VW Polo 1976 und 2002

VW Polo 1976 und 2002 VW Polo 1976 und 2002

VW Polo 1976 und 2002

— 14.02.2002

Hätten Sie ihn wieder erkannt?

Als Jugendlicher fuhr Kollege Specht Polo. Mittlerweile sind beide erwachsen. Und begegnen ihrer Vergangenheit. Erkenntnis: "Mann, wie haste dich verändert!"

Vom Unfallauto zum Traumwagen

Wie sieht ein Polo in 25 Jahren aus? Keine Frage, die mir damals in den Sinn gekommen wäre. Eher schon, wie ich aussehen werde. Oder Autos überhaupt. Aber ein Polo? Ich war 19, stand kurz vor dem Abi und hatte den Kopf mehr im Motor- als im Klassenraum. Mit den Kumpels geschraubt, bis der Arzt kam. Kein Tag ohne schwarze Fingernägel oder blöde Verletzung, weil man mal wieder in den Tiefen des Radhauses mit dem Maulschlüssel abgerutscht war.

Meine Liebe galt einem Polo GLS, mit allen Extras und Schiebedach, 60 PS. Die Top-Version. Neupreis: fast 12.000 Mark. Nur: Der Vorderwagen war faltig, Unfall nach 800 Kilometern. Verhandlungsbasis 5000 Mark. So stand er in der Zeitung. Die Gelegenheit. Ich meine, die Gelegenheit, mich mit meinem Kreditgeber wieder gut zu stellen: meinem Opa, eingefleischtem Lloyd- und DKW-Fahrer, Frontantriebs- Fetischist. Und sein Enkel fuhr bis dato eine hochtourige japanische Heckschleuder namens Honda S 800. Wofür er mich fast enterbt hätte.

Ungezählte Ausbeul-,Schweiß- und Lackierstunden später stand er da wie neu. Allerdings mit ein paar kleinen Änderungen: VW-Zeichen aus dem Grill entfernt (wegen Understatement), "Breitreifen" vom Golf aufgezogen (175/70 SR 13, mehr ging damals nicht) und einen (!) Talbot-Spiegel weit vorn auf dem linken Kotflügel montiert. Obercool. Wer brauchte schon zwei von innen elektrisch einstellbare? Vorn spielte die Musik.

S-Klasse für den Schulparkplatz

Vom Gefühl her fuhr der kleine Polo wie die S-Klasse, meinte ich zumindest. Spritzig, handlich, leicht und leise. Und was für ein Komfort! Ein Traumauto gegen all die Prinzen, Kadetten oder R 4, die sonst noch so vor der Schule parkten. Und heute? Steht so ein Teil bei uns auf dem Testparkplatz. Polo LS, ziemlich verlottert. Vermutlich 18 Vorbesitzer. Die dicken Kunststoffstoßstangen sagen mir: nicht die Urversion, sondern zweite Generation. Zur Erinnerung: Die ersten Polo hatten noch diese dünnen U-Profile, mehr Zier- als Stoßleiste. Aber wenigstens verchromt. Damals gab es noch die Polo-Billigversion mit 40 PS, Zwölf-Zoll-Rädern, Trommelbremsen und Pappverkleidungen in den Türen. Deren Stoßstange war silbern lackiert. Der Wagen kostete anfänglich zwar nur knapp über 7500 Mark, so richtig haben wollte ihn trotzdem keiner.

Spätestens beim Anlassen des betagten Wolfsburgers holt die Vergangenheit mich wieder ein, die stets mit dem gleichen Ritual begann: Zündung an, einmal Gaspedal getreten, Choke je nach Wetter etwa drei viertel gezogen (ja, liebe Spätgeborene, so etwas hatten die Autos früher!) und mit viel Gefühl den Vergaser und die kleinen Kolben bei Laune gehalten. Zwei, drei Ampeln weiter lief dann alles rund. Damals eine Kunst. Der neue Polo hat diese Prozedur schon in seinen Genen. Kollege Computer regelt alles. Modernste Einspritztechnik, saubere Abgase. Ich muss nur noch den Schlüssel drehen, mich um nichts mehr kümmern.

Ob kalt oder warm, der Motor läuft perfekt schon ab der ersten Umdrehung. Auch in Sachen Fahrdynamik, Qualität, Verarbeitung, Sicherheit, Ausstattung und Raumgefühl trennen die beiden Welten. Wäre auch traurig, wenn nicht. Aber wie kann es kommen, dass ich den neuen Polo immer noch als "basic" empfinde? So, wie ein Kleinwagen heute sein sollte?

Ansprüche gestern und heute

Die Ansprüche sind gestiegen, vielleicht sogar unverhältnismäßig. Wer möchte heute noch auf Zentralverriegelung mit Fernbedienung verzichten? Ich nicht. Geteilt umlegbare Rücksitzlehnen? Eine Selbstverständlichkeit. Wehe, es wird dafür Aufpreis verlangt.

Wenn es schief läuft, wird genörgelt. Das Spaltmaß am Handschuhfach ist heute Synonym für Verarbeitungsqualität. Verrückt - als ob die passgenaue Fuge mein Leben bereichern würde. Und als drohe es gar ausgelöscht zu werden, sobald hinten keine Kopfairbags schlummern oder an den Rädern das fast heilige ESP fehlt. Wird es nicht. Aber ich fühle mich vermeintlich besser aufgehoben, geborgener, sicherer. Im Umkehrschluss: Mir wird plötzlich mulmig, mit dem alten Polo auf die Straße zu gehen. Kein ABS, keine Airbags, weder Gurtstraffer noch Gurtkraftbegrenzer. Das gesamte Crashverhalten ist derart lausig, dass ich genauso gut kopfüber aus dem Fenster springen könnte.

Und wie empfängt mich der Innenraum? Speckiges Plastik wie aus dem sowjetischen Kombinat, die Lenksäule ist gar nicht, der Sitz nur in Längsrichtung verstellbar, die Scheiben zum Kurbeln, eine Primitivheizung mit billigen wie fummeligen Schiebereglern, das Vierganggetriebe hakelig, keine Cupholder, kein Lichtsummer, manuelle Außenspiegel und plärrige Musik aus Aldi-Lautsprechern.

Ich frage mich, wie ich all diese Dinge früher wahrgenommen habe. Vermutlich gar nicht. Es gab keinen besseren Kleinwagen. Im Gegenteil: Der Polo war hochmodern. Heute muss alles perfekt sein, bis hin zum silikongedämpften Haltebügel. Auch diesen besitzt der neue Polo, klar, und vermittelt damit den Eindruck der Perfektion. Verloren hat er dafür ein bisschen an Seele, seine einst so charmante Unbedarftheit ist fort. Und - wer weiß? - vielleicht sagen dies meine Freunde heute auch über mich.

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