Wie viele Autos braucht der Mensch?

Wie viele Autos braucht der Mensch?

— 15.01.2003

Eins ... oder 61?

Ein Neuwagen wird nach gut fnf Jahren gegen den nchsten getauscht statistisch gesehen. Aber nicht bei diesen beiden Herren.

Zwei Mnner, zwei Auto-Philosophien

Das Auto, der Deutschen liebstes Kind. Sagt der Volksmund. Der deutsche Autofahrer, der Statistiker und Konsumforscher liebstes Studienobjekt. Sagen wir. Und zwar alle Jahre wieder, wenn die neuesten Zahlen ber das Kaufverhalten der mobilen Gesellschaft auf unsere Schreibtische flattern.

Beim Vergleich der Zahlen mit denen der Vorjahre lassen sich klare Trends ablesen. Etwa dieser: Der Verbleib neuer Personenwagen in erster Hand ist gestiegen. Von 58,1 Monaten im Jahr 1998 auf 61,2 Monate in 2001. Was bedeutet, dass "Otto Normalneuwagenkufer" nach rund 5,1 Jahren zum nchsten Fahrzeug greifen wird. Zumindest theoretisch.

Praktisch gibt es unter den jhrlich etwa 3,3 Millionen Neuwagenkufern, die dieses statistische Mittel ergeben, krasse Ausreier. Im Verkehrsalltag fallen sie nicht weiter auf; sehen ja aus wie ganz normale Brger. Deshalb zeigen wir zwei der Zeitgenossen, die den Durchschnitt besonders weit umfahren in unterschiedliche Richtungen: Otto Blecker (80) aus Kstorf bei Wolfsburg hat im Mai 2002 sein 61stes VW-Konzernprodukt in jungfrulichem Zustand abgeholt. Hans Schmitt (71) aus Schweinfurt fhrt noch immer den Kfer, den er 1958 neu kaufte.

Wegwerfgesellschaft? Von wegen!

Was veranlasst die beiden rstigen Rentner zu ihrem ungewhnlichen Konsumverhalten? Bei Schmitt ist es schlicht die Verweigerung gegenber der schnelllebigen Wegwerfgesellschaft: Der Pensionr gehrt zu den Typen, die smtlichen Modestrmungen zum Trotz ihre Schuhe jahrzehntelang tragen. Falls die Qualitt mitspielt. Deshalb sieht (und nutzt) er sein 45 Jahre altes Vehikel nicht als Oldtimer, sondern als robustes Werkzeug zur Erledigung nchterner Transportaufgaben.

Und Blecker, der altgediente VW-Mann? Bei ihm ist es einfach die ewige Lust am Neuen, vereint mit guten Voraussetzungen: Kaum ein Werksangehriger hatte das Glck, bereits whrend der ersten Baujahre einen Kfer zu erhalten. Und noch weniger Wolfsburger Kollegen holten sich ein halbes Jahrhundert lang im Schnitt alle zehn Monate ein neues Auto. Zwei Tatsachen, die Blecker zum mutmalichen Rekordhalter machen.

Sein Autofahrer-Leben startet 1952: Nach zwei erfolglosen Antrgen landet der "Fall" beim legendren VW-Direktor Nordhoff hchstpersnlich der dem hartnckigen Werkzeugmacher (Stundenlohn 1,50 Mark) sofort ein Auto fr 3600 Mark zuteilt. Am 9. Juli holt Blecker den kastanienbraunen Kfer ab.

1969 wird Otto Blecker zum Herrn der Ringe

In Schweinfurt, 250 Kilometer weiter sdlich, fhrt derweil Maschinenbauer Hans Schmitt Motorrad: eine 100er Torpedo, Baujahr 1940, fr 70 Mark. 1957 geht Schmitt zum Opel-Hndler, um einen Gebrauchtwagen zu kaufen und verlsst den Laden mit einem VW-Vertrag, den ein ungeduldiger Besteller wegen der langen Lieferfrist in Zahlung gegeben hatte. Am 16. Januar 1958 bekommt er das diamantgraue Krabbeltier drei Wochen, bevor Otto Blecker im fernen Kstorf seinen Kfer Nummer sechs anmeldet.

Bis 1968 kommen weitere zehn der runden Volkswagen dazu. Blecker wechselt seine Fortbewegungsmittel inzwischen so hufig, dass er gelegentlich Farbe und Kennzeichen seines derzeitigen vergisst. Eine halbe Stunde lang macht er auf dem riesigen Parkplatz des VW-Werks den Schlsseltest. Bis sich endlich zeigt: Seiner ist der in Savannenbeige mit der Nummer HE-KK 65.

1969 wird Blecker zum Herrn der Ringe, greift zum Audi 60. Denn VW, neuer Hausherr in Ingolstadt, bietet seinen Bediensteten hier die gleichen Konditionen an. Es folgen ein VW 1600 (1970), ein VW K70 (1971) und wieder ein Audi 60 (1972), alle in poppigem Orange lackiert. Der coronagelbe Audi 80 von 1973 trgt erstmals eine Wolfsburger statt einer Helmstdter Zulassung sein Wohnort Kstorf ist mittlerweile in die stetig wachsende Autostadt eingemeindet worden. Auch Schmitt steht eine Adressnderung bevor: Sein Hausbau geht voran, der 15 Jahre alte Kfer muss Zementscke schleppen. Ohne Beifahrersitz lassen sich sechs Zentner laden.

In 50 Jahren nicht einmal l nachgefllt

1986: Whrend Otto Blecker seit fnf Jahren in Rente seinen siebten Passat Variant fhrt (Neuwagen Nummer 37), erleidet der tapfere Kfer in Schweinfurt einen schweren Heckschaden. Zeit fr einen Nachfolger, meinen Mutter und Sohn Schmitt. Nach langen Verhandlungen des Familienrats bestellt Vater Hans widerwillig einen Golf. Doch die selbstverstndliche Entsorgung des Unfall-Oldies findet nicht statt diese Bedingung hatten Schmitts Mitentscheider schlicht vergessen. Der Tftler, der schon in den Sechzigern aus einem Waschmaschinenmotor einen Garagentorantrieb bastelte, stellt den Kfer wieder her. Und behlt ihn. Bis heute ist er im Einsatz meist bei Lastesel-Jobs, fr die der "neue" Golf zu schade ist.

Wie viele Autos braucht der Mensch also? Eins, sofern es hlt. Sagt Hans Schmitt. Er hat bestimmt noch einige Kraftfahrer-Lenze vor sich, aber ein neues Fahrzeug kommt ihm nicht ins Haus. Warum auch?

Und was sagt Otto Blecker? Er lsst die Zahl offen. Hauptsache, er muss kein l nachfllen. Das nmlich hat er in 50 Jahren nicht ein einziges Mal getan. Womit er in Zukunft unterwegs sein wird, wei er noch nicht. Der Abgabetermin des aktuellen Golf Variant steht indes schon fest: der 13. Mrz 2003. Dann folgt die Nummer 62.

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