VW Touareg

VW Touareg VW Touareg

VW Touareg

— 19.09.2002

Volkswagen für Aufsteiger

VW will hoch hinauf: Wie der Phaeton zielt auch der Touareg auf die Oberklasse. Der Allradler soll BMW und Mercedes das Gelände streitig machen.

70.000 Touareg pro Jahr

Ein gequältes Knirschen von Metall auf Stein. Die Felskante schneidet über den Fahrzeugboden, Dornengestrüpp zerkratzt den Metalliclack. Die teuren Alufelgen fallen in Schlammlöcher, dass der Dreck bis zu den verchromten Fensterrahmen spritzt. Ich möchte schreien: Ist ja gut, Schluss damit! Wieder einmal muss ein neuer Edel-SUV unbedingt sein Gelände-Abitur nachweisen; ein Ausflug – so gequält (und meistens auch so sinnlos) wie der erste Besuch des Bräutigams bei den Schwiegereltern. Dabei wissen doch alle: Kaum ein Käufer wird seinem Schmuckstück diese Gelände-Folter zumuten. Wenn doch, gehört er mit demselben Schlauch abgespritzt, der auch den Touareg nach dieser Tortur wieder ansehnlich macht.

Was dann zum Vorschein kommt, überrascht angenehm: ein sanft gerundeter Allradler, ohne rustikales Macho-Gehabe, der trotz seiner enormen Größe (elf Zentimeter länger als die Mercedes M-Klasse) erstaunlich kompakt erscheint. Fast bescheiden: Die Nase mit dem runden VW-Profil und die markanten Rückleuchten kennen wir schon – der Touareg wirkt wie ein Phaeton mit aufgesetztem Penthouse. Familienähnlichkeit erwünscht: "Das ist unser zweiter Schritt in die automobile Oberklasse", betont Konzernchef Dr. Pischetsrieder. Und vermutlich der lukrativere.

Von den 70.000 Touareg, die VW pro Jahr bauen will, geht die Hälfte – na klar – in die USA. Dort wächst der SUV-Markt noch immer jährlich um 16 Prozent. Das Gelände, das der Phaeton mit 20.000 Autos Jahresproduktion wohl kaum erreicht, wird der Touareg sicher schnell erobern: die Gewinnzone.

Schnell wie ein Sportwagen

Solche Aussichten verführen zu großen Tönen. "Bester Offroader" soll der SUV sein, dazu "bester Onroader" – und schnell wie ein Sportwagen. Moment mal, ein BMW X5 ist auch kein Nasenbohrer, und Touaregs Halbbruder Porsche Cayenne (Fahrwerksteile, Dach und Türen sind identisch) kommt bald mit bis zu 450 Turbo-PS.

Zumindest im Interieur setzt der VW Maßstäbe. Dieses Cockpit, diese Materialien haben Phaeton-Niveau – und der hat schon die S-Klasse mächtig erschreckt. Die Wolfsburger haben aus der M-Klasse mit ihrer Plastikwelt gelernt. Im Touareg gibt es genug Platz, feine, übersichtliche Instrumente und als Extra Luxus-Bonbons wie das schlüssellose Einsteigen und eine Vier-Zonen-Klimaanlage. Diese leise und steife Burg kennt kein Knarzen oder Ächzen, auch wenn sie nahezu kopfüber steht (hatte der Kraxel-Unsinn doch sein Gutes).

VW setzt den Luxus der ganz Großen auf All-Terrain-Reifen. Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass auch VW den SUV nicht neu erfinden konnte. Der Kofferraum (550 bis 1540 Liter) und das fummelige Umlegen der Rückbank erhalten höchstens die Note: "na ja". Das kann ein Mercedes ML (633/2020 Liter) besser. Also fahren wir los. Schließlich hatte Ex-BMW-Boss Bernd Pischetsrieder betont: "Der Touareg ist kein Sport Utility, sondern Sports Activity Vehicle." Das ist nun gesagte Sportwagen-Note, man soll mit diesem Dickschiff so heizen können wie im X5.

Luxus-Speck auf den Hüften

Nach stundenlangen Geröllfahrten blieben zumindest ein paar Kilometer auf popoglattem Asphalt, und die zeigten: Der Touareg liegt straff und sicher auf der Straße, die breite Spur und der niedrige Schwerpunkt vermitteln Vertrauen. Du traust dich was – und die exakte Lenkung ermuntert zu weiteren Späßchen.

Der natürliche Respekt vor dem Blechberg ist schnell verflogen. Der 220 PS starke 3,2-Liter-V6 Benziner hat mit mindestens 2,2 Tonnen Leergewicht doch ein wenig zu kämpfen, die kurz übersetzte Sechsgangautomatik kann das kaum kaschieren. Wie der Phaeton trägt auch der Touareg einigen Luxus-Speck auf den Hüften, das Gegenmittel lautet wie gehabt: stärkere Motoren. Zunächst erscheint zum Verkaufsstart

Mitte November der 313 PS starke Zehnzylinder-TDI, der selbst die größten Bullen von Mercedes und BMW in den Schatten stellt. Ein Herz, als hätte VW einen Bootsmotor in den Touareg verpflanzt. Beim Überholen schnupft der Fünfliter-Riese nur kurz an, gewaltige 750 Newtonmeter Drehmoment degradieren den 2,5-Tonner zur Flipperkugel. Laut Werk soll der V10 in 7,8 Sekunden auf Tempo 100 schießen.

Technische Daten und Preise

Wenn diese Titanic der Landstraße mit Tempo 160 auf eine Kurve zuschießt, dann springt dir der Respekt so blitzschnell wie ein Stromstoß unter die Haut. Der innere Hallodri dankt der Luftfederung (im V10 Serie, sonst Extra), dankt Helferlein wie ESP und dem famosen Allradantrieb (Kraftverteilung 50:50, variabel bis 100:0, Geländeuntersetzung, drei Differenziale, zwei sperrbar). Jedenfalls hat VW den Touareg eindeutig für die Straße ausgelegt, der Beweis liegt im Kofferraum: Dort findet man statt des Reserverads nur ein Tirefit-System. Gibt es etwas, was der Touareg nicht kann? Vielleicht angeben.

Der "VW unter den SUV" (Originalton Pischetsrieder) ist ein Multi-Talent voller Qualitäten, mit Glanz ohne Gloria eine Spur zu dezent für die Welt der Schicken. Wenn er auftrumpft, dann durch Technik: Erst kommt für den US-Start im nächsten Frühjahr ein V8 (von Audi, weil er den besseren Sound hat als der W8 von VW), im Sommer ein Fünfzylinder-TDI fürs Jägerlatein und Anfang 2004 der Zwölfzylinder. Den Ritterschlag erhält der Aufsteiger schließlich von einer Amazone. Im Januar 2004 startet Wüsten-Königin Jutta Kleinschmidt auf dem Touareg erstmals bei der Dakar. Wer hier sein Gelände-Abitur ablegt, hat es geschafft.

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