Volvo Radiobil X-Rod

Volvo Radiobil X-Rod Volvo Radiobil X-Rod

Volvo Radiobil X-Rod

— 24.10.2005

Die Wildsau

"Sugga" – Sau, so hieß Volvos Militär-Allradler früher im Volksmund. Ein Oberpfälzer Veredler hat einen schnellen 4x4-Hotrod daraus gemacht.

Auffällig wie ein rosa Pudel



Beim Druck auf den Startknopf dieselt's erst kernig, dann braust es turbinenartig wie beim Hightech-Großtraktor. Liebe Originalitäts-Fanatiker – Ihr müßt hier nicht weiterlesen! Was der Pilsacher Umbau-Spezialist GOS4x4 aus dem legendär trägen Militärfunkwagen Volvo TP 21 Radiobil gemacht hat, ist eine Art Hotrod – formal ein Auto der 40er Jahre, aber mit den Fahrleistungen von heute. Trotz seiner grauen Farbe (von Audi) ist die Rennsau auffällig wie ein rosa Pudel, schließlich ist bereits der Original-Volvo bei uns so selten, daß ihn selbst Oldtimer-Interessierte oft nicht einordnen können.

Ein Blick zurück: Das Volvo Radiobil, das war der Vorgänger des bekannteren Lappländer. Das schwedische Militär brauchte einen Funkwagen für den Feldeinsatz und orderte 700 Exemplare. Volvo griff tief ins Teileregal und baute aus Vorhandenem ein recht eigenartiges Gefährt zusammen: Vorne eine Lkw-Silhouette, der Rahmen entstammte ebenfalls einem leichten Nutzfahrzeug, die Karosse war dem Volvo-Taxi der 40er Jahre entlehnt – was den üppigen Platz im Fond erklärt. Der runde Rücken aus der Buckel-Volvo-Ära erinnert tatsächlich an ein Borstentier.

Dabei hatten die Schweden die vorderen Kotflügel so kräftig ausgeführt, daß eine halbe Kompanie darauf mitreisen konnte. "Den Kotflügel haben wir nach Modifikation und Lackierung mit dem Kran ans Auto hieven müssen", erinnert sich Frank Donauer von GOS4x4. "Bei 2,8 Millimeter Wandstärke ist das Teil zu schwer, um es von Hand ruhig halten zu können."

Allrad-Monster mit Turbodiesel



Zufrieden waren die skandinavischen Militärs nie mit dem schweren Geländegänger, trotz aller Robustheit. Zwar klingen die Werte des Original-Volvo nicht alle schlecht: Gußeisen-Reihenbenziner mit sechs Zylindern und 90 PS aus 3,6 Liter Hubraum. Das Mißverhältnis von nur 216 Newtonmeter Drehmoment bei 2,7 Tonnen Leergewicht spricht eine andere Sprache: Das Auto war – freundlich ausgedrückt – eher etwas für gemütliche Naturen.

In 2000 Arbeitsstunden hat die Oberpfälzer Edelwerkstatt ein rostiges Radiobil zugleich restauriert und getunt. Heraus kam ein Allrad-Monster mit Turbodiesel und doppelt soviel Hubraum wie in der Serienversion: Der 7,3-Liter-V8-Diesel stammt aus einem Ford Excursion und bringt 340 PS und gigantische 1120 Nm dank Modifikationen an Steuerelektronik, Turbo, Ladedruckregler und Einspritzdüsen. "Wir haben ihn sowohl konventionell als auch elektronisch getunt", sagt Chefmechaniker Uwe Gruber. Der im Originalzustand überschaubare Motorraum bietet jetzt das verwirrende Bild moderner Aggregate.

Ein tiefer Griff in fremde Teileregale erfolgte auch an anderer Stelle: Die Achsen sind vom Chevy K30 Pickup, die Servolenkung vom Mercedes-Benz G, die Rückleuchten von Land Rover, der Kabelbaum wieder vom Ford Excursion. Das Bemerkenswerte am "X-Rod" getauften Retro-Ungetüm ist, daß das Ergebnis nicht wie eine wilde Bastelarbeit daherkommt, sondern sauber bis perfektionistisch ins Werk gesetzt wurde. Der Volvo ist auch auf übel ondulierter Piste absolut klapperfrei.

Alcantara-bezogene Recaro-Sitze



Umwerfend ist auch der optische Effekt: Die Unimog-Bereifung (Dimension 335/80R20) schafft 40 Zentimeter Bodenfreiheit unter dem hinteren Differential und läßt das Auto irrwitzig hoch erscheinen. Die Passanten bleiben stehen.

Wer Oldtimer liebt, muß sich in der Regel mit orthopädisch zweifelhaftem Gestühl abplagen. Nicht so im X-Rod: Alcantara-bezogene Ledersitze von Recaro schmeicheln dem Rücken ebenso wie die erstaunlich komfortabel arbeitende Blattfederung, die vom hohen Gewicht des Autos profitiert. "Wir bauen Autos für Kunden, die die Optik von damals schätzen, den Komfort und die Fahrleistungen heutiger Fahrzeuge aber auch", sagt Donauer über die Firmen-Philosophie.

"Wir haben auch schon einen Pagoden-SL auf heutigen Standard gebracht oder einen Hummer H1 mit alltagstauglicher Mercedes-Benz-Technik versehen." Ein Kunde habe neulich einen Volvo 240 GL mit Corvette-Motor gewollt. Donauer: "Durchaus machbar – weshalb nicht?"

Alles ist schraubbar, nicht geschweißt



Wartungsfreundlichkeit stand ebenfalls im Lastenheft. "Mit einem 13er-Schlüssel kommen Sie durchs ganze Auto. Alles ist schraubbar, nicht geschweißt. Wir wollten etwas bauen, das der Besitzer seinen Enkeln vermachen kann."

Daß hier jemand seine Schrullen genüßlich auslebt, zeigt der Verzicht auf einen CD-Player – ein Cassettenradio mußte es sein, denn der Kunde liebt weder Elektronik im allgemeinen noch dreifach belegte Knöpfe im besonderen. Eine elektrische Handbremse der Neuzeit durfte es hingegen sein. Und so treibt Donauer die eigensinnige Wildsau bis zur Abholung durchs Dorf, beim Gaswegnehmen fröhlich mit dem Turbo nachpfeifend.

Technische Daten Volvo Radiobil X-Rod • V8 Turbodiesel, vorne längs • Ladeluftkühler • 2 Ventile je Zylinder • Hubraum 7289 cm³ • Leistung 250 kW (340 PS) bei 3250/min • max. Drehmoment 1120 Nm bei 2150/min • Hinterradantrieb, Vorderradantrieb zuschaltbar • 4-Stufen-Automatik mit Untersetzung • Starrachsen an Blattfedern v./h. • 100%-Achssperre hinten • Reifen 335/80 R 20 v./h. • Länge/Breite/Höhe 480/1950/2240 mm • Radstand 2740 mm • Leergewicht 2880 kg • Kofferraumvolumen 370l • Tankinhalt 150l • Zuladung 619 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in 9,5 s • Höchstgeschwindigkeit 183 km/h • Umbauaufwand ca. 2000 Stunden

Autor: Rolf Klein

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