Wolfsburgs (un)gleiche Brüder

VW Polo 1.4 Trendline gegen VW Golf IV 1.4 Trendline VW Polo 1.4 Trendline gegen VW Golf IV 1.4 Trendline

VW Polo gegen VW Golf

— 13.02.2002

Macht der Polo den Golf überflüssig?

Groß und komfortabel wie nie: Der neue VW Polo fährt dem Golf gefährlich dicht ans Blech. Er ist eindeutig die neuere Konstruktion. Und billiger.

Selbstbewußt und muskulös

Als Bernd Pischetsrieder - zukünftiger VW-Chef und Gentleman aus München - Wolfsburger Sitten analysierte, war er geschockt. In dem norddeutschen Konzern herrsche, so sein Eindruck, purer Kannibalismus. Anstatt nur Konkurrenten aufs Korn zu nehmen, zerfleischten sich viele Modelle gegenseitig. Beispiel VW Golf: Der muss nicht nur gegen deutsche, europäische und asiatische Konkurrenten bestehen, sondern auch noch gegen Skoda Octavia, Seat León und Audi A3. Der neue VW Polo wird Pischetsrieders Laune kaum bessern.

Mit 3,9 Meter Länge erreicht er einstige Kompakt-Dimensionen. Ein Format, das viele Golf-Interessenten ins Grübeln bringen dürfte. Das liegt schon am Erscheinungsbild des Polo. Er steht fast so selbstbewusst da wie der muskulöse Golf. Doch der Polo überragt ihn um fast fünf Zentimeter - kleinwagenhaft wirkt da nur noch der niedliche Augenaufschlag der Lupo-Front. Und dann der Preis: Der viertürige Polo Trendline mit 75 PS kostet 27.235 Mark - satte 5720 Mark weniger als der Golf in der gleichen Ausstattungs- und Motorversion. Wenn das kein Argument ist.

Komfort wie im Golf

Der Polo, die Billiglösung? Kaum. Wer in ihm Platz nimmt, begreift zunächst nicht, wo die Wolfsburger das Geld eingespart haben. Das Ambiente wirkt fast so nobel wie im Golf - unsere Kinder werden kaum glauben, dass das Leben im Kleinwagen einst nacktes Blech und hartes Plastik bedeutete.

Auch beim Platzangebot weht ein Hauch der schönen großen Autowelt durch den Polo. Vier Personen bringt man wie im Golf bequem unter. Die Rückbank, im Kleinwagen ein enges Provisorium? Wer das noch behauptet, entlarvt sich als Oldtimer-Fan. Der Unterschied beim Platzangebot ist in den Fonds sogar noch weniger spürbar als vorn. Dennoch: Auf der hinteren Golf-Bank fühle ich mich eine Spur besser untergebracht, kann die Füße weiter unter die Vordersitze ausstrecken.

Im neuen Polo kann wirklich eine komplette Familie auf Reisen gehen - wenn sie das Gepäck mit der Bahn schickt. Denn mit 270 Liter Kofferraum stehen 60 weniger zur Verfügung als beim Golf. Tröstlich für Polo-Fahrer: Auch der Golf kann die Raum-Grenzen eines Kompaktwagens nicht sprengen. Aber die des Federungskomforts. So souverän und samtig, wie er Bodenunebenheiten abtastet, das hat schon (Ober-)Klasse. Der Polo, der auf Kopfsteinpflaster schon eher mal dröhnt und klappert, kommt da nicht ganz heran. Doch das sind Nuancen, echte Komfort-Defizite sind im Polo nicht zu spüren.

Fahrleistungen und Testwerte

Beim Fahrverhalten ist der Unterschied größer: Der Golf rollt satt und ruhig ab - die solide Burg. Quirlig und behände dagegen der Polo: Obwohl nur gut einen Zentner leichter, fegt er wieselflink durch die Stadt und schlüpft so gelenkig in Parklücken wie wir in einen Jogginganzug. Dabei hilft die leichtgängige Lenkung, die aber in schnellen Kurven zu viel des Guten tut. Hier vermisse ich das richtige Gefühl für die Straße.

Motoren und technische Daten

Dramatisch wird es im Polo selten zugehen. Dafür sorgt das sichere Fahrwerk. Und die bescheidene Motorleistung. Denn 75 PS, in Kleinwagen einst ein heißes Versprechen auf sportlichen Fahrspaß, setzen den aktuellen Polo nur noch zögerlich in Bewegung. Viel mehr als im behutsam zulegenden Golf kann der 1,4-Liter nicht ausrichten. Die Sekunde Vorsprung bei der Beschleunigung von null auf 100 km/h stempelt den Polo nicht zum flinken Flitzer.

Preise und Kosten

Der Kleine ist eben groß geworden. Das realisieren jetzt auch die Wolfsburger: Sie spendieren dem Golf plötzlich großzügig Extras. Alle Modelle haben seit dem 30. November 2001 neben ESP auch elektrische Fensterheber und Außenspiegel, Zentralverriegelung und Alufelgen (Trendline) serienmäßig. Ausstattungsbereinigt kostet der Golf so nur noch rund 2000 Mark mehr als der Polo. Es lebe der Kannibalismus.

Fazit und Zeugnis

Fazit Zu Beginn schien die Sache klar: Der Polo beeindruckte mit gutem Platzangebot für vier Personen, schöner Verarbeitung und einem Fahrkomfort, der kaum Wünsche offen lässt - Kleinwagen-Askese adieu. Gewiss, der Golf, die solide Burg, kann fast alles eine Nuance besser. Er hat etwas mehr Platz, das Fahrwerk rollt souveräner ab, und der Qualitätseindruck ist noch besser. Aber dafür 5000 Mark mehr bezahlen? Nein, der Polo schien erste Wahl. Doch dann flatterte die Meldung vom großzügigen Ausstattungspaket auf den Tisch, das VW jetzt dem Kompakten spendiert. Preisnachteil jetzt: nur noch 2000 Mark. Objektiv viel Geld. Subjektiv: gut angelegt im Golf.

Punktewertung

Der Golf gewinnt in der Punktewertung mit klarem Vorsprung. Wer andere Akzente setzen will, rechnet einfach die entsprechende Rubrik raus und kommt zu seinem eigenen Ergebnis.

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