WRC: Wie schmutzig ist die Scheiben-Affäre?

WRC: Wie schmutzig ist die Scheiben-Affäre? WRC: Wie schmutzig ist die Scheiben-Affäre?

WRC: Scheiben-Affäre

— 20.04.2007

Dünne Fenster kosten Zeit

Gezielter Betrug oder bloß Schlamperei? Ford kassiert bei der Rallye Portugal eine Zeitstrafe. Die Seitenscheiben waren zu leicht.

Christian Loriaux (40) geht gern ans Limit. Schon mehrfach war der Technikchef des Ford-WM-Teams mit den Kommissaren des Automobil-Weltverbandes FIA aneinander geraten. Die von dem belgischen Top-Ingenieur entwickelten Focus WRC reizen die Regelspielräume bis ins Letzte aus. Nach der Zieldurchfahrt der Rallye Portugal war die Geduld der Offiziellen aufgebraucht. Weil die hinteren Seitenscheiben aller Focus WRC des Modelljahres 2006 die vorgeschriebene Dicke von 3,5 Millimeter um 0,5 Millimeter unterschritten, erhielten sechs Fahrer nachträglich eine Zeitstrafe von fünf Minuten. Folge: Die Werkspiloten Marcus Grönholm (39) und Mikko Hirvonen (26) verloren ihre Podiumsplätze hinter Sieger Sébastien Loeb (33/ Citroën).

Futsch ist die WM-Führung

Marcus Grönholm konnte nur noch verkniffen in die Kameras lächeln.

Grönholm war damit sogar die WM-Führung los. "Ein Sch ...-Wochenende", grollte der Finne. Dabei ging es den Regelhütern gar nicht um einen möglichen Wettbewerbsvorteil durch die dünneren Scheiben (Material Polycarbonat, Stückpreis etwa 75 Euro). Der fiel mit etwa 200 fehlenden Gramm ohnehin verschwindend gering aus. Zumal die deutlich größere Focus-Heckscheibe mit einer Dicke von vier Millimeter nicht beanstandet wurde. "Entscheidend ist der Verstoß gegen das Reglement", begründete der indische Chefsteward Nazier Hoosein. "Die Kommissare hätten uns auch aus der Wertung ausschließen können", verriet Fords deutscher Motorsportchef Jost Capito (48). Die vergleichsweise milde Zeitstrafe belegt: Die Richter urteilten nicht auf Betrug, sondern auf Schlamperei. Schlamperei, für die Ford-Technikchef Loriaux die Verantwortung trägt. "Wir müssen die interne Qualitätskontrolle verbessern", sagte der Belgier kleinlaut.

"Alle WRC liegen unter dem Gewichtslimit"

Raue Pisten, raue Sitten. Da bleiben auch schon mal ein paar Teile auf der Strecke.

Wie alle anderen Werksteams auch bezieht Ford sämtliche Fensterscheiben von einem italienischen Zulieferer. "Dort wurden möglicherweise die Vorschriften in der Rallye-WM mit denen in der Tourenwagen-WM verwechselt", mutmaßt Sportchef Capito. In der WTCC müssen die Seitenscheiben tatsächlich nur drei Millimeter dick sein. Der Verdacht liegt nahe, dass die illegalen Scheiben nicht erst bei der Rallye Portugal im Ford Focus WRC06 steckten. Absicht war wohl nicht im Spiel – Christian Loriaux hätte kaum auch die Focus-Privatfahrer mit Leichtbauscheiben versorgt. Die Zeitstrafe war nur das Schlusskapitel eines für die Ford-Rallye-Abteilung peinlichen Wochenendes. Schon bei der technischen Kontrolle vorm Start waren die beiden Werksautos den Kommissaren aufgefallen. Das vorgeschriebene Mindestgewicht von 1230 Kilo hielt der Focus WRC von Hirvonen aufs Kilogramm genau ein. Auch beim Auto von Grönholm ging das offizielle Einsatzteam M-Sport mit 1235 Kilo deutlich näher ans Limit, als es sich die Konkurrenz traute.

Die Rettung: Ausflug in die Botanik

Loebs Citroën C4 ging in Portugal mit 1268 kg über die Waage. Der Ford von Grönholm wog nur 1235 kg.

Zum Vergleich: Loebs Citroën C4 trat mit satten 1268 Kilo zum obligatorischen Check an. "Alle World Rallye Cars liegen inzwischen grundsätzlich unter dem Gewichtslimit", verrät Citroën-Ingenieur Mestelan-Pinon. "Wir packen künstlich Gewicht an Stellen drauf, die für das Fahrverhalten günstig sind." So sind die meisten WRC mit etwa 100 Kilogramm schweren Metallplatten zum Unterbodenschutz ausgerüstet. Während einer weiteren Überprüfung im Verlauf der zweiten Etappe pegelte sich die Digitalanzeige der Waage, auf der gerade Grönholms Focus stand, dennoch bei 1224 Kilo ein – eindeutig sechs Kilogramm zu wenig. Allerdings hatte Grönholm bei einem Ausflug in die Botanik kurz zuvor an seinem Auto diverse Karosserieteile und Lampen verloren. Beifahrer Timo Rautiainen (42) hatte die Schäden vorsorglich mit seiner Kamera dokumentiert. Hastig rangeholte Ersatzteile summierten sich auf etwa sieben Kilo. Das ergab legale 1231 Kilo.

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