Diesel von VW/Audi: Manipulierte Abgastests in den USA

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel

VW Abgasskandal: Aktuelle News und Updates

— 06.10.2017

VW garantiert für nichts

Juristen warnen: Mit einer ausgeklügelten Aktion will der VW-Konzern vom Dieselskandal Betroffene in Sicherheit wiegen. News und Infos zum Abgasskandal!

Ruß-Land: Blick in die verkokte Abgasrückführung eines Seat Ibiza 1.6 TDI (EA 189).

(dpa/Reuters/mas/brü/cr/cj/lhp/roky) Es klingt großzügig: Wer nach dem Betrugsdiesel-Update Probleme mit seinem Fahrzeug hat, kann auf eine kostenlose Reparatur hoffen. Diese von VW als "vertrauensbildende Maßnahme" bezeichnete Aktion gilt für elf Bauteile, unter anderem für das Abgasrückführventil, Einspritzdüsen und die Hochdruckpumpe. Auch Betroffene, denen bereits Reparaturkosten entstanden sind, können mit einer Erstattung rechnen. Das hat den Anschein einer Garantie. Ist es aber nicht, wie AUTO BILD in Ausgabe 40/2017 (seit 6. September 2017 erhältlich) berichtet und selbst VW auf Nachfrage bestätigt.

Chronologie des VW-Abgasskandals

29. September 2017: VW gibt bekannt, dass die Aufarbeitung des Dieselskandals in den USA im dritten Quartal weitere 2,5 Milliarden Euro kostete, da Rückkauf und Nachrüstung von 2,0-Liter-Autos nicht wie gewünscht liefen.

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Rechtsanwalt Markus Klamert: "Der Kunde wird mit juristischen Wortklaubereien an der Nase herumgeführt." VW wolle lediglich vermeiden, für die Haltbarkeit einiger Bauteile eine allgemeingültige Garantie ohne Ausnahmen abgeben zu müssen. Denn der Hersteller knüpft die Maßnahme an zahlreiche Bedingungen. Im Zweifel müsse der Kunde nachweisen, dass das Update schuld am Defekt sei, so Klamert. Zudem ist ein makelloses Scheckheft Voraussetzung für eine Kostenerstattung. Von der Maßnahme können Betroffene bereits ausgeschlossen werden, wenn sie die Betriebsanleitung einmal nicht befolgt haben.

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Immerhin: Obwohl VW auf die Aktion nicht öffentlich hinweist, erfolgt der kostenlose Austausch defekter Bauteile nach dem Software-Update großzügig. Dennoch sichert sich VW ab – in einem Informationsblatt, das manche Werkstätten ihren Kunden nach diesen Kulanzaktionen aushändigt, steht explizit, dass es keinen Zusammenhang zwischen Update und dem Problem gibt. AUTO BILD-Redakteur Matthias Moetsch: "Damit bleibt eine Frage weiter offen: Wenn das Diesel-Update keine negativen Auswirkungen hat – warum gibt Volkswagen dann nicht einfach eine allgemeingültige Garantie ab?"

Überblick: Was Sie über den Abgasskandal wissen sollten

Am 18. September 2015 lassen die Umweltbehörden in den USA verlautbaren, dass bei Volkswagen auf dem Prüfstand für Abgaswerte zahlreicher Diesel-Modelle nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Zwei Tage später gibt der Konzern Manipulation zu. Es ist der Anfang eines bis dato nie dagewesenen Skandals, der bis heute seine Kreise zieht. Die Affäre zog weite Kreise, die endgültigen Folgen sind immer noch nicht absehbar. Hier ein genauerer Überblick über den Stand der Dinge und die wichtigsten Baustellen:

Die Rückrufaktion – Fragen zur Umrüstung

Der Stand der Dinge: In Deutschland gibt es rund 2,5 Millionen Autofahrer mit einem manipulierten Diesel des Konzerns, betroffen sind Fahrzeuge von VW, Audi, Seat, Skoda und Porsche (weitere Infos dazu hier: Was VW-Fahrer wissen müssen). Mittlerweile (Stand Juni 2017) hat Volkswagen drei Viertel der Fahrzeuge nachgerüstet und seit Mitte Mai EU-weit alle Genehmigungen der zuständigen Regulierungsbehörden zur Umrüstung der Motoren vom Typ EA189 zusammen. Für die Typgenehmigung von Skoda ist eine britische Behörde zuständig, für Audi und Volkswagen das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt und für Seat eine spanische Behörde. Am 27. Juli 2017 teilte VW mit, insgesamt vier Millionen Diesel in Deutschland, also 1,5 Millionen mehr als vom Skandal offiziell betroffen, mit besserer Abgastechnik ausstatten zu wollen. Zudem hat die VW-Tochter Audi die Umrüstung von bis zu 850.000 Fahrzeugen angekündigt.

EU-Kommissarin Jourova nannte das Zugeständnis von VW eine "De-Facto-Extragarantie" für Bauteile.

Begrenzte Gewährleistung für zwei Jahre: Volkswagen will mögliche Defekte im Zusammenhang mit der Umrüstung von manipulierten Dieselautos zwei Jahre lang kostenlos beheben. Es seien zwar bislang keine Probleme bekannt, sagte ein VW-Sprecher Mitte Juni 2017, sie würden aber im Falle des Falles geprüft. VW versprach dafür "kunden-individuelle Lösungen". Die Lösung gelte auch für Kunden, die ihr Auto bereits umgerüstet haben, bis zu zwei Jahre nach dem Software-Update. Die Zugeständnisse von VW sind das Ergebnis von Verhandlungen mit der EU-Kommission. Mit einer Entschädigung durch den Autokonzern dürfen Kunden allerdings weiterhin nicht rechnen.

Rückruf von 24.000 Diesel-Audi: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) nahm Anfang Juni 2017 Audi ins Visier: Weil auch die VW-Tochter in Europa bei der Abgasreinigung eine unzulässige Abschalteinrichtung eingebaut habe, muss der Hersteller 24.000 Fahrzeuge zurückrufen, davon 14.000 in Deutschland. Betroffen sind A7 und A8 mit V6- und V8-Dieselmotoren nach Abgasnorm Euro 5 der Baujahre 2009 bis 2013. Es handle sich um eine sogenannte Lenkwinkel-Erkennung, so Dobrindt, die wahrnehme, wenn das Fahrzeug im Prüfstand stehe. Bisher war Audi in Deutschland keine illegale Abschalteinrichtung nachgewiesen worden.

Neue VW (bis 2025)



VW-Kunden bei Update unter Druck / fehlende Gewährleistung oder Garantie: VW setzt nach Recherchen von AUTO BILD Fahrer manipulierter Diesel beim Software-Update unter Druck. So klagen Kunden über Maßnahmen gegen ihren Willen, verweigerte Reparaturen und Meldungen an das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Mutmaßlicher Zweck dieses Vorgehens: Wer das Update aufspielen lässt, hat kaum noch Chancen, seine Gewährleistungsansprüche gegenüber dem Verkäufer geltend zu machen. Aus diesem Grund hatte die bayerische Polizei die Umrüstung ihrer von der Abgasmanipulation betroffenen Dieselfahrzeuge zurückgestellt. Am 15. Juni 2017 wurde bekannt, dass VW nach Verhandlungen mit der EU-Kommission bereit ist, mögliche Defekte im Zusammenhang mit der Umrüstung von manipulierten Dieselautos zwei Jahre lang kostenlos zu beheben. Eine Entschädigung nach amerikanischem Vorbild lehnen die Wolfsburger nach wie vor ab.

Verstärkte Rußbildung nach Diesel-Update? Die Bedenken sind offenbar nicht ganz unbegründet: Nach dem Rückruf manipulierter Fahrzeuge im Zuge des Abgasskandals gibt es Hinweise, dass bei bereits umgerüsteten Autos aus dem VW-Konzern die Abgasrückführung schneller verschleißen könnte. Nach Informationen von AUTO BILD kann es zu Verkrustungen in einem Ventil der Abgasrückführung kommen, weil durch das Update der Rußpartikelausstoß erhöht wird. Als mögliche Folge schalten Motoren ins Notlaufprogramm oder lassen sich nicht mehr starten. VW spricht von Einzelfällen, doch der Düsseldorfer Rechtsanwalt Tobias Ulbrich hat Kenntnis von mehr als 50 Mandanten allein in seiner Kanzlei, bei deren Autos Teile des Abgasrückführungs-Systems unmittelbar oder kurz nach dem Update ausgefallen seien. In den meisten Fällen habe sich VW kulant verhalten und die Kosten für den Tausch des Abgasrückführungsventils übernommen, so Ulbrich. Auf Nachfrage von AUTO BILD beteuert VW, das Update habe "keinen negativen Einfluss auf die Funktion und Wirkungsweise des Abgasrückführungs-Systems".

Der aktuelle Ermittlungsstand

Was wir wissen: Bis heute konnte nicht geklärt werden, wer wirklich die Verantwortung für den Betrug trägt und wann genau Top-Manager im VW-Konzern von den Manipulationen wussten. Kam die Anweisung von ganz oben? Oder trafen eine Handvoll Ingenieure auf mittlerer Ebene diese folgenschwere Entscheidung, ohne die Führungsebene zu informieren? So stellt es VW dar. Oder wusste der Vorstand schon viel früher vom Betrug, als er zugeben will? Laut "Spiegel" habe Ex-VW-Patriarch Ferdinand Piëch eben dies gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig ausgesagt: dass er den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn bereits im Februar 2015 auf einen Hinweis auf Probleme in den USA bezüglich manipulierter Abgaswerte angesprochen habe. Ein Ingenieur soll bereits 2007 einem größeren Kreis von Audi-Managern in einer E-Mail geschrieben haben, dass man es "ganz ohne Bescheißen" nicht schaffen werde, die US-Grenzwerte beim Schadstoffausstoß von Dieselwagen einzuhalten. Unklar ist auch noch, ob VW die Aktionäre rechtzeitig informiert hat.

Software offenbar bei Audi entwickelt: Die Anfänge des Abgasskandals gehen auf die Konzerntochter Audi zurück, recherchierte das "Handelsblatt". Bereits 1999 hätten Motorenentwickler bei den Ingolstädtern Optionen erarbeitet, wie man den schärferen Grenzwerten begegnen könne. Geplant wurde dem Bericht zufolge auch der Einsatz einer illegalen Abschalteinrichtung. Zum Einsatz sei es bei Audi aber nicht gekommen. Erst 2005 sei die Software bei VW beim Dieselmotor EA 189 installiert worden, von da an wurde sie nach bisherigem Erkenntnisstand diverse Mal upgedatet.

Vorwürfe gegen Porsche: Ende Juli 2017 wurde für 22.000 Porsche Cayenne 3.0 TDI mit V6-Motor nach Euro 6 ein verpflichtender Rückruf sowie ein Zulassungsstopp angeordnet. Porsche gibt an, die dafür verantwortliche Betrugssoftware selbst dem KBA gemeldet zu haben, Verkehrsminister Dobrindt widersprach der Darstellung. Bereits im Februar hatte der "Spiegel" berichtet, dass ein vom TÜV Nord getesteter Porsche Cayenne 3,0 Liter V6 TDI mit einer Technik ausgestattet war, die dafür sorge, dass der Geländewagen auf dem Prüfstand die Grenzwerte einhalte, im Straßenverkehr jedoch deutlich mehr Stickoxide ausstoße als gesetzlich zulässig. Eine Getriebesteuerung erkenne mithilfe von Sensoren, ob sich das Fahrzeug auf dem Prüfstand oder auf der Straße befinde und sorge dafür, dass der Wagen mal die Grenzwerte einhalte und mal nicht. Porsche hatte damals noch auf "Spiegel"-Anfrage erklärt, der beim TÜV-Nord durchgeführte Test sei "nicht plausibel nachvollziehbar". Das Unternehmen bestätigte die Existenz zweier Schaltprogramme beim Cayenne V6 TDI. Bei umgehend vorgenommenen "eigenen Messungen an vergleichbaren Fahrzeugen" seien "die gesetzlich geforderten Stickoxidgrenzwerte in beiden Schaltprogrammen erfüllt" worden.

KBA soll Berichte geschönt haben: Das Kraftfahrtbundesamt hat nach einem Bericht der BILD-Zeitung schon seit Längerem von Abgasmanipulationen bei Porsche gewusst und auf Betreiben der Autoindustrie Untersuchungsberichte zum Abgas-Skandal geschönt. Das zeige laut "BILD" die Korrespondenz zwischen KBA und Herstellern, die der Zeitung in Auszügen vorliege. So habe die dem Bundesverkehrsministerium zugeordnete Behörde schon vor einem Jahr festgestellt, dass Porsche mit Abschalteinrichtungen für Diesel-Motoren arbeite. Das frühzeitige Herunterfahren der Abgasreinigungsraten (AGR) beim Porsche Macan sei "nach Vorschrift als Abschalteinrichtung zu sehen", zitierte das Blatt aus der Ursprungsversion eines Prüfberichtes. Im Endbericht habe es dann aber nur noch geheißen: "Dies kann nach Vorschrift als eine Veränderung des Emissionsverhaltens des Abgassystems gesehen werden."

Geheimniskrämerei um eigene Ermittlungen: Volkswagen wird entgegen früherer Ankündigungen keinen ausführlichen Bericht zu den Ermittlungsergebnissen der Anwaltskanzlei Jones Day im Diesel-Abgasskandal veröffentlichen. Das teilte der Hersteller am 10. Mai 2017 mit. Die renommierte Kanzlei hatte seit 2015 ganze Berge von Dokumenten gesichtet und ausgewertet. VW  begründete die Entscheidung mit rechtlichen Risiken. Das Unternehmen stehe in der Verpflichtung, sich "nicht in Widerspruch zu den im 'Statement of Facts' (Sammlung in Zusammenarbeit mit dem US-Justizministerium; d. Red.) angegebenen Fakten" zu äußern.

Chronologie des VW-Abgasskandals

29. September 2017: VW gibt bekannt, dass die Aufarbeitung des Dieselskandals in den USA im dritten Quartal weitere 2,5 Milliarden Euro kostete, da Rückkauf und Nachrüstung von 2,0-Liter-Autos nicht wie gewünscht liefen.

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Das passiert in den USA

Die USA, wo strengere Abgas-Grenzwerte gelten als in Europa, spielen nach wie vor eine zentrale Rolle im Dieselskandal. Dort wurde die Manipulationssoftware erstmals eingesetzt, dort wurde der Betrug durch die Umweltbehörde EPA im September 2015 aufgedeckt und dort drohen auch die empfindlichsten Strafen.

Juristische Klärung abgeschlossen: Volkswagen kommt bei der rechtlichen Aufarbeitung des Dieselskandals in den USA voran: Der für Hunderte US-Zivilklagen zuständige Richter Charles Breyer stimmte in San Francisco einem Entschädigungspaket für rund 80.000 Dieselwagen mit illegaler Abgastechnik zu. VW nimmt dabei weitere 1,2 Milliarden Dollar (1,1 Mrd. Euro) für Autos mit 3,0-Liter-Motoren in die Hand. Insgesamt hat VW für Strafen und Entschädigungen in den USA 25,1 Milliarden Euro an Kosten verbucht (Stand: 29. September 2017), nachdem sich der Rückkauf und die Nachrüstung der 2,0-Liter-Fahrzeuge als schwieriger als erwartet entpuppten.

Klage gegen Bosch: In den USA wird auch der Zulieferer beschuldigt, VW mit Software zur Abgas-Manipulation versorgt zu haben. Bosch hat eine Zahlung von 327,5 Millionen US-Dollar zur Beilegung des US-Rechtsstreits akzeptiert

Das Rückkauf- und Entschädigungsprogramm: Anders als in Europa zahlt VW den betroffenen Kunden hohe Entschädigungen und kauft manipulierte Diesel zurück – Forderungen, deutschen Kunden ähnliche Zugeständnisse zu machen, weist der Konzern mit der Begründung zurück, dies würde den finanziellen Ruin bedeuten. VW zahlt US-Kunden Prämien zwischen 5100 und 10.000 Dollar. Insgesamt geht es um rund 475.000 Dieselautos mit Zwei-Liter-Motoren, bei weiteren etwa 80.000 größeren Modellen ist die richterliche Genehmigung des Vergleichs nahe.

Friedhof der Schummel-Diesel in Detroit: Wo bleiben die in den USA zurückgekauften Schummel-Diesel? Rund um den verlassenen Detroiter Silverdome, die 1975 eröffnete Arena war einst Bühne für einen Papstbesuch, erstreckt sich ein Meer aus mehreren Tausend Jetta, Passat und Golf der Serie "Clean Diesel TDI". Ausrangierte Wagen, die wegen illegaler Software zur Abgasmanipulation aus dem Verkehr gezogen und von US-Kunden zurückgekauft werden mussten. Spötter bezeichnen das Areal als "VW-Autofriedhof" oder als "wertvollsten Schrottplatz der Welt". Allerdings hat VW die Hoffnung nicht aufgegeben, die Diesel in einen legalen Zustand umzurüsten und als Gebrauchtwagen zu verkaufen. Dafür müssten aber die US-Umweltämter grünes Licht geben.

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel



Milliardenstrafen und Vergleiche: VW sah und sieht sich in den USA mit zahlreichen Zivil- und Strafklagen in Milliardenhöhe konfrontiert, die aber zum großen Teil mit Vergleichen abgeschlossen wurden. Der Konzern teilte am 30. März 2017 mit, er habe sich im Rahmen eines Vergleichs über Umweltklagen mit zehn US-Bundesstaaten auf die Zahlung von 157,45 Millionen Dollar (146 Mio. Euro) geeinigt. Die Wolfsburger hatten sich bereits im vergangenen Jahr mit US-Behörden und Privatklägern auf Schadensersatzzahlungen und Strafen in Milliardenhöhe wegen Dieselgate verständigt. Dabei wurde auch eine Vereinbarung mit 44 US-Bundesstaaten über 600 Millionen Dollar geschlossen. Trotzdem hatten einige Bundesstaaten weiter gegen den Konzern geklagt.

Ein VW-Manager verurteilt, ein weiterer in Haft: Die US-Justiz verurteilte Ende August 2017 den langjährigen Konzerningenieur James Robert Liang in Detroit zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und vier Monaten sowie einer Geldbuße von 200.000 Dollar (knapp 168.000 Euro). Damit fällte der Richter ein überraschend hartes Urteil, das deutlich über der Forderung des Staatsanwalts lag. Liangs Anwalt legte Einspruch gegen das Strafmaß ein. Anfang Januar hatte die US-Bundespolizei FBI in Florida im Zusammenhang mit dem Abgasskandal den VW-Manager Oliver S. festgenommen. Ihm wird Verabredung zum Betrug vorgeworfen. Der VW-Manager soll eine Schlüsselrolle bei der versuchten Vertuschung des Skandals gespielt haben. S. ist nach wie vor in Haft. Ende Juli kündigt er ein umfassendes Geständnis für den Prozess an. Ihm drohen bis zu 169 Jahre Haft. Mehrere weitere Beschuldigte halten sich in Deutschland auf und müssen keine Auslieferung fürchten.

Entschädigungen und Klagen in Deutschland

Während betrogene Volkswagen-Kunden in den USA reichlich entschädigt werden, gehen die deutschen bislang leer aus. Entsprechende Forderungen weist der Konzern mit der Begründung zurück, dies würde den finanziellen Ruin bedeuten. Zudem seien die Rechtssystem beider Länder unterschiedlich. Mitte September 2017 forderte auch der ADAC 5000 Euro pro betroffenes Fahrzeug als Entschädigung, zur Wiederherstellung von verloren gegangenem Kundenvertrauen.

EU-Kommissarin kämpfte vergeblich für Kundenentschädigung: Auch die EU-Kommission konnte in monatelangen Verhandlungen den VW-Konzern nicht zu einer finanziellen Entschädigung europäischer Kunden bewegen. Volkswagen sagte lediglich eine zweijährige "De-Facto-Extragarantie" für von der Umrüstung betroffene Bauteile zu, sagte EU-Justizkommissarin Vera Jourova. VW sprach dagegen von einer "vertrauensbildenden Maßnahme".

Jede vierte Klage gegen VW erfolgreich: In Deutschland laufen mehrere Hundert Verfahren, in denen Fahrer von VW-Dieseln auf Schadenersatz gegen Händler oder den VW-Konzern klagen. Von den gut 200 bereits erstinstanzlich entschiedenen Klaren war ein Viertel erfolgreich, meldete BILD am 8. April 2017. Von den 2000 eingegangenen Mängelklagen gingen laut BILD-Informationen 40 Prozent direkt an VW, in 60 Prozent wurden Vertragshändler verklagt. Das Ergebnis der bislang 211 erstinstanzlichen Entscheide: In 162 Fällen wiesen Richter die Klage ab, oder die Kläger machten einen Rückzieher. Immerhin seinen 49 Verbraucherklagen erfolgreich gewesen.

Aktionärsklagen: Zahlreiche Anleger fordern Schadenersatz, weil sie nach Bekanntwerden von "Dieselgate" im September 2015 zunächst hohe Wertverluste bei Aktien und Anleihen hinnehmen mussten. Diese solle ihnen VW erstatten. Das Management hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen. Entsprechende Vorwürfe der Marktmanipulation haben auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf den Plan gerufen, sie ermittelt gegen unter anderem gegen VW-Konzernchef Matthias Müller, Vorgänger Martin Winterkorn sowie der Ex-VW-Finanzvorstand und heutige VW-Chefaufseher Hans Dieter Pötsch. Volkswagen ist der Überzeugung, alle Regeln eingehalten zu haben. Das Volumen der bisherigen Anlegerklagen geht bereits in die Milliarden. Am Landgericht Braunschweig soll hierzu ein Kapitalanleger-Musterverfahren laufen, in dem ähnliche Ansprüche aus inzwischen gut 1500 Einzelklagen stellvertretend gebündelt verhandelt werden können. Das Verfahren könnte sich über Jahre hinziehen.

Großkunde will zwölf Millionen Euro Schadenersatz: Auch der erste deutsche Großkunde hat mittlerweile Klage gegen Volkswagen eingereicht. Insgesamt 11,9 Millionen Euro Schadenersatz will der Fischverarbeiter Deutsche See von VW erstreiten, teilte ein Sprecher des Unternehmens mit. Das Unternehmen habe am Landgericht Braunschweig wegen arglistiger Täuschung Klage eingereicht. Bei der Deutschen See sind nach Unternehmensangaben etwa 500 Autos von den Abgasmanipulationen betroffen. "Wir sind tief enttäuscht über VW und fühlen uns hingehalten und betrogen", sagte Deutsche-See-Chef Egbert Miebach.

Die finanzielle Situation des VW-Konzerns

Trotz der Krise konnte VW im ersten Quartal 2017 deutliche Gewinne verbuchen.

VW macht Gewinn: Obwohl der Abgasskandal den Konzern sowohl wegen des erlittenen Vertrauensverlustes und der Strafzahlungen in Milliardenhöhe teuer zu stehen gekommen ist, geht es ihm gut: Von April bis Ende Juni steigerte VW die Erlöse um knapp 5 Prozent auf 59,67 Milliarden Euro. Das bereinigte operative Ergebnis kletterte um fast 4 Prozent auf 4,55 Milliarden Euro. Schon im ersten Quartal 2017 verdiente der Konzern vor allem dank starker Geschäfte in Westeuropa gut, unter dem Strich wurden 3,4 Milliarden Euro Gewinn verbucht, ein Plus von fast 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Umsatz stieg im ersten Quartal um 10,3 Prozent auf 56,2 Milliarden Euro.

Die Talfahrt der Aktie: Nach Bekanntwerden des Skandals stürzte die VW-Vorzugsaktie von etwa 170 auf zeitweise deutlich unter 100 Euro ab. Aktuell (Stand: Ende September 2017) steht sie bei 143 Euro.

Diese Kosten muss VW wuppen: Weltweit laufen Prozesse gegen den Konzern, wieviel ihn der Skandal letztendlich kosten wird, ist nach wie vor unklar. In den USA einigte sich VW mit Klägern und Gerichten bislang auf Straf- und Ausgleichszahlungen in Höhe von etwa 25 Milliarden Euro, noch sind aber einige Verfahren anhängig. Wie viel VW in anderen Ländern zahlen muss, ist noch nicht entschieden, die Prozesse laufen noch – oder haben noch gar nicht begonnen. Zu den Zahlungen aus Straf- und Zivilklagen kommen die Kosten für Autorückkäufe in den USA und die Umrüstungen in Europa. 

Diskussion um Boni, Abfindungen und Gehälter: Für Diskussionen und auch Empörung sorgten die nach wie vor hohen Boni, Abfindungen und Gehälter von VW-Managern. Kritik hatte es gegeben, weil Christine Hohmann-Dennhardt nach nur gut einem Jahr Arbeit als VW-Vorstand für Integrität und Recht zu ihrem Abschied eine Zahlung von über zwölf Millionen Euro erhält. Ebenfalls ein Aufreger: Ex-VW-Chef Martin Winterkorn bekommt mehr als 3000 Euro Rente – pro Tag. Dass der Aufsichtsrat nach anhaltender Kritik beschloss, die Manager-Gehälter auf 10 Millionen Euro pro Jahr zu deckeln, erntete wegen der doch recht bedeutenden Summe eher Kopfschütteln als Lob.

Personelle Konsequenzen / Ermittlungen gegen VW-Manager

Aufgrund des Abgasskandals mussten einige hochrangige VW-Manager ihre Sessel räumen. Der frühere Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn ging Ende September 2015. Er räumt bislang kein Fehlverhalten ein. Sein Nachfolger wurde der damalige Porsche-Chef Matthias Müller, der wiederum von Oliver Blume, bis dahin Porsche-Produktionsvorstand, beerbt wurde. Den Konzern verlassen mussten Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer und Porsche-Forschungsvorstand Wolfgang Hatz. Nach Neußer sowie vier weiteren, teils hochrangigen Ex-Mitarbeitern fahndet die US-Justiz.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Mit Ex-Porsche-Motorenentwickler Wolfgang Hatz sowie einem weiteren Ex-Audi-Manager sitzen zwei Beschuldigte wegen des Vorwurfs des Betrugs in München in Haft. Am 27. September 2017 gab es zudem weiteren Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem gegen mehrere hochrangige VW-Manager wegen Betrugs und Marktmanipulation, unter anderem gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, den aktuellen VW-Chef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Pötsch war unter Winterkorn Finanzvorstand bei VW, er ist derzeit zudem Vorstandsvorsitzender der Porsche SE. Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig laufen gegen ihn, Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess Verfahren schon wegen möglicher Marktmanipulation. Die Strafverfolger in der Diesel-Affäre gehen außerdem in mehreren Dutzend Fällen dem Verdacht des Betrugs nach, auch gegen Winterkorn.

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel

Der Blick in die Zukunft für VW

Konsequenzen und Einsichten: Der Dieselskandal, der längst große Teile der gesamten Autobranche erfasst hat, brachte eine Wende, an die bei VW bis dahin so recht wohl niemand geglaubt hatte. Eine Wende nicht nur in Sachen Unternehmenskultur, sondern vor allem hin zum Elektroauto. Konzernchef Matthias Müller hat einen Kulturwandel bei Volkswagen ausgerufen, dessen Anfang zwar holprig verlief, der aus Expertensicht aber notwendig ist, um den Spagat zwischen alter und neuer Autowelt zu bewältigen. VW stellt mit dem 2020 startenden Elektro-Hoffnungsträger ID und seinen Ablegern eine ganz neue Modellfamilie aufs Gleis. Man hat verstanden, wie wichtig Digitalisierungund Mobilitätsdienstleistungen sind. Weiteres Indiz: die 13. Konzernmarke Moia, die unter anderem Shuttle-Dienste anbieten soll. Gleichzeitig aber müssen auch die Verbrennungsmotoren weiterentwickelt werden, was Milliarden verschlingt.

Konzernumbau: Ein neues Team arbeite am Verkauf von nicht mehr zum Kerngeschäft zählenden Teilen, sagte VW-Chef Matthias Müller dem "Wall Street Journal" (8. September 2017). Diese machten bi s zu einem Fünftel des Umsatzes aus. Gerüchte über eine Fusion mit dem Konkurrenten Fiat Chrysler (FCA) seien aber "Spekulation", so Müller.

Folgen für die Belegschaft: Die Job-Charakteristik im Konzern wird sich unweigerlich verändern. "Für die baulich einfacheren Elektroantriebe werden weniger Beschäftigte gebraucht, das kann man drehen und wenden, wie man will", sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Dabei hatte die Belegschaft bereits eine echte Kröte schlucken müssen: Der "Zukunftspakt", dem Betriebsratschef Bernd Osterloh nach langem Ringen mit VW-Markenchef Herbert Diess zustimmte, ist bei aller Innovation vor allem ein Sparprogramm, das unter anderem den Wegfall von weltweit bis zu 30.000 Jobs vorsieht – allerdings ohne betriebsbedingte Kündigungen. Dafür sollen Tausende Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern entstehen. Tatsächlich wird der Umstieg auf Elektroautos einer Studie zufolge in den kommenden Jahren Zehntausende Arbeitsplätze in der Branche kosten – die gleichzeitig fortschreitende Digitalisierung der Fahrzeuge könnte den Verlust aber in großen Teilen auffangen.

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