Zu Gast bei Frank Williams

Das blaue Wunder Das blaue Wunder

Zu Gast bei Frank Williams

— 09.02.2006

Das blaue Wunder

Nach der Trennung von BMW steht Sir Frank Williams wie schon oft vor einem schweren Neustart. Doch der Kämpfer im Rollstuhl schafft ihn besser als erwartet.

Williams schwärmt noch immer von BMW

Hier links in der Ecke vor der Bühne, mit den zwölf flackernden Teelichtern auf dem Tisch und den schummernden blauen Neonlichtfäden zwischen seinen alten F1-Rennern, in dieser düster coolen Umgebung sieht wohl jeder gut aus. Aber nein, er sieht wirklich gut aus bei der Präsentation seines nun schon 28. Grand-Prix-Rennwagens. Sir Frank Williams, der mittlerweile 63 Jahre alte Ritter der englischen Königin Elisabeth wirkt nicht so blaß und faltig, nicht so abgekämpft und erschöpft, wie ich ihn zuletzt vor gut vier Monaten in Spa beim belgischen Grand Prix erlebt habe. Auch dieses neugierige Blitzen in seinen blau-grünen Augen und dieses verschmitzte Grinsen um seine hellrosa Lippen, sie sind wieder da.

"Wie geht's?", fragt er auf Deutsch und hebt auffordend den Kopf. Und die Antwort gar nicht abwartend will er wissen: "Wird sich Mercedes angesichts seiner jüngsten massiven Jobstreichungen in der Serienproduktion bald Formel 1 und Motorsport überhaupt sparen? Wie sieht es aus im Pkw-Zweikampf Audi gegen BMW? Wie geht es voran unter Volkswagens neuem harten Kostendrücker Wolfgang Bernhard? Wie gefährlich kann Toyota mit seiner Luxusmarke Lexus den deutschen Herstellern werden? Kann Lexus vielleicht sogar BMW auf der sportlichen Schiene überholen?"

BMW, immer wieder BMW. Dieses Thema beschäftigt den Mann weiter, dessen Formel-1-Ehe mit den Bayern 2005 im sechsten Jahr nach nur zehn gemeinsamen Siegen (aus 104 Rennen) und ohne WM-Titel in die Brüche ging. "Meine Kollegen raten mir zwar davon ab, doch ich telefoniere nach wie vor regelmäßig mit Mario Theißen (BMWs Motorsportchef, nun mit hauseigenem Team ein neuer Gegner; d. Red.)", sagt Williams. Auch der BMW 535 Diesel ("Mann, ist der gut und schnell!") bleibt sein Lieblingsauto und Dienstwagen. "Es anders zu machen, wäre doch kein faires Business", merkt er mit krauser Stirn an.

"Wir waren immer freie Geister"

Kaum zu glauben, der gesunde Sportgeist des englischen Waisenjungen aus dem schottischen Internat, des Rugby-Jugendnationalspielers und späteren Marathonläufers ist nach all dem Gezerre und Gezanke mit BMW immer noch da. Sein 40-Prozent-Partner und erfahrenster Technikkopf Patrick Head (59) wird es später in großer Interviewrunde so und für seine Verhältnisse diplomatisch formulieren: "Es ist falsch zu behaupten, die Williams-Kultur passe nicht zu Automobilherstellern. Aber die Renault- und jetzt die Cosworth-Leute sind uns wohl ähnlicher als die von BMW."

Von seinen 16 WM-Titeln in Fahrer und Teamwertung gewann Williams zwischen 1980 und 1997 allein neun mit Renault, vier mit Cosworth – seinerzeit noch eine Ford-Tochter – und drei mit Honda. Dabei hat das Team immer auf eins konsequent gepocht: seine Unabhängigkeit. "Wir waren immer freie Geister", flüstert Sir Frank heiser aus seinem Rollstuhl rüber und hebt dabei den Kopf zur Betonung noch, höher als sonst an für ihn besonders wichtigen Stellen eines Gesprächs. So frei, daß er heute nach dem endgültigen Verschwinden von Giancarlo Minardi und Eddie Jordan der letzte Formel-1-Boß ist, dessen Autos noch den Namen einer Einzelperson tragen.

Diesen Freiheitskampf konnte in dem gnadenlosen Piranha-Pool namens Formel 1 nur ein solch höchst seltener Kraftprotz wie Frank Williams bestehen. Hocharbeiten, niederfallen, aufrappeln, weiterkämpfen – immer im Jetzt leben mit dem Blick nach vorn statt zurück, das ist sein Leben. Vor allem seit jenem fatalen 8. März 1986. Damals, vor fast 20 Jahren, steuerte sich Williams selbst in seine schwerste Prüfung. Der Überschlag am Steuer eines Ford-Sierra-Mietwagens kostete ihn unterhalb seiner Brust alle Bewegungsfreiheit. "Seit ich mir das Genick brach, ist halt alles etwas schwieriger", sagt Sir Frank und hebt kräftig nach Luft schnappend die schmalen Schultern.

Nico Rosberg hinterläßt starken Eindruck

"Alles etwas schwieriger", das ist für ihn kein Understatement der feinen englischen Art, sondern seine Wahrheit. "Speed bleibt Speed, Motorlärm bleibt Motorlärm", so beantwortet er keck blinzelnd die zum wer weiß wieviel tausendmal gestellten Frage nach seiner bislang ungebrochenen Motivation zum Weitermachen. Nein, Frank Williams hat sich nach seiner Querschnittslähmung nie als Behinderter betrachtet! Er blieb, was er immer war – der leidenschaftliche Racer. Der sich nach mehr als 20 Jahren und mindestens 50mal Anschauen immer noch herzerfrischend an seinem Lieblingsfilm Top Gun erfreuen kann. Wenn darin Hollywood-Star Tom Cruise als schneidiger US-Air-Force-Pilot von dem Kick der dreifachen Schallgeschwindigkeit schwärmt, schlägt das Herz von Frank Williams heute noch höher.

Siege in der Formel 1 sind zwar noch viel besser, aber die sind seltener geworden seit der Dominanz in den 80ern und 90ern. Der letzte Platz eins für Williams datiert aus dem Jahr 2004, als Juan Pablo Montoya das Saisonfinale in Brasilien gewann. Kann Sir Frank sein "Unwohlsein", wie er das Gefühl des Verlierens umschreibt, dieses Jahr endlich wieder loswerden? "Wir wollen unter die ersten drei der Teamwertung", lautet seine Zielsetzung. Aber wie, ohne Werksmotor?

"Der Cosworth-V8 ist der höchstdrehende Verbrennungsmotor, den ich jemals gefahren bin", lobt der neue Williams- und alte McLaren-Mercedes-Tester Alex Wurz die neue 2,4-Liter-Maschine aus der im Vergleich zu Ferrari, Renault oder Toyota kleinen PS-Schmiede. Doch nicht nur deren Power hat den Österreicher statt einem Wechsel in einen DTM-Mercedes zum Transfer zu Williams als deren Probefahrer gelockt. "Dieser totale Fighter-Spirit hier ließ mir mitten im ersten Gespräch klar werden: Genau das will ich jetzt machen!", verrät der 31 Jahre alte Wurz, der immerhin schon sechs Jahre bei McLaren-Mercedes im zweiten Glied hinter sich hat.

Wurz statt Rosberg als Stammpilot? Das war wohl keine Frage, als der Sohn des Ex-Champions Keke Rosberg auf dem Fahrermarkt verfügbar war. "Der Name Rosberg hat absolut keine Rolle gespielt", rollt Sir Frank streng mit den Augen und führt dann milde lächelnd fort: "Es waren Nicos Überholmanöver letztes Jahr. Die waren wie ein Tanz, wie eine Choreographie. Zudem fuhr er in fast jedem GP2-Rennen Rekordrunden am Stück. All das hat mich beeindruckt und überzeugt." Und ließ Williams vom marketing- und sponsormäßig gewiß äußerst lukrativen Amerikaner Scott Speed aus dem Red Bull-Talentschuppen Abstand nehmen.

Der Nachtisch ist gelöffelt, Zeit zum Abschied. "Haben Sie alles, was Sie brauchen?", will Sir Frank noch besorgt wissen. Danke, alles bestens! Und eins wurde hier beim Lunch im englischen Grove sehr klar: Das F1-Team Williams hat noch den alten Biß. Denn sein Chef ist noch ganz der alte. Es lebt unbeirrt weiter, das blaue Wunder Frank Williams.

Autor: Leopold Wieland

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