Diesel von VW/Audi: Manipulierte Abgastests in den USA

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel

VW Abgasskandal: Aktuelle News, Klagen und Urteile

— 22.01.2018

Alle Infos zum Abgasskandal

Audi muss rund 130.000 Autos mit V6-TDI-Motoren zurückrufen und umrüsten. News und Infos zum VW-Abgasskandal: Hintergründe, Urteile, Rückrufe, Folgen.

Vom Dieselskandal betroffene VW-Kunden haben nach der Benachrichtigung 18 Monate Zeit zur Umrüstung.

(dpa/Reuters/mas/brü/cj/lhp/mbo) Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat für rund 130.000 V6-Dieselfahrzeuge von Audi einen Zwangsrückruf verhängt. Audi sei darüber informiert worden, dass die Behörde in den Modellen A4, A5, A6, A7, A8, Q5, SQ5 und Q7 mit der Abgasnorm 6 "unzulässige Abschaltvorrichtungen" festgestellt habe, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums am 21. Januar 2018 in Berlin. Zuvor hatte die BILD am SONNTAG (BILD+, kostenpflichtig) darüber berichtet. Bei Audi hieß es, man untersuche seit Monaten mit Hochdruck alle Diesel-Konzepte auf etwaige Unregelmäßigkeiten und Nachrüstungspotenziale. Dabei arbeite der Konzern eng mit den zuständigen Behörden zusammen. Im Zuge dieser Überprüfung und Auswertung habe das KBA nun auch Bescheide für Audi-Modelle mit V6-TDI-Motoren erlassen. Daher müssten Teile der Software einzelner Typen umgerüstet werden. Die Software der Motorsteuerung für die betreffenden Fahrzeuge werde überarbeitet, getestet und dem KBA zur Prüfung und Genehmigung vorgelegt. "Sobald die Software freigegeben ist, werden die betroffenen Kunden benachrichtigt", hieß es von Audi.

Chronologie des VW-Abgasskandals

21. Januar 2018: Audi muss 130.000 Autos mit V6-TDI-Motoren umrüsten. Das Kraftfahrt-Bundesamt hat verpflichtende Rückrufe von Fahrzeugen der Typen A4, A5, A6, A7, A8, Q5, SQ5 und Q7 mit der Abgasnorm 6 angeordnet. Es geht einmal mehr um umzulässige Abschaltvorrichtungen.

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Überblick: Was Sie über den Abgasskandal wissen sollten

Am 18. September 2015 wurde der Abgasskandal öffentlich. An diesem Tag teilten die US-Umweltbehörden mit, dass bei Dieselautos von Volkswagen eine Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung gefunden wurde. Zwei Tage später gab der Konzern die Manipulation zu. Es ist der Anfang eines bis dato nie dagewesenen Skandals, der bis heute Kreise zieht. Die endgültigen Folgen sind immer noch nicht absehbar, bislang kostete die Manipulation VW allein in den USA mehr als 17 Mrd. Euro. Hier ein Überblick über den Stand der Dinge und die wichtigsten Baustellen:

Die Rückrufaktion – Fragen zur Umrüstung

Neue Rückrufe für VW Touareg und Audi A8: Wegen unzulässiger Abgastechnik ordnete das KBA am 8. Dezember 2017 einen weiteren Rückruf an, und zwar von der Kernmarke VW. Weltweit müssen 57.600 Touareg – davon 25.800 in Deutschland – mit Dreiliter-Motor und Euro 6 der Baujahre 2014 bis 2017 in der Werkstatt ein neues Softwarepaket bekommen. Bei ihnen wurden eine nur auf dem Prüfstand  tätige "schadstoffmindernde Aufwärmstrategie" sowie eine unzulässige Einschränkung der Harnstofflösung AdBlue bei Fahrzeugen mit SCR-Abgaskatalysator festgestellt.

Diesel-Kauf: Pro und Kontra

Bei Audi kochte bereits am 2. November 2017 der Dieselskandal wieder hoch. Die VW-Tochter kündigte da den europaweiten Rückruf von 4997 Audi A8 (Bautyp D4) mit 4,2-Liter-V8-Dieselmotor an, um ein Software-Update zu installieren. 3660 davon fahren auf deutschen Straßen. "Die Software wird nach einer ausführlichen Wintererprobung voraussichtlich im ersten Quartal 2018 zur Verfügung stehen und nach entsprechender Genehmigung und in enger Abstimmung mit den Behörden anschließend zügig umgesetzt", heißt es in einer Mitteilung. Bei technischen Überprüfungen dieser Fahrzeuge mit Euro-6-Abgasnorm seien überhöhte Stickoxid-Werte festgestellt worden, sagte ein Sprecher. Der Sachverhalt sei dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) gemeldet worden, das die Software als unzulässige Abschalteinrichtung einstufe. Die nun zurückgerufenen A8-Modelle mit 4,2-Liter-Motor wurden laut Audi zwischen September 2013 und August 2017 produziert, also teilweise fast zwei Jahre nach Bekanntwerden des VW-Skandals im September 2015. Seitdem werde dieses Modell nicht mehr hergestellt. Audi überprüft seit Ende vergangenen Jahres systematisch alle Dieselmotor-Getriebekombinationen.

Im Juni 2017 musste der Hersteller bereits 24.000 Audi A7 und A8 mit V6- und V8-Dieselmotoren nach Abgasnorm Euro 5 der Baujahre 2009 bis 2013 zurückrufen, davon 14.000 in Deutschland. Laut Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hätten diese eine sogenannte Lenkerkennung, die wahrnehme, wenn das Fahrzeug im Prüfstand stehe. Bis dahin war Audi in Deutschland keine illegale Abschalteinrichtung nachgewiesen worden.

Stand des Rückrufs: In Deutschland gibt es rund 2,5 Millionen Autofahrer mit einem manipulierten Diesel des Konzerns, betroffen sind Fahrzeuge von VW, Audi, Seat, Skoda und Porsche (weitere Infos dazu hier: Was VW-Fahrer wissen müssen). Mittlerweile (Stand Januar 2018) hat Volkswagen mehr als zwei Millionen der Fahrzeuge nachgerüstet. Seit Mitte Mai 2017 hat der Konzern EU-weit alle Genehmigungen der zuständigen Regulierungsbehörden zur Umrüstung der Motoren vom Typ EA189 zusammen. Insgesamt sollen vier Millionen Diesel in Deutschland, also 1,5 Millionen mehr als vom Skandal offiziell betroffen, mit besserer Abgastechnik ausgestattet werden. Zudem hat die VW-Tochter Audi die Umrüstung von bis zu 850.000 Fahrzeugen angekündigt.

Was ist mit noch nicht nachgerüsteten Autos?

Rund 200.000 vom Dieselskandal betroffenen Besitzern von Volkswagen-Autos drohen 2018 massive Probleme – schlimmstenfalls sogar die Stilllegung ihres Fahrzeugs. Wer sein Fahrzeug nicht innerhalb von 18 Monaten nachrüsten lässt, bekommt keine neue HU-Plakette. Betroffen ist bereits der VW Amarok, ab Februar 2018 kommen unter anderem VW Golf, VW Tiguan, VW Passat und Audi A4 hinzu. Einige Autofahrer weigern sich, das verbindliche Software-Update vornehmen zu lassen, weil sie Nachteile für ihren Motor fürchten. Bei wenigen Amarok-Fahrzeugen ordneten Behörden bereits Stilllegungen an, gegen die sich die Besitzer jedoch teilweise erfolgreich juristisch zur Wehr setzten.

EU-Kommissarin Jourova nannte das Zugeständnis von VW eine "De-Facto-Extragarantie" für Bauteile.

Begrenzte Gewährleistung für zwei Jahre: Volkswagen will mögliche Defekte im Zusammenhang mit der Umrüstung von manipulierten Dieselautos zwei Jahre lang kostenlos beheben. Es seien zwar bislang keine Probleme bekannt, sagte ein VW-Sprecher Mitte Juni 2017, sie würden aber im Falle des Falles geprüft. VW versprach dafür "kunden-individuelle Lösungen". Die Lösung gelte auch für Kunden, die ihr Auto bereits umgerüstet haben, bis zu zwei Jahre nach dem Software-Update. Die Zugeständnisse von VW sind das Ergebnis von Verhandlungen mit der EU-Kommission. Mit einer Entschädigung durch den Autokonzern dürfen Kunden allerdings weiterhin nicht rechnen.

Alle neuen VW bis 2022


VW-Kunden bei Update unter Druck / fehlende Gewährleistung oder Garantie: VW setzt nach Recherchen von AUTO BILD Fahrer manipulierter Diesel beim Software-Update unter Druck. So klagen Kunden über Maßnahmen gegen ihren Willen, verweigerte Reparaturen und Meldungen an das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Mutmaßlicher Zweck dieses Vorgehens: Wer das Update aufspielen lässt, hat kaum noch Chancen, seine Gewährleistungsansprüche gegenüber dem Verkäufer geltend zu machen. Unterdessen gehen Zulassungsbehörden auf Veranlassung des KBA immer häufiger gegen Umrüstungsverweigerer vor. Nach Mitte Dezember veröffentlichten Recherchen von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR wurden bereits etwa 90 Fahrzeughalter aufgefordert, ihre Fahrzeuge binnen vier Wochen nachrüsten zu lassen, andernfalls würden die Autos stillgelegt. Zehn Stilllegungsverfügungen seien bereits erlassen worden, vor allem von VW Amarok, bei denen als erstes die Umrüstungsfrist von 18 Monaten abgelaufen war. Außerdem seien für bestimmte Varianten des Audi A4 mit Zweiliter-Dieselmotor erste Aufforderungen verschickt worden, heißt es.

Verstärkte Rußbildung nach Diesel-Update? Die Bedenken sind offenbar nicht ganz unbegründet: Nach dem Rückruf manipulierter Fahrzeuge im Zuge des Abgasskandals gibt es Hinweise, dass bei bereits umgerüsteten Autos aus dem VW-Konzern die Abgasrückführung schneller verschleißen könnte. Nach Informationen von AUTO BILD kann es zu Verkrustungen in einem Ventil der Abgasrückführung kommen, weil durch das Update der Rußpartikelausstoß erhöht wird. Als mögliche Folge schalten Motoren ins Notlaufprogramm oder lassen sich nicht mehr starten. VW spricht von Einzelfällen, doch der Düsseldorfer Rechtsanwalt Tobias Ulbrich hat Kenntnis von mehr als 50 Mandanten allein in seiner Kanzlei, bei deren Autos Teile des Abgasrückführungs-Systems unmittelbar oder kurz nach dem Update ausgefallen seien. In den meisten Fällen habe sich VW kulant verhalten und die Kosten für den Tausch des Abgasrückführungsventils übernommen, so Ulbrich. Auf Nachfrage von AUTO BILD beteuert VW, das Update habe "keinen negativen Einfluss auf die Funktion und Wirkungsweise des Abgasrückführungs-Systems".

Der aktuelle Ermittlungsstand

Was wir wissen: Bis heute ist die Verantwortung für den Betrug ungeklärt, ebenso, wann genau Top-Manager im VW-Konzern von den Manipulationen wussten. Kam die Anweisung von ganz oben? Oder trafen eine Handvoll Ingenieure auf mittlerer Ebene diese folgenschwere Entscheidung, ohne die Führungsebene zu informieren? So stellt es VW dar. Oder wusste der Vorstand schon viel früher vom Betrug, als er zugeben will? Laut "Spiegel" habe Ex-VW-Patriarch Ferdinand Piëch eben dies gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig ausgesagt: dass er den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn bereits im Februar 2015 auf einen Hinweis auf Probleme in den USA bezüglich manipulierter Abgaswerte angesprochen habe. Ein Ingenieur soll bereits 2007 einem größeren Kreis von Audi-Managern in einer E-Mail geschrieben haben, dass man es "ganz ohne Bescheißen" nicht schaffen werde, die US-Grenzwerte beim Schadstoffausstoß von Dieselwagen einzuhalten. Unklar ist auch noch, ob VW die Aktionäre rechtzeitig informiert hat.

Software offenbar bei Audi entwickelt: Die Anfänge des Abgasskandals gehen auf die Konzerntochter Audi zurück, recherchierte das "Handelsblatt". Bereits 1999 hätten Motorenentwickler bei den Ingolstädtern Optionen erarbeitet, wie man den schärferen Grenzwerten begegnen könne. Geplant wurde dem Bericht zufolge auch der Einsatz einer illegalen Abschalteinrichtung. Zum Einsatz sei es bei Audi aber nicht gekommen. Erst 2005 sei die Software bei VW beim Dieselmotor EA 189 installiert worden, von da an wurde sie nach bisherigem Erkenntnisstand diverse Mal upgedatet.

Vorwürfe gegen Porsche: Ende Juli 2017 wurde für 22.000 Porsche Cayenne 3.0 TDI mit V6-Motor nach Euro 6 ein verpflichtender Rückruf sowie ein Zulassungsstopp angeordnet. Porsche gibt an, die dafür verantwortliche Betrugssoftware selbst dem KBA gemeldet zu haben, Verkehrsminister Dobrindt widersprach der Darstellung. Bereits im Februar hatte der "Spiegel" berichtet, dass ein vom TÜV Nord getesteter Porsche Cayenne 3,0 Liter V6 TDI mit einer Technik ausgestattet war, die dafür sorge, dass der Geländewagen auf dem Prüfstand die Grenzwerte einhalte, im Straßenverkehr jedoch deutlich mehr Stickoxide ausstoße als gesetzlich zulässig. Eine Getriebesteuerung erkenne mithilfe von Sensoren, ob sich das Fahrzeug auf dem Prüfstand oder auf der Straße befinde und sorge dafür, dass der Wagen mal die Grenzwerte einhalte und mal nicht. Porsche hatte damals noch auf "Spiegel"-Anfrage erklärt, der beim TÜV-Nord durchgeführte Test sei "nicht plausibel nachvollziehbar". Das Unternehmen bestätigte die Existenz zweier Schaltprogramme beim Cayenne V6 TDI. Bei umgehend vorgenommenen "eigenen Messungen an vergleichbaren Fahrzeugen" seien "die gesetzlich geforderten Stickoxidgrenzwerte in beiden Schaltprogrammen erfüllt" worden.

KBA soll Berichte geschönt haben: Das Kraftfahrt-Bundesamt wusste einem BILD-Bericht zufolgeschon seit Längerem von Abgasmanipulationen bei Porsche und schönte auf Betreiben der Autoindustrie den Untersuchungsberichte zum Abgas-Skandal. Das zeige die Korrespondenz zwischen KBA und Herstellern, die der Zeitung in Auszügen vorliege. So habe die dem Bundesverkehrsministerium zugeordnete Behörde schon 2016 festgestellt, dass Porsche mit Abschalteinrichtungen für Diesel-Motoren arbeite. Das frühzeitige Herunterfahren der Abgasreinigungsraten (AGR) beim Porsche Macan sei "nach Vorschrift als Abschalteinrichtung zu sehen", zitierte das Blatt aus der Ursprungsversion eines Prüfberichtes. Im Endbericht habe es dann aber nur noch geheißen: "Dies kann nach Vorschrift als eine Veränderung des Emissionsverhaltens des Abgassystems gesehen werden."

Geheimniskrämerei um eigene Ermittlungen: Volkswagen wird entgegen früherer Ankündigungen keinen ausführlichen Bericht zu den Ermittlungsergebnissen der Anwaltskanzlei Jones Day im Diesel-Abgasskandal veröffentlichen. Das teilte der Hersteller am 10. Mai 2017 mit. Die renommierte Kanzlei hatte seit 2015 ganze Berge von Dokumenten gesichtet und ausgewertet. VW  begründete die Entscheidung mit rechtlichen Risiken. Das Unternehmen stehe in der Verpflichtung, sich "nicht in Widerspruch zu den im 'Statement of Facts' (Sammlung in Zusammenarbeit mit dem US-Justizministerium; d. Red.) angegebenen Fakten" zu äußern.

Chronologie des VW-Abgasskandals

21. Januar 2018: Audi muss 130.000 Autos mit V6-TDI-Motoren umrüsten. Das Kraftfahrt-Bundesamt hat verpflichtende Rückrufe von Fahrzeugen der Typen A4, A5, A6, A7, A8, Q5, SQ5 und Q7 mit der Abgasnorm 6 angeordnet. Es geht einmal mehr um umzulässige Abschaltvorrichtungen.

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Das passiert in den USA

Die USA, wo strengere Abgas-Grenzwerte gelten als in Europa, spielen nach wie vor eine zentrale Rolle im Dieselskandal. Dort wurde die Manipulationssoftware erstmals eingesetzt, dort wurde der Betrug durch die Umweltbehörde EPA im September 2015 aufgedeckt und dort drohen auch die empfindlichsten Strafen.

Juristische Klärung abgeschlossen: Die rechtliche Aufarbeitung des Dieselskandals in den USA ist so gut wie abgeschlossen, für rund 80.000 Dieselwagen mit illegaler Abgastechnik gibt es ein Entschädigungspaket. VW nimmt dabei weitere 1,2 Milliarden Dollar (1,1 Mrd. Euro) für Autos mit 3,0-Liter-Motoren in die Hand. Insgesamt hat VW für Strafen und Entschädigungen in den USA 25,1 Milliarden Euro an Kosten verbucht, nachdem sich der Rückkauf und die Nachrüstung der 2,0-Liter-Fahrzeuge als schwieriger als erwartet entpuppten.

Klage gegen Bosch: In den USA wird auch der Zulieferer beschuldigt, VW mit Software zur Abgas-Manipulation versorgt zu haben. Bosch hat eine Zahlung von 327,5 Millionen US-Dollar zur Beilegung des US-Rechtsstreits akzeptiert

Das Rückkauf- und Entschädigungsprogramm: Anders als in Europa zahlt VW den betroffenen Kunden hohe Entschädigungen und kauft manipulierte Diesel zurück – Forderungen, deutschen Kunden ähnliche Zugeständnisse zu machen, weist der Konzern mit der Begründung zurück, dies würde den finanziellen Ruin bedeuten. VW zahlt US-Kunden Prämien zwischen 5100 und 10.000 Dollar. Insgesamt geht es um rund 475.000 Dieselautos mit Zwei-Liter-Motoren, bei weiteren etwa 80.000 größeren Modellen ist die richterliche Genehmigung des Vergleichs nahe.

Friedhof der Schummel-Diesel in Detroit: Wo bleiben die in den USA zurückgekauften Schummel-Diesel? Rund um den verlassenen Detroiter Silverdome, die 1975 eröffnete Arena war einst Bühne für einen Papstbesuch, erstreckt sich ein Meer aus mehreren Tausend Jetta, Passat und Golf der Serie "Clean Diesel TDI". Ausrangierte Wagen, die wegen illegaler Software zur Abgasmanipulation aus dem Verkehr gezogen und von US-Kunden zurückgekauft werden mussten. Spötter bezeichnen das Areal als "VW-Autofriedhof" oder als "wertvollsten Schrottplatz der Welt". Allerdings hat VW die Hoffnung nicht aufgegeben, die Diesel in einen legalen Zustand umzurüsten und als Gebrauchtwagen zu verkaufen. Dafür müssten aber die US-Umweltämter grünes Licht geben.

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel



VW-Manager Oliver Schmidt muss für sieben Jahre ins Gefängnis und 400.000 Dollar Geldstrafe zahlen.

Weiterer VW-Manager verurteilt: Die US-Justiz verurteilte Ende August 2017 den langjährigen Konzerningenieur James Robert Liang in Detroit zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und vier Monaten sowie einer Geldbuße von 200.000 Dollar (knapp 168.000 Euro). Damit fällte der Richter ein überraschend hartes Urteil, das deutlich über der Forderung des Staatsanwalts lag. Noch härter traf es den Anfang Januar 2017 vom FBI in Florida festgenommenen VW-Manager Oliver Schmidt. Er wurde am 6. Dezember 2017 ebenfalls in Detroit zur Höchststrafe von sieben Jahren Haft und einer Geldstrafe von 400.000 Dollar (340.000 Euro) verurteilt. Zudem wurde er von Volkswagen kurz vor Weihnachten entlassen, wogegen Schmidt jedoch arbeitsrechtlich vorgeht. Mehrere weitere Beschuldigte halten sich in Deutschland auf und müssen keine Auslieferung an die USA fürchten.

Entschädigungen und Klagen in Deutschland

Anders als in den USA gehen die deutschen VW-Kunden bislang leer aus. Entsprechende Forderungen wies der Konzern mit der Begründung zurück, dies würde den finanziellen Ruin bedeuten. Zudem seien die Rechtssysteme beider Länder unterschiedlich. Mitte September 2017 forderte auch der ADAC 5000 Euro pro betroffenes Fahrzeug als Entschädigung, zur Wiederherstellung von verloren gegangenem Kundenvertrauen.

Der Anwalt der US-Kanzlei Hausfeld, Christopher Rother (2.v.r.) präsentiert die Klagen von mehr als 15.000 VW-Kunden. Foto: dpa

15.000 Diesel-Fahrer klagen gemeinsam: Mehr als 15.000 Besitzer von manipulierten Diesel-VW reichten am 6. November 2017 beim Landgericht Braunschweig gemeinsam eine Klage gegen den Volkswagen-Konzern ein. Eine echte Sammelklage, wie sie in den USA möglich ist, ist das zwar nicht. Doch werden erstmals im deutschen Recht vergleichbare kapitalmarktrechtliche Klagen von Anlegern effektiv gebündelt. Ein solches Konstrukt ist in Deutschland eher ungewöhnlich. Das Gericht hat die Klage noch nicht zugelassen und prüft derzeit die Unterlagen. Gesammelt wurden die Klagen von der Internet-Plattform "myright". Diese verlangt von VW, den Kunden den Kaufpreis gegen Rückgabe der betreffenden Autos zu erstatten. Es geht um 357 Millionen Euro. 

Richter sagt Nein zu "Superdeal": Das Dresdner Landgericht wies Anfang November 2017 eine erste Klage im Zusammenhang mit dem VW-Abgasskandal ab. Demnach hat der 33 Jahre alte Kläger keinen Anspruch darauf, vom Händler einen Neuwagen für sein altes Diesel-Modell einzufordern. Zwar habe ein Käufer grundsätzlich die Wahl zwischen der Behebung von Mängeln und einer Neulieferung – nicht aber wenn letztere für den Händler unverhältnismäßig ist, urteilte das Landgericht Dresden am 8. November 2017.

Im konkreten Fall hatte der Mann 2011 einen Skoda-Diesel gekauft, der im Frühjahr 2012 ausgeliefert wurde. In fünfeinhalb Jahren fuhr der Besitzer gut 150.000 Kilometer mit dem Auto. Nach Bekanntwerden der Abgas-Manipulationen begehrte er vom Autohaus einen Neuwagen. Allerdings wurde der entsprechende Fahrzeugtyp damals schon nicht mehr produziert. Das vom Händler angebotene Software-Update lehnte der Mann ab. Richter Gilbert Häfner konnte sich bei seiner Urteilsbegründung eine ironische Bemerkung nicht verkneifen. Es wäre ja ein "Superdeal", wenn man ein fünfeinhalb Jahre altes Auto mit 150.000 Kilometern auf dem Tacho gegen einen Neuwagen einer neuen Modellklasse eintauschen könnte. Im Vergleich zu dem 100 bis 200 Euro teuren Software-Update seien die Kosten einer Neulieferung für den Händler aber unverhältnismäßig.

EU-Kommissarin kämpfte vergeblich für Kundenentschädigung: Auch die EU-Kommission konnte in monatelangen Verhandlungen den VW-Konzern nicht zu einer finanziellen Entschädigung europäischer Kunden bewegen. Volkswagen sagte lediglich eine zweijährige "De-Facto-Extragarantie" für von der Umrüstung betroffene Bauteile zu, sagte EU-Justizkommissarin Vera Jourova. VW sprach dagegen von einer "vertrauensbildenden Maßnahme".

Aktionärsklagen: Zahlreiche Anleger fordern Schadenersatz, weil sie nach Bekanntwerden von "Dieselgate" im September 2015 zunächst hohe Wertverluste bei Aktien und Anleihen hinnehmen mussten. Diese solle ihnen VW erstatten. Das Management hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen. Entsprechende Vorwürfe der Marktmanipulation haben auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf den Plan gerufen, sie ermittelt gegen unter anderem gegen VW-Konzernchef Matthias Müller, Vorgänger Martin Winterkorn sowie der Ex-VW-Finanzvorstand und heutige VW-Chefaufseher Hans Dieter Pötsch. Volkswagen ist der Überzeugung, alle Regeln eingehalten zu haben. Das Volumen der bisherigen Anlegerklagen geht bereits in die Milliarden. Am Landgericht Braunschweig soll hierzu ein Kapitalanleger-Musterverfahren laufen, in dem ähnliche Ansprüche aus inzwischen gut 1500 Einzelklagen stellvertretend gebündelt verhandelt werden können. Das Verfahren könnte sich über Jahre hinziehen.

Großkunde will zwölf Millionen Euro Schadenersatz: Auch ein Großkunde aus Deutschland reichte Klage gegen Volkswagen ein. Insgesamt 11,9 Millionen Euro Schadenersatz will der Fischverarbeiter Deutsche See von VW erstreiten, teilte ein Sprecher des Unternehmens mit. Das Unternehmen habe am Landgericht Braunschweig wegen arglistiger Täuschung Klage eingereicht. Bei der Deutschen See sind nach Unternehmensangaben etwa 500 Autos von den Abgasmanipulationen betroffen. "Wir sind tief enttäuscht über VW und fühlen uns hingehalten und betrogen", sagte Deutsche-See-Chef Egbert Miebach.

Schadenersatzklage in der Schweiz

Wegen des Abgasskandals bei VW reichte die Schweizer Verbraucherschutzorganisation SKS eine Schadenersatzklage ein. Rund 6000 Betroffene sollen entschädigt werden. Die Klage richte sich gegen den Volkswagen-Konzern und den Schweizer Automobilhändler Amag als Importeur. Die beim Verkauf als umweltfreundlich gepriesenen Autos seien von vornherein überteuert gewesen, findet die SKS. Zudem hätten sie wegen der Manipulationen der Abgasvorrichtungen auf dem Gebrauchtwagenmarkt an Wert verloren. Amag nahm die Klage nach eigenen Angaben mit Unverständnis zur Kenntnis. In der Schweiz seien mehr als 98 Prozent der VW-Modelle und 95,5 Prozent über alle Marken mit dem Dieselmotor vom Typ EA189 inzwischen mit einem Software-Update ausgestattet worden.

Die finanzielle Situation des VW-Konzerns

Trotz der Krise konnte VW im Jahr 2017 deutliche Gewinne verbuchen.

Gewinn trotz neuer Belastung: Obwohl der Abgasskandal den Konzern sowohl wegen des erlittenen Vertrauensverlustes und der Strafzahlungen in Milliardenhöhe teuer zu stehen gekommen ist, geht es ihm gut: Selbst die lange wenig profitable Kernmarke VW soll im Gesamtjahr 2017 etwa 2,5 bis 3,5 Prozent mehr Geld verdienen als geplant, teilte das Unternehmen am 30. Oktober 2017 in Wolfsburg mit. Allerdings vor Sondereinflüssen, denn zusätzliche Rückstellungen für Nachrüstung und Rückkauf manipulierter Diesel in Nordamerika belasten das Ergebnis im dritten Quartal mit rund 2,6 Milliarden Euro. Die Konzerntochter Audi steigerte ihr Betriebsergebnis – im Vorjahr von den Kosten des Dieselskandals noch fast halbiert – im dritten Quartal um 100 Prozent auf 1,261 Milliarden Euro. Das bedeutete eine Rendite von 8,9 Prozent. Der Umsatz verbesserte sich um zwei Prozent auf 14,1 Milliarden Euro.

Die Talfahrt der Aktie: Nach Bekanntwerden des Skandals stürzte die VW-Vorzugsaktie von etwa 170 auf zeitweise deutlich unter 100 Euro ab. Aktuell (Stand: 22. Januar 2018) steht sie bei 188 Euro, das ist deutlich mehr als vor dem Abgasskandal.

Diese Kosten muss VW wuppen: Weltweit laufen Prozesse gegen den Konzern, wieviel ihn der Skandal letztendlich kosten wird, ist nach wie vor unklar. In den USA einigte sich VW mit Klägern und Gerichten bislang auf Straf- und Ausgleichszahlungen in Höhe von etwa 25 Milliarden Euro, noch sind aber einige Verfahren anhängig. Wie viel VW in anderen Ländern zahlen muss, ist noch nicht entschieden, die Prozesse laufen noch – oder haben noch gar nicht begonnen. Zu den Zahlungen aus Straf- und Zivilklagen kommen die Kosten für Autorückkäufe in den USA und die Umrüstungen in Europa. 

Diskussion um Boni, Abfindungen und Gehälter: Für Diskussionen und auch Empörung sorgten die nach wie vor hohen Boni, Abfindungen und Gehälter von VW-Managern. Kritik hatte es gegeben, weil Christine Hohmann-Dennhardt nach nur gut einem Jahr Arbeit als VW-Vorstand für Integrität und Recht zu ihrem Abschied eine Zahlung von über zwölf Millionen Euro erhält. Ebenfalls ein Aufreger: Ex-VW-Chef Martin Winterkorn bekommt mehr als 3000 Euro Rente – pro Tag. Dass der Aufsichtsrat nach anhaltender Kritik beschloss, die Manager-Gehälter auf 10 Millionen Euro pro Jahr zu deckeln, erntete wegen der doch recht bedeutenden Summe eher Kopfschütteln als Lob.

Personelle Konsequenzen / Ermittlungen gegen VW-Manager

Aufgrund des Abgasskandals mussten hochrangige VW-Manager ihre Sessel räumen. Der frühere Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn ging Ende September 2015, er räumte bislang kein Fehlverhalten ein. Als Nachfolger fungiert der damalige Porsche-Chef Matthias Müller, der wiederum von Oliver Blume, bis dahin Porsche-Produktionsvorstand, beerbt wurde. Den Konzern verlassen mussten Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer und Porsche-Forschungsvorstand Wolfgang Hatz. Nach Neußer sowie vier weiteren, teils hochrangigen Ex-Mitarbeitern fahndet die US-Justiz.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Mit Ex-Porsche-Motorenentwickler Wolfgang Hatz sowie einem weiteren Ex-Audi-Manager sitzen zwei Beschuldigte wegen des Vorwurfs des Betrugs in München in Haft. Am 27. September 2017 gab es zudem weiteren Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem gegen mehrere hochrangige VW-Manager wegen Betrugs und Marktmanipulation, unter anderem gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, den aktuellen VW-Chef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Pötsch war unter Winterkorn Finanzvorstand bei VW, er ist derzeit zudem Vorstandsvorsitzender der Porsche SE. Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig laufen gegen ihn, Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess Verfahren schon wegen möglicher Marktmanipulation. Die Strafverfolger in der Diesel-Affäre gehen außerdem in mehreren Dutzend Fällen dem Verdacht des Betrugs nach, auch gegen Winterkorn.

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel

Der Blick in die Zukunft für VW

Konsequenzen und Einsichten: Der Dieselskandal, der längst große Teile der gesamten Autobranche erfasst hat, brachte eine Wende, an die bei VW bis dahin so recht wohl niemand geglaubt hatte. Eine Wende nicht nur in Sachen Unternehmenskultur, sondern vor allem hin zum Elektroauto. Konzernchef Matthias Müller hat einen Kulturwandel bei Volkswagen ausgerufen, dessen Anfang zwar holprig verlief, der aus Expertensicht aber notwendig ist, um den Spagat zwischen alter und neuer Autowelt zu bewältigen. VW stellt mit dem 2020 startenden Elektro-Hoffnungsträger ID und seinen Ablegern eine ganz neue Modellfamilie aufs Gleis. Man hat verstanden, wie wichtig Digitalisierungund Mobilitätsdienstleistungen sind. Weiteres Indiz: die 13. Konzernmarke Moia, die unter anderem Shuttle-Dienste anbieten soll. Gleichzeitig aber müssen auch die Verbrennungsmotoren weiterentwickelt werden, was Milliarden verschlingt.

Konzernumbau: Ein neues Team arbeite am Verkauf von nicht mehr zum Kerngeschäft zählenden Teilen, sagte VW-Chef Matthias Müller dem "Wall Street Journal" (8. September 2017). Diese machten bis zu einem Fünftel des Umsatzes aus. Gerüchte über eine Fusion mit dem Konkurrenten Fiat Chrysler (FCA) seien aber "Spekulation", so Müller.

Folgen für die Belegschaft: Die Job-Charakteristik im Konzern dürfte sich verändern. "Für die baulich einfacheren Elektroantriebe werden weniger Beschäftigte gebraucht, das kann man drehen und wenden, wie man will", sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Dabei hatte die Belegschaft bereits eine echte Kröte schlucken müssen: Der "Zukunftspakt", dem Betriebsratschef Bernd Osterloh nach langem Ringen mit VW-Markenchef Herbert Diess zustimmte, ist bei aller Innovation vor allem ein Sparprogramm, das unter anderem den Wegfall von weltweit bis zu 30.000 Jobs vorsieht – allerdings ohne betriebsbedingte Kündigungen. Dafür sollen Tausende Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern entstehen. Tatsächlich wird der Umstieg auf Elektroautos einer Studie zufolge in den kommenden Jahren Zehntausende Arbeitsplätze in der Branche kosten – die gleichzeitig fortschreitende Digitalisierung der Fahrzeuge könnte den Verlust aber in großen Teilen auffangen.

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