Zwei Supersportler

Porsche 911 GT und Ferrari F430 Scuderia Porsche 911 GT und Ferrari F430 Scuderia

Zwei Supersportler im Test

— 19.10.2007

Die Tempo-Tiere

Nur mal angenommen: Sie haben 200.000 Euro auf dem Konto und suchen einen Sportwagen, der auch auf der Rennstrecke rockt? Dann sind Sie zu beneiden um diese Alternative: Ferrari F430 Scuderia oder Porsche GT2.

Maranello, die Teststrecke Fiorano, Dario Benuzzi – was für ein Dreiklang. Lassen Sie das mal einen echten Cavallo-Fan hören. Er wird vor Ehrfurcht erstarren. Denn in Fiorano schlägt das Herz von Ferrari. Und Dario, Testfahrer-Legende seit 1971, zeigte einst Schumi, wo eingelenkt und wann gebremst wird. Dario ist mehr als nur cool. Er ist sub zero, unter null. Aber heute demonstriert er uns ein Auto, das seine Augen funkeln lässt. Sichtbar, denn Dario nimmt kurz die Sonnenbrille ab. Der F430 Scuderia, die Hardcore-Variante des F430. "Fantastico", sagt Dario und brettert auf die Piste. Geradeaus, voll in die Keramikbremsen, scharf rechts, dann das Gaspedal gleich wieder auf Anschlag. Der Ferrari folgt dem Kurs, als würde ihn ein riesiger Magnet in die Kurve ziehen. Keine Ausbruchsversuche, nicht einmal ein Zucken.

Leichtbau ist der Schlüssel für schnelle Rundenzeiten

Der Manettino, der kleine Drehschalter auf dem Lenkrad, steht auf "Race", unzählige Terrabytes lassen das Auto bei dieser Einstellung punktgenau an der Haftgrenze balancieren. Wie in der Formel 1. "Fantastico", meint Dario, der nur auf Italienisch kommuniziert, zu diesem Elektronik-Wunder und zieht am rechten Schaltpaddel. Bamm, bamm, bamm – der von 490 auf 510 PS massierte 4,3-Liter-V8 jagt durch die Gänge der sequenziellen Schaltung. Nur 60 Millisekunden pro Gangwechsel, die Formel 1 schafft das in 40, ein F430 braucht 150. Irre schnell also – "fantastico", wie Dario bestätigt. 1:25 Minuten dauert Darios beste Runde, zwei Sekunden weniger als mit dem F430. "Isse like Enzo", erklärt der Meister ausnahmsweise auf Englisch. Und das, obwohl der Über-Ferrari 150 PS mehr im Rücken hat. Der Selbstversuch offenbart das Geheimnis. Der F430 Scuderia ist leicht: Er wiegt 1350 Kilo, 100 weniger als die Ausgangsbasis. Er hat atemberaubende Bremsen und dank geregelten Differenzials und optimierter Elektronik mehr Traktion. Das zeigt Wirkung. Volle Kanone schießt der Scuderia aus den engen Biegungen, und in Wechselkurven wird er zur Ballerina, tänzelt federleicht mit feinster Balance, minuziösem Eindrehen und unbeirrbarer Stabilität.

Manisches Dauergrinsen und Gänsehaut garantiert

Brutaler Beschleuniger: Dank verbesserter Atmung steigt die Leistung des V8 von 490 auf 510 PS.

Selbst das beim F430 noch zu beobachtende Untersteuern ist wie weggeblasen. Erst wenn es den Straßen-Pirelli zu warm wird, schleicht es sich wieder ein. Über alles wacht die Elektronik. Stoßdämpfer, ASR, ESP, Differenzialsperre – alles ist vernetzt, alles gehorcht ihrem Befehl. Dem Fahrer bleibt das Vergnügen, gemäß Manettino-Menü seine Bestellung abzugeben: Normal (Nummer sicher), Sport (Straßenprogramm mit erstaunlich gutem Komfort), Race (für optimale Rundenzeiten) und – neu – Race mit ESP, aber ohne Traktionskontrolle. Dann lässt sich der Scuderia auch mit dem Gaspedal lenken. Ganz abschalten darf man die Elektronik ebenfalls. Wie auch immer: Was die Adrenalinflutung betrifft, ist das alles zweitrangig. Die erste Geige spielt il motore. Hier mit Ionenstrom-Technik für die Zündung, geglätteten Atemwegen und optimiertem Sound. Im Wesen mehr Bestie als V8, beseelt von einer ebenso gnadenlosen wie nahtlosen Kraftentfaltung. Erst röhrend, dann schreiend jagt er in den Drehzahl-Orbit, als gelte es, ein Formel-1-Feld zu übertönen. Für den Fahrer ein Trip mit Nebenwirkungen. Schon kurzzeitige Einwirkung führt zu manischem Dauergrinsen und Gänsehaut. Fantastico!

Szenenwechsel: Nürburgring, Nordschleife, Auftritt Walter Röhrl. Der Mann, dem PS-Monster aus der Hand fressen. Jetzt Porsche-Dompteur. Das derzeit stärkste Stück aus Zuffenhausen, den neuen 911 GT2 , treibt er in 7:32 Minuten um den Ring. Wie einst den 612 PS starken Carrera GT. Aber der Elfer hat 82 PS weniger. Das spricht für den GT2. Und für Röhrl, denn er hat ihn geschliffen. "Das Auto muss im Grenzbereich gutmütig sein", sagt der Bayer. 530 Turbo-PS im Heck und gutmütig – der Begriff ist offensichtlich dehnbar. Wie dehnbar? Schaun mer mal. Die Latte liegt hoch. Schließlich genossen wir gestern den Scuderia, in puncto Gutmütigkeit der Märchenonkel unter den Supersportlern. Überhaupt hauen beide in die gleiche Kerbe: Annähernd gleiches Leistungsgewicht (2,7 Kilo pro PS), null auf 100 km/h in unter vier Sekunden, null auf 200 in knapp über elf Sekunden, Spitze 320 (Ferrari) und 329 (Porsche). Dabei folgt der GT2 dem bewährten Porsche-Muster: abgespeckte Karosserie und verstellbares Sportfahrwerk wie beim GT3, Keramikbremsen, Antrieb vom 911 Turbo, aber mit 50 Mehr-PS und ohne Allradtraktion. Und 145 Kilo weniger Gewicht als der Turbo. Dazu Differenzialsperre, separat von der Traktionskontrolle abschaltbares ESP, verstellbare Stoßdämpfer und extrabreite Hinterreifen (325/30 ZR 19).

Der GT2 beschleunigt wie ein Fußball beim Elfmeterschuss

Straßenkleber: Das Hinterteil des Porsche GT2 krallt sich fest, als hätte es einen Klettverschluss.

Erster Eindruck: Ziemlich kommod, dieses Monster. Die Sitzschalen sind gepolstert wie Kate Moss, aber bequem. Und wo im Ferrari nacktes Blech und Schweißnähte zu sehen sind, liegt weicher Teppich. Leiser ist der GT2 auch – mehr als ein dezentes Fauchen wird nicht geboten. Ein Tiefstapler, wie sich herausstellt: Gang rein, Kupplung raus – und die Illusion von Friede, Freude, Eierkuchen zerplatzt. Es genügt, den großen Zeh zu kröpfen, schon gehen die Nieren auf Anschlag. 680 Nm ab 2200/min machen kurzen Prozess. Gefühlte Beschleunigung: wie in einem Fußball beim Elfmeterschuss. Da braucht es auch keine 8500 Touren wie im Ferrari. Bei 6800/min hat es sich ausgedreht, geschaltet wird konventionell. Dass trotz allem die Hände trocken bleiben, ist die Überraschung. Sein Hinterteil krallt sich fest, als hätte es einen Klettverschluss, die Lenkung kommuniziert jede Regung, und selbst jenseits der 300 signalisiert er Gelassenheit. Zwei Welten also: Hier der Feinnervige mit dem Formel-1-Feeling, da der Brachiale mit der Wucht einer Abrissbirne. Welchen nehmen? Im Extremfall am besten beide.

Technische Daten Ferrari F430 Scuderia

V8, Mittelmotor, längs eingebaut • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 4308 cm³ • Leistung 375 kW (510 PS) bei 8500/min • max. Drehmoment 470 Nm bei 5250/min • Hinterradantrieb • Sechsganggetriebe • Einzelradaufhängung v./h. • Keramik-Scheibenbremsen v./h., innenbelüftet • Reifen v. 235/35 ZR 19 /h. 285/35 ZR 19 • L/B/H 4512/1923/1199 mm • Radstand 2600 mm • Leergewicht 1350 kg • Kofferraumvolumen 250 l • Tankinhalt 95 l • Zuladung 100 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in 3,6 s • Höchstgeschwindigkeit 320 km/h • Verbrauch (EU-Mix) 15,7 l SP/100 km • CO2-Ausstoß 360 g/km • Preis: 206.300 Euro

Technische Daten Porsche GT2

Sechszylinder-Boxer, Biturbo, hinten längs • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 3600 cm³ • Leistung 390 kW (530 PS) bei 6500/min • max. Drehmoment 680 Nm bei 2200/min • Hinterradantrieb • Sechsganggetriebe • Einzelradaufhängung v./h. • Keramik-Scheibenbremsen innenbelüftet v./h. • Reifen 255/35 ZR 19, h. 325/30 ZR 19 • L/B/H 4469/1852/1285 mm • Radstand 2350 mm • Leergewicht 1440 kg • Kofferraumvolumen 105 l • Tankinhalt 90 l • Zuladung 310 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in 3,7 s • Höchstgeschwindigkeit 329 km/h • Verbrauch (EU-Mix) 12,5 l SP/100 km • CO2-Ausstoß 298 g/km • Preis: 189.496 Euro

Autor: Wolfgang König

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.