Bilder: Volvo Kreuzungs-Assistent im Test

Volvo Kreuzungs-Assistent im Test

— 29.03.2012

Schutzengel beim Abbiegen

Volvo entwickelt den Kreuzungs-Assistenten. Er bremst automatisch, wenn der Fahrer einen Fehler macht. Das Ziel: unfallfreies Fahren. 2020 soll kein Mensch im Volvo sterben. AUTO BILD hat das System getestet.

Das Unheil lauert mitten auf der Kreuzung: Als der SUV, der auf der Abbiegespur vor uns gewartet hat, endlich nach links wegzieht, zuckt kurz mein Gasfuß. Hinterher! In diesem Moment kommt der Gegenverkehr, schießt mit Tempo 60 heran – doch der Test-Volvo bremst scharf und steht. Ganz schön knapp! Den Crash verhinderte nur der neue Kreuzungsassistent, den die Schweden derzeit entwickeln. Offiziell spricht Volvo vom "Forschungsprojekt zur Vermeidung von Kreuzungsunfällen", das Erik Coelingh leitet. "Wir wollen, dass im Jahr 2020 kein Verkehrsteilnehmer im Volvo stirbt."

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Das rote Gummiboot symbolisiert einen potentiellen Unfallgegner. In den meisten Fällen erkennt ihn der Volvo problemlos.

Ein hohes Ziel, denn derzeit sterben in Europa jährlich 40.000 Menschen im Verkehr. Als neuralgischer Unfallschwerpunkt gelten Kreuzungen. Wo Fahrer abbiegen, einbiegen oder andere Verkehrsteilnehmer übersehen, will Volvo einen neuen elektronischen Schutzengel einführen: Der "Kreuzungsassistent" soll immer dann seine schützende Hand dazwischen halten, wenn der Mensch einen Fehler macht – dann bremst der Engel das Auto selbständig bis zum Stillstand. Ähnliche Projekte laufen bei Mercedes oder Continental, überall stehen die Entwickler vor dem gleichen Knackpunkt: "Die Elektronik muss blitzschnell erkennen, ob ein Crash droht oder nicht", erklärt Erik Coelingh.

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Die komplexe Technik ist im Kofferraum des Test-Volvo untergebracht. Statt Sensoren nutzen die Ingenieure momentan noch GPS-Daten.

Einmal falsch gebremst, und das Vertrauen des Fahrers ist hin. Vielleicht rauscht hinten sogar jemand rein, nur weil der Kreuzungsassi unnötig stoppt. Deshalb muss das Hirn des Schutzengels mit allen möglichen Szenarien auf einer Kreuzung gefüttert werden. Gefährlich oder nicht? Endlose Puzzle-Arbeit für Programmierer. Auf dem Testgelände führt Erik Coelinghs Team seinen Forschungs-Stand vor. Als Gegner-Fahrzeug rauscht kein Blech-Auto heran, sondern ein Schlitten mit einem roten, aufgeblasenen Gummi-Boot darauf – um Blechschäden zu vermeiden. Ein sicheres Anzeichen dafür, dass der neue Schutzengel noch in die Lehre geht.

Erste Szene: Beim Abbiegen auf eine Hauptstraße wird der Querverkehr übersehen. Der Volvo V70 mit dem Kreuzungs-Assistenten erkennt das heranschießende Gummiboot zuverlässig, der Kombi geht in die Eisen. Crash vermieden. Bei der zweiten Übung soll der Schutzengel ein überholendes Auto erkennen, das außerhalb des toten Winkels fährt. Auch das klappt, in den meisten Situationen jedenfalls. Einmal touchieren wir das rote Boot, die Entwickler gucken sich fragend an. Hat der Assistent versagt? Oder fuhren die Autos außerhalb des eingespeisten Sektors?

Das Volvo-System steckt noch in den Kinderschuhen

Man muss wissen: Der Schutzengel arbeitet noch ohne Sensoren, hat also keinen Rundumblick. Um die Entwicklung zu vereinfachen, nutzen die Ingenieure noch GPS-Daten. Eine Vorstufe vom Ernstfall. Manchmal klingt es, als leiste Erik Coelingh endlose Sisyphus-Arbeit: immer wieder rechnen, rechnen, rechnen. "Der Kreuzungsassistent steckt noch im Frühstadium. Aber die Crash-Vorhersage ist auch die Königsdisziplin", so der Volvo-Techniker. "Wenn wir dies beherrschen, können wir alles andere wie Sensoren oder mehr Einsatzgebiete dazupacken."

Volvo-Techniker Coelingh (links): "Die Crash-Vorhersage ist die Königsdisziplin."

Wann ist es soweit? "Nicht vor 2015." Die Schweden wollen ihr Image als Sicherheits-Experten weiter pflegen, nachdem sie schon beim Totwinkelwarner (eingeführt 2004), Müdigkeitswarner (2007) und der Fußgänger-Erkennung (2010) vor der Konkurrenz lagen. Spendieren die neuen Volvo-Besitzer in China genügend Mittel für die Forschung? "Aber sicher!" Am Ende des Tages hat unser V70 ein paar rote Streifen vom roten Gummiboot abbekommen. Der Weg zum unfallfreien Fahren ist noch lang. Mercedes will 2013 mit 6D-Vision kommen: Dieser Schutzengel kann jedoch nur einen eingeschränkten Sektor nach vorne überwachen.

Autor: Joachim Staat

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