VW Race Touareg II: Fahrbericht

VW Race Touareg II VW Race Touareg II

VW Race Touareg II: Fahrbericht

— 03.11.2010

Der Stadt-Neurotiker

Von der Wüste an die Waterkant: Das VW-Siegerauto erkundet unbekanntes Terrain – die Großstadt. Nichts kann den Race Touareg in Hamburg stoppen, nur seine Größe.

"Umdrehen!" Der Mann mit der Schirmmütze macht eine unmissverständliche Handbewegung. "Mien Jong, du bist zu breit." Frechheit. Ich bin stocknüchtern und werde gleich stocksauer. Da bin ich mit einem Superpromi, einem echten Champion unterwegs, und dieser Typ will uns nicht reinlassen. Aber der steht eben nicht als Eingangskontrolle zu einem angesagten Klub, sondern vorm Eingang zum alten Hamburger Elbtunnel. Und in dieser 1,90 Meter schmalen Rinne gelten andere Regeln. Ich bin wirklich zu breit. Oder besser, mein VW Race Touareg, der Seriensieger der legendären Dakar- Rallye, der von Spiegel zu Spiegel über zwei Meter misst. Es passt nicht. Aber damit musst du rechnen, wenn du als Rallye-Ikone und Hightech-Prototyp in die Großstadt kommst.

Tracktest: Mit dem Race Touareg in der marokkanischen Wüste

Für steinige Etappen schleppt der
RT II einen Satz 235/85er-BF-Goodrich-Puschen mit.

Der RT II (der offizielle Name für den 2. Race Touareg) hat die Marathon-Prüfung bereits zweimal gewonnen. Hat sich erfolgreich durchs felsige Calamuchita-Tal gewühlt und ist am schnellsten über die knochentrockenen Kuppen der Atacama-Wüste gebügelt. Ein Raubein, das sich für AUTO BILD auf ganz anderem Terrain bewähren soll: in der City, dem Pflaster für schöne SUVs und veredelte Geländewagen. Schon die erste Prüfung treibt mir den Schweiß aus den Poren: wenden vor den Landungsbrücken – zwischen hupenden Touristenbussen und wartenden Taxis. Was für eine Tortur! Ich sehe nach hinten gar nichts, das sequenzielle Getriebe hakt. Wendekreis: gefühlte 100 Meter. Müssen Wüsten-Piloten nie umdrehen?

Hamburger Elbsand? Ein Witz für den wüsten Touareg

Egal, wer 16 Tage Tortur-Rallye am Stück und bis zu 796 Kilometer lange Etappen im Höchsttempo abreißt, kann schon mal am piekfeinen Jungfernstieg scheitern. Obwohl das bunte Monster amtlich zugelassen ist. Im Fach, in dem sonst Landkarten von Chile oder Argentinien stecken, finde ich einen Fahrzeugschein – Volkswagen Motorsport, Erprobungsfahrzeug, Emissionsklasse unbekannt. Das Papier zeigt, dass VW nicht nur einen Serien-Touareg zum Sandläufer umgestrickt hat. Mit dem Komfort-SUV hat der von Hand gefertigte Offroader letztlich so viel gemeinsam wie die Sahara mit einer Sandkiste aus dem Baumarkt. Aber der Motor ist im Kern ein alter Bekannter: der Turbodiesel aus dem Touareg R5 TDI.

Allerdings beschränken sich die Gemeinsamkeiten auf die Zylinderzahl. Statt kultiviert und dezent zu brummen wie ein Serien-TDI, macht die zweistufig aufgeladene Maschine des RT den Lauten. Knurrt, brummt, hechelt, schlürft und pfeift bereits im Stand wie eine Herde Kamele beim Vorrat-Saufen. Zudem leistet der Rennmotor statt braver 174 nervöse 300 PS, stemmt statt 400 Nm Drehmoment das Doppelte. Okay, RT, ich hab' verstanden. Mit Bummelfahrten durch die City und Gezockel in der Stau-Karawane lässt du dich also nicht aus der Reserve locken. Vielleicht auf dem Weg in den Freihafen. Hier will ich den weit gereisten VW an seine Grenzen bringen. Was verträgt ein derart steifer und stabil gebauter Apparat?

Übersicht: News und Tests zur Marke Volkswagen

Carbon trägt Armaturen und Schalter, der Überrollkäfig stabilisiert den RT
im Crash-Fall.

Ich lasse ein Hinterrad mit Schmackes über die Ecke einer Verkehrsinsel rumpeln. Nichts! Der Racer knarzt kurz im Carbon-Gebälk, den Rest stecken 250 Millimeter Federweg weg. Zurück bleiben schwarze Schlieren auf den weißen Randsteinen und kopfschüttelnde Fahrradfahrer. Vielleicht kann ich die Maschine beim Ampelsprint zum Ölschwitzen bringen. Von wegen. Wer auf Vollgas bei 50 Grad im Schatten trainiert ist, entwickelt zwischen zwei Kreuzungen mit maximal 60 Sachen keine innere Hitze. Ohnehin hätte ich alle Möglichkeiten, einem schmorenden TDI per Extra-Kühlung Entspannung zu verschaffen – die meisten der in der Mittelkonsole verstreuten Schalter betätigen leistungsstarke Gebläse, die Differenziale, Ladeluft- oder Wasserkühler anpusten.

Dann muss der Touareg eben im Elbsand ackern. Vis-à-vis zu den Landungsbrücken liefert er eine lässige Sprungeinlage. Aber der kleine Wall belustigt den blauen Spring-Bock allenfalls, die kurze sandige Auffahrt daneben sowieso. Gleich drei Sperren verblocken TDI und All-Terrain-Reifen zu einer Art Zahnradbahn für Elbböschungen – nee, Hamburg hat nichts zu bieten, was den RT II aufhält. Höchstens Türsteher.



Technische Daten: VW Race Touareg II
Motor Fünfzylinder-Reihendiesel, mehrstufige
Turboaufladung, vorn längs
Hubraum 2500 cm³
Leistung circa 221 kW (300 PS)
Drehmoment circa 800 Nm
Antrieb Permanenter Allradantrieb, drei Sperrdifferenziale
Getriebe Sequenzielles Fünfganggetriebe
Reifen 235/85 R 16
Länge 4171 mm
Breite 1996 mm
Höhe 1762 mm
Höchstgeschwindigkeit circa 190 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 5,9 s
Gewicht 1787 kg

Jan Horn

Jan Horn

Fazit

Der Name Touareg täuscht. Der Serien-SUV ist allenfalls um Ecken mit dem RT II verwandt. Egal – der Renner fasziniert wie kein anderer VW. Er ist hart, laut und kompromisslos wie ein Tourenwagen, robust und zäh wie ein Unimog. Wundert mich nicht, dass VW damit die Dakar gewinnt.

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