VW Blasen 2005, Teil 3

VW Blasen 2005: Der Rattenreport VW Blasen 2005: Der Rattenreport

VW Blasen 2005, Teil 3

— 20.07.2005

Ratatouille à la Lausitz

Wer die blitzblank polierten Pokaljäger auf Tuningtreffen satt hat, der sollte dort mal über den Zeltplatz wandern. Hier kreuchen die Ratten – und jede Menge Unikate, für die TÜV ein Fremdwort ist.

Gibt es einen schöneren Tod für eine Fliege, als sanft geplättet an der Windschutzscheibe eines getunten Golf ins "Show&Shine"-Areal chauffiert zu werden? Wo sich die Juroren um sie scharen, um Punkte für, der Name sagt es schon, "Protz und Glanz" zu vergeben? Wohl kaum.

Flatsch!

Aus der Traum vom romantischen Fliegenabgang. Spätestens auf dem Waschplatz macht jedes Insekt die erste und letzte Bekanntschaft mit dem Autoschwamm, denn: Echte Tuningfans sind reinliche Typen. Das beweisen sie gleich mehrmals am Tag, besonders dann, wenn es gleich auf die Bewertungsbühne geht. Schmutz geht gar nicht, im Prinzip das einzige, das kurz vor dem großen Auftritt noch gecleant werden kann. Alles andere wurde in mühevoller Kleinarbeit und in unzähligen Arbeitsstunden gebrusht, gechopt, lackiert, poliert. So bringt es ein Golf IV leicht auf das Mehrfache seines ursprünglichen Kaufwerts, ohne dass jemals ein Papst drin gesessen hat.

Fehlzündungen aus der Selfmade-Sidepipe

Donnerwetter: Hagen Lichey rief mit seinem infernalisch lauten Ratten-Polo die Ordner auf den Plan – das war wohl zu viel des Blasens.

Doch keine Regel ohne Ausnahme. Auf dem riesigen Gelände des Eurospeedway tummeln sich beim VW Blasen 2005 immer wieder "Ratten"; keine Nagetiere zwar, aber so etwas wie gewollte Fehlbildungen unter sämtlichen Automutationen. Zum Beispiel der weiße Polo II von Hagen Lichey. Weiß ist übertrieben: verdreckt, vergilbt und dann bewusst klarlackiert. So kommt auch eine Fliege gut konserviert in die ewigen Jagdgründe. Bei den Wettbewerben werden die Ratten widerwillig geduldet und allzu gerne in die Kategorie "Crazy Cars" geschoben. Egal, Hauptsache dabei. Wir finden Hagen gleich sympathisch, er uns offenbar auch. "Der ist verdammt laut", grinst er mit Blick auf den Auspuff, der drastisch gekürzt unter der Fahrertür herausragt. Sidepipes aus der Hobbythek, Jean Pütz würde vor Freude der Bart zwirbeln. Und dann geht alles verdammt schnell. Motor an, Gas geben, und: "WUMS!". Bis ins Detail perfektionierte Fehlzündungen. Hagens Grinsen nimmt bestialische Züge an, wir halten uns schmerzgebeutelt die Ohren zu. Alle paar Sekunden ein weiterer ohrenbetäubender Knall, bis ein wichtig aussehender Mensch von der "Orga" kommt und dem Spektakel ein Ende macht.

Der Scirocco ist wieder da: Diese Reinkarnationsstufe hat VW allerdings ganz schnell in der Schublade verschwinden lassen.

Neben Hagen sitzt die Freundin, mit einem selbstgebauten schwarzen Kasten in der Hand, von dem ein Kabel im Armaturenbrett verschwindet. Aha, das Steuergerät. "Hast Du beim Knallen die Hosen an?", frage ich das blonde Geschöpf. "Neee", piepst es zurück, das empfindliche Gerät darf sie zwar halten, bedienen muss aber ER es. Unwahrscheinlich, dass Hagens Dilettanten-Polo die empfindlichen Gemüter der Jury pikieren wird. Statt dessen werden wir auf den Zeltplatz eingeladen, abends sei dort die Sau los, und der Polo zeige noch mal richtig, was er drauf hat. Wir würden ja gerne, doch die Wahl der Miss VW Blasen wird uns davon abhalten.

Rattenalarm auf dem Zeltplatz

Am Tag darauf wagen wir dann doch eine Tour über die Zeltplätze. Der Veranstalter spricht von 24.900 gemeldeten Autos – jetzt wissen wir, wo die alle stehen. Und wir trauen unseren Augen kaum: Während die blitzsauberen Edelgefährte auf dem Festivalgelände funkelnde Blechpokale einheimsen, kreuchen hier die Ratten. Allesamt ohne Nummernschild und nur für einen Zweck gebaut: Tuningtreffen. Denn nur hier dürfen sie legal durch die Gegend schüsseln. Fuck for TÜV, um Werner-Papa Brösel zu zitieren.

Bitte Kopf einziehen – bequem ist was anderes. Dafür kann dieser Polo unter jeder Schranke durchfahren.

Vorbei an einem VW Bus T3 mit angeflanschtem Holz-Hochsitz – eine Augenweide für jeden passionierten Jäger – erspähen wir einen gechopten Polo, bei dem es sicher ratsam war, vor der Blechscherenbehandlung auszusteigen. Wer sich hier hinters Steuer quält, der sollte gelenkig sein, denn die Fahrt ist nur mit angeborener Nina-Ruge-Kopfneigung möglich. Etwas weiter ein offener Hot-Rod-Passat. Die Vorfreude auf unsere Bildergalerie ist berechtigt, denn auch so kann eine Ratte aussehen. Die Schöpfer zeigen eine gute Portion Phantasie: Zwillings-15-Zöller hinten, vorne ein paar zerfetzte Noträder. Fahren kann der Passat leider nicht, denn er ist gerade leicht überhitzt. "Könnte am Ölmangel liegen", philosophiert der Besitzer und gesteht, dass er vergessen hatte, den Zylinderkopfdeckel festzuschrauben. "Dafür ist der Motorraum jetzt gut konserviert". So sind sie, die wahren Helden des 10. VW Blasen.

Autoren: Michael Voß, Maike Horst

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