Volvo 940 im Gebrauchtwagen-Test

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Volvo 940: Gebrauchtwagen-Test

— 01.07.2016

Meine alte Liebe rostet nicht

Durch Zufall stolpert AUTO BILD-Redakteur Malte Büttner über jenen Volvo, den er in seiner Jugend zunächst nicht mochte. Und kauft ihn.

Ich war schockiert, als ich im Sommer 1996, ich war 16, aus dem Urlaub kam und da diese Limousine unter dem Carport stand: ein Volvo 960. Dunkelblau, Automatik. Wäre ich bloß nicht weggefahren, dachte ich damals. Vielleicht hätte ich diesen Spontankauf meiner Mutter verhindern können. Ein paar Mitfahrten und Abende, an denen ich den Schweden betrachtet hatte, später, schmolz das Eis langsam. Mit dem Dreiliter­-Reihensechszylinder und 204 PS fuhr er sich ganz gut, und die klare Linienführung schien mit der Zeit immer mehr unaufdringliche Eleganz auszustrahlen. Dazu die stolzen Maße. 4,87 Meter, fünf Zentimeter länger als der Kombi, der zudem viel gewöhnlicher war. Fast zehn Jahre hielt meine Mutter an ihrem 960er fest. Bei jedem Besuch drehte ich eine Runde im Volvo.

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Der 940 ist ein Kassengestell – und lockt dennoch

Der 940 übt sich in Bescheidenheit: Das Kurbeldach ist eines von ganz wenigen Extras.

Vor einigen Wochen, rund 20 Jahre nach der ersten Berührung, erzählte mir Kollege Martin Puthz von diesem Angebot: "940 Limousine, nur 118.000 Kilometer gelaufen, grüne Plakette und neuer TÜV." Schön, dachte ich, aber ich brauche nicht noch ein Auto – und geschenkt gibt's den auch nicht. "Fast", sagt Martin, "1500 Euro." Ich hörte mich nur "gekauft" sagen. Dabei liegen, abgesehen von der Grundform, Welten zwischen dem 940 und dem elterlichen 960. Statt Leder, Klima und Power bietet die graue Limousine nur Hausmannskost. Es ist die einfache Basisversion, ein Kassengestell. Metalliclackierung, Kurbeldach und elektrische Antenne. Damit sind die Extras schon aufgezählt.

Der Sound erinnert an ein Nutzfahrzeug

Reißt der Zahnriemen, kann man ganz entspannt bleiben: Beim 940 entsteht dabei kein großer Schaden, weil sich Kolben und Ventile nicht berühren.

Aber das ist unwichtig. Verglichen mit seinen Konkurrenten von damals, Mercedes W 124 und BMW 5er, war der 940 schon immer ein eher grober Klotz. Hinten sitzt, anders als beim Sechszylinder, noch eine Starrachse. Die ist gegen jeden Sport und bildet eine Koalition mit den weichen Sitzen und dem Motor. Vom Geheule des Lüfters untermalt, klingt der B230FB genannte Vierzylinder mit 131 PS außen eher nach Nutzfahrzeug als nach gehobener Mittelklasse. Innen bleibt er dafür angenehm ruhig. Außerdem erspart er seinen Fahrern die heute weit verbreiteten Ängste vor gelängten Steuerketten. Der Zahnriemen ist leicht und günstig zu wechseln, wer es vergisst, rollt einfach aus. Ein Freiläufer, bei dem sich im Falle eines Risses Kolben und Ventile nicht berühren. Es entsteht kein teurer Schaden. Überhaupt ist der Volvo von 1991, einem der Jahre, in denen viele Hersteller ihren Höhepunkt beim Qualitätsniveau erreichten. Den Rost hatten sie im Griff, spinnende Elektronik und Rotstiftmentalität ließen noch auf sich warten.

Volvo 940 im Gebrauchtwagen-Test

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Der Schwede macht deutlich, wie wenig man eigentlich braucht

Nicht ganz logisch: Der Warnblinker sitzt auf der Lenksäule, der Türöffner im Griff und die Hupknöpfe außen - wo sie leicht aus Versehen gedrückt werden.

So einfach und hochwertig gemacht, stellt der alte Schwede heute viele moderne Errungenschaften infrage. Bei jeder Fahrt zeigt er, wie wenig man eigentlich braucht. Die tiefe Fensterlinie, die geraden Kanten und der Mini­-Wendekreis von 9,7 Metern lassen Rückfahrkamera und Einparkassistenten absurd erscheinen. Fenster und Dach kurbeln sich kinderleicht auf. Die Augen können auf der Straße ruhen, weil sie nicht von einem riesigen Monitor mit überflüssigen Informationen bombardiert werden. Der Arm lümmelt derweil auf der Fensterbank, die so breit ist, dass man geneigt sein könnte, Kakteen darauf abzustellen. Im Innenraum hätten die Designer ruhig über das Beil als Formgeber hinausgehen können. Zudem knatschen und quietschen die Kunststoffe bei Kälte. Aber alles hält. Und zwar ewig. Autos mit 800.000 Kilometern und mehr sind keine Seltenheit. Nur bei der legendären Volvo-­Sicherheit hapert es. Außer viel gut erhaltenem Blech gibt's nicht viel. ABS und Airbag waren zumindest gegen Aufpreis zu haben. Im Unterhalt kann so ein Youngtimer richtig günstig sein. Als Zweitwagen-­Klassiker winken Versicherungskosten unter 200 Euro, dazu kommen 176 Euro Steuern. Ein Schnäppchen, das mir heute sogar im Stand Spaß macht: Immer wenn ich den Volvo unter meinem Carport sehe, freue ich mich. Über meine neue alte Liebe.

Was beim AUTO BILD-Testwagen aufgefallen ist, und auf welche Mängel Käufer beim Volvo 940 achten sollten, erfahren Sie in der Bildergalerie. Den vollständigen Artikel mit allen Daten und Tabellen gibt es im Online-Artikelarchiv als PDF-Download.
Technische Daten: Volvo 940 GL (Bj. 1991)
Motor Vierzylinder/vorn längs
Ventile/Nockenwellen 2 pro Zylinder/1
Hubraum 2316 cm³
Leistung 97 kW (131 PS) bei 5500/min
Drehmoment 185 Nm bei 2950/min
Höchstgeschwindigkeit 190 km/h
0–100 km/h 11,2 s
Tank/Kraftstoff 75 l/Super
Getriebe/Antrieb Fünfgang manuell/Hinterrad
L/B/H 4871/1750/1425 mm
Kofferraumvolumen 471 l
Leergewicht/Zuladung 1360/505 kg
Autor:

Malte Büttner

Fazit

Es gibt wenige Autos mit so einer Langzeitqualität. Die Rostprobleme sind minimal, die Technik ist kaum zerstörbar. Doch das Alter bleibt: Bei Sicherheit und Fahrverhalten verlangt der 940 Zugeständnisse. Wer damit lebt, fährt einen günstigen Klassiker.

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