Volker Noeske von der Dekra

VW-Abgasskandal: Interview mit der DEKRA

— 02.10.2015

"Kein Hinweis auf eine Zykluserkennung"

Der Abgasskandal wirft Fragen nach Prüfstand-Tests auf. Im Gespräch mit AUTO BILD erklärt DEKRA-Experte Noeske, wie solche Tests ablaufen.

Der VW-Abgasskandal hat Fragen nach dem Ablauf von Abgasuntersuchungen bei der Typprüfung von Autos aufgeworfen. Dazu hat AUTO BILD mit Volker Noeske, dem Leiter des Automobil-Test-Centers bei der DEKRA, gesprochen.

Wenn ein neues Fahrzeug auf den Markt kommt, braucht es eine Typprüfung (Homologation) samt Abgasmessung. Wie wird diese durchgeführt?

Bei der Typprüfung wird auf dem Prüfstand gemessen, wie sich das Abgas zusammensetzt.

Noeske:
Durch die Typprüfung soll sichergestellt werden, dass die auf den Markt kommenden Fahrzeuge Mindestanforderungen an Sicherheit und Umweltfreundlichkeit erfüllen. Schwerpunkte sind dabei Emissionen (Geräusch und Abgas) sowie passive und aktive Sicherheit (z.B. Crash, Fußgängerschutz und Fahrdynamikregelsysteme). Grundlage für die Bestimmung der Abgasemissionen ist gegenwärtig der Neue Europäische FahrZyklus (NEFZ). Vor der Messung sind umfangreiche Vorbereitungen erforderlich. Dabei wird unter anderem das Fahrzeug konditioniert und der Fahrwiderstand am Prüfstand eingestellt. Der Fahrwiderstand wird zuvor mit einem sogenannten Ausrollversuch auf einer Teststrecke bestimmt. Abschließend wird die Messung im NEFZ durchgeführt. Dabei sind entsprechend der Vorschrift alle Nebenverbraucher deaktiviert, die Batterie vollgeladen, der Luftdruck der Räder nach Herstellerangabe eingestellt.
 
Lässt sich in diesem Rahmen feststellen, ob ein Fahrzeug außerhalb des Prüfstandes, also im regulären Fahrbetrieb, höhere Emissionen hat?

Noeske: Dies ist grundsätzlich nicht möglich, da die Vorschriften nur den NEFZ erfordern. Unterschreitet das Fahrzeug dabei den jeweiligen gültigen Abgasgrenzwert, ist die Typprüfung als bestanden zu bewerten. Da die Fahrzeuge auf den NEFZ optimiert sind und dieser den realen Fahrbetrieb nur begrenzt wiederspiegelt (u.a. ausgeschaltete Verbraucher), sind auf der Straße andere, in der Regel höhere, Kraftstoffverbräuche und damit abweichende Emissionen zu erwarten, auch ohne dass Abgasreinigungssysteme illegal abgeschaltet werden. Je nach Fahrweise können dabei auch erhebliche Abweichungen auftreten.
 
Gab es im Rahmen ihrer Prüfungen jemals Verdachtsmomente, dass Fahrzeuge eine eingebaute Zykluserkennung haben?

Auf Grund der Ausstattung aktueller Fahrzeuge mit ABS, ESP und anderen Fahrerassistenzsystemen ist für eine Abgasmessung, der in der Regel auf einem Einachs-Rollenprüfstand stattfindet, in den meisten Fällen ein sogenannter "Rollen-Mode" erforderlich, mit dem diese Systeme – ohne Beeinflussung der Abgasemissionen – deaktiviert werden. Ohne diese Abschaltung würden die Assistenzsysteme einen unplausiblen Fahrzustand (z.B. nur Räder einer Achse drehen sich, kein Lenkeinschlag, kein Impuls an Beschleunigungssensoren) erkennen und in einen Fehlerstatus laufen oder gegebenenfalls sogar versuchen, die "gefährliche" Fahrsituation durch Bremseingriffe zu entschärfen. Bei Gegenmessungen auf unserem Allradrollenprüfstand (ohne Rollen-Mode) sowie Messungen nach anderen Zyklen (Japan, USA, WLTP, ERMES) konnten wir keine Anzeichen für eine Zykluserkennung oder eine Beeinflussung des Abgasverhaltens durch den Rollen-Mode erkennen.
 
Die DEKRA verfügt neuerdings über ein mobiles Abgasmessgerät, das so genannte PEMS (Portable Emissions Measurement System). Zu welchem Zweck werden Sie dieses einsetzen?

Wir verfügen derzeitig über Messsysteme von zwei Herstellern, haben jedoch in einem internen Versuch bereits fast alle verfügbaren Systeme für Real Driving Emissions (RDE) geprüft und verglichen. Wir setzen die Systeme derzeitig für Forschungsprojekte ein und begleiten Hersteller während der sogenannten RDE Monitoring Phase. Dies bedeutet, dass die Hersteller bereits jetzt Daten zu den realen Emissionen bei Straßenfahrten einreichen müssen, obwohl die RDE Werte noch nicht typprüfrelevant sind.

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