Villeneuve steigt aus

Abgang eines Rebells

Villeneuve startet nicht in Suzuka

— 10.10.2003

Abgang eines Rebells

Dass er keinen neuen Vertrag bekommt bei B.A.R., war bekannt. Dass Jacques Villeneuve nicht mal mehr startet in Suzuka, hätten die Wenigsten gedacht.

Markenzeichen Starrsinn

Es gibt zwei spannende Fragen, die am Wochenende in der Formel 1 beantwortet werden: 1. Wer gewinnt die Weltmeisterschaft? 2. An welcher Schulter weint sich Villeneuve aus?

Tödlich beleidigt von seinem Rennstall B.A.R., der dem Frankokanadier einen Platz im Cockpit im nächsten Jahr verweigerte, geht Villeneuve vorzeitig und eigenmächtig in die Winterpause. Mit seiner Ankündigung, beim Saisonfinale in Suzuka auf einen Start zu verzichten, wirft er seine Ideale über Bord.

Jacques Villeneuve hält sich für einen Romantiker, für den ein Abendessen bei Kerzenlicht "die beste Einstimmung auf eine Liebesnacht ist". Auch seine Art, Motorsport zu betreiben, sei romantisch: "Wer mich unter Vertrag nimmt", hat er einmal gesagt, "kriegt einen schnellen Rennfahrer und keinen lächelnden PR-Botschafter." Glitzerwelt, nein danke.

Die Attitüde des sanften, unerschrockenen und unbeugsamen Rebellen hat Jacques Villeneuve zu einem der beliebtesten Rennfahrer gemacht. Der Ruhm überstand auch die Phase unbeschadet, als aus dem strahlenden Weltmeister von 1997 nur ein Hinterherfahrer mit wechselnder Haarfarbe wurde. Er fiel als guter Kunde des Friseurgewerbes auf und war der schlagfertige Antipode zu Michael Schumacher. Seine Fans rekrutierte Villeneuve vornehmlich aus der Gemeinde, die im Ferrari-Piloten einen ferngesteuerten Roboter sahen.

Aus Unbeugsamkeit ist Starrsinn geworden. Was hätte es Villeneuve gekostet, über seinen Schatten zu springen, und dem Rekordweltmeister in spe am Sonntag ehrlich zu gratulieren? Wahrscheinlich hätte er sich lieber die Hand abgehackt. Der überstürzte Rückzug mag für ihn ein eleganter Ausweg gewesen sein.

Zukunft in der Formel 1 ungewiss

So kompromisslos er auf der Strecke den anderen einst vor der Wagennase herumkurvte, so rücksichtslos entledigte er sich zugleich aller Verpflichtungen. Bei Sponsoren wie Zuschauern hat er sich viele Sympathien verscherzt. Bedauerlich, dass B.A.R.-Chef David Richards seinem Angestellten das Recht auf Faulheit zubilligte. Gut möglich auch, dass Richards ein Einsatz des japanischen Villeneuve-Nachfolgers Takuma Sato in dessen Heimat schmackhaft gemacht wurde.

Insider bewerten Villeneuves (32) Verzicht als Retourkutsche. Erst vor drei Tagen hatte Richards bekannt gegeben, dass BAR nach vier Jahren nicht mehr die Dienste des Kanadiers benötige und ihn in der nächsten Saison durch den Japaner Takuma Sato ersetzen werde. Jetzt muss Sato, der im Vorjahr bei Jordan mehr durch Unfälle und Dreher (17 an der Zahl) auf sich aufmerksam machte als durch WM-Punkte (2), schon in Suzuka für den Rennstall aus Brackley fahren.

Villeneuves Zukunft in der Formel 1 ist ungewiss. Es gibt Spekulationen, wonach der der frühere CART-Champion und Indy-500-Sieger im nächsten Jahr bei BMW-Williams fahren könnte, sollte der Kolumbianer Juan Pablo Montoya schon im Winter zu McLaren-Mercedes wechseln. Die Aussicht ist vage, weil die Montoya-Personalie sehr fraglich ist. Teamchef Frank Williams zählt zudem Sportsgeist und Disziplin zu Primärtugenden. Er wird keinen Drückeberger unter Vertrag nehmen. Und keinen Wechselwilligen ziehen lassen: Montoyas vorzeitiges Engagement bei McLaren-Mercedes ist definitiv vom Tisch, heißt es im Vorfeld des WM-Finales aus beiden Lagern.

Formel-1-Chef Bernie Ecclestone höchstselbst versucht derweil, den alternden Star bei anderen Teams anzupreisen. Er hält Villeneuve noch immer für einen "großartigen Rennfahrer". Der Einsatz des Impresarios geschieht nicht aus reiner Nächstenliebe. Er weiß um dessen Zugkraft bei den Anhängern der PS-Branche.

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