VW Golf I von Valentin Schneider

Golf I von Valentin Schneider (2007) Golf I von Valentin Schneider (2007)

VW Golf I von Valentin Schneider

— 11.05.2007

Der Berg ruft!

AUTO BILD TUNING hat ins Schwarze getroffen. Das Interesse an den Hintergründen der automobilen Show-Kulissen ist enorm. Die Mehrzahl der Leser meinte, wir seien – abgesehen von ein bisschen viel "Bling-Bling" – auf dem richtigen Weg. Grund genug, einen Leckerbissen vorzustellen, der hält, was sein Äußeres verspricht!

Es sind keineswegs nur Frauen, die ab einem gewissen Alter nach Selbstverwirklichung streben. Valentin Schneider (43) ist das beste Beispiel für einen Mann, der nicht nur genau weiß, was er will. Er hat auch noch im Kopf, was er schon immer wollte. Allerdings dauerte es ein wenig, bis er in dem Golf I, den man ihm bereits 1993 kostenlos überließ, das Salz in der Suppe des Lebens erkannte. Welche Spuren das Salz winterlicher Straßen an der Karosserie des Fahrzeugs hinterlassen hatte, fiel dagegen sofort auf. Zu allem Überfluss war da noch ein störendes Loch im Dach des 1er-Golf, das sich mittels einer zwischen den Sonnenblenden positionierten Kurbel verschließen ließ. Bei Motorsportfreunden ist dieses Extra ganz besonders unbeliebt, weil es unnötige Pfunde auf die Waage bringt. Dennoch stand der 1600er-GTI auf den damals gnadenlos angesagten ATS-Cup-Felgen mit den obligatorischen 195/50-15er-Reifen. Die erste Wiederbelebung des Gefährts beschränkte sich auf eine eher notdürftige Instandsetzung, die immerhin zu einer frischen TÜV-Plakette führte. So bereitete das 110-PS-Triebwerk noch zwei Jahre ungetrübtes Fahrvergnügen.

Erst Gebraucht-, dann Rennwagen. Dazwischen liegen Jahre!

Bulliger Auftritt nach einem spektakulären Neuaufbau.

Danach stand der Wagen bis zum Jahr 2002 an ein und demselben Fleck in Valentin Schneiders kleiner, aber feiner Hardcore-Tuning-Werkstatt, bekannt als die heiligen Hallen von TS Motorsport in Valley. Hier kam Mechaniker Markus Jäger auf die Idee, mit dem alten VW Golf ein paar Bergcup-Rennen zu bestreiten. Die Aktion endete beim zweiten Trainingslauf des zweiten Rennens mit einem Totalschaden. Dieser Umstand sollte die ambitionierten Piloten allerdings nicht daran hindern, 2003 erneut anzutreten. Das Auto hatte während des Winters wieder seine Ursprungsform angenommen. 2004 versuchte Valentin Schneider selbst sein Glück mit dem bereits mehrfach runderneuerten Gefährt. Gegen Ende der Saison waren ihm alle Schwachstellen bekannt; es galt, eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Unter anderem ging es um 50 Kilo, die der GTI zur Wahrung der Chancengleichheit abspecken musste. Dabei half eine saubere Restaurierung der Karosserie, wobei neben zahlreichen anderen original VW-Blechteilen auch ein "lückenloses" Dach zum Einsatz kam.

Nach erfoglreicher Bearbeitung leistet der 1,6-Liter-Motor 238 PS!

Der Motor lief ebenfalls zur Höchstform auf. Sein Kernstück ist eine geschmiedete Kurbelwelle mit geringerem Hub, den eine größere Bohrung ausglich, um den Klassenerhalt im Starterfeld der 1,6-Liter-Racer zu garantieren. Der nach allen Regeln der Kunst bearbeitete Zylinderkopf verfügt natürlich über 16 Ventile, die selbst bei 10.200 Umdrehungen pro Minute klaglos ihren Dienst verrichten. Auf diese Weise leistet der mit einem Katalysator ausgerüstete Sauger stolze 238 PS. An dieser sensationellen Ausbeute sind auch eine MBE-Einspritzung sowie eine 3D-Kennfeldzündung maßgeblich beteiligt. Das Steuergerät kommuniziert mit der AIM-Datenaufzeichnung. Sie ist Bestandteil einer Hightech-Armatur, die alle technischen Vorkommnisse während der Fahrt mitschreibt, darunter Gaspedalstellung, Lenkbewegungen, jede Form der Beschleunigung, Federwege, Abgas-, Wasser- und Öltemperatur, Öldruck und vieles mehr. Sämtliche Werte sind jederzeit über ein Display abrufbar.

Das System erkennt, in welcher Fahrstufe das sequenzielle Sechsgang-Getriebe gerade arbeitet, und unterbricht während eines Schaltvorgangs automatisch die Zündung für Bruchteile von Sekunden. Die Dauer der Unterbrechung ist für jeden einzelnen aller möglichen Gangwechsel gesondert vorprogrammiert.

Immer alles fest im Griff: Dafür sorgt ein 35er-Sparco-Sportlenkrad.

Renntrimm ohne Show

Um das aus dem "Renault Clio Cup" stammende und für den Einsatz im Golf genauestens abgestimmte Getriebe verbauen zu können, wurde zur Herstellung einer passenden Getriebeglocke auf der CNC-Fräse ein individuelles Programm geschrieben. Wenn man sonst auch nicht gern über Geld spricht, so sei doch verraten, dass dieses Getriebe ohne besagte Glocke gut 9000 Euro kostete. Das hört sich zwar recht kostspielig an, der Preis liegt jedoch lediglich 2000 Euro über dem eines normalen Clio-Renngetriebes. Der Schalthebel sollte sich in unmittelbarer Nähe des geschüsselten 35er-Sparco-Lenkrads befinden. Das machte eine aufwendige, turmähnliche Konstruktion über dem Mitteltunnel erforderlich, die garantiert, dass das tapfere Schneiderlein von seiner König-Carbon-Schale aus jederzeit optimalen Zugriff auf das perfekt abgeschmeckte Sechsgängemenü hat. Sollten Ereignisse eintreten, die zu einer gewissen Appetitlosigkeit führen könnten, sorgen der Sabelt-H-Gurt und die Heigo-Zelle für den Erhalt der Lebensgeister. Ganz so gefährlich, wie das klingen mag, ist die Angelegenheit jedoch nicht.

760 Kilo Volkswagen bieten Sicherheit in jeder Beziehung

Schließlich verfügt der Bergrenner ja über ein KW-Competition-Rennfahrwerk mit Unibal-Lagern und -Gelenken, dessen Stoßdämpfer dreifach verstellbar sind. Vorn beißen modifizierte G60-Bremszangen in die innenbelüfteten Bremsscheiben. Hinten tragen Scheibenbremsen mit den Alu-Sätteln vom Golf IV dazu bei, die auf das Gramm genau 760 Kilo schwere Fuhre zu stoppen. Die mit Zehn-Zoll-Slicks bereiften Felgen messen 10x15 Zoll. Der Regenreifensatz ist nur acht Zoll breit. Zu guter Letzt zählt, was unterm Strich herauskommt. Das ist in diesem Fall nicht irgendein Geldbetrag. Es ist vielmehr die erwähnte Selbstverwirklichung des Valentin Schneider, der sich mit diesem Fahrzeug und seiner Teilnahme an Bergrennen einen Lebenstraum erfüllte. Doch es sollte noch besser kommen: Die Endabrechnung des Bergcups 2006 weist ihn in der Klasse H bis 1600 Kubikzentimeter als Gesamtsieger aus.

Autor: Helmut Horn

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