VW Golf 2.0 FSI

Fahrbericht VW Golf 2.0 FSI Fahrbericht VW Golf 2.0 FSI

VW Golf 2.0 FSI

— 19.09.2003

Typisch Golf

Alles wie gehabt. Nur viel besser. Hier ist der erste AUTO BILD-Fahrbericht des neuen VW Golf.

Der Neue bleibt ganz der Alte

Ein Kribbeln. Wirklich, es kribbelt im Bauch. Da steht der neue Golf, die fünfte Ausgabe von Europas meistgekauftem Modell. Weihnachten für Autofahrer. Neue Gölfe erscheinen schließlich nicht jedes Jahr wie der IKEA-Katalog. Ein feierlicher Moment. Ich steige ein, staune kurz – und keine drei Minuten später ertappe ich meine Finger dabei, wie sie nebenbei an der Navigation herumfummeln. Ist der Golf nun so langweilig? Oder so vertraut?

"Der Golf kann nur einen Fehler machen", hat VW-Chef Bernd Pischetsrieder gesagt. "Dass er kein Golf mehr ist." Doch starke Gegner und die Kunden verlangen Fortschritte. Ein Peugeot 307 ist geräumiger, ein Focus agiler, ein Scénic familientauglicher. Also vollführt Volkswagen das Kunststück, seinen Goldesel komplett umzukrempeln – nur damit der Neue ganz der Alte bleibt.

Dass der neue Golf in alle Richtungen ein paar Zentimeter zugelegt hat, wird man schon im Verkaufsraum sehen. Damit entwächst er sogar der ursprünglichen Golf-Klasse. Was soll's? Der Golf bestimmt, was Golf-Klasse ist – und so steht er auch da. Dynamischer, mit einer keilförmigen Fensterlinie und einem Zug um die Augen, als hätten sich in das liebe VW-Grinse-Gesicht, bekannt von Polo und Passat, ein paar gebleckte Zähne geschlichen. Everybody's Wolf.

Überall fühlbar mehr Platz

Das Wachstum ist sogar zu fühlen. Drinnen haben die Schultern drei Zentimeter mehr Luft, das Gepäck 20 Liter mehr Platz, und im Fond werden die Knie nicht länger gepresst, sondern geparkt. Nicht unbedingt lässig, aber immerhin. Ein großer Schritt für die Golf-Welt, ein kleiner für die Menschheit.

Die Einrichtung ist so vertraut wie die heimische Küche. Man sitzt hervorragend, alles liegt dort, wo es sein soll – und der Überblick durch das kleine Heckfenster ist wieder mal bescheiden. Allerdings ist jetzt das dritte Jahrtausend in die Küche eingezogen. Es gibt (natürlich gegen Aufpreis) einen automatisch abblendenden Innenspiegel, eine Zwei-Zonen-Klimaautomatik und in der Mittelkonsole, wo im ersten Golf noch ein Radio zitterte, jetzt einen 7-Zoll-Monitor. Der passt nur deshalb, weil die Knopfleiste darunter auf Mikado-Größe geschrumpft ist.

Mit den Händen zu greifen ist manchmal auch der Rotstift, etwa am lieblos gestalteten Lenkrad und im Fond, wo serienmäßig nur noch die Lehne geteilt ist, aber nicht mehr die Sitzfläche. Kommentar der Techniker: "Mehr wollen die Kunden nicht." Sie bekommen auf jeden Fall mehr Gewicht. Rund 40 Kilo hat der (zugegeben größere) Golf ausstattungsbereinigt zugelegt; da mag man kaum glauben, dass der Spritkonsum nicht steigt. In drei Schüben bringt VW die Motoren: erst vier zum Verkaufsstart am 17. Oktober, dann im Frühjahr 2004 vier weitere Triebwerke: drei Benziner (1.4 FSI/90 PS, 2.0 FSI/150 PS, 1.6/102 PS) sowie ein 2.0-SDI-Saugdiesel mit 75 PS. Schließlich folgen im Herbst die Sportler, darunter der GTI mit 2.0-FSI-Turbo und 200 PS.

Leichtfüßig und komfortabel

Deshalb fuhren wir bei der "letzten Abnahmefahrt" den 150 PS starken 2.0 FSI, der im Charakter ein Sportler ist, im Klang ein Gentleman. Die neueste Version mit Benzin-Direkteinspritzung läuft so leise, dass laut pfeifende Windgeräusche von den A-Säulen richtig stören. Im Antritt etwas schlaff, kommt der FSI ab 4000 Touren richtig ins Laufen und verbraucht laut Multifunktionsanzeige neun bis zehn Liter. VW-Chef Pischetsrieder verspricht weitere Spar-Fortschritte: "FSI-Technik hat großes Entwicklungs-Potenzial."

Besonders stolz sind die Techniker auf einen Golf-Fortschritt, den die Käufer nicht sehen und eher selten spüren werden. Die neue Vierlenker-Hinterachse (ein Prinzip, das dem Focus seit fünf Jahren das beste Fahrwerk in dieser Klasse gab) macht den neuen Golf zugleich leichtfüßiger und komfortabler.

Auf trockener, glatter Fahrbahn hält der Vorgänger noch mit, aber wird der Untergrund schlechter, klebt der Neue auch nach Wellen sicher am Boden. Und das natürlich auf die typische Golf-Weise, das heißt komfortabler als der Focus und weniger sportlich als der A3. Zu diesem Jedermann-Charakter steuert auch die neue elektromechanische Lenkung ihren Teil bei – indem man sie einfach nicht spürt. Dass sich im Verborgenen eine kleine technische Revolution abgespielt hat (nämlich der Umstieg von der früheren mechanischen Lenkung) – keiner kriegt es mit. Von so viel Reibungslosigkeit träumen viele Computer-Nutzer.

Ausstattungen und Extras

Alles eitel Sonnenschein in "Golfsburg"? Nicht ganz, denn das werbewirksame Argument, der neue Golf werde nicht teurer, schafft VW nur deshalb, weil vor gerade sechs Monaten die Preise noch fix angehoben worden sind. Zudem schlagen die Wolfsburger bei den Extras kräftig zu. So kosten die hinteren Türen, früher für 995 Mark zu haben, jetzt 995 Euro, wenngleich inklusive E-Fensterhebern. Auch das typisch Golf.

Technische Daten und Preise

Doch über den Erfolg des Golf Nummer fünf entscheiden weniger objektive Fortschritte als die Qualität des Serienanlaufs – da hat VW zuletzt öfter gepatzt. Wie will Wolfsburg verärgerte Kunden oder gar Rückrufe vermeiden? "Wir haben ein Anlaufteam unter dem Wolfsburger Werksleiter Werner Neubauer gebildet", so Entwicklungsleiter Prof. Wilfried Bockelmann. Ergebnis: 20 bis 30 Prozent weniger Fehler in der Vorserie und vor allem "keine Auffälligkeiten bei der Elektronik". Gar keine? Daran werden wir den Golf messen – und an seinen Gegnern im ersten Vergleichstest. Demnächst in diesem Kino.

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