VW Passat made in USA: Fahrbericht

VW Passat VW Passat

VW Passat made in USA: Fahrbericht

— 05.10.2011

Gut genug für Deutschland?

In und für Amerika baut VW noch echte Volkswagen. Etwa den Passat, der umgerechnet ab 15.000 Euro vorfährt. Lohnt der Grau-Import? Ein Fahr-Versuch in Übersee.

"Willkommen in East Huntington!" steht auf dem Schild, doch der Fremde zögert, die Einladung anzunehmen. Denn von dem abgewohnten Ort mit seinen austauschbaren Schnellimbissen, Supermärkten und Tankstellen hat sich der Wohlstand schon vor Jahrzehnten verabschiedet. In den späten 70ern war das Wirtschaftswunder in Pennsylvania niedergekommen und hatte Arbeit geschaffen für über 5700 Glückliche, die bei VW of North-America ein Auto montieren durften, das wie geschaffen schien als Antwort auf die Ölkrise: den Rabbit, die verschlimmbesserte US-Version des Golf. Ein Erfolg wurde er nicht, doch das war gestern. Heute baut VW in Amerika wieder die US-Version eines deutschen Erfolgsmodells: diesmal den Passat. Und der lässt nicht nur den Rabbit alt aussehen, sondern auch die aktuellen Modelle von Toyota, Hyundai und Chevrolet.

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Zügig und sparsam: Als 2.0 TDI ist der Passat in knapp zehn Sekunden auf Tempo 100.

Das liegt zunächst einmal vor allem am Einstiegspreis von 19.995 Dollar für den handgeschalteten 2,5-Liter-Fünfzylinder mit 170 PS, an dem kaum etwas zu verdienen sein dürfte. Doch weil Geiz allein noch nie geil war, überzeugt der Baby-Phaeton darüber hinaus mit handfesten Argumenten. Dem überdurchschnittlichen Platzangebot, der tadellosen Verarbeitung und den ausgewogenen Fahreigenschaften. Zu ersten Testfahrten schnappten wir uns einen silbernen 2.0 TDI mit 140 PS und Direktschaltgetriebe. Den bietet VW hier für umgerechnet rund 20.000 Euro an. Die stattliche Limousine ist zwar kein Energiebündel, beschleunigt – handgestoppt – aber in knapp zehn Sekunden von null auf 100 km/h und verbraucht über die gesamte Strecke nur 4,8 Liter. Macht rund 1250 Kilometer Reichweite. Völlig entspannt schnürt der US-Passat im großen Gang den Highway 119 in Richtung neue Heimat Chattanooga. Die erlaubten knapp 130 km/h schafft der TDI mit leicht erhöhter Leerlaufdrehzahl und damit leise genug, um die tolle Fender-Musikanlage voll zur Geltung kommen zu lassen.

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Familientreffen: Der US-Passat mit dem in den USA "Rabbit" genannten VW Golf.

Am zweiten Tag geht es quer durch die Pampa von West Virginia nach Tennessee. Hier glüht die Landschaft selbst im Hochsommer dank gefühlter 110 Prozent Luftfeuchtigkeit in immer neuen Grüntönen. Je näher die Grenze zu Kentucky rückt, desto öfter grast auf den Hügeln hinter den schneeweißen Bretterzäunen nicht profanes Fleckvieh, sondern der Stolz der amerikanischen Pferdezüchter. Der Passat absolviert das stete Auf und Ab, die plötzlichen Richtungsänderungen und das dauernde Wechselspiel der Beläge als Null-Fehler-Ritt innerhalb der Sollzeit. Schwächen? Dem Fahrwerk fehlt das letzte Quäntchen Geschmeidigkeit, die Servolenkung ist nicht ganz so gefühlsecht wie das Gegenstück europäischer Prägung, die US-Reifen sind mehr der Lebensdauer verpflichtet als Grip und Straßenlage, die Türen klingen beim Schließen eher nach Polo als nach Phaeton. Trotzdem wird der US-Passat seinen Weg machen, denn er bietet vor allem im Fond mehr Platz als die Konkurrenz, ist im SE-Trimm fast schon luxuriös eingerichtet, lässt sich problemlos bedienen und gibt sich keine einzige fahrdynamische Blöße.

Ein idealer Kandidat für den Graumarkt-Import ist er dennoch nicht wirklich. Denn neben einigen Umrüstungen muss noch mal über ein Drittel des Rechnungsbetrags an Steuern und Zoll nachgezahlt werden. Zum anderen sind wichtige Extras wie Xenon-Licht, Fahrer-Assistenzsysteme und eine EU-taugliche Navigation gar nicht lieferbar. Und zum Dritten erweist sich die Stufenhecklimousine für viele Kunden eben als weniger sinnvoll als ein Kombi. Die Amerikaner können sich freilich nicht beschweren, denn sie zahlen für den neuen Passat zwischen 7000 und 10.000 Dollar weniger als für den alten, bekommen gleichzeitig aber mehr Auto fürs Geld. Im Gegensatz zum Rabbit, der nicht einmal dem damals schon 33 Jahre alten Käfer das Wasser reichen konnte, handelt es sich beim Passat um einen echten Volkswagen zum Volkstarif.

Ab Januar 2011 sollen pro Jahr 150.000 US-Passat vom Band laufen

Hohe Absatzziele: Im ersten Jahr sollen in Amerika 150.000 Passat vom Band rollen.

Deshalb sind die VW-Verantwortlichen überzeugt, dass es diesmal kein Ende mit Schrecken geben wird wie 1988, als das 350 Millionen Dollar teure Unternehmen Westmoreland mit der größten Firmenpleite des Staates Pennsylvania in die Geschichte einging. Noch laufen die Bänder in Chattanooga, wo Deutsche und Amerikaner je 500 Millionen Dollar investiert haben, nicht mit voller Kraft. Doch ab Januar sollen die 2000 Werker im Zweischicht-Betrieb 150.000 Autos pro Jahr produzieren. Der Stundenlohn hat sich seit 1978 zwar auf 14,50 bis 19,50 Dollar mehr als verdoppelt, liegt damit aber immer noch deutlich unter Europa-Niveau. "Schade, dass VW nicht nach New Stanton zurückgekehrt ist", bedauert Adam Holmes die Entscheidung für das strukturstärkere Chattanooga. "Wir haben hier alle Möglichkeiten", freut sich dort Andreas Linke, der von seinem neuen Werk auf jene Fläche blickt, auf der man die Kapazität bei Bedarf verdoppeln kann – von den mittelfristig geplanten 250.000 Autos auf eine halbe Million. Spätestens dann wird es nicht nur weitere Karosserievarianten geben, sondern auch eine zweite Modellreihe, den Passat SUV.

Wie in Russland und Indien geht VW hier neue Wege, indem man die Komponentenfertigung nach Möglichkeit auslagert, um das Investitionsrisiko zu minimieren. Gleichzeitig soll der local content (der Anteil an Teilen, die in Amerika produziert werden) bei steuergünstigen 85 Prozent festgeschrieben werden. "Trotzdem liegen wir im internen Qualitätsindex auf gleicher Höhe mit dem Passat aus Emden", freut sich Andreas Linke, der in diesem Zusammenhang auf schlanke Prozesse und einfache Abläufe verweist. Der neue US Passat ist definitiv kein Auto fürs Herz wie der New Beetle made in Mexico. Aber er ist auch kein Verzicht-Fahrzeug wie der allererste Rabbit. Stattdessen präsentiert sich der große Volkswagen als geschickter Wanderer zwischen den Welten. Er ist deutsch genug, um technisch auf der Höhe der Zeit zu sein. Er ist international genug, um den oft eingebürgerten Wettbewerbern aus Asien auch in Bezug auf Design und Qualität Paroli bieten zu können. Und er ist amerikanisch genug, um das Preis-Leistungs-Wettrennen für sich zu entscheiden. So dürfte der Passat made in USA dort ausgesprochen willkommen sein.

Technische Daten VW Passat 2.0 TDI (US-Version) • Vierzylinder, Turbo, vorn quer • 4 Ventile pro Zylinder • Hubraum 1968 cm³ • Leistung 103 kW (140 PS) bei 4000/min • max. Drehmoment 320 Nm bei 1500/min • Vorderradantrieb • Sechsgang-DSG • Reifen 215/55 R 17 v./h. • L/B/H 4867/1834/1486 mm • Radstand 2804 mm • Leergewicht 1540 kg • Kofferraum 529 l • Tankinhalt 70 Liter • 0–100 km/h 9,1 s • Verbrauch nach US-Norm 7,6 l Diesel (urban), 5,5 l Diesel (extra urban) • CO2 199 g/km (urban), 144 g/km (extra urban).
Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Der US-Passat ist kein Grauimport-Geheimtipp, denn für Europa ist er etwas zu groß. Daneben fehlen ihm wichtige Extras. Doch die Amerikaner werden dieses Auto lieben, denn es bietet viel Platz, ist günstig und gediegen. Spätestens zur Modellpflege will VW einen Kombi nachschieben, und auch der Passat SUV gilt als beschlossene Sache – dieser Typ vielleicht dann sogar mit Export-Perspektive.

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