Winterkorn

VW-Chef Winterkorn gibt Sparkurs intern bekannt

— 15.07.2014

Milliarden-Diät bei VW

VW-Chef Winterkorn bringt die Pkw-Sparte von Volkswagen auf Sparkurs. Bis 2017 sollen fünf Milliarden Euro eingespart werden.

(dpa) Die schriftliche Zusammenfassung der ungeschminkten Wahrheit braucht ganze vier Seiten. So lang ist die interne Rundmail an die Volkswagen-Manager, die den Kern einer Brandrede ihres Chefs Martin Winterkorn wiedergibt. Der Konzernboss hatte Anfang der Woche vor rund 1000 Führungskräften in Wolfsburg Tacheles geredet und per Rundumschlag die offensichtlichen Renditeschwächen der Kernmarke VW-Pkw gegeißelt. Das vierseitige Rundschreiben gipfelt am Ende der Seite drei an einem bemerkenswerten Punkt: Winterkorn sieht Gefahr für ein zentrales Gen der VW-Kultur: Der Jobmotor des Konzerns und sein Gewinnstreben sollen sich gleichberechtigt die Waage halten.
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Winterkorn nimmt dabei kein Blatt vor den Mund: "Seien wir ehrlich: Wir haben in der Produktivität gegenüber den Kernwettbewerbern unverändert erheblichen Nachholbedarf", sagt er und betont, die Produktivität sei in der Vergangenheit viel langsamer gewachsen als die Kosten für die Arbeitskräfte. "Und deshalb frage ich: Mit welchen Übereinkünften lassen sich unsere gleichrangigen Unternehmensziele 'Wirtschaftlichkeit' und 'Beschäftigung' in einer wettbewerbsfähigen Balance halten?" Diese Frage, gestellt vom Chef persönlich, bedeutet in der VW-Welt ein mittleres Erdbeben.
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Winterkorn hat nun ein Sparziel ausgerufen. Fünf Milliarden Euro soll die Kernmarke bis 2017 freischaufeln. Nur wie? Winterkorn sagt, dass die Entwicklungskosten seit 2010 um beinahe 80 Prozent in die Höhe geschnellt seien. Und er spricht die sogenannte Fertigungstiefe an. Sie meint vereinfacht gesagt, wie viel der Konzern an seinen Autos selber macht und was zugeliefert wird. "Wir müssen uns hier stärker auf Kernkompetenzen für die Mobilität von morgen fokussieren", sagt der Boss. "Das heißt auch, sich von Themen zu verabschieden, die bei Lieferanten profitabler gefertigt werden können." Schon heute lähme die Kostenstruktur. So sei etwa der Bau einer Modellvariante des VW Tiguan "nach heutigem Ermessen an einem deutschen Standort nicht wirtschaftlich machbar", sagt Winterkorn. Und es kling schon fast dramatisch, wenn er sogar von der "Zukunftssicherung für unsere Marke und für die nächsten Generationen bei Volkswagen" spricht.

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Fünf Milliarden Sparziel sind selbst für Deutschlands größten Industriekonzern ein ziemlicher Batzen. 2013 fuhr dessen Kernmarke nicht einmal mehr drei Milliarden Euro Gewinn ein - bei knapp 100 Milliarden Umsatz. In solchen Größenordnungen würden fünf Milliarden Einsparungen die Rendite von Volkswagen Pkw von drei auf acht Prozent in die Höhe katapultieren. Mindestens 6 Prozent sollen es 2018 sein.

Damit kämen die Wolfsburger in Sphären ihrer ostasiatischen Rivalen Toyota und Hyundai. Beide Konzerne verdienen schon heute um die neun Prozent ihres Umsatzes als operativen Gewinn – und das überwiegend mit Mittelklasseautos. Denn Premiummarken wie Audi und Porsche, die vergangenes Jahr zwei Drittel des operativen Gewinns beim VW-Konzern beisteuerten, spielen bei Toyota und Hyundai untergeordnete Rollen.

Immerhin: so schlimm wie in den Jahren 2005/2006 ist die Lage bei der Kernmarke heute längst nicht. Damals schrammte die Marke VW nur knapp an roten Zahlen vorbei. Die Alarmglocken schrillten seinerzeit viel heller, der damalige Markenchef Wolfgang Bernhard stellte alles auf den Prüfstand. Mit seiner Drohung, die Golf-Fertigung aus Wolfsburg ins Ausland zu verlagern, zog er sich den Zorn der Beschäftigten zu.

In zähem Ringen einigten sich Management und Arbeitnehmervertreter schließlich 2006 auf einen Sanierungs-Tarifvertrag, der massive Kostensenkungen brachte. Erreicht wurde dies vor allem durch längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich – die berühmte Vier-Tage-Woche bei VW wurde damals zu Grabe getragen. Die Kernmarke mit Modellen wie dem Golf oder dem Passat erholte sich in den folgenden Jahren zwar in Sachen Gewinnkraft. Doch noch immer ist die Rendite vergleichsweise bescheiden - vor allem mit Blick auf Wettbewerber wie Toyota. Und die Japaner sind der Weltmarktführer, an dem der VW-Konzern vorbei will.

Soweit die Furcht des obersten Managers um die Gewinnkraft. Doch zur VW-Besonderheit gehört auch die Arbeitnehmerseite auf der anderen Seite der Waage. Und so war VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh gleich mit einer Reaktion zur Stelle. In der Mitarbeiterzeitung pflichtet er Winterkorn zwar bei, dass die Rendite stärker ins Blickfeld gehöre. Bei der Fehleranalyse betont er jedoch: "Mit den Arbeitskosten liegen wir auf Wettbewerbsniveau. Aber bei der Produktivität müssen Vorstand und Management endlich ihren Job machen." Eine mangelhafte Planung des Fabrikausstoßes mit der Auslastung und Verfügbarkeit von Anlagen sei nicht die Schuld der Werker am Band. Das sei pure Managerplanung.

Auch die von Winterkorn kritisierte Explosion der Entwicklungskosten komme nicht von ungefähr. Die Forschungskollegen machten super Jobs, doch VW schiebe halt auch viel auf die verlängerte Werkbank externer Entwicklungs-Dienstleister und koordiniere das dann oft mangelhaft. Der Zwölf-Marken-Konzern müsse stärker die gemeinsamen Einsparchancen antreiben. Eine andere Baustelle sei die Abstimmung im Verkauf. "Die Vertriebsplanung spottet häufig jeder Beschreibung", sagt Osterloh und zieht für das Sparen schon einmal eine klare Grenze: "Einschnitte bei tarifvertraglichen Leistungen wird es mit uns nicht geben."

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