Großer Preis von China 2005

GP Shanghai 2005 – Ende der Champagnerlaune

Vor dem GP von China 2005

— 14.10.2005

Ende der Champagner-Laune

Weil Michael Schumacher chancenlos ist, interessiert das F1-Rennen in Schanghai die Chinesen in diesem Jahr kaum noch.

Begeisterung im Vorjahr nur ein Strohfeuer

Auf den riesigen, mit Helium gefüllten Ballonflaschen, die Scharen tanzender Kinder bei ihrer Probe über den Schanghaier Parcours juchzend hinter sich herzogen, war eine Skizze der 5,45 Kilometer langen Rennstrecke von Jiading zu erkennen. Darunter stand das Wort Champagner. Allein: Die Luft ist raus aus dem Saisonfinale der Formel 1. Schließlich steht der Weltmeister in Fernando Alonso seit zwei Rennen fest. Von Champagnerlaune ist in der Wirtschaftsmetropole vor dem zweiten China-Grand-Prix erst recht nichts zu spüren.

Kaum jemand außerhalb der Formel-1-Anlage nimmt dieses Jahr überhaupt Notiz von der Vollgaskarawane. Nur zwei der über 40 Automagazine und zahlreichen Sport- und Szenezeitungen Chinas haben die Formel 1 auf dem Titel. Die aufmerksamkeitsverwöhnte Serie wird zum Regionalereignis herabgestuft.

Die Begeisterung zu Schanghais Grand-Prix-Premiere 2004, als ein Besuch der Formel 1 absolutes Muß für die chinesische Schickeria war, entpuppt sich nun als Strohfeuer. "Deja-vu" heißt es im schnellebigen Schanghai, dessen Gier nach allem Neuen sprichwörtlich ist. "Ich kenne hier in Schanghai keinen Chinesen unter meinen Geschäftsfreunden, der dieses Jahr noch mal da hingehen möchte", sagt der deutsche Consulter Ulrich Schade, der seit drei Jahren in Schanghai lebt.

Zwei andere athletische Großereignisse erregen größeres Interesse. Gegen die Dauerlivesendungen aus dem All von Chinas Raumschiff Shenzhou VI können auch die schnellsten Boliden nicht anfahren. Und wo noch Sendezeit bleibt, schaut das Land ihren "Mini-Olympischen-Spielen" zu. Die nationalen Wettkämpfe gelten als Testlauf für die Sommerspiele 2008, Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, kam zur Eröffnung.

Teuerste Rennstrecke der Welt – ein Flop?

Rogge wird vor seiner Heimfahrt einen Abstecher zur Formel 1 machen, die aber sonst ihr überdimensioniertes Platzangebot von 200.000 Zuschauern schwer an den Mann bringt. Selbst geplante Showeinlagen mit Schauspieler Jackie Chan helfen wenig. "China Daily" beklagt den äußerst zähen Kartenverkauf auf Seite eins: "Es ist niemals so gut wie beim ersten Mal." Und F1-Marketingdirektor Zhou jammert: "Dieses Jahr scheint das Interesse verdampft zu sein."

Wahrscheinlich paßt der elitäre PS-Zirkel noch nicht recht zu einer Nation, die gerade erst die Motorisierung entdeckt hat. Dazu kommt, daß Michael Schumacher, der einzig populäre ausländische Fahrer, und sein Ferrari diese Saison schon aus dem Rennen sind. Als die italienische Nobelschmiede gestern nachmittag seinen ersten Souvenirshop im Stadtteil Xintiandi mit Stargast Schumacher eröffnete, zeigten die Schanghaier, wem ihr Herz gehört: Tausende Fans umjubelten den Rekordweltmeister.

Ferrari hat einen Namen in China. Bis Ende 2004 verkaufte die Luxusmarke 140 Wagen in China und Hongkong, dieses Jahr kommen 90 weitere dazu. Die modernste Rennstrecke der Welt dagegen droht zu floppen. Die Stadtchefs investierten zunächst 265 Millionen Euro in die gigantische Anlage aus Plexiglas und Stahl. Für die zweite Bauphase bis 2007 mit U- und S-Bahnanbindung, Hubschrauberlandeplatz, Kartbahnen und Massenparkplätzen müssen sie nochmals 280 Millionen Euro versenken. Sie haben sich das teuerste Formel-1-Rennen der Welt geleistet

Im Vorjahr wurden Besucher nach dem Rennen für jeweils fünf Euro in Audi-Modellen auf der Strecke kutschiert, doch mit derlei aus der Verzweiflung geborenen Geschäftsideen kommt das Geld auch nicht wieder rein. Aus finanzieller Not ist im Gegensatz zu 2004 klammheimlich der Widerstand gegen jegliche Tabakwerbung gefallen. Die erste, besonders schwierige Kurve wurde in Honghe-Kurve umbenannt – nach Chinas größtem Zigarettenhersteller.

Autor: Johnny Erling

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