VW-Chef Martin Winterkorn

VW-Chef Martin Winterkorn im Interview

— 16.06.2008

"Die Zukunft gehört dem Elektroauto"

Martin Winterkorn ist seit Anfang 2007 Vorstandsvorsitzender des VW-Konzerns. Zuvor war er vier Jahre Chef der VW-Tochter Audi. In BILD spricht der 61-Jährige über künftige Ziele, Klimaschutz und den Porsche-Machtkampf.

Seit Januar 2007 steht Martin Winterkorn an der Spitze des Volkswagen-Konzerns. In BILD spricht der 61-Jährige über die Zukunft des Automobilproduzenten, der sich das Ziel gesetzt hat, zum größten Hersteller der Welt aufzusteigen. Volkswagen hat 2007 das erfolgreichste Geschäftsjahr aller Zeiten verzeichnet und weltweit rund 6,2 Millionen Fahrzeuge verkauft. Keine Frage, die Wolfsburger sind auf Erfolgskurs. Um den zu halten, will VW auch beim Klimaschutz Vorreiter sein. Wie das funktionieren soll, welchen Einfluss der Machtkampf zwischen Porsche und Niedersachsen hat und wie das Auto der Zukunft aussieht, verrät Martin Winterkorn im BILD-Interview mit Kai Diekmann und Oliver Santen.

BILD: Herr Winterkorn, wie schädlich ist das politische Hickhack beim Klimaschutz für die Autoindustrie? Die deutsche Autoindustrie leidet unter den unklaren Vorgaben der Politik. Die Menschen wissen nicht, was auf sie zukommt, ob sie künftig mehr oder weniger Autosteuer zahlen müssen. Das verunsichert die Autofahrer sehr. Woran merken Sie das konkret? Der Automarkt in Deutschland tritt auf der Stelle. Die Kaufentscheidung wird bewusst immer weiter verschoben. Das sieht man daran, dass das Durchschnittsalter der Autos auf deutschen Straßen bei fast neun Jahren liegt. Das ist natürlich schlecht für die ganze Branche – und für unsere Umwelt. Denn wären die Autos auf unseren Straßen nur ein Jahr jünger und moderner, würde das allein schon 800 Millionen Liter Sprit sparen.

VW-Chef Martin Winterkorn: "Insgesamt bin ich mit dem, was Frau Merkel erreicht hat, zufrieden."

Frankreich und Deutschland haben sich auf eine Abgasregelung geeinigt, die von Umweltschützern als Sieg der Autoindustrie scharf kritisiert wird. Sind Sie mit der Kanzlerin zufrieden? Insgesamt bin ich mit dem, was Frau Merkel erreicht hat, zufrieden, denn sie sucht den Ausgleich aller Interessen. Auch wenn wir uns gewünscht hätten, dass die Autoindustrie mehr Zeit bekommt, um sich auf die strengen Abgasnormen vorzubereiten. Wir bauen ja schließlich ein Produkt, dessen Entwicklung Jahre dauert und nicht ein Handy, wo man alle paar Monate ein neues in den Markt wirft. Was uns das Leben auch schwer macht, sind die unterschiedlichen CO2-Besteuerungen in Europa, in der EU geht mal wieder jeder seinen eigenen Weg, schützt die eigene Industrie.

Werden es die deutschen Autobauer schaffen, dass die Flotten bis 2015 im Schnitt nur noch 120 Gramm CO2 auf 100 Kilometer ausstoßen? Die deutschen Autobauer können das schaffen. Unser Konzern hat heute schon rund 100 Modellvarianten, die nur 120 Gramm CO2 oder weniger ausstoßen. Das Problem ist nur, dass der Kunde diese Modelle in den letzten Jahren kaum nachgefragt hat. Autofahren wird mit immer neuen Abgaben und Steuern belegt. Verstehen Sie, dass sich viele Autofahrer als Melkkühe der Nation fühlen? Ja, das verstehe ich sehr gut. Individuelle Mobilität ist ein wichtiges Gut, ist unser aller Grundrecht. Und das wird immer mehr beschädigt und mit sinnlosen Verboten eingeschränkt. Damit sollte so schnell wie möglich Schluss sein – auch im Interesse der vielen Hunderttausend Arbeitsplätze in unserer Branche.

Strom aus der Steckdose: Für VW-Chef Winterkorn der Treibstoff der Zukunft.

Der Ölpreis soll dauerhaft hoch bleiben – wie reagiert VW darauf? Wir müssen den Verbrauch der Motoren weiter senken. Mein Ziel ist ein Golf, der zwischen drei und vier Liter auf 100 Kilometer verbraucht, mit dem Golf Blue Motion liegen wir heute bei 4,3 Liter. Und einen Audi A6 bekommen wir sicher in Richtung der fünf Liter vor dem Komma. In den nächsten Jahren kommen wir nicht am Benzin- und Dieselmotor vorbei, aber die Zukunft gehört dem Elektroauto – mit Strom aus der Steckdose. Und der fällt nicht vom Himmel, deshalb sollten wir über Atomkraft neu nachdenken.

Ein anderes wichtiges Thema: Porsche will die ganze Macht bei VW. Ist das wirklich gut für Ihren Konzern? Schon heute sind Mitglieder und Vertreter der Piëch/Porsche-Familie im Aufsichtsrat vertreten, denn Porsche gehören gut 30 Prozent an VW. Wir arbeiten gut und erfolgreich mit Porsche zusammen. Man sollte nicht überbewerten, was hier und da so geschrieben wird. Wer ist eigentlich wirklich VW-Chef? Der Porsche-Clan, Porsche-Chef Wiedeking oder Sie? Was für eine Frage. Ich bin der Vorstandschef des Volkswagen-Konzerns und verantworte mit meinen Vorstandskollegen das gesamte Geschäft. Und ich rechtfertige unsere Arbeit gegenüber dem Aufsichtsrat von Volkswagen. Daran wird sich auch nichts ändern.

Wolfgang Porsche zweifelt öffentlich an Ihrem Ziel, Toyota als besten Autobauer der Welt abzulösen. So was macht man in anderen Unternehmen hinter verschlossen Türen. Ärgert Sie das? Wir werden an dem Ziel, der größte und erfolgreichste Automobilhersteller der Welt zu sein und Toyota zu überholen, festhalten. Und das Rekordjahr 2007 zeigt – wir sind auf dem richtigen Weg. Übrigens war ich vergangene Woche auf dem 65. Geburtstag von Wolfgang Porsche und habe ein Glas Wein mit ihm getrunken. Also so schlecht kann unser Verhältnis ja wohl nicht sein.

Lähmt der Machtkampf zwischen Porsche, dem Land Niedersachsen und dem VW-Betriebsrat Ihr Unternehmen? Nein, wir sind mit Volldampf unterwegs. Über 20 zusätzliche neue Modelle im Konzern in den nächsten drei Jahren, neue Werke in Russland, Indien, den USA, China und Asien, unser Geschäft brummt, wir lassen uns da nicht ablenken. Haben Sie schon mal an Rücktritt gedacht? Nicht eine Sekunde, ich habe zusammen mit dem Management und der Belegschaft von Volkswagen noch Vieles vor.

Was sagen Sie den VW-Mitarbeitern, die sich um Ihre Jobs sorgen und verunsichert sind? Ich habe ihnen gesagt, dass der Erfolg von VW ohne sie nicht möglich wäre und dass wir stolz auf sie sind. Für VW war 2007 das erfolgreichste Jahr aller Zeiten mit 6,2 Millionen verkauften Fahrzeugen. Das erste Quartal 2008 brachte auch einen historischen Rekord. Wie es aussieht, werden wir das dieses Jahr noch steigern. Und: Bis 2010 investiert VW rund 14 Milliarden Euro in die Produktpalette. Allein zehn Milliarden Euro nehmen wir in Deutschland für unsere Zukunft in die Hand. Wir stellen 2200 Auszubildende allein in Deutschland ein, suchen 1300 Ingenieure und Techniker.

Autoren: Kai Diekmann, Oliver Santen

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