Fiat-Chef Sergio Marchionne

Zukunft der Fiat/Chrysler-Zentrale

— 14.01.2014

"Ein Flugzeug hat keine Adresse"

Zieht Fiat um nach Detroit? Ein klares Bekenntnis zu Turin gab es von Fiat-Boss Marchionne noch nicht. Die Italiener sind alarmiert.

(dpa) Gute sechs Minuten braucht Fiat-Chef Sergio Marchionne, um eine simple Frage zu beantworten: Wo wird der Hauptsitz des gemeinsamen Autokonzerns sein, wenn die Fusion mit der US-Tochter Chrysler unter Dach und Fach ist? Weiterhin in Italien? Oder doch in den USA? Die Journalisten auf der Automesse in Detroit sind gespannt. Genauso wie halb Italien. "Über eine Firmenzentrale zu reden, ist fast schon anachronistisch", holt Marchionne weit aus. Diejenigen, die etwas zu entscheiden hätten, reisten sowieso um den Globus. "Ich lebe bevorzugt in einem Flugzeug. Ein Flugzeug hat keine Adresse." Aber, so sagt der Manager, ein derart großer Konzern brauche auch "Zugang zu flüssigen, effizienten Kapitalmärkten". Und wo sitzen die potentesten Investoren? An der New Yorker Wall Street.

Fiat/Chrysler: Zukunft von Lancia

Lancia Ypsilon Lancia Delta Lancia Flavia
Die Aussagen versetzten am anderen Ende der Welt die mächtigen Gewerkschaften in Alarmbereitschaft. "Es besteht die Gefahr, ein industrielles Erbe und Kompetenzen zu verlieren", warnte Maurizio Landini, Chef der italienischen Gewerkschaft FIOM. In die gleiche Kerbe hatte in der Vergangenheit schon Flavio Zanonato geschlagen, der Minister für wirtschaftliche Entwicklung.      Dabei hatte der Politiker die eigentliche Fusion mit Chrysler noch als "sehr positive Nachricht" gelobt. Denn ohne die US-Tochter stünde der italienische Traditionskonzern schlecht da. Während der Markt in Europa vielerorts am Boden liegt oder sich nur zögerlich erholt, floriert das Geschäft in Nordamerika. Chrysler schreibt Gewinne – und gleicht damit zum guten Teil die Verluste bei Fiat selbst aus.

Wo schlägt das Fiat-Herz künftig

Angesichts dieser Machtverteilung kursieren schon länger Befürchtungen, dass das Herz des zusammenwachsen Autokonzerns künftig in den Vereinigten Staaten schlagen könnte. Marchionne selbst sagt, dass die USA wegen der guten Geschäfte für das Unternehmen "besonders wichtig" seien. "Uns interessiert, ob die Technologie weiter in Italien entwickelt wird. Das ist der industrielle Wert, den wir bewahren müssen", sagt Luigi Angeletti, Chef der Gewerkschaft UILM. Die Arbeitnehmervertreter argwöhnen, dass mit einer Verlegung des Hauptsitzes am Ende auch Kompetenzen und Know-how für die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone verloren gehen könnten.     

Der Countdown läuft unerbittlich

Eine Entscheidung steht kurz bevor. Bis zum 20. Januar will Fiat auch die restlichen Anteile an Chrysler aufgekauft haben. Am 29. Januar trifft sich dann der Verwaltungsrat und entscheidet aller Voraussicht nach über den künftigen Firmensitz. Marchionnes Wort hat hier Gewicht. Gerade erst hat der Verwaltungsratsvorsitzende John Elkann bekanntgegeben, dass der Fiat-Boss noch mindestens drei weitere Jahre bleiben werde. Das klingt nach Einigkeit. Ist die ganze Standortdiskussion aber vielleicht auch nur ein Teil von Marchionnes Machtpoker mit den Gewerkschaften, um Zugeständnisse bei Lohn und Arbeitsbedingungen zu erreichen? Der Manager ist ein gewiefter Taktiker, das hat er mehrfach bewiesen. Seit 2004 führt er Fiat. Viele Beobachter sagen, nur seinetwegen gebe es das Unternehmen überhaupt noch. Seit 2009 lenkt er zudem Chrysler. Marchionne war es, der den am Boden liegenden US-Autobauer wieder in die Spur brachte. Die Metallarbeiter-Gewerkschaft UILM zeigt jedenfalls demonstrativ Gelassenheit. "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Fiat direkt nach dem Kauf von 100 Prozent der Chrysler-Anteile den Transfer des Sitzes ins Ausland ankündigt", sagt deren Chef Rocco Palombella "Das wäre falsch, und ich denke nicht, dass sie das tun werden." Bei den versammelten Journalisten in Detroit blieb ein anderer Eindruck zurück. 

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