VW Golf Sportsvan im 150.000-Kilometer-Dauertest

VW Golf Sportsvan 1.4 TSI: 150.000-Kilometer-Dauertest

Ein Golf will nach oben

Nach 100.000 Kilometern lautete das Urteil: fast wie neu und viel zu schade zum Zerlegen. Also fuhr der VW Golf Sportsvan noch mal 50.000 Kilometer weiter.
So viel sei schon mal verraten: Sie können sich wirklich auf ihn verlassen. Der Golf Sportsvan hat die 100.000 Kilometer mehr als nur tapfer durchgehalten. Er hat die AUTO BILD-Dauertestdistanz so überzeugend und pannenfrei überstanden, dass wir ihm 50.000 Kilometer Zuschlag wegen guter Führung aufbrummten. Und auch die hat er fast klaglos absolviert. Doch der Reihe nach. Es ist April 2015, als ein Golf zu uns kommt, der VWs angekratzten Ruf in Sachen Zuverlässigkeit wieder in die Spur bringen soll. Oha, wir kennen aus der Vergangenheit ja so einige Wolfsburger Pannentypen. So gesehen geht es mit dem neuen Probanden endlich wieder aufwärts – passenderweise auch räumlich. Der Sportsvan ist nämlich der hochsitzige, praktischere Kompakte mit Van-Anstrich. Früher hieß so etwas Golf Plus. Exakt 30.050 Euro kostet der Sportsvan als 150 PS starker TSI mit Highline-Ausstattung und der Siebengang-Getriebeautomatik DSG (steht bei VW für Direktschaltgetriebe mit Doppelkupplung). Ein stolzer Preis, könnte man denken – doch das ist nur der Anfang. Der Testwagen war letztlich nochmals 10.000 Euro teurer, weil (empfehlenswerte) Extras wie das adaptive Stoßdämpfersystem, Sicherheitsassistenten wie der aktive Notbremsassistent oder auch Komfort-Extras wie ein ergoActive-Sitz und die automatische Rangierhilfe "Park Assist" an Bord waren. Also: Über 40.000 Euro für einen Golf mit hohem Dach und dynamischem Namen. Mal sehen, ob der Sportsvan so viel Geld am Ende auch wert ist.

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Der lustlose Turbo-Benziner nervte die meisten Fahrer

Der Anfahrkomfort der Doppelkupplung wurde zu Recht kritisiert. Die Technik erweist sich allerdings als strapazierfähig und haltbar.

Wenn wir uns der Bezeichnung ganz akademisch nähern, wird's gleich mal eng. Ein von Beginn an eigenwillig zubeißendes Getriebe (das unkomfortable Anfahrverhalten von VWs Doppelkupplungsgetrieben wurde schon in zahllosen Vergleichstests gerügt) sowie die eher lustlose Leistungsentfaltung des Turbo-Benziners im unteren Drehzahlbereich bemängelten im Grunde alle Testfahrer. Die Ampel springt auf Grün – das Start-Stopp System reagiert gelassen, dann rückt die Kupplung ein – und daaaann geht's irgendwann mal los. Ein beherzt durchgetretenes Gaspedal hilft nicht. Das quittiert die Fuhre mit einem unangenehmen Sprung nach vorn. An Verschleiß oder einem schleichenden Defekt liegt das übrigens nicht, wie die Untersuchung nach Zerlegung des Getriebes ergab. Nicht ein Zehntelmillimeter Abrieb am Belagelement der Anfahrkupplung. VW bekommt die Sache einfach nicht besser in den Griff. Dennoch: Lieber mit den DSG-Tücken leben als mit einem Handschalter über staugeplagte Autobahnen kriechen.

Der Sportsvan fungiert als rollender Stressless-Sessel

Aber wir halten auch fest: Der Sportsvan will im Grunde seines Herzens und entgegen der Taufe durch die Marketing-Abteilung ja eh viel lieber sanft schaukelnder Packesel mit Familienanschluss sein. Das bestätigten auch nahezu sämtliche Nutzer. Tolles Federungsverhalten, hervorragende Sitze, viel Platz für die Passagiere, leises Fahrgeräusch, verbindliches Fahrverhalten und simple Bedienung verfestigten das Bild, das im Prinzip alle Kollegen nach einer längeren Reise ins Fahrtenbuch zeichneten: Der Sportsvan ist so etwas wie ein rollender Stressless-Sessel. Entspannend auch, dass der Verbrauch des 150 PS starken Benziners trotz schneller Autobahn-Etappen nie zu hoch war. Zwar schraubte sich der Testverbrauch von anfangs 6,6 Litern auf 7,2 Liter. Doch selbst das ist akzeptabel. Schade, dass sich gerade auf den Fahrten mit viel Mann und Material der Kofferraum als relativ klein erwies. Hilfreich ist hier die variable, verschiebbare Rücksitzbank. Nebeneffekt der raumsparenden Auslegung: Den Sportsvan empfanden Nutzer als angenehm übersichtlich. Entsprechend selten kam die automatische Einparkhilfe zum Einsatz. Also: 215 Euro sparen – es geht prima ohne.
Mehr zum Thema: Die Dauertest-Rangliste mit allen Testergebnissen

Die Werkstatt hat unser Kandidat genau fünfmal besucht

Beim kräftigen Schließen der Heckklappe schlägt diese etwas durch. Folge: minimale Anstoßspuren durch Kontakt mit den Gehäusen der Rückleuchten.

Ein 150.000 Kilometer langer Marsch ohne Defekte und vor allem ohne Pannen ist etwas Besonderes im AUTO BILD-Dauertest. Dennoch ist die lange Reise auch am Sportsvan nicht spurlos vorübergegangen. Am Endschalldämpfer bildeten sich Risse. Ein Schönheitsfehler, der nur die äußere Hülle (5 mm) betrifft. Die dickere (7 mm) zweite Hülle sichert eine lange Weiterfahrt ohne Funktionsbeeinträchtigung. Laut VW ist der Topf für die doppelte Strecke ausgelegt. Käufer der ausklappbaren Anhängerkupplung kennen vielleicht einen Fehler (nicht nur) vom Sportsvan: Der Mechanismus kann sich verklemmen. Als Folge mag die Kupplung nicht mehr ausklappen. Wer Gewalt anwendet, hat zum Schluss den Griff in der Hand – die Kupplung aber noch längst nicht ausgeklappt. Auch die Heckklappe sollte man sanft ins Schloss werfen. Sonst droht Kontakt zwischen Rückleuchten und Blechkörper. Doch das sind Kleinigkeiten. Die AHK hat VW geändert. Der Service kennt das Problem und kann helfen. Unser Kandidat war genau fünfmal in der Werkstatt. Alle 30.000 Kilometer. So gehört es sich, wenn man an die Spitze fahren will.
In der Bildergalerie erfahren Sie, was während des Tests außerdem aufgefallen ist.

Wertung: VW Golf Sportsvan
Fehlerpunkte max.
Zuverlässigkeit
Liegenbleiber 0 x 15 0
Motor-/Getriebeschaden 0 x 15 0
Defekte Antriebs-/Funktionsteile 0 x 5 0
Zusätzlicher kurzer Werkstattbesuch 0 x 3 0
Zusätzlicher mehrtägiger Werkstattaufenthalt 0 x 5 0
Defekte und Sonderarbeiten (Radio/Navi/Flüssigkeiten etc.) 0 x 2 0
Defekte Kleinteile (Lampen etc.) 1 x 1 1
Langzeitqualität (aus Demontage)
Karosserie (Konservierung, Lack, Teppiche, Verkleidungen) 0–5 0
Motor (Leistung, Dichtigkeit, Ablagerungen, Laufspuren) 0–5 0
Getriebe (Dichtigkeit, Abrieb, Zustand, Kupplung) 0–5 0
Abgasanlage (Zustand, Kat, Aufhängung, Abschirmbleche) 0–5 0
Fahrwerk (Achsen, Federung, Lenkung, Befestigung) 0–5 2
Elektrik (Kabel, Stecker, Steuergeräte, Sicherungen) 0–5 0
Alltagswertung /Fahren
Ergibt sich aus den Eintragungen im Fahrtenbuch 0–10 1
Gesamtpunkte 4
Note: 1
0 Punkte: 1+; 1–4 Punkte: 1; 5–8 Punkte: 1-; 9–12 Punkte: 2+; 13–16 Punkte: 2; 17–20 Punkte: 2-; 21–24 Punkte: 3+; 25–28 Punkte: 3; 29–32 Punkte: 3-; 33–36 Punkte: 4+; 37–40 Punkte: 4; 41–44 Punkte: 4-; 45–48 Punkte: 5+; 49–52 Punkte: 5; 53–56 Punkte: 5-; ab 57 Punkte: 6.

Manfred Klangwald

Fazit

Es geht doch, VW. Wenn man sich in Wolfsburg auf alte Tugenden und Talente besinnt, kommt als Ergebnis nicht das aufregendste Auto der Welt heraus. Dafür aber ein Alltagsheld, der tapfer malocht und zäh durchhält. Mit einem solchen Ergebnis nach 150.000 Kilometern Dauerlauf kann VW verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Zumindest ein wenig. Note: 1

Autoren: Manfred Klangwald, Jan Horn

Stichworte:

Kompaktvan

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