erklrt Ruf-Pressesprecher Marc Bongers. Sind die Zylinder in der Abfolge 1-6-2-4-3-5 gestartet, tut sich erst wenig: Harmlos wie Frau Holle rollt der Sechszylinder-Boxer an den Start.

Das dann folgende Inferno, lsst sich am besten genieen, wenn man an der 500-Meter-Markierung wartet. Als wolle er dem Tornado die Show stehlen, schiet der allradgetriebene Rt 12 mit geffneten Bypssen und Triebwerkdonnern vorbei. Begeisterung beim Testpiloten: "Phantastisch! Sagenhafter Schub und erstaunlich leichtgngige Kupplung. Damit kann man sonntags ja sogar zum Brtchenholen fahren." Die wrden definitiv ofenwarm auf dem Frhstckstisch landen, denn auch die Zeiten sind mehr als beeindruckend: 3,4 Sekunden bis hundert, 9,8 Sekunden auf 200 km/h und 24,8 Sekunden bis Tempo 300 schlichtweg sensationell! Die nicht gerade schwache Konkurrenz verweist der Ruf-Turbo vor allem bis Tempo 300 damit deutlich auf die Pltze.

Einzig den Tornado-Jet kann auch er nicht unterbieten. Sehr zur Beruhigung der anwesenden Piloten, die bei aller Bewunderung fr die Hochkarter auf vier Rdern eine Niederlage ihrer "fliegenden Schtzchen" wohl hrter als zugegeben getroffen htte. Am Ende dieses "traumhaften" Tages machen wir uns auf der berfllten Autobahn A9 auf den Rckweg. Mit der Erkenntnis, dass manche Autos in ihrem vorherigen Leben als Kampfjet zur Welt gekommen sind (Murcilago), andere mehr versprechen, als sie halten (Saleen S7), auch groe Hersteller faszinierende Exoten bauen (Mercedes SLR McLaren) und es nur einen Sieger geben kann den Ruf Rt 12. Er bietet einen vergleichsweise fairen Preis, verblffende Alltagstauglichkeit und in diesem Vierervergleich nicht ganz unerheblich die besten Fahrleistungen.

Die technischen Daten des Tornado-Jets

Seit mehr als 50 Jahren leistet das Jagdbombergeschwader 32 der Schwabstadlkaserne seinen Beitrag zur Friedenssicherung und Landesverteidigung im Rahmen der Bundeswehr und zugleich des NATO-Bndnisses. Der bayrische Sttzpunkt ist einer von sieben "Fliegenden Kampfverbnden" der Luftwaffe. Rund 2000 Soldaten sind hier stationiert, davon 900 fr die Wartung und Technik der Maschinen sowie 400 im Pilotenstab. Der Sttzpunkt verfgt als Einziger in Deutschland ber 33 sogenannte Tornado ECR Jets, die modernste Variante dieses Kampfflugzeugtyps. Die Abkrzung ECR (Electronic Combat and Reconnaissance) steht bersetzt fr: Elektronischer Kampf und Aufklrung. Speziell diese Jets sind durch ihre moderne Sensorik in der Lage, feindliche Radarstellungen im Tiefflug zu erkennen und zu bekmpfen. Da kein weiterer NATO-Partner bis dato ber ein hnliches Hightech-Waffensystem verfgte, kamen acht ECRTornados des Jagdbombergeschwaders 32 im Auftrag der NATO im Kosovo-Konflikt Mitte der 90er Jahre zum Einsatz. Ziel: berwachung und Schutz vor Boden-Luft-Raketen der serbischen Armee. Es war der erste bewaffnete Einsatz seit Grndung der Bundeswehr.

Der Tornado verfgt ber zwei Dsentriebwerke, die mit Nachbrenner berschallgeschwindigkeiten ermglichen. Dabei wird der Treibstoff direkt in den Abgasstrahl des Triebwerks eingesprht, was zu explosionsartiger Leistungssteigerung und siebenfach hherem Verbrauch fhrt. Zustzlich besitzt der Tornado pfeilfrmige Schwenkflgel, die bei hohen Geschwindigkeiten weit nach hinten geschwenkt werden und so den Luftwiderstand verringern. Die Steuerung erfolgt elektronisch (flyby- wire) ber ein automatisches Stabilisierungssystem. Im Notfall kann der Tornado aber auch nur manuell geflogen werden. Bei drohendem Absturz hilft ein Schleudersitz, der mit einer Sprengkapsel versehen ist. Bereits 1,3 Sekunden nach Ziehen der Reileine hngt der Pilot am voll ausgefalteten Schirm. Dass der Job nicht jedermanns Sache ist, musste auch Michael Schumacher erfahren, als er in einem Tornado mitfliegen durfte. Nach der Landung ging's kreidebleich ab ins Gebsch.

Autor: Ingo Roersch

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