A-Klasse und Golf im Dauertest

VW Golf/Mercedes A-Klasse: Dauertest

— 24.01.2014

Extremtour in Transsilvanien

Extra-Strapaze für die Dauertestwagen Mercedes A-Klasse und VW Golf: eine Dienstfahrt nach Transsilvanien, die Heimat Draculas.

Seit genau einem Jahr bereichern zwei interessante Dauertestwagen den Redaktions-Fuhrpark: Mercedes A 180 und VW Golf VII. Heiß diskutiert der eine – wegen des Wandels vom hochbeinigen Seniorenauto zum jugendlichen BMW-Verschnitt. Kritisch beäugt der andere – weil jeder Golf natürlich noch besser sein muss als seine Vorgänger, und das auf Dauer. Um es vorwegzunehmen: Die ersten Dauertest-Ergebnisse waren kontrovers und bleiben es bis heute. Die Mercedes-Fraktion kann sich zwar mit dem Äußeren der A-Klasse anfreunden, stellt aber die Minderheit. Die Golf-Gene offenbarten sich – wie üblich – erst auf den zweiten Blick. Danach aber fingen viele Tester Feuer. Bis heute ist er einer der beliebtesten Dienstwagen.

Mit maximaler Beladung geht es in Richtung Osten

Wenn vollpacken die Devise ist, gelangt man bei der A-Klasse deutlich schneller an Ziel als beim Golf.

Etwas mehr als eine Erdumrundung haben die beiden bereits auf der Uhr, aber so richtig weit in der Welt herumgekommen sind sie noch nicht. "Diether, du hast doch Freunde in Rumänien. Schau doch mal, wie sich die Dauertester jenseits unseres glatten Asphalts anfühlen. Und lade sie richtig voll", meinte Testchef Andreas Borchmann. Okay. Vollladen also, möglichst mit acht Personen. Erster Test des Platzangebots: Im Golf fühlen sich vier Erwachsene wohl, sitzen kommod und genießen eine gute Übersicht. Die A-Klasse bietet innen nur Economyclass. Und, auweia: Wer beim Einsteigen nicht aufpasst und sich eilig hinters Steuer windet, der bekommt eine deftige Kopfnuss vom tief gezogenen Dach verpasst. Und damit nicht genug: Die hohe Seitenlinie verringert die Rundumsicht auf Sehschlitz-Niveau. Netter gesagt: Die A-Klasse hat Coupé-Charakter mit hinterer Strafbank, der Golf das fühlbar bessere Platzangebot.

In beiden Testkandidaten stecken Turbo-Vierzylinder

Spaß für den Fahrer: Beide Testwagen sind mit 122 PS starken Motoren bestückt – das reicht vollkommen.

Das beweist diese Langstrecken-Fahrt, das zeigen auch die Vergleichstests des vergangenen Jahres, aus denen der Golf im Kapitel Raumangebot stets als Sieger hervorging. Unser Kompromiss auf dem Weg nach Transsilvanien: vier Mann und Gepäck im Golf, aber nur drei in der A-Klasse. Im November 2013 startete die ungewöhnliche Test- und Messfahrt. Keine Probleme zu Beginn: Bis kurz vor die rumänische Grenze legt sich das lückenlose und bequeme Band der Autobahnen. Okay, ab Österreich tempobeschränkt und mautbewehrt. Dafür aber nicht so überfüllt wie in deutschen Landen. Beim Übernachtungs-Stopp im ungarischen Mako erste Motorenkritik: Zwei Vierzylinder-Benziner mit Turbo und jeweils 122 PS, vorn quer eingebaut, und beide lassen ihre Fahrer frohlocken. Sie arbeiten wie Zwillinge, erlauben Tempi von über 200 km/h und haben einen Testverbrauch von circa 6,5 Liter Super (AUTO BILD-Messung).

Beim Golf äußern die Fahrer milde Kritik am manchmal eigenwillig schaltenden DSG-Automatikgetriebe. Beim Mercedes A 180 missfällt ihnen die lange und damit lahme Übersetzung der beiden oberen Gänge. Wenn es nicht mehr ist ... Der eigentliche Balkan-Härtetest startet hinter den Schlagbäumen Ungarns. Oder besser: das Überlebenstraining.

Der Begriff "Straße" bedeutet nicht überall das Selbe

Als Straßen bezeichnen die Rumänen durchaus andere Verkehrswege, als man es aus Deutschland kennt.

Autobahnen sind in Rumänien Mangelware, ergo dient die mit Hundekadavern garnierte Europastraße 68 als stummer Zeuge sinnfreier Raserei. Niedergewalzte Leitplanken, zercrashte Autos und Lastwagen, die ihre Reifen gen Himmel strecken, erzählen gruselige Geschichten von verschätzten Bremswegen, überraschendem Gegenverkehr oder Übermüdung. Polizei? Kontrollen? Ab und an steht ein Politia-Dacia am Straßenrand, der Gegenverkehr warnt per Lichthupe. Trotz drakonischer Strafen hatte Rumänien 2012 prozentual die meisten Verkehrstoten der EU. Zum Glück können die beiden Testwagen auch bei voller Zuladung mancher kritischen Situation davonspurten, doch vor den Tücken der Nebenstraßen schützt sie das nicht. Spätestens nach den meist harten Wintern platzen dort Schlaglöcher auf wie die Schneeglöckchen, rütteln mit roher Gewalt an den Achsgeometrien und malträtieren die Reifen. Alltägliche Bodenwellen machen ih­rem Namen alle Ehre, oft gibt es Kontakt mit der Wagenunterseite.

Von Nachtfahrten auf Nebenstraßen ist dringend abzuraten

Zu flach für Transsilvanien: Wer nicht aufpasst, setzt mit der A-Klasse bei Straßenverwerfungen auf.

Der flacher liegende Mercedes muss deshalb vorsichtiger bewegt werden. Kurzum: Nachtfahrten auf Neben­straßen sind keine gute Idee – auch wegen des häufigen Wildwechsels. Bären sind selten, Wasserbüffel begegnen einem schon häufiger, ganz abgesehen von Kühen und Schafen. Vorausschauende Fahrweise ist überlebenswichtig im Dracula-Land Transsilvanien. Tagsüber zeigt dieser Landstrich seinen Gästen die liebliche Seite. Hügelige Landschaften tragen wogende Wiesen und Wälder bis an den Rand der im Frühsommer noch schneebedeckten Karpaten. Zwischendrin ruhen bunte Straßendörfer, ragen uralte Kirchenburgen hervor. Orte wie Bran (Törzburg) oder Sighisoara (Schäßburg) kämpfen mit geschmacklosem Vampirkult um das Geld der Touristen. In Viscri (Deutsch-Weißkirch) unterhält Prinz Charles einen Biohof, fliegt ab und an mit Camilla per Hubschrauber ein. Sibiu (Hermannstadt) war 2007 Weltkulturerbe-Stadt, ist dank täglicher Flugverbindungen sehr bequem erreichbar.

Nach der Testfahrt das Fragen-Finale: Welcher unserer beiden Kompakten ist der beste Rundum-sorglos-Reisewagen? Die Mitfahrer stimmen eindeutig für den Golf VII. Ihre Argumente: angenehm zeitlose Optik, gutes Raumangebot, hoher Komfort. Allerdings: Die A-Klasse ist der Hingucker im Vergleich, erregt mehr Aufsehen in einem armen, aber autoverrückten Land wie Rumänien. Ob das für ein Autoleben reicht, bleibt fraglich. Denn nichts ist so vergänglich wie die Mode.

Technische Daten Mercedes A 180 Vierzylinder, Turbo, vorn quer • Hubraum 1595 cm³ • Leistung 90 kW (122 PS) bei 5000/min • max. Drehmoment 200 Nm bei 1250/min • Vorderradantrieb • Sechsganggetriebe • L/B/H 4292/1780/1433 • Leergewicht 1358 kg • Tank 50 l • 0-100 km/h 9,0 s • Vmax 202 km/h • EU-Mix 5,5 l Super/100 km • CO2 128 g/km • Testverbrauch 6,4 l/100 km • Preis 26.000 Euro.
 
Technische Daten VW Golf VII 1.4 TSI Vierzylinder, Turbo, vorn quer • Hubraum 1395 cm³ • Leistung 90 kW (122 PS) bei 5000/min • max. Drehmoment 200 Nm bei 1500/min • Vorderradantrieb • Sechsgang-DSG • L/B/H 4255/1790/1452 • Leergewicht 1249 kg • Tank 50 l • 0-100 km/h 9,3 s • Vmax 203 km/h • EU-Mix 5,2 l Super/100 km • CO2 120 g/km • Testverbrauch 6,6 l/100 km • Preis 27.000 Euro.
Diether Rodatz

Diether Rodatz

Fazit

Einigkeit macht stark. Und wir Transsilvanien-Tester sind uns einig: Der Golf VII ist das bessere Reiseauto. Der Mercedes punktet nur bei der herrlich präzisen Lenkung und den Vordersitzen. Beim Antrieb herrscht Gleichstand, alles andere bleibt unter gewohntem Mercedes-Standard. Früher kopierte die Konkurrenz den guten Stern, heute sollten sich die Stuttgarter mal von den Herren Piëch und Winterkorn inspirieren lassen.

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