VW Scirocco R/R-Cup: Vergleich — 05.07.2011
Flottes Scirocco-Doppel
Die sportlichste Straßenversion trifft auf der Rennstrecke ihren Cup-Bruder. Scirocco R und Cup-R begegnen sich in Oschersleben. Wir waren überrascht, wie nah die Serie am Rennwagen dran ist.
Das Blitzen der Warnblinkanlage sticht aus der dunkelblauen Karosserie hervor. Die Bremslichter brennen wie das Rot einer Ampel in meinen Augen. Bis hierhin und nicht weiter, scheint der dunkelblaue
Scirocco R vor mir signalisieren zu wollen. Auf der Straße wäre das Fahrmanöver eine Vollbremsung, deutlich sehe ich das Heck schwänzeln. Bis VW-Fahrinstruktor und Rennfahrer Fabian Plenz in die Shell-Kurve abbiegt. Im knallorangen Scirocco-Bruder, dem Rennwagen des R-Cup, kann ich mich mühelos heranbremsen. Die Scheiben der AP-Rennbremsanlage haben vorn fast 36 Zentimeter Durchmesser. Die weichen und profillosen Rennslicks greifen förmlich in den Asphalt, setzen den Befehl der Bremsen willig um.
Frisch vom Fass: Unter ca. 200 Bar Druck verflüssigtes Bio-Erdgas speichert ein zylinderförmiger Tank im Fond.
Zugegeben: Dieses Duell hier in der Motorsport Arena Oschersleben ist nicht ganz fair. Denn während der 265 PS starke Scirocco R ein voll alltagstaugliches Straßenauto ist, hat
Volkswagen Motorsport die Cup-Variante ganz für den Einsatz als Markenpokal-Renner auf der Rennstrecke getrimmt. Die Besonderheit: Statt Superbenzin strömt beim Cup-R aus biologischen Abfällen wie Gülle gewonnenes Methan in die Zylinder, wegen seiner chemischen Gleichheit "Bioerdgas" genannt. 225 PS mobilisiert der gleiche 2,0-Liter-Motorblock wie im Straßenauto damit. Allerdings musste er von Direkt- auf Saugrohreinspritzung umgerüstet werden. Die Spezial-Injektoren können das Gas nicht direkt in den Brennraum sprühen. Weniger Leistung und trotzdem schneller? Auf die Rundenzeit gesehen: ja. Genau acht Sekunden drückt der Cup-Scirocco seinem stärksten Straßen-Bruder auf. Aber selbst auf der Rennstrecke gibt er nicht überall die bessere Figur ab.
Hintergrund: So testet AUTO BILD
Serientäter: Der Turbo-geladene 2,0-Liter-Direkteinspritzer leistet im Scirocco R stramme 265 PS.
Noch immer im Duett unterwegs fahren wir aus der Zeppelin/CAT-Kurve raus auf die Start-Ziel-Gerade. Durch die griffigen Slicks und das knüppelharte Rennfahrwerk klebe ich dem Straßen-R wieder am Heck. Mit 80,5 bin ich in dieser Rechtskurve sechs km/h schneller, wie die Datenaufzeichnung später verrät. So wie hier ist der Rennwagen in allen Kurven im Vorteil. Fliehkräfte bis zum 1,5-fachen der Erdbeschleunigung bauen sich auf, ehe die Seitenführungskraft der Dunlop-Slicks abreißt. Die für jede Straßenund Wettersituation ausgelegten Bridgestone Potenza RE050A Sommerreifen geben bereits quietschend bei 1 g auf – ein sehr guter Wert für einen Alltags-Pneu. Doch auf der Geraden folgt das blaue Wunder des noch blaueren Scirocco: Langsam setzt er sich ab, gewinnt Meter um Meter. Nur durchs Drücken des roten Knopfs auf dem Lenkrad des Rennwagens kann ich dranbleiben.
Serien-R auf der Geraden schnell
"Push to pass", also "Drücken, um zu überholen, nennen sich die bis zu 50 Extra-PS, die den Piloten in Dauer und Anzahl begrenzt bei den Rennen zur Verfügung stehen, um die Zweikämpfe künstlich anzuheizen. Dieses Ladedruck-Extra macht sich gleich bemerkbar: Viel schneller ist der Motor ausgedreht, blinken die roten Schaltlämpchen im Zentral-Renndisplay, das direkt vor den Original-Instrumenten montiert ist. Trotzdem kann ich auch jetzt nur wieder etwas ran-, aber nicht vorbeifahren. 189,9 zu 186,3 km/h steht es beim Anbremspunkt für den Serien-Scirocco R. Zwischen 4000 und 7000 Touren hat der erstens richtig Dampf. Und zweitens – trotz des höheren Gewichts von 1344 Kilogramm durch Dämmmaterialien, Teppiche, Komfort-Extras wie Klimaanlage sowie Beifahrersitz und Rückbank – ein besseres Leistungsgewicht als der Cup-Scirocco: Jede Pferdestärke hat beim R rechnerisch 5,1 Kilo zu bewegen, beim R-Cup dagegen 5,4. Denn der Innenraum des Rennautos ist zwar nackt bis aufs Blech, aber 1210 Kilo sind immer noch alles andere als ein Fliegengewicht.
Der Cup-Renner frisst Reifen
Der Vergleich auf der Rennstrecke macht deutlich: Die Basis des Serienautos ist im Cup-Renner noch immer deutlich zu spüren. Schließlich stammt auch dessen Karosserie vom Fließband, wird aber an der Stelle aus dem Produktionsprozess genommen, wo der Innenraum noch nicht ausgekleidet ist. Dann folgt der Einbau der Sicherheitsausrüstung wie des Käfigs, der Gasanlage und der Rennsport-Teile wie Fahrwerk und Bremsen. Dass er auf der Rennstrecke schneller ist als der Serien-R, ist hauptsächlich das Resultat der Slick-Reifen. Die Zeit macht er dank deren Griffigkeit nicht nur in Kurven, sondern auch durchs spätere Bremsen gut. Ein kurzer Vergleich auf der Start-und-Ziel-Geraden ergibt: 36,9 gegenüber 31,9 Metern Bremsweg aus 100 km/h. Scirocco-R-Besitzer können sich aber trösten: Sie verbrauchen an einem Wochenende keine sechs neuen Reifensätze wie im R-Cup.
| Technische Daten |
VW Scirocco R |
VW Scirocco R-Cup |
|
|
|
| Motor |
R4, Turbo |
R4, Turbo |
| Hubraum |
1984 cm³ |
1984 cm³ |
| kW (PS) bei 1/min |
195 (265)/6000 |
165 (225)/6000 |
| Nm bei 1/min |
350/2500–5000 |
275/3000 |
| Antriebsart |
Vorderrad |
Vorderrad |
| Getriebe |
6-Gang manuell |
6-Gang-Doppelkupplung |
| Leistungsgewicht |
5,1 kg/PS |
5,4 kg/PS |
| 0–100 km/h |
6,1 s |
6,2 s |
| Höchstgeschwindigkeit |
250 km/h |
230 km/h |
|
|
|
| Preis in Euro |
34.325 |
ca. 60.000 |
Martin Westerhoff
Fazit
Die Verwandtschaft zum Rennwagen ist oft weit hergeholtes Marketing-Geblubber bei sportlichen Pkw. Bis auf das Aussehen haben die oft aber kaum etwas gemein. Anders bei unserem Scirocco-Paar: Hier bildet ein sportlicher Kompakter die Basis für das Cup-Auto.
Kommentare zum Artikel (26)
Erstellt
Inhalt
Funktion
@68ger, ich nehme na aufgrund zu hoher Investitionen die sich nicht rechnen würden (Nachfrage).
@Torben: Was ich meinte ist : Warum läßt man jahrelang Erdgasmotoren 24-Stundenrennen fahren und läßt sie dann nicht auf die Straße, wo sie den einzigen Nachteil aller GTI's abstellen würden: den nicht besonders günstigen Verbrauch, egal ob Teillast oder Vollast.
265 ps auf die vorderräder losgelassen...
viel spaß damit
Es ist zwar etwas kleingedrisse aber trotzdem^^.
Wenn schon der R Cup auf Saugrohreinspritzung umgerüstet wurde ist dieser Motor ja kein TSI mehr, und somit hat auch das TSI auf der Motorabdeckung nichtsmehr zu suchen.
der scirocco hat zwar mit dem steilen heck weniger ähnlichkeiten mit seinen vorgängern, ist aber ein voll alltagstaugliches kompaktcoupé, das trotzdem schnittig aussieht und im vergleich zum golf nochmal eine spur sportlicher ist. opel und renault müssen mit ihren coupés deutlich mehr kompromisse eingehen, weil sie gleichzeitig auch die dreitürige version ihrer kompaktmodelle darstellen, wo es bei vw noch den dreitürigen golf gibt. der scirocco r ist einer der schnellsten und sportlichsten fronttriebler und scheint auch wirtschaftlich ein erfolg zu sein.