Porsche

WEC: Porsche 919 Hybrid

— 02.12.2016

Ein Auto, drei Sieger

Im Interview erklären LMP1-Chef Fritz Enzinger, Technikchef Andreas Seidl und Sieger Marc Lieb, wie sie die entscheidenden Minuten in Le Mans erlebt haben.

Herr Lieb, nach dem Sieg in Le Mans haben Sie vor zwei Wochen auch die WM gewonnen. Was wiegt mehr?

Marc Lieb (36): Ganz klar der Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Das Rennen ist das Highlight der Saison und der Grund, wieso man das Projekt macht. Das ist etwas schade für die Meisterschaft, die auch sehr hart umkämpft und extrem spannend war.  Da den WM-Titel zu holen war in diesem Jahr das Tüpfelchen auf dem i.

Und auf diesem Karriere-Höhepunkt treten Sie jetzt ab.

Lieb: Es war für mich immer klar, dass dieses Projekt mein Letztes sein wird. Ich freue mich jetzt auf meine neue Aufgabe im Porsche-Kundensport.

Herr Seidl: Bei all diesen Erfolgen – was macht den Porsche 919 Hybrid, der von unseren Lesern zum Rennauto des Jahres gewählt wurde, so besonders?

Andreas Seidl (40): Unser Vorteil war, dass wir auf einer sehr guten Basis aufbauen und auch ohne eine Neuentwicklung jedes Rennen um Siege mitfahren konnten. Die Konkurrenz hat ihre Autos an unser Konzept angepasst und dafür 2016 den Preis gezahlt: mit mangelnder Zuverlässigkeit, aber auch dem Nichtausschöpfen des Potenzials. Zum Saisonende hat man gesehen, dass Toyota und Audi das Potenzial ihrer Autos viel besser erschließen konnten.

Wie muss man einen solchen 1000-PS-Prototyp fahren?

Seidl: Im Endeffekt haben alle Autos vier Räder und ein Lenkrad. Und damit musst du versuchen, das Bestmögliche rauszuholen. Aber natürlich ist dieser Porsche durch das Hybridsystem und den dadurch vorhandenen partiellen Allrad noch einmal etwas ganz Besonderes. Dann kommen noch der Abtrieb und die Carbonbremsen dazu. Ich musste mich erst an das Fahrzeug gewöhnen, denn du kannst mit diesem Auto viel mehr attackieren, weil es richtig auf der Straße klebt und extrem schnell ist.

Und zuverlässig – was in Le Mans der Schlüssel zum Sieg war.

Fritz Enzinger, Marc Lieb und Andreas Seidl feiern den Porsche-Sieg

Seidl: Unser Auto war das einzige, das in Le Mans ohne technische Probleme über die Distanz gekommen ist. Deswegen war der Sieg auch verdient. Natürlich wünscht man keinem, so wie Toyota in den letzten Minuten das Rennen zu verlieren, aber Le Mans geht nun mal über 24 Stunden. Mit ein paar Monaten Abstand sind wir einfach überglücklich und verdammt stolz, zum zweiten Mal in Folge das Rennen gewonnen zu haben, und ich, dass ich Teil des Teams sein durfte.

Herr Enzinger, Sie sind nach dem Sieg zuerst in die Toyota-Box. Diese Geste ist uns einen Fairness-Sonderpreis wert.

Fritz Enzinger (60): Vielen Dank. Das zeichnet die WEC einfach aus. Dass wir so nah zusammenstehen, das ist wirklich etwas Besonderes und Le Mans so einzigartig.

Können Sie sich noch erinnern, was Sie in der Toyota-Box genau zum Teamchef Hugues de Chaunac gesagt haben?

Enzinger: Ich habe ihn einfach in den Arm genommen. Wir kennen und respektieren uns jetzt schon seit über 20 Jahren. Da bedarf es keiner großen Worte. Vor allem, weil man in so einer Situation eh nicht viel sagen kann.

Wie hat Toyota reagiert?

Enzinger: Ich glaube, es hat einfach gereicht, dass wir uns in die Augen geschaut haben. In dieser halben Stunde habe ich alles durchlebt, was es im Motorsport zu durchleben gibt. Man muss sich ja vorstellen: Dieses 24-Stunden-Rennen geht wirklich an die Substanz. Es sind ja nicht nur diese 24 Stunden: Die ganze Woche im Vorfeld ist extrem hart. In diesen letzten Minuten des Rennens bist du am Ende, sowohl physisch als auch psychisch. Ich hatte mich schon mit Platz zwei abgefunden, habe im Kopf das Rennen reflektiert, und dann siehst du das Drama an der Box bei Toyota, das du einfach niemandem wünscht. Niemandem! Es hat dann auch viel Zeit gebraucht, bis bei uns im Team wirklich Freude aufgekommen ist, weil wir uns einfach schon mit dem zweiten Platz abgefunden hatten. Aber ich habe der Mannschaft klargemacht, dass wir den Sieg absolut verdient haben und wir uns auch freuen dürfen. Denn: Unsere Strategie war, Toyota auf Teufel komm raus zu hetzen. Und das ist aufgegangen. 

Lieb: Bis in die letzte Stunde des Rennens hinein, als wir den Reifenschaden hatten, waren wir mit Toyota auf Augenhöhe, lagen nur 18 bis 20 Sekunden zurück – da kann schnell noch was passieren. Aber auch ich hatte mich schon mit Platz zwei abgefunden und wäre auch damit glücklich gewesen. Doch dann wird der Toyota langsamer, du denkst dir: „Der wartet nur auf seinen Teamkollegen“, und siehst, wie er ganz stehen bleibt. Dann kannst du es nicht fassen. Ich glaube, in diesem Moment hatte ich keinen Puls mehr. Die emotionalste Szene war, als die Toyota-Jungs ins Porsche-Zelt kamen, alle aufgestanden sind und es Standing Ovations gab. Die Toyota-Fahrer haben uns gratuliert. Sébastien Buemi hat gesagt: Erst jetzt ist ihm bewusst geworden, wie viel Glück eben auch im Motorsport und speziell in Le Mans dazugehört.

Dieses Jahr war es sehr eng in Le Mans. Was macht Porsche, damit es 2017 nicht mehr so knapp wird?

Enzinger: Wir werden versuchen, mit einem siegfähigen Auto nach Le Mans zu kommen, mehr kannst du sowieso nicht machen.
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Autor: Michael Zeitler

Fotos: Hersteller / ABMS

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