Wrackfischen in der Nordsee

Wrackfischen in der Nordsee

— 23.03.2002

Aufgetaucht: 21 Meercedes...

... BMW und Opel, die auf dem Weg nach Beirut ber Bord gesplt wurden. Und fnf Monate auf dem Grund der Nordsee lagen.

Die dicken Krebse whlen Mercedes

Taschenkrebse knnen strrisch sein, besonders die groen. Den Besenstiel wehren sie ab, das Tau schlagen sie aus, gut zureden bringt eh nichts. 20 Stunden harrt dieser hier jetzt in der Pftze unterm Fahrersitz aus. Wenn er sich nicht bald rhrt, endet er in der Schrottpresse. Genau wie sein Quartier, eine silberne C-Klasse.

"Die dicken Krebse entscheiden sich fast immer fr Mercedes, die kleineren nehmen BMW oder Opel." Warum das so ist, wei Harm Kramer nicht. Aber der Profitaucher hat Beweise: Beim S 500 und dem anthrazitfarbenen 3er-BMW war das so den ersten beiden Wagen, die er und sein Team aus der Nordsee gefischt haben; bei dem zur Banane verformten T-Modell und dem nur noch 1,20 Meter hohen Fnfer; und beim 300er-Cabrio und dem grnen Vectra. "Vielleicht ndert sich das noch", meint Harm (41), Teamleiter von DUC Diving, "wir haben ja lngst nicht alle oben."

48 Autos sollen es eigentlich werden, 21 sind es bislang. Gebrauchtwagen der Ober- und Mittelklasse, in der Mehrzahl Mercedes-Benz der W-124-Baureihe, die am 5. September 2000 an Deck des Cargoschiffs "Cedar Car" den Hamburger Hafen verlassen haben. Und ihr Ziel, den Libanon, nie erreichten.

In der Nacht vom 6. auf den 7. September wurden sie bei Windstrke acht bis neun vom Oberdeck des aufgestockten RoRo-Transporters gepustet. Aus rund sieben Meter Hhe ditschten sie aufs aufgewhlte Nordmeer, 30 Seemeilen westlich vom hollndischen Kstenort Den Helder. Und sanken dann gemchlich hinab auf 27 Meter Tiefe; Khlergrill voran, Rder bei der Landung in die Hh.

Blhende Landschaften auf schndem Blech

Was nach solch einem Stunt und knapp fnf Monaten auf dem Meeresgrund von einem Auto brig bleibt, drfte jeden Hobbytaucher erfreuen: Polypenkolonien verwandeln schndes Blech und matte Felgen in blhende Landschaften. Muscheln nisten selbstbewusst in Trrahmen, Handschuhfchern und jeder noch so kleinen Fuge. Seesterne, Makrelen und viele, viele Krebse teilen sich friedlich den berraschend gelandeten neuen Lebensraum.

Meeresbiologen, Fischer und das hollndische Ministerium fr Transport, Arbeit und Verkehr (Rijkswaterstaat) sehen das kleine Glck anders. Martijn van Kolck, zustndig fr maritime Sicherheit und berwachung: "Die Wracks verseuchen die Umwelt, gefhrden die Schifffahrt, zerstren die Netze der Fischer und behindern den Abbau von Sand." Letzterer wird zum Strand- und Hausbau genutzt, "nicht als Friedhof fr Autos".

Also weg mit den Muschelbnken in spe. Bis das Unternehmen Wrackfischen endlich anlief, vergingen Wochen. Unntze Warterei, denn schon kurze Zeit nach der Havarie war die Position der versunkenen Vierrder ermittelt. "Eigentlich htte die Aktion da schon beginnen knnen", meint Hessel Brands (49), Chef an Bord des Bergeschiffs "Fogo Isle". Aber der libanesische Reeder zeigte sich wenig interessiert. Die Ladung war gut versichert.

Erst nach vier Monaten kam es zum Vergleich: Die Hlfte der Bergungskosten trgt die Versicherung, die andere Rijkswaterstaat. Bislang sind beide mit rund 250.000 Mark dabei. Wenn es schlecht luft, kommt noch mal die gleiche Summe obendrauf. "48 Autos sind reingefallen, 48 Autos mssen wieder raus", lautet die Marschroute der Rijkswaterstaat.

Kollabierte Dcher, aufgelste Zylinderkpfe

Am 19. Januar lief der einstige Robbenfnger erstmals zur Bergung aus. Bei schwerer See hievte das 15-Mann-Team zwei Autos an Bord, mehr lieen die Wellen nicht zu. Beim zweiten Versuch kam es mit zehn Wagen zurck meistens dunkle E-Klassen (W 124). Beim dritten Anlauf wurden es neun unter anderem ein silbernes 300 CE Cabrio, ein 300er-Coup und ein 230 T-Modell. Der schwarze Kombi, vergleichsweise gut in Schuss, lieferte sechs Kabeljaus an. Fnf landeten in der Pfanne, der sechste konnte entkommen.

uerlich nehmen sich die Autos wenig: dramatisch eingedrckte Dcher, verbeulte Flanken, schlammberzogenes Interieur, gesplitterte Scheiben. Den Preis fr die schnste Verformung hlt bislang ein silberner Opel Omega: Sein Dach ist mittig der Lnge nach gefaltet. "Hot Dog" nennen ihn die hollndischen Taucher, die jeden Respekt vor deutschen Autos verloren haben: "Die sind nicht wasserdicht."

"Ein Teil der Schden wurde bereits an Deck verursacht, zum Beispiel an den Tren", meint Harm. Das Gros kommt durch den Sturz aufs Wasser, bei dem vor allem die Dcher kollabierten. Der Rest ist eine Frage von Zeit und Salzgehalt sowie des Materials. Die Aluminium-Zylinderkopfdeckel der E-Klassen haben sich smtlichst komplett aufgelst, einzig der Plastikverschluss des leinfllstutzens thront noch ber den Ventilen. Die Innenfolie der geborstenen Verbundglasscheiben aller Fabrikate hat sich milchwei verfrbt. Alle Autos mffeln wie Fisch in der Sauna.

Wann und wo das letzte Wrack am Haken baumelt, ist vllig offen. Brands: "Angesetzt sind eigentlich zwei Wochen. Das Problem ist, dass sich die festgestellte Position der meisten Autos verndert hat. Fnf Monate sind eine lange Zeit. Wir wissen von Fischern, dass sie Wagen in ihren Netzen mitgeschleppt haben, aber nicht, wie viele es waren. Wir wissen nur, dass sie die Wracks mit Sicherheit nicht an Land bringen, sondern unterwegs wieder abschmeien, irgendwo."

Fetter Fang fr Verwerter Klomp

ber eine zweite, zwar sehr genaue, aber auch sehr teure Sonarortung wird noch entschieden. Vorerst gehen die Taucher auf Verdacht runter, gucken, ob und wie viele Autoleichen tatschlich an den verzeichneten Stellen liegen. 35 der 48 abgesoffenen Fahrzeuge sollen auf zwei groen Haufen getrmt sein. Das einzig einzeln ruhende ist verschwunden. Die restlichen zwlf stellen das Team vor Rtsel. Und die Frage, ob die Wagen wirklich aufgrund hherer Gewalt ber Bord gegangen sind: Bei manchen Wracks sind die Seitenscheiben ganz oder halb heruntergedreht. "Schon ein bisschen merkwrdig, oder?", meint Harm.

Unverdchtig hingegen die Schlssel, die bei allen Fabrikaten im Zndschloss stecken. "Manche Transporter haben einige hundert Autos an Bord. Wrden die nach dem Verladen alle abgeschlossen, bruchte man Tage, um sie von Bord zu schaffen." In diesem Fall geht es schneller: Die Verschrottung der Autos war beschlossene Sache, lange bevor feststand, dass sie ihr Dasein als Personenbefrderungsmittel ausgehaucht hatten. Martijn van Kolck: "Seerechtlich sind die Wracks Mll, aber eben auch Autos. Und die mssen nach Holland importiert werden." Eigentlich.

Das Rechts-Kuddelmuddel auseinander zu klamsern erschien den Beteiligten nicht der Mhe wert. Also wartet im Hafen von Den Helder, zirka vier Stunden von der Meeresschrotthalde entfernt, Klomp, der rtliche Autoentsorger. Zu retten ist nach dem Offshore-Bad eh nichts mehr. "Hchstens eine Hinterachse", meint Klomp. Und der ein oder andere Krebs.

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