Diesel von VW/Audi: Manipulierte Abgastests in den USA

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel

VW Abgasskandal: Aktuelle News und Updates

— 21.08.2017

Drei Jahre Haft für VW-Ingenieur gefordert

Ein US-Staatsanwalt verlangt drei Jahre Haft für einen VW-Diesel-Experten, ein Audi-Manager erhebt in der "SZ" Vorwürfe gegen den Vorstand. News und Infos zum Abgasskandal!

(dpa/Reuters/mas/brü/cr/cj/lhp) Im VW-Dieselskandal fordert ein US-Staatsanwalt drei Jahre Gefängnis für einen Konzerningenieur. Die Strafverfolger begründeten die Forderum am 18. August 2017 vor einem Bezirksgericht in Detroit damit, der Beschuldigte vertrete eigenen Angaben zufolge "Unternehmen, das seine ethische Verankerung verloren hat im Streben nach mehr Marktanteilen und Gewinn". Der Angeklagte ist ein Dieselmotor-Experte mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung bei VW. Er soll gestanden haben, die Aufsichtsbehörden getäuscht zu haben, und kooperiert mit den Ermittlern. VW teilte mit, weiter mit der Ermittlern zusammenzuarbeiten. Im März hatte sich der Autobauer vor dem Bezirksgericht in Detroit für schuldig bekannt, geheime Software in Dieselautos eingebaut zu haben, um Abgastests zu manipulieren. Im Zusammenhang mit dem Skandal sind in den USA acht aktuelle oder frühere VW-Führungskräfte angeklagt. Zuletzt hatte ein Ex-Manager des Konzerns vor Gericht ein Schuldeingeständnis abgelegt. Ihm drohen bis zu sieben Jahre Haft und eine Geldstrafe von maximal 400.000 Dollar. Das Urteil wird für den 6. Dezember erwartet.

Chronologie des VW-Abgasskandals

21. August 2017: Im VW-Dieselskandal fordert die US-Staatsanwaltschaft drei Jahre Gefängnis für einen Konzerningenieur. Ein Audi-Ingenieur belastet Audi-Chef Rupert Stadler und weitere Top-Manager mit internen Dokumenten.

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"SZ": Audi-Ingenieur belastet Stadler

Gehört ebenfalls zu den manipulierten Fahrzeugen: der Audi Q7 3.0 TDI.

Währenddessen erhebt ein Audi-Ingenieur, der in München in Untersuchungshaft sitzt, schwere Vorwürfe gegen den Vorstand. Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" gehe es in Papieren, die der Ingenieur über seine Anwälte vorlegen ließ, um über 40 Vorgänge im Unternehmen, speziell um E-Mails, Sitzungen und Vorträge, die zwischen März 2006 und Juli 2014 bei Audi stattgefunden haben. Brisant sind die Papiere dadurch, dass sie Audi-Chef Rupert Stadler und andere Audi-Spitzenmanager belasten, die nach eigener Aussage zu diesem Zeitpunkt nichts von der Diesel-Manipulation wussten.  

Details zum Update von manipulierten Autos
FAQ: Was VW-Fahrer wissen müssen

KBA soll Berichte geschönt haben

Das Kraftfahrtbundesamt hat nach einem Bericht der BILD-Zeitung schon seit längerem von Abgasmanipulationen bei Porsche gewusst und auf Betreiben der Autoindustrie Untersuchungsberichte zum Abgas-Skandal geschönt. Das zeige laut "BILD" die Korrespondenz zwischen KBA und Herstellern, die der Zeitung in Auszügen vorliege. So habe die dem Bundesverkehrsministerium zugeordnete Behörde schon vor einem Jahr festgestellt, dass Porsche mit Abschalteinrichtungen für Diesel-Motoren arbeite. Das frühzeitige Herunterfahren der Abgasreinigungsraten (AGR) beim Porsche Macan sei "nach Vorschrift als Abschalteinrichtung zu sehen", zitierte das Blatt aus der Ursprungsversion eines Prüfberichtes. Im Endbericht habe es dann aber nur noch geheißen: "Dies kann nach Vorschrift als eine Veränderung des Emissionsverhaltens des Abgassystems gesehen werden."

Porsche Cayenne mit unzulässiger Abschalteinrichtung

Ein weiterer Porsche steht ebenfalls in der Kritik: Bei einer Version des Cayenne Diesel ist nach Angaben von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eine unzulässige Abschalteinrichtung für die Reinigung von Abgasen festgestellt worden. Für europaweit 22.000 Cayenne 3.0 TDI werde nun ein verpflichtender Rückruf angeordnet, sagte Dobrindt am 27. Juli 2017 in Berlin. Es gelte zudem ein Zulassungsverbot, bis eine neue Steuersoftware zur Verfügung stehe, die vom Kraftfahrtbundesamt genehmigt werden müsse. 7500 der Fahrzeuge sind in Deutschland zugelassen. Laut Dobrindt wurde eine Technik festgestellt, die erkennt, dass ein Fahrzeug auf einem Prüfstand steht. In Tests springe dann eine "Aufwärmstrategie" an, die im realen Verkehr nicht aktiviert werde, so der Minister. Nach eigener Darstellung hat Porsche den Einsatz einer illegalen Abschalteinrichtung selbst entdeckt und "aktiv dem KBA dargelegt". Mit der Behörde sei ein Software-Update vereinbart worden.

Die manipulierten V6-Motoren stammen von Audi. Wie BILD berichtete, warf Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück der Konzernschwester in diesem Zusammenhang Betrug vor. "Immer und immer wieder haben sie uns versichert, dass die Motoren in Ordnung sind, sogar schriftlich. Nichts davon stimmte, ich glaube denen gar nichts mehr", sagte der 55-Jährige. VW kündigte an, den geäußerten Verdacht auch beim Touareg zu prüfen.

Audi-Experten warnten schon 2013

Der V6 TDI von Audi stand im Mittelpunkt von internen Warnungen aus den USA.

Audi-Techniker aus der Motorenentwicklung haben offenbar bereits im Oktober 2013 auf die Abgasmanipulation in den USA hingewiesen und vor den Folgen eines Auffliegens gewarnt. Das zeige ein internes Dokument, berichtete der Rechercheverbund von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Empfehlungen, die Manipulationssoftware zeitnah umzustellen, wurden trotz Warnung vor möglichen hohen Geldbußen ignoriert. Es ging den Berichten zufolge um 62.000 Diesel mit V6-TDI-Motor, für die die Strafe jeweils bis zu 37.500 US-Dollar hätte betragen können – insgesamt also bis zu 2,3 Milliarden Dollar. Zudem sei auf einen drohenden Imageverlust für Audi und im schlimmsten Fall den Widerruf der Zulassung hingewiesen worden. Nach Erkenntnissen der US-Behörden hatte Audi das elfseitige Papier mit dem Titel "Risikoeinschätzung" auch an VW weitergereicht.

VW weitet Nachrüstung aus

VW-Chef Müller und Umweltministerin Hendricks (SPD) trafen sich Ende Juli in Wolfsburg.

Volkswagen hat Ende Juli 2017 weitere Abgasnachbesserungen in Aussicht gestellt. Der Konzern wolle nun insgesamt vier Millionen Fahrzeuge nachrüsten und damit die Emissionen deutlich reduzieren, sagte Vorstandschef Matthias Müller nach einem Gespräch mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in Wolfsburg. Konzernkreisen zufolge sind bei den vier Millionen bereits bestehende Rückrufe mit eingerechnet. Ursprünglich vom Abgasskandal betroffen waren 2,5 Millionen Fahrzeuge aus dem Hause Volkswagen. Zudem hat die VW-Tochter Audi die Umrüstung von bis zu 850.000 Fahrzeugen angekündigt. Als wichtigstes Ergebnis des Dieselgipfels vom 2. August 2017 gilt die beschlossene Software-Nachrüstung für Euro-5- und Euro-6-Diesel. Damit soll das Emissionsverhalten verbessert werden.

Überblick: Was Sie über den Abgasskandal wissen sollten

Im September 2015 war bekannt geworden, dass VW auf dem Prüfstand die Abgase zahlreicher Modelle manipuliert hat. Weltweit sind elf Millionen Fahrzeuge betroffen, die seit Anfang 2016 umgerüstet werden. Die Affäre zog weite Kreise, die endgültigen Folgen sind immer noch nicht absehbar. Hier ein Überblick über den Stand der Dinge und die wichtigsten Baustellen:

Die Rückrufaktion – Fragen zur Umrüstung

Online-Voting

'Dieselskandal: Würden Sie Ihr Auto zurückgeben?'

Der Stand der Dinge: In Deutschland gibt es rund 2,5 Millionen Autofahrer mit einem manipulierten Diesel des Konzerns, betroffen sind Fahrzeuge von VW, Audi, Seat, Skoda und Porsche (weitere Infos dazu hier: Was VW-Fahrer wissen müssen). Mittlerweile (Stand Juni 2017) hat Volkswagen drei Viertel der Fahrzeuge nachgerüstet und seit Mitte Mai EU-weit alle Genehmigungen der zuständigen Regulierungsbehörden zur Umrüstung der Motoren vom Typ EA189 zusammen. Für die Typgenehmigung von Skoda ist eine britische Behörde zuständig, für Audi und Volkswagen das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt und für Seat eine spanische Behörde. Am 27. Juli 2017 teilte VW mit, insgesamt vier Millionen Diesel in Deutschland, also 1,5 Millionen mehr als vom Skandal offiziell betroffen, mit bessere Abgastechnik ausstatten zu wollen.

EU-Kommissarin Jourova nannte das Zugeständnis von VW eine "De-Facto-Extragarantie" für Bauteile.

Begrenzte Gewährlelistung für zwei Jahre: Volkswagen will mögliche Defekte im Zusammenhang mit der Umrüstung von manipulierten Dieselautos zwei Jahre lang kostenlos beheben. Es seien zwar bislang keine Probleme bekannt, sagte ein VW-Sprecher Mitte Juni 2017, sie würden aber im Falle des Falles geprüft. VW versprach dafür "kunden-individuelle Lösungen". Die Lösung gelte auch für Kunden, die ihr Auto bereits umgerüstet haben, bis zu zwei Jahre nach dem Software-Update. Die Zugeständnisse von VW sind das Ergebnis von Verhandlungen mit der EU-Kommission. Mit einer Entschädigung durch den Autokonzern dürfen Kunden allerdings weiterhin nicht rechnen.

Am 1. Juni war durch eine Mitteilung von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) neuer Schwung in den VW-Skandal gekommen: Weil die Konzerntochter Audi auch in Europa bei der Abgasreinigung eine unzulässige Abschalteinrichtung eingebaut habe, muss der Hersteller 24.000 Fahrzeuge zurückrufen, davon 14.000 in Deutschland. Betroffen sind A7 und A8 mit V6- und V8-Dieselmotoren nach Abgasnorm Euro 5 der Baujahre 2009 bis 2013. Es handle sich um eine sogenannte Lenkwinkel-Erkennung, so Dobrindt, die wahrnehme, wenn das Fahrzeug im Prüfstand stehe. Bisher war Audi in Deutschland keine illegale Abschalteinrichtung nachgewiesen worden.

VW-Neuheiten bis 2025

VW T-Roc Illustration VW T-Cross SUV Illustration VW Touareg Illustration
VW-Kunden bei Update unter Druck / fehlende Gewährleistung oder Garantie: VW setzt nach Recherchen von AUTO BILD Fahrer manipulierter Diesel beim Software-Update unter Druck. So klagen Kunden über Maßnahmen gegen ihren Willen, verweigerte Reparaturen und Meldungen an das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Mutmaßlicher Zweck dieses Vorgehens: Wer das Update aufspielen lässt, hat kaum noch Chancen, seine Gewährleistungsansprüche gegenüber dem Verkäufer geltend zu machen. Aus diesem Grund hatte die bayerische Polizeidie Umrüstung ihrer von der Abgasmanipulation betroffenen Dieselfahrzeuge zurückgestellt. Am 15. Juni 2017 wurde bekannt, dass VW nach Verhandlungen mit der EU-Kommission bereit ist, mögliche Defekte im Zusammenhang mit der Umrüstung von manipulierten Dieselautos zwei Jahre lang kostenlos zu beheben. Eine Entschädigung nach amerikanischem Vorbild lehnen die Wolfsburger nach wie vor ab.

Verstärkte Rußbildung nach Diesel-Update? Die Bedenken sind offenbar nicht ganz unbegründet: Nach dem Rückruf manipulierter Fahrzeuge im Zuge des Abgasskandals gibt es Hinweise, dass bei bereits umgerüsteten Autos aus dem VW-Konzern die Abgasrückführung schneller verschleißen könnte. Nach Informationen von AUTO BILD kann es zu Verkrustungen in einem Ventil der Abgasrückführung kommen, weil durch das Update der Rußpartikelausstoß erhöht wird. Als mögliche Folge schalten Motoren ins Notlaufprogramm oder lassen sich nicht mehr starten. VW spricht von Einzelfällen, doch der Düsseldorfer Rechtsanwalt Tobias Ulbrich hat Kenntnis von mehr als 50 Mandanten allein in seiner Kanzlei, bei deren Autos Teile des Abgasrückführungs-Systems unmittelbar oder kurz nach dem Update ausgefallen seien. In den meisten Fällen habe sich VW kulant verhalten und die Kosten für den Tausch des Abgasrückführungsventils übernommen, so Ulbrich. Auf Nachfrage von AUTO BILD beteuert VW, das Update habe "keinen negativen Einfluss auf die Funktion und Wirkungsweise des Abgasrückführungs-Systems".

Der aktuelle Ermittlungsstand

Was wir wissen: Bis heute konnte nicht geklärt werden, wer wirklich die Verantwortung für den Betrug trägt und wann genau die Top-Manager von den Manipulationen wussten. Kam die Anweisung von ganz oben? Oder war es tatsächlich, so wie VW es darstellt, nur eine Handvoll Ingenieure auf mittlerer Ebene, die diese folgenschwere Entscheidung trafen, ohne die Führungsebene zu informieren? Oder wusste der Vorstand schon viel früher vom Betrug, als er zugeben will? Der "Spiegel" meldete im Februar 2017, Ex-VW-Patriarch Ferdinand Piëch habe eben dies gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig ausgesagt: dass er den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn bereits im Februar 2015 auf einen Hinweis auf Probleme in den USA bezüglich manipulierter Abgaswerte angesprochen habe. Ein Ingenieur soll bereits 2007 einem größeren Kreis von Audi-Managern in einer E-Mail geschrieben haben, dass man es "ganz ohne Bescheißen" nicht schaffen werde, die US-Grenzwerte beim Schadstoffausstoß von Dieselwagen einzuhalten. Unklar ist auch noch, ob VW die Aktionäre rechtzeitig informiert hat.

Software offenbar bei Audi entwickelt: Die Anfänge des Abgasskandals gehen auf die Konzerntochter Audi zurück, recherchierte das "Handelsblatt". Bereits 1999 hätten Motorenentwickler bei den Ingolstädtern Optionen erarbeitet, wie man den schärferen Grenzwerten begegnen könne. Geplant wurde dem Bericht zufolge auch der Einsatz einer illegalen Abschalteinrichtung. Zum Einsatz sei es bei Audi aber nicht gekommen. Erst 2005 sei die Software bei VW beim Dieselmotor EA 189 installiert worden, von da an wurde sie nach bisherigem Erkenntnisstand diverse Mal upgedatet.

Vorwürfe gegen Porsche: Ende Juli wurde für 22.000 Porsche Cayenne 3.0 TDI mit V6-Motor nach Euro 6 ein verpflichtender Rückruf sowie ein Zulassungsstopp angeordnet. Porsche gibt an, die dafür verantwortliche Betrugssoftware selbst dem KBA gemeldet zu haben, Verkehrsminister Dobrindt widersprach der Darstellung. Bereits im Februar hatte der "Spiegel" berichtet, dass ein vom TÜV Nord getesteter Porsche Cayenne 3,0 Liter V6 TDI mit einer Technik ausgestattet war, die dafür sorge, dass der Geländewagen auf dem Prüfstand die Grenzwerte einhalte, im Straßenverkehr jedoch deutlich mehr Stickoxide ausstoße als gesetzlich zulässig. Eine Getriebesteuerung erkenne mithilfe von Sensoren, ob sich das Fahrzeug auf dem Prüfstand oder auf der Straße befinde und sorge dafür, dass der Wagen mal die Grenzwerte einhalte und mal nicht. Porsche hatte damals noch auf "Spiegel"-Anfrage erklärt, der beim TÜV-Nord durchgeführte Test sei "nicht plausibel nachvollziehbar". Das Unternehmen bestätigte die Existenz zweier Schaltprogramme beim Cayenne V6 TDI. Bei umgehend vorgenommenen "eigenen Messungen an vergleichbaren Fahrzeugen" seien "die gesetzlich geforderten Stickoxidgrenzwerte in beiden Schaltprogrammen erfüllt" worden.

Streit um Abschlussbericht der Bundesregierung: Wussten die Verantwortlichen in der Politik Bescheid und haben sie angemessen reagiert? Oder wurde aus Lobby-Interessen weggesehen? Diese Fragen sollte ein Bundestags-Untersuchungsausschuss klären. Vorab zitierten Spiegel Online und "Süddeutsche Zeitung" daraus, dass die Bundesregierung offenbar keine eigenen Versäumnisse sehe.  Im Entwurf zum Bericht hieß es den Berichten zufolge, in der Bewertung von Union und SPD habe sich der von der Opposition erhobene Vorwurf des Staatsversagens "als PR-Floskel ohne jegliche Grundlage herausgestellt". Auch Hersteller und KBA würden in dem Berichtsentwurf von jeglicher Schuld freigesprochen, allenfalls bei VW habe es Probleme gegeben. Die Ausschussarbeit, so die abschließende Meinung, habe "keine neuen relevanten Ergebnisse zutage gefördert" und sei mithin überflüssig gewesen. Der Untersuchungsbericht in seiner endgültigen Fassung wurde Bundestagspräsident Norbert Lammert am 22. Juni übergeben. Weitere Details sind noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen.

Scharfe Kritik der Opposition: Es sei "unbegreiflich, wie Union und SPD nach der intensiven Beweisaufnahme zu solch einer verharmlosenden Einschätzung gelangen können", sagte der Ausschussvorsitzende Herbert Behrens (Linke). Grünen-Obmann Oliver Krischer sprach von einem "Dokument großkoalitionärer Bewusstseinsstörung" und hielt der Regierung vor, als "Schutzpatron der Autoindustrie" zu agieren. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) monierte: "Die Einschätzung, es hätte den Untersuchungsausschuss nicht gebraucht, ist ein Schlag ins Gesicht aller unter den hohen Stickoxid-Belastungen leidenden Menschen." Laut Spiegel Online behauptet der Bericht auch, es gebe keine  gesicherte "Wirkbeziehung zwischen Stickoxidemissionen und Erkrankungen oder Erhöhung der Sterblichkeit".

Geheimniskrämerei um eigene Ermittlungen: Volkswagen wird entgegen früherer Ankündigungen keinen ausführlichen Bericht zu den Ermittlungsergebnissen der Anwaltskanzlei Jones Day im Diesel-Abgasskandal veröffentlichen. Das teilte der Hersteller am 10. Mai 2017 mit. Die renommierte Kanzlei hatte seit 2015 ganze Berge von Dokumenten gesichtet und ausgewertet. Pötsch begründete die Entscheidung mit rechtlichen Risiken. Das Unternehmen stehe in der Verpflichtung, sich "nicht in Widerspruch zu den im 'Statement of Facts' (Sammlung in Zusammenarbeit mit dem US-Justizministerium; d. Red.) angegebenen Fakten" zu äußern.

Chronologie des VW-Abgasskandals

21. August 2017: Im VW-Dieselskandal fordert die US-Staatsanwaltschaft drei Jahre Gefängnis für einen Konzerningenieur. Ein Audi-Ingenieur belastet Audi-Chef Rupert Stadler und weitere Top-Manager mit internen Dokumenten.

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Das passiert(e) in den USA

Die USA, wo strengere Abgas-Grenzwerte gelten als in Europa, spielen nach wie vor eine zentrale Rolle im Dieselskandal. Dort wurde die Manipulationssoftware erstmals eingesetzt, dort wurde der Betrug durch die Umweltbehörde EPA im September 2015 aufgedeckt und dort drohen auch die empfindlichsten Strafen.

Richter billigt Entschädigungspaket: Volkswagen nimmt bei der rechtlichen Aufarbeitung des Dieselskandals in den USA eine entscheidende Hürde. Der für Hunderte US-Zivilklagen zuständige Richter Charles Breyer kündigte am 11. Mai 2017 in San Francisco die endgültige Zustimmung zu einem Entschädigungspaket für rund 80.000 Dieselwagen mit illegaler Abgastechnik an. VW nimmt dabei weitere 1,2 Milliarden Dollar (1,1 Mrd. Euro) für Autos mit 3,0-Liter-Motoren in die Hand. Die Genehmigung umfasst auch einen Kompromiss von Zulieferer Bosch mit US-Klägern. Die Firma wird beschuldigt, VW mit Software zur Abgas-Manipulation versorgt zu haben. Bosch hat eine Zahlung von 327,5 Millionen US-Dollar zur Beilegung des US-Rechtsstreits akzeptiert

Das Rückkauf- und Entschädigungsprogramm: Anders als in Europa zahlt VW den betroffenen Kunden hohe Entschädigungen und kauft manipulierte Diesel zurück – Forderungen, deutschen Kunden ähnliche Zugeständnisse zu machen, weist der Konzern mit der Begründung zurück, dies würde den finanziellen Ruin bedeuten. In den USA geht das Programm aber offenbar gut voran: Der Konzern habe bereits Rückkäufe und Leasing-Stopps bei 238.000 Dieselwagen abgewickelt, sagte US-Vertriebschef Mark McNabb dem "Wall Street Journal". VW zahlt US-Kunden Prämien zwischen 5100 und 10.000 Dollar. Damit hat VW bereits die Hälfte der Autos geschafft, bei denen sich der Konzern bislang im Rahmen von Vergleichen mit US-Sammelklägern zur Rücknahme verpflichtet hat. Insgesamt geht es um rund 475.000 Dieselautos mit Zwei-Liter-Motoren, bei weiteren etwa 80.000 größeren Modellen ist die richterliche Genehmigung des Vergleichs nahe.

Friedhof der Schummel-Diesel in Detroit: Wo bleiben die in den USA zurückgekauften Schummel-Diesel? Rund um den verlassenen Detroiter Silverdome, die 1975 eröffnete Arena war einst Bühne für einen Papstbesuch, erstreckt sich ein Meer aus mehreren Tausend Jetta, Passat und Golf der Serie "Clean Diesel TDI". Ausrangierte Wagen, die wegen illegaler Software zur Abgasmanipulation aus dem Verkehr gezogen und von US-Kunden zurückgekauft werden mussten. Spötter bezeichnen das Areal als "VW-Autofriedhof" oder als "wertvollsten Schrottplatz der Welt". Allerdings hat VW die Hoffnung nicht aufgegeben, die Diesel in einen legalen Zustand umzurüsten und als Gebrauchtwagen zu verkaufen. Dafür müssten aber die US-Umweltämter grünes Licht geben. Doch erstmal stehen die Wagen an trostlosem Ort. 2013 wurde der Betrieb am Silverdome krisenbedingt eingestellt, zur Sanierung fehlte das Geld.  In diesem Stadion feierte 1979 der Monster Truck "Big Foot" Weltpremiere und "Wrestlemania" zog 1987 mehr als 93.000 Fans an. Nun steht die Arena leer.

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel



Milliardenstrafen und Vergleiche: VW sah und sieht sich in den USA mit zahlreichen Zivil- und Strafklagen in Milliardenhöhe konfrontiert, die aber zum großen Teil mit Vergleichen abgeschlossen wurden. Der Konzern teilte am 30. März 2017 mit, er habe sich im Rahmen eines Vergleichs über Umweltklagen mit zehn US-Bundesstaaten auf die Zahlung von 157,45 Millionen Dollar (146 Mio. Euro) geeinigt. Die Wolfsburger hatten sich bereits im vergangenen Jahr mit US-Behörden und Privatklägern auf Schadensersatzzahlungen und Strafen in Höhe von 25 Milliarden Euro wegen Dieselgate verständigt. Dabei wurde auch eine Vereinbarung mit 44 US-Bundesstaaten über 600 Millionen Dollar geschlossen. Trotzdem hatten einige Bundesstaaten weiter gegen den den Konzern geklagt.

Beschuldigter VW-Manager in Haft: Die US-Bundespolizei FBI nimmt am 9. Januar 2017 in Florida im Zusammenhang mit dem Abgasskandal den VW-Manager Oliver S. fest. Ihm wird Verabredung zum Betrug vorgeworfen. Der VW-Manager soll demnach eine Schlüsselrolle bei der versuchten Vertuschung des Skandals gespielt haben. S. ist nach wie vor in Haft. Ende Juli kündigt er ein umfassendes Geständnis für den Prozess an. Ihm drohen bis zu 169 Jahre Haft. Ein weiterer ehemaliger VW-Mitarbeiter, der sich in den USA bereits schuldig bekannt hat, arbeitet mit den Ermittlern zusammen. Oliver S. ist einer von mehreren ehemaligen und aktuellen Managern unterhalb der Konzernführung, die von der amerikanischen Justiz für die Manipulation von Abgaswerten und deren Verschleierung verantwortlich gemacht werden. Die anderen Beschuldigten halten sich in Deutschland auf und müssen keine Auslieferung fürchten.

Entschädigungen und Klagen in Deutschland

Während betrogene Volkswagen-Kunden in den USA reichlich entschädigt werden, gehen die deutschen bislang leer aus. Entsprechende Forderungen weist der Konzern mit der Begründung zurück, dies würde den finanziellen Ruin bedeuten.

EU-Kommissarin kämpfte vergeblich für Kundenentschädigung: Auch die EU-Kommission konnte in monatelangen Verhandlungen den VW-Konzern nicht zu einer finanziellen Entschädigung europäischer Kunden bewegen. Volkswagen sagte lediglich eine zweijährige "De-Facto-Extragarantie" für von der Umrüstung betroffene Bauteile zu, sagte EU-Justizkommissarin Vera Jourova. VW sprach dagegen von einer "vertrauensbildenden Maßnahme".

Jede vierte Klage gegen VW erfolgreich: In Deutschland laufen mehrere Hundert Verfahren, in denen Fahrer von VW-Dieseln auf Schadenersatz gegen Händler oder den VW-Konzern klagen. Von den gut 200 bereits erstinstanzlich entschiedenen Klaren war ein Viertel erfolgreich, meldete BILD am 8. April 2017. Von den 2000 eingegangenen Mängelklagen gingen laut BILD-Informationen 40 Prozent direkt an VW, in 60 Prozent wurden Vertragshändler verklagt. Das Ergebnis der bislang 211 erstinstanzlichen Entscheide: In 162 Fällen wiesen Richter die Klage ab, oder die Kläger machten einen Rückzieher. Immerhin seinen 49 Verbraucherklagen erfolgreich gewesen.

Großkunde will zwölf Millionen Euro Schadenersatz: Auch der erste deutsche Großkunde hat mittlerweile Klage gegen Volkswagen eingereicht. Insgesamt 11,9 Millionen Euro Schadenersatz will der Fischverarbeiter Deutsche See von VW erstreiten, teilte ein Sprecher des Unternehmens mit. Das Unternehmen habe am Landgericht Braunschweig wegen arglistiger Täuschung Klage eingereicht. Bei der Deutschen See sind nach Unternehmensangaben etwa 500 Autos von den Abgasmanipulationen betroffen. "Wir sind tief enttäuscht über VW und fühlen uns hingehalten und betrogen", sagte Deutsche-See-Chef Egbert Miebach.

So viel verbrauchen unsere Autos wirklich

Die finanzielle Situation des VW-Konzerns

Trotz der Krise konnte VW im ersten Quartal 2017 deutliche Gewinne verbuchen.

VW macht Gewinn: Obwohl der Abgasskandal den Konzern sowohl wegen des erlittenen Vertrauensverlustes und der Strafzahlungen in Milliardenhöhe teuer zu stehen gekommen ist, geht es ihm offenbar gut: Von April bis Ende Juni steigerte VW die Erlöse um knapp 5 Prozent auf 59,67 Milliarden Euro. Das bereinigte operative Ergebnis kletterte um fast 4 Prozent auf 4,55 Milliarden Euro. Schon im ersten Quartal 2017 verdiente der Konzern vor allem dank starker Geschäfte in Westeuropa gut, unter dem Strich wurden 3,4 Milliarden Euro Gewinn verbucht, ein Plus von fast 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Umsatz stieg im ersten Quartal um 10,3 Prozent auf 56,2 Milliarden Euro.

Die Talfahrt der Aktie: Nach Bekanntwerden des Skandals stürzte die VW-Vorzugsaktie von etwa 170 auf zeitweise deutlich unter 100 Euro ab. Aktuell (Stand: August 2017) steht sie bei ca. 127 Euro.

Diese Kosten muss VW wuppen: Weltweit laufen Prozesse gegen den Konzern, wieviel ihn der Skandal letztendlich kosten wird, ist nach wie vor unklar. In den USA einigte sich VW mit Klägern und Gerichten bislang auf Straf- und Ausgleichszahlungen in Höhe von etwa 25 Milliarden Euro, noch sind aber einige Verfahren anhängig. Wie viel VW in anderen Ländern zahlen muss, ist noch nicht entschieden, die Prozesse laufen noch – oder haben noch gar nicht begonnen. Zu den Zahlungen aus Straf- und Zivilklagen kommen die Kosten für Autorückkäufe in den USA und die Umrüstungen in Europa. 

Diskussion um Boni, Abfindungen und Gehälter: Für Diskussionen und auch Empörung sorgten die nach wie vor hohen Boni, Abfindungen und Gehälter von VW-Managern. Zuletzt hatte es Kritik gegeben, weil Christine Hohmann-Dennhardt nach nur gut einem Jahr Arbeit als VW-Vorstand für Integrität und Recht zu ihrem Abschied eine Zahlung von über zwölf Millionen Euro erhält. Ebenfalls ein Aufreger: Ex-VW-Chef Martin Winterkorn bekommt mehr als 3000 Euro Rente – pro Tag. Dass der Aufsichtsrat nach anhaltender Kritik beschloss, die Manager-Gehälter auf 10 Millionen Euro pro Jahr zu deckeln, erntete wegen der doch recht bedeutenden Summe eher Kopfschütteln als Lob.

Personelle Konsequenzen / Ermittlungen gegen VW-Manager

Aufgrund des Abgasskandals mussten einige hochrangige VW-Manager ihre Sessel räumen. Der frühere Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn erklärte am 23. September 2015 seinen Rücktritt – und seine Unschuld, an der er bis heute festhält. Sein Nachfolger wurde der damalige Porsche-Chef Matthias Müller, der wiederum von Oliver Blume, bis dahin Porsche-Produktionsvorstand, beerbt wurde. Den Konzern verlassen mussten Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer und Porsche-Forschungsvorstand Wolfgang Hatz. Nach Neußer sowie vier weiteren, teils hochrangigen Ex-Mitarbeitern fahndet sie US-Justiz. Mehr zum Thema Personalkarussell finden Sie hier.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Ein Beschuldigter Ex-Audi-Manager wurde wegen des Vorwurfs des Betrugs in München inhaftiert. Der Mann war einer der führenden Motorenentwickler bei der Volkswagen-Tochter. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem gegen mehrere hochrangige VW-Manager wegen Betrugs und Marktmanipulation, unter anderem gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, den aktuellen VW-Chef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Pötsch war unter Winterkorn Finanzvorstand bei VW, er ist derzeit zudem Vorstandsvorsitzender der Porsche SE. Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig laufen gegen ihn, Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess Verfahren schon wegen möglicher Marktmanipulation. Die Strafverfolger in der Diesel-Affäre gehen außerdem in mehreren Dutzend Fällen dem Verdacht des Betrugs nach, auch gegen Winterkorn.

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