Werbung und Wahrheit

Werbung und Wahrheit Werbung und Wahrheit

Werbung und Wahrheit

— 26.04.2002

Wo ist der Haken?

Kann ein Audi allroad quattro wirklich einen schweren US-Truck ziehen? Und fährt der fröhliche Opa aus der BMW-Anzeige wirklich einen Mini? AUTO BILD-Reporter Alex Cohrs hat nachgehakt.

Irgendwo da oben ist Horst. Irgendwo hinter diesem gigantischen Kühlergrill. Keine Ahnung, was der Mann gerade macht und ob er schon bereit ist. Durch die Rückspiegel ist Horst jedenfalls nicht zu sehen. Nur dieser gigantische Kühlergrill. Der gehört zu einem Peterbilt 379, einem mit (leerem) Auflieger fast 16 Tonnen schweren US-Truck. Diesem Monster-Lkw aus der Audi-Werbung, Sie wissen schon. Bei der, Steven Spielbergs Kultfilm „Das Duell“ ähnlich, so ein Peterbilt-Truck einen Audi allroad quattro durch die Wüste jagt. Aber nur scheinbar. Weil man am Ende erkennt, dass der Truck hinter dem allroad- Audi am Abschlepppseil hängt. Witzig ist sie ja, diese Werbung der Frankfurter Agentur „Saatchi & Saatchi“. Aber auch wahr? Kann man mit dem 180 PS starken Alle-Straßen-Kombi wirklich einen 16-Tonner ziehen? Nie im Leben, denke ich, als Horst Schweichler (47) vom Dieburger Lkw-Verleiher Truck- Center Hauser den Peterbilt über den Flugplatz Egelsbach in Hessen rangiert, unsere Teststrecke. Zu gewaltig, das Teil.

Bange Frage: Halten Seil und Kupplung?

Schmerzfrei: Drei Versuche brauchte Reporter Cohrs, dann setzte sich das ungleiche Pärchen tatsächlich in Bewegung.

Der formatfüllende Kühlergrill im Rückspiegel des allroad quattro 2.5 TDI wirft bange Fragen auf: Was passiert gleich? Reißt das Abschleppseil, für 12,10 Euro im Autoladen gekauft und nur für 3500 Kilo ausgelegt? Oder die aufgesteckte Anhängevorrichtung am Audi? Macht die Kupplung die Belastung mit? "Wird schon gut gehen", beruhigt Horst und schwingt sich auf den Bock seines gut 20 Meter langen Ungetüms. Das Seil kann er von da oben nicht sehen, das wird von der langen Schnauze des Trucks komplett verdeckt. "Kein Thema", sagt Horst, "dann halte ich es eben nach Gefühl straff." Das kann ja was werden.

Sogar die Eidechse ist ein Profi

Erster Versuch: Gang einlegen, Kupplung vorsichtig kommen lassen, langsam Gas geben. Ein Ruckeln, ein Rappeln, aber kein Meter Bodengewinn. Horst klettert aus dem Peterbilt. "Ach, geht schon los. Ja, dann gehe ich wohl mal besser von der Bremse." Scherzkeks. Zweiter Versuch: Wieder ein Ruckeln, wieder ein Rappeln, wieder kein Bodengewinn. Gut, mein Fehler, Motor abgewürgt. Dritter Versuch: Ha! Der Truck bewegt sich! Mit 20 Stundenkilometern zuckeln wir die 100 Meter lange Rollbahn hinunter. Das Seil hält, die Anhängevorrichtung hält, die Kupplung hält. "Wir hätten auch sehr viel schneller fahren können", meint Horst hinterher und tätschelt seinen Peterbilt, "wenn er erst mal rollt, dann rollt er."

"War mir klar, dass es klappt", sagt auch Gerhard Kiefer (bei Audi für Film- und Fotoproduktionen verantwortlich), "habe ich vor dem Dreh nämlich selbst ausprobiert. Wir behaupten in der Werbung nichts, was in der Praxis nicht funktioniert." Bei den Aufnahmen selbst hing der Peterbilt aber nicht am Seil, sondern fuhr aus eigener Kraft. Kiefer: "Für eine gute Kameraperspektive musste der Truck bis zu einem halben Meter an das Heck des allroad quattro herankommen, das wäre mit einem Abschleppseil nicht möglichgewesen. Außerdem wäre es bei dem aufwendigen Dreh ein großes Risiko gewesen, das Material so stark zu belasten."

Computer an, Mütze runter, Glatze rauf - so wurde aus dem Belgier ein Führerscheinanfänger; erschaffen von Jung-von-Matt-Mitarbeiterin Julia Ziegler.

Immerhin wurden 40 Crew- Mitglieder samt Ausrüstung ins wetterfeste Südafrika geflogen, an die Grenze zu Namibia. Den Truck steuerte das Stunt-Double von 007-Darsteller Pierce Brosnan, die Tankstelle am Ende des Films wurde extra in die Wüste gebaut, sogar die kurz eingeblendete Eidechse am Straßenrand war ein abgerichteter Film-Profi. Und den Weg über den Anenous Pass, die einzige geteerte Straße weit und breit, sperrte die Polizei drei Tage lang vollständig ab. Im öffentlichen Straßenverkehr ist so ein Schleppmanöver auch gar nicht erlaubt. Rainer Bernickel von der Autobahnpolizei Münster: "Wenn das jemand bei uns machen würde, würden wir das Gespann stilllegen und eine Anzeige schreiben. Schon weil die zulässige Anhängelast gewaltig überschritten wird." Laut Bußgeldstelle wären 225 Euro und drei Punkte fällig. Mindestens. So weit zu Audi.

Is it love? Edouard und sein Mini

Aber was ist mit dieser BMW-Anzeige für den neuen Mini? Da sehen wir den Führerschein von Joachim von Wilhelmshöhe und auf dem Foto einen alten Mann, der pfiffig in die Kamera grinst. Das Motiv soll uns sagen: Der lebenslustige Opi hat eigens für den Mini im hohen Alter noch den Führerschein gemacht. Gibt es den Mann wirklich? Oder ist er am Computer entstanden?

"Beides", sagt Götz Ulmer, Creative Director Art bei der Werbeagentur Jung von Matt in Hamburg, und holt einen Katalog der Bildagentur "Mauritius" heraus. Auf Seite 53, mit der Suchnummer S3749 versehen, taucht das gleiche pfiffige Gesicht wieder auf. Also kein Mini-Fahrer, sondern ein Model. Allerdings trägt der Mann auf dem Bild eine Kappe. "Damit sah er zu sehr nach französischem Landarbeiter aus. Außerdem sind Kopfbedeckungen in amtlichen Lichtbildern nicht gerne gesehen", erklärt Ulmer.

Innerhalb von vier Wochen zwischen der Idee für das Motiv und seiner Fertigstellung bekam das Alt-Model am Computer eine Halbglatze, verlor ein wenig an Kontrast sowie Helligkeit und wurde in den Führerschein eingebaut. Seit die originelle Anzeige ab Anfang Februar in Zeitungen und Zeitschriften erschien, hagelte es bei Jung von Matt Anfragen. Ulmer: "Ständig riefen Leute an und wollten wissen, wer das auf dem Foto ist und wo er seinen Führerschein gemacht hat. Da haben wir begonnen, über die Fotoagentur ein bisschen nachzuforschen."

Ergebnis: Der Mann ist Edouard Van Sever, wurde am 8. Mai 1897 geboren und kommt aus dem belgischen Dorf Vlissegen. Ein Fotograf hatte ihn 1987 aufgenommen, das Bild an Mauritius verkauft. Den neuen Mini hat Edouard gar nicht mehr erlebt. Er verstarb vorher.

Zwei Jahre Haft für falsche Versprechen

Ähnlichkeiten des Audi-Werbespots mit dem Klassiker "Das Duell" von Steven Spielberg waren nicht nur gewünscht, sondern gewollt.

Interview mit Volker Nickel, Sprecher des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft (ZAW): Wie realistisch muss Werbung heute sein? Darf man etwas zeigen, was in der Praxis nicht funktioniert? In der Werbung zugesicherte Produkteigenschaften haben wahr zu sein. Beispiel: Ein offerierter geringer Benzinverbrauch muss tatsächlich auch erreicht werden. Um solche Vorteile gefühlsmäßig zu vermitteln, sind allerdings symbolhafte Bilder zulässig. Niemand käme beispielsweise auf die Idee, dass einem nach dem Genuss von Red Bull tatsächlich Flügel wachsen.

Welche weiteren Grundsätze gelten für Werbung? Werbung darf nicht unlauter, unsittlich und nicht irreführend sein. Hinzu kommen noch viele weitere Spezialvorschriften und freiwillige Werberegeln der Wirtschaft. Zum Beispiel werden Angaben über die Höchstgeschwindigkeiten in der Autowerbung nicht besonders betont.

Welche Konsequenzen drohen Unternehmen, wenn sie diese Grundsätze missachten? Wer absichtlich falsche Angaben in der Werbung für Produkte und Dienstleistungen macht, kann für zwei Jahre ins Gefängnis kommen. Bei Werbeverstößen klopfen sich die Firmen mit juristischen Mitteln gegenseitig auf die Finger. Außerdem dürfen Verbraucherverbände bei irreführender Werbung klagen und auch Organisationen für den Wettbewerbsschutz – zum Beispiel die Zentrale gegen den unlauteren Wettbewerb.

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