VW Tiguan und Porsche Cayenne im Gebrauchtwagen-Test

Porsche Cayenne VW Tiguan VW Tiguan

VW Tiguan/Porsche Cayenne: Gebrauchtwagen-Test

— 07.10.2016

Vernunft oder Wahnsinn?

Das ist hier die Frage – oder anders: Soll's der bodenständige Tiguan sein, oder geht auch der abgefahrene Cayenne Turbo?

Eine halbe Stunde schleichen Sie nun schon um das Auto herum. Der Tiguan 1.4 TSI hat es Ihnen angetan. Mit seinem Baujahr 2009 ist er zwar auch schon sieben Jahre alt, hat aber noch unter 100.000 Kilometer auf der Uhr. Mit 150 PS, als 4Motion Track & Field, macht er in Slate Grey metallic und mit großem Panoramadach schon was her. Die 11.900 Euro, die das EU-Autozentrum Osnabrück dafür verlangt, klingen fair. Tiefes V8-Wummern reißt Sie aus Ihren Träumen. Ein paar Meter weiter rangiert der Händler einen frisch eingetroffenen Porsche Cayenne. Auf einmal wirkt der VW daneben ganz klein. Porsches erstes SUV ist ein Tier. Groß, mächtig, nie richtig sympathisch, aber immer beeindruckend. Der Schriftzug verrät das Topmodell Turbo, das dunkle Lapisblau strahlt mit der Sonne um die Wette. Sie umkreisen das Dickschiff, staunen über die Vierrohrauspuffanlage, die großen Räder und den riesigen Frontgrill, mit dem Gegner auf der Autobahn wahrscheinlich einfach eingeatmet werden. Gerade wollen Sie sich ab- und dem ersehnten VW wieder zuwenden, da fällt Ihr Blick auf das Preisschild. 11.800 Euro. Der ist billiger als der Tiguan!? Jetzt wird's eng. Wozu das Lightprodukt kaufen, wenn auch die Vollfettstufe drin ist? Ihre Frau ließe sich vielleicht damit beruhigen, dass Porsche schließlich auch zum VW-Konzern gehöre und Sie mit dem Kauf einen Hunderter gespart hätten. Also Nummer dran und auf zur Probefahrt.

Gebrauchtwagensuche: Porsche Cayenne

Nach 5,6 Sekunden ist der 2,4-Tonnen-Trumm auf Tempo 100

Nie war ein 2,4-Tonnen-Offroader sportlicher. Aus Ingenieurssicht ist der Cayenne eine Meisterleistung.

So ein Cayenne wird nicht bestiegen, er muss erklommen werden. Drinnen dominiert Leder. Selbst das Cockpit ziert eine Kuhfellnaht. Die Mittelkonsole enttarnt die 13 Jahre, die dieser Erstserien-Turbo auf dem Buckel hat. Knöpfe, so weit das Auge reicht. Einen zentralen Controller, mit dem die wichtigsten Funktionen über den Bildschirm geregelt werden, sucht man hier ebenso vergebens wie moderne Assistenzsysteme. Obwohl dieser Italien-Import reichlich ausgestattet ist, sind Luxus-Extras wie Abstandsradar oder ein Fernlicht-Assi schon aufgrund des Alters noch nicht an Bord. Dafür gibt's Image und noch mehr Power. Der aufgeladene V8 drückt Sie vehement in den Sitz. Nach 5,6 Sekunden hat der 2,4-Tonnen-Trumm schon auf 100 km/h beschleunigt, bevor im Tiguan überhaupt die Gänge richtig sortiert sind. Mit 450 PS ist er dreimal so stark wie das Mini-SUV auf Golf-Basis. Bei einem Drehmoment von 620 Nm ist die Bezeichnung "guter Zugwagen" eine Untertreibung. Wer nicht aufpasst, schält beim Beschleunigen den Wohnwagenaufbau vom Fahrgestell. Das könnten Sie ebenso als Argument anführen wie die gute Qualität. Rost gibt's nicht, Risse im Leder ebenfalls nicht. Klar, bei einem Neupreis von über 100.000 Euro verliert der Rotstift an Dominanz.

Gebrauchtwagensuche: Volkswagen Tiguan

Gibt es Ärger mit dem Motor, droht dem Cayenne das Ende

Dank Doppelturbo mobilisiert der 4,5-Liter-V8 mächtige 450 PS. Später wurden es sogar 500. Schäden bedeuten oft den finanziellen Genickbruch.

Die kleinen Nachlässigkeiten bei der Verarbeitung übersehen Sie nonchalant, die hat der Tiguan auch. Nur der Bordcomputer scheint zu spinnen. Als Durchschnittsverbrauch meldet er 33 Liter. Doch ein Gespräch mit dem Hamburger Porsche-Spezialisten Axel von Blittersdorff ernüchtert: Das Ding ist heil, der Cayenne säuft wirklich so viel. Zumindest im Stadtverkehr und auf der Autobahn. Im gemischten Betrieb und mit leichtem Gasfuß "reichen" ihm 15,5 Liter. Aber Super plus bitte. Bei 15.000 Kilometern jährlich kommen da immer noch stolze 3255 Euro zusammen, beim Tiguan sind es nur 1762 Euro, eine Ersparnis von 1500 Euro jährlich oder 125 Euro im Monat. Doch der Fachmann winkt ab: "Die Spritkosten sind das geringste Problem. Sie sind immerhin kalkulierbar." Für die Reparaturen gilt das nicht. Eine Komplettrevision der anfälligen Luftfederung übersteigt schnell den Kaufpreis. Frühe Baujahre fallen immer öfter mit diversen Motorproblemen wie Kolbenkippern, -fressern und durchgebrannten Ventilen auf. Allein um den Kopf herunterzubekommen, müssen Motor und Getriebe raus. Die komplette Revision der Maschine knackt beim Spitzenmodell mit Austausch der Turbos spielend leicht die 20.000er-Grenze und ist der sichere Tod eines jeden Wagens.
Technische Daten
VW Tiguan 1.4 TSI 4Motion (Bj. 2009) Porsche Cayenne Turbo (Bj. 2003)
Motor Vierzylinder/vorn quer Achtzylinder/vorn längs
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/2 4 pro Zylinder/2
Hubraum 1390 cm³ 4511 cm³
Leistung 110 kW (150 PS) bei 5800/min 331 kW (450 PS) bei 6000/min
Drehmoment 240 Nm bei 1750/min 620 Nm bei 2250/min
Höchstgeschwindigkeit 195 km/h 266 km/h
0–100 km/h 9,3 s 5,6 s
Tank/Kraftstoff 64 l/Super 100 l/Super plus
Getriebe/Antrieb Sechsgang manuell/Allrad Sechsstufenautomatik/Allrad
Länge/Breite/Höhe 4427/1809/1683 mm 4786/1928/1699 mm
Kofferraumvolumen 470-1510 l 540-1770 l
Leergewicht/Zuladung 1551/529 kg 2430/725 kg
Wer glaubt, mit den kleineren Saugern sei alles besser, irrt. 15.000 Euro sind es immer. Noch quälender wird es, wenn bei den frühen Baujahren 2003 und 2004 die Elektronik ein Eigenleben entwickelt. Langwierige Fehlersuchen am Porsche-Diagnosecomputer kosten Nerven und bei Stundensätzen um 150 Euro noch mehr Geld. Heilung ungewiss. Dagegen wirken 220 Euro für einen neuen Reifen oder 500 Euro für den Austausch einer Achsmanschette fast wie ein Friedensangebot. Ein weiteres Problem: Kein seriöser Händler verkauft so ein Auto an Privatkunden. Die gesetzliche Gewährleistung, zu der er verpflichtet wäre, würde ihn vielleicht nicht gleich ruinieren, aber zumindest jeden Gewinn pulverisieren.
Überblick: Alles Infos zum Porsche Cayenne und VW Tiguan

Ruckelnde Turbos und Steuerkettenärger beim Tiguan

Der Tiguan fühlt sich handlich und sicher an. Doch die Achsgelenke leiden bei flotter Fahrweise.

Doch auch der VW Tiguan ist nicht perfekt. Gerade beim 1.4er-TSI längt sich oft die Steuerkette. Fahrzeuge, die den Tausch bereits hinter sich haben, sind klar zu bevorzugen. Achsen und Bremsen des Golf-Bruders leiden unter dem Gewicht und hohem Schwerpunkt, sie verschleißen schnell. Frühe Fahrzeuge verlieren zudem oft Öl und zeigen erste Rostansätze am Unterboden. Zudem nervt die teilweise ruckelige Leistungsentfaltung. Haltbarer und passender ist ein Zweiliter-Diesel. Er ist jedoch vom Abgasskandal betroffen, die Auswirkung auf die Wertentwicklung noch nicht abzusehen. Zurück in den Cayenne. Nach zehn Kilometern Probefahrt – der Versicherungsmakler hat am Handy unverschämte vierstellige Angebote gemacht – ist die sechste Fehlermeldung aufgeploppt. Nach dem Bremssystem hätten jetzt auch das Fahrwerk und die Scheinwerfer den Dienst quittiert. Schluss, aus, Ende. Zurück zum Händler. Auch wenn der Cayenne so viel kostet wie ein neuer Twingo: Er bleibt ein echtes Luxusauto, und der Unterhalt sinkt nicht mit dem Wert. Auch dass der Wertverlust überstanden sein dürfte, hilft nicht, wenn in den nächsten Jahren noch mal der Kaufpreis und mehr in der Werkstatt bleiben. Zudem läuft auch ein Tiguan angenehm und darf 2100 Kilo ziehen. Außerdem wird dem Umweltgewissen nicht vor jeder Fahrt schlecht. Manchmal kann es so befreiend sein, einfach brave Entscheidungen zu treffen.

Was bei den AUTO BILD-Testwagen aufgefallen ist, und auf welche Mängel Käufer beim gebrauchten Porsche Cayenne und VW Tiguan außerdem achten sollten, erfahren Sie in der Bildergalerie.

VW Tiguan und Porsche Cayenne im Gebrauchtwagen-Test

Porsche Cayenne Porsche Cayenne VW Tiguan
Autor:

Malte Büttner

Fazit

Der Cayenne Turbo polarisiert. Für die einen ist er eine automobile Offenbarung, für die anderen das Sinnbild allen Überflusses. Auf jeden Fall beeindruckt er, als Gebrauchter auch mit einem überraschend niedrigen Preis. Doch die Folgekosten sind so enorm und schwer kalkulierbar, dass in dieser Paarung der brave Tiguan klar der bessere Kauf ist.

Stichworte:

SUV

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