Drei Bullis vom Designer

Tonke Van VW T6 Skippy Multi Pro Tonke Van

VW T6: Wohnmobil-Test

— 01.09.2016

Drei Bullis vom Designer

Bulli geht auch anders. Wie, das zeigen drei unkonventionelle Ausbauer mit komplett verschiedenen Lösungen: Ob Outdoor-Küche, Kunststoffboxen oder schlichte Schönheit – der T6 macht alles mit.

Der VW Bus ist ein Klassiker, der sich prima zum Querdenken eignet: Das beweisen drei unkonventionelle Ausbauer, die ihren Stil abseits des üblichen Geschränks gefunden haben: Das Ausbausystem Skippy etwa beherzigt die Erkenntnis, dass wahre Unabhängigkeit unterwegs nur mit einfachen, soliden Lösungen klappt. Die Moormann Holzklasse wiederum macht eindrucksvoll deutlich, was dabei herauskommt, wenn  ein bekannter Möbeldesigner am liebsten im Bulli schläft. Und der Tonke-Van vom Kleinserienhersteller aus Holland setzt auf eine drehbare Küche und geniale Reduktion.

Jetzt neu: Gebrauchte Wohnmobile finden!

Skippy Multi Pro: Der Trick mit den Kisten

Luxus ist so einfach: Wer Wert nicht an Glamour misst, ist hier richtig: Erhard Rau (links) hat ein ziemlich cleveres Campingsystem entwickelt.

Einfachheit begeistert immer, wenn sie aus einer Haltung und nicht aus Not entsteht. Erhard Rau (55), Profimusiker aus Königswinter (NRW), liebt nicht nur simple Lösungen, sondern reist auch bewusst so. Oft war er früher in der Sahara, und zwar stets in Allradlern, die er selbst ausgebaut hatte. Motto: je minimalistischer, desto besser. Inzwischen nutzt Rau Hochdachkombis wie VW Caddy oder Citroën Berlingo, weil die so wunderbar flexibel sind und unterwegs nicht so dick auftragen. "Die meisten können sich ein Wochenende in einem solchen Auto vorstellen", sagt er, "ich bin sechs Wochen damit unterwegs." Rau war irgendwann auf die Idee gekommen, Euronorm-­Behälter als Basis für einen Ausbau zu verwenden. Das taugte so gut, dass er ein System daraus entwickelte, es Skippy nannte (genau: nach dem TV-­Klassiker mit dem Buschkänguru) und seit 2015 auch passend für den VW Bus produziert.
Überblick: Alles zum Thema Wohnmobile

Ein riesiger Vorteil des Konzepts: Die Campingausstattung ist in wenigen Minuten ein-­ und ausgebaut, und der Bus bleibt zu 100 Prozent so alltagstauglich und variabel, wie er es von Haus aus ist. Günstig ist Skippy dazu: Das Einsteiger­-Set Basic gibt es ab 699 Euro, wobei sich Ergänzungen wie ein Küchenmodul, Kühlbox, Toilette und Heckzelt anbieten. Doch für rund 1700 Euro ist dann alles an Bord, was es zum Reisen braucht. In Kürze, so Rau, wird ein System für den Vorgänger-­Bus T4 folgen. Neben diesem simplen Basic­-Ausbau gibt es die komfortableren Varianten Multi und Multi Pro (ab 1790 Euro). Hier hausen sechs Boxen in einem Korpus, wo sie sich wie Schubladen öffnen lassen und wahlweise durch Iso-­ oder Alu-­Boxen ersetzt werden können – auch sie gibt es heute in Euronorm­-Maßen. Der Auszug für eine Kompressor-­Kühlbox ist bereits serienmäßig montiert, ein Kinderbett kostet 159 Euro Aufpreis. Auch fein geschreinerte Holzboxen gibt es auf Wunsch (plus 100 Euro), doch damit entwickelt sich Skippy schon weg von seiner radikalen Einfachheit, die zudem zu Hause wie auf Reisen wesentlich praktikabler ist: Kunststoff ist viel günstiger, viel leichter, viel besser zu reinigen. Richtig clever eben.

Tonke-Van: Bei ihm klappt alles

Eine Sache von Sekunden: Statt umzubauen, genügen beim Tonke Van ein paar Handgriffe. Dann ist die Küche im Freien.

Was früher im Reisemobil nur am Rande eine Rolle spielte, rückt jetzt ins Zentrum des Interesses: die Küche. Und das sogar beim kompakten VW Bus, der ja vieles richtig gut kann. Nur üppige Raumreserven bietet er keine. Macht aber nichts, sagte sich Maarten van Soest aus den Niederlanden. Seit 2005 baut er in Terheijden in seiner Tonke-Manufaktur Reisemobile mit Luxus-Bauwagen-Charme (AUTO BILD Reisemobil 1/2016), sehr aufwendig und sehr erfolgreich. Dann kam ihm eine Idee für den VW Bus: eine Küche, die sich ohne Aufwand von draußen bedienen lässt. Sein Gedanke war simpel: Es braucht nur einen Bus mit zweiter Schiebetür – und ein starkes Scharnier für den Küchenblock, damit dieser nach außen schwenken kann. Gut, damit das alles auch funktioniert (und das auf Dauer), steckt doch noch eine Menge Tüftelei in der Sache. Aber der Testwagen beweist: Es klappt alles bestens. Anschließend ist alles sofort bereit zum Kochen, weder Kabel noch Schläuche müssen umgesteckt werden. 2015 startete die Produktion des Tonke Van, wie Maarten van Soest das Modell nennt. Und der Erfolg gibt ihm recht: Rund ein Dutzend ausgelieferte Fahrzeuge sind für einen Kleinstbetrieb, der rein handwerklich fertigt, eine bemerkenswerte Zahl. Schließlich läuft auch die Produktion der großen Tonke-Mobile weiter.

Drei Bullis vom Designer

VW T6 Holzklasse Tonke Van VW T6 Skippy Multi Pro
Was am Van fasziniert, ist nicht nur die clevere Küche. Es ist ebenso die Wahl der Materialien, zum Beispiel Birke-Multiplex-Platten für den Möbelbau, dazu viel Edelstahl. Oder die Formensprache, die mit ihren großen Radien und mancher Finesse überzeugt. Auch die Verarbeitung stimmt bis ins Detail. Klar, dass das kein Zufall, sondern Konzept ist: Maarten van Soest ist bekennender Fan der legendären Westfalia Campingbox aus dem Jahr 1951, die simpel, praktisch und flexibel war, hochwertig zudem. Das leistet auch der Tonke Van. Als Basis dient ein leerer Fensterbus, das Kunststoff-Dach setzen die Spezialisten von SCA auf. Oben schläft es sich auf einer hochwertigen Matratze, die immerhin 195 x 120 Zentimeter misst. Die Bank liefert der deutsche Hersteller Reimo zu. Sie lässt sich ausbauen, wiegt allerdings 70 Kilogramm. Doch sie bietet besten Schlafkomfort, weil die Reimo-Lösung nicht nur 125 Zentimeter breit ist, sondern ihre Matratze auf der Rückseite trägt. Als Liegefläche müssen so nicht die konturierten Sitze dienen. Zudem können drei Personen im Fond mitreisen. Wer vorn statt Einzelsitzen zudem die optional drehbare Sitzbank ordert, darf sogar zu sechst unterwegs sein. Die Preise für den Van starten bei charmanten 39.995 Euro. Auf Wunsch baut Tonke den Van auch auf dem langen Radstand.

Moormann-T6: Was heißt hier Holzklasse?

Einfach und funktional, aber edel im Detail: Moormann liefert den Gegenentwurf zum Wohn­zimmerstil vieler Mobile.

Eines seiner Betten heißt "Tagedieb", die Truhe, die gut dazu passt, nennt er "Trude". So viel zu Nils Holger Moormann, den spitzfindigen Namen seiner Möbel und dem VW T6 Campingbus. Der heißt "Holzklasse", so wie die alten Eisenbahnabteile ohne Polstersitze. Was für eine Untertreibung! Denn natürlich sucht der Designer Nils Holger Moormann die maximale Einfachheit. Aber die hat so gar nichts mit Entsagung zu tun. Sein schwarzer Wohnbulli sieht nur auf den ersten Blick schlicht aus. Außenanschlüsse mag Moormann nicht, Aluräder findet er an sachlichen Autos untragbar eitel. Aber dann: Schiffsboden und Decke aus geöltem Eichenholz, natürlich massiv, keine Kunststofffolie, die nur so tut, als ob. Einfache graue Stoffbezüge auf der Klappbank, aber aus Merinowolle. Die Arbeitsplatte der kleinen Küche besteht samt Spüle aus einem Stück Edelstahl mit einer Beschichtung, die aussieht wie sandgestrahlt. Und für die schwarzen Schränke hat er ein seidenmattes Nanotech-Laminat ausgewählt, das sich wie sehr fein geschliffener Gips anfühlt. "Hat beim Anfassen kein bisschen Plastiktouch", sagt Moormann (62), "und ist sehr pflegeleicht." Denn auch das war ihm wichtig: Die Holzklasse nutzt er als Arbeits- und Reiseauto, mit dem er in den ersten zehn Wochen über 12.000 Kilometer unterwegs war. "Ich mag kleine Räume", sagt er dazu. Und merkt an, dass er auch große Mobile der Linerklasse besichtigt hat. Er hätte sie bezahlen können, aber mochte sie nicht: "Zu viel Fake überall. Und Glasschränke mit Sektkelchen drin. Unmöglich für einen Designer."
Überblick: Alle News und Tests zum VW T6

Die Holzklasse ist nicht Moormanns erstes Reisemobil, aber zum ersten Mal denkt er über eine Serienfertigung nach. Sein VW Bus ist kein California, denn auch der ist dem Gestalter nicht konsequent genug. Er findet ihn durchaus vernünftig, aber atmosphärisch zu kühl. Seinen eigenen Wohnbus entwickelte Moormann nachts, wenn er nicht schlafen konnte. Ziel: Die Optimierung des kleinen Wohnraums. Speziell die Küche beschäftigte ihn dabei, wo es ihm auf möglichst große Abstell- und Arbeitsfläche ankam. Und auf Details wie den Wasserhahn, der im Verhältnis am meisten Arbeit machte: Weil der Zentimeter zählt, darf er nicht zu groß sein. Aber auch nicht aus Kunststoff mit falschem Chromglanz, weil Moormann keine Materialien akzeptiert, die den Betrachter täuschen. "Bei den Campingzulieferern gab’s so was nicht", sagt der Designer. "Doch dann fand ich die Haushaltsarmatur, die eine kleine italienische Firma für Gäste-WCs herstellt." Und kleine Firmen mag Moormann besonders. Custom-Bus in Langenhagen gehört dazu, seit ihm das Unternehmen seinen ersten Bulli ausgebaut hat. Jetzt würden sie die Holzklasse auch anderen Kunden verkaufen, Preis auf Anfrage. Der günstigste Custom-Bus kostet rund 35.000 Euro, das Moormann-Modell ist deutlich teurer.

Autoren: Thomas Wirth, Christian Steiger

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.