Zwischen Monaco und Wolfsburg

Jutta Kleinschmidt in Monte Carlo Jutta Kleinschmidt in Monte Carlo

Zwischen Monaco und Wolfsburg

— 28.05.2002

Juttas neuer Weg

Wir haben die weltbeste Marathon-Fahrerin ein Stück begleitet. Beim Krafttanken daheim in Monte Carlo. Kurz vor der Unterschrift bei ihrem neuen Arbeitgeber VW.

Am Marathon hängt ihr Herz

Ein Schatten in Grün-Weiß braust auf uns zu. Bremst, springt auf den Gehweg und winkt. Interview-Termin mit Dakar-Siegerin Jutta Kleinschmidt in ihrer Wahlheimat Monte Carlo. Ein paar Tage vorm großen Vertragsabschluss mit VW. Die PS-Pionierin kommt per Eigenantrieb - mit dem Fahrrad. "In Monte Carlo Auto fahren?", fragt sie. "Völliger Blödsinn!" Es sei denn, man heißt Schumi und prescht im Formel-1-Dienstwagen rund ums Casino.

Waren die letzten Tage auch stressig, Jutta Kleinschmidt ist mit sich im Reinen. Was die berufliche Zukunft angeht, hält sie sich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch bedeckt. Wie das Wetter in Monaco. Kein Wort über VW oder andere Hersteller. Nur so viel: "Am Marathon hängt mein Herz. Da noch mal bei null anfangen - das würde mich wahnsinnig reizen. Ein Auto selbst konstruieren. Bei Mitsubishi durfte ich einfach zu wenig mitreden."

Wir sitzen im "Café de Paris", direkt am Casino, und die Kleinschmidt gerät ins Schwärmen wie wenige Tage später in Wolfsburg. Von Nervosität keine Spur. Hier sitzt jemand, der weiß, was er will. Wir ahnen: Die Kleinschmidt geht einen neuen Weg. Und der führt zu VW. Woher sie die Gelassenheit des Seins nimmt? Ein Schluck Cola, kurzes Nachdenken, dann ein Lebensmotto: "Ich schaue immer nach vorn. Auch wenn etwas zunächst nicht gut aussieht, entwickelt es sich oft positiv. Wenn etwas keine Erfüllung gibt, dann muss ich was anderes machen, sonst vergeude ich meine Zeit. Deswegen habe ich vor Entscheidungen, wie jetzt von Mitsubishi wegzugehen, nicht so große Angst."

Neue Wege? Jederzeit!

Auch wenn am Tag unseres Gesprächs ihre berufliche Zukunft längst nicht entschieden ist: Privat ist jetzt die Zeit für einen Umzug von der Ein- in die Dreizimmerwohnung, Bummeln im Yachthafen, Besuche im Lieblingsrestaurant "Le Michelangelo". Aber auch für einen weiteren Traum: "Ich mache meinen Pilotenschein. Außerdem baue ich mit Hans-Joachim Stuck und anderen Partnern eine Firma in der kanadischen Region Yukon auf. Wir organisieren Flüge von Lodge zu Lodge, wollen eine große Anlage bauen. Auf dem See vor der Haustür kann man im Winter wunderbar Fahrertraining machen."

Fliegen und das Abenteuer Wildnis. Kleinschmidt redet sich in Fahrt. Sie erzählt aufgeregt mit großen Augen. Seen, Wälder, eine unendlich weite Schneelandschaft scheint sie vor sich zu sehen. Der Rennalltag, Monaco, das Café, die Sonne, die hinter den Wolken vorlugt - all das ist plötzlich ganz weit weg. Dass sie die Gäste selbst fliegen will, versteht sich von selbst (Infos unter www.yukonriverfollies.com). Ihre ganze Welt scheint ein Abenteuer-Spielplatz. Doch während Jutta Kleinschmidt in Monaco ihre Pasta mit Pilzsauce in der nun strahlenden Frühlingssonne genießt, vergisst sie auch die Schattenseiten nicht.

Was kaum jemand weiß: Sie hat drei Patenkinder bei der Hilfsorganisation Plan International, die sie finanziell unterstützt. "Ich tue das doch nicht, um damit PR zu machen, sondern weil mir die Sache wichtig ist", sagt sie bescheiden. Kleinschmidt selbst ist in ihrer Kindheit von Köln nach Berchtesgaden gezogen, wuchs dort mit drei Schwestern bei der Mutter auf. Zu ihrem Vater hatte sie nur kurz Kontakt, mit 18 Jahren: "Ich war neugierig, habe ihn in Amerika vier Wochen auf seiner Ranch in Utah besucht. Das war's. Wenn ich heute von meinem Vater rede, dann meine ich eher den Freund meiner Mutter. Denn der war immer da."

Alter ist kein Rallye-Thema

Für eine eigene Familie bleibt ihr bisher keine Zeit. Seit ihrer Trennung von "Wüstenprinz" Jean-Louis Schlesser gab es keinen festen Partner mehr. Dafür bestimmt der Sport zu sehr das Leben. Und die Ansprüche sind gestiegen: "Es darf nicht jemand sein, der mich anhimmelt. Ich brauche kritische Menschen, die mich auf meine Fehler aufmerksam machen." Sie streicht Butter auf ihr Brötchen, sagt lachend: "Die meisten Männer trauen sich das bei mir nicht mehr."

Jutta Kleinschmidt gehört zu den Menschen, die auch sich selbst viel abverlangen: "Für mich sind Ziele enorm wichtig. Das gibt mir Kraft. Und umso härter der Weg dahin, desto mehr ist das Ziel wert." Ihr neuer Weg und das Ziel heißt bald auch offiziell: mit VW die Dakar gewinnen. Genug Energie dafür hat sie. Denn Alter ist für die Rallyefahrerin kein Thema. Sie wird in diesem Jahr 40, aber: "Innerlich fühle ich mich nicht älter als mit 20 oder 25. Konditionsmäßig bin ich eher besser drauf als früher." Dabei hält sie nicht mal ein regelmäßiges Fitness-Programm ein: "Das wäre mir einfach zu langweilig." Ihre perfekte Tagesordnung liegt im immer neuen Mix. Rollerbladen, Rad fahren, Fitnessstudio, Kartbahn. Ein Rezept, das ihr auch bei der Ernährung schmeckt. "Am liebsten alles, was aus dem Meer kommt: Shrimps, Fisch, Sushi. Außerdem Huhn und Pasta."

Jetzt aber noch schnell gemeinsam einen Espresso trinken. Die Handwerker sind in der neuen Wohnung, bauen die Küche ein. "Beim Holz habe ich mich in der Farbe wohl etwas verschätzt", bemerkt sie nebenbei. Und lacht wieder. Das tut sie herzhaft und häufig. Dabei kann die Kleinschmidt auch ungemütlich werden: "Ich ärgere mich schnell und heftig. Vor allem über Ungerechtigkeiten." Dann wird die 1,71-Meter-Blondine auch mal ordentlich laut.

Aufstieg aus Abenteuerlust

Die Frau weiß, was sie will. Ein typisches kleines Mädchen war sie wohl nie. Kleinschmidt, die Physik studiert hat, weil sie als Kind von der Mondlandung fasziniert war, kennt kaum irdische Grenzen: Am liebsten würde sie ins All fliegen. "Leider viel zu teuer", seufzt sie. "Sollte es Sponsoren geben, bin ich sofort dabei", hebt die Hand und lacht wieder ausgelassen. Angeschaut hat sie die Ariane-Raketen im Raumfahrtzentrum Bremen schon. Neue Wege? Jederzeit.

Doch die Sterne am Himmel müssen vorerst warten. Erst mal bietet die norddeutsche Tiefebene große Aufgaben. Konstruktion, Testfahrten, Planung. Jutta Kleinschmidt kann es kaum abwarten. Gleich am Tag nach der Vertragsunterzeichnung Mitte Mai erste Besprechung bei Volkswagen Racing. Die Marathon-Frau kennt keinen Stillstand. Beste Basis fürs gewagte Wüstenabenteuer mit VW. Zuverlässigkeit wollen sie beweisen. Erbe verpflichtet. Schließlich war schon der Käfer für Langlebigkeit bekannt: "Er läuft und läuft und läuft." Kleinschmidts Touareg muss auch noch siegen.

Jutta Kleinschmidt • geboren: 29. August 1962 • Geburtsort: Köln • Wohnort: Monaco • Familienstand: ledig • erlernter Beruf: Diplom-Ingenieurin Physik • Hobbys: Sport, Computer Der unaufhaltsame Aufstieg im Motorsport beginnt aus purer Abenteuerlust. 1987 ist Jutta Kleinschmidt zum ersten Mal bei der legendären Dakar dabei - als Touristin auf dem Motorrad. Infiziert vom "Virus Wüsten-Marathon", startet sie offiziell bei der Pharaonen-Rallye in Ägypten. Bis 1992 bleibt sie als Ingenieurin in der BMW-Fahrzeugentwicklung. Fährt aber nebenbei weiter regelmäßig Marathon-Rallyes. 1992 belegt sie mit dem Motorrad Platz 1 der Damenwertung bei der Paris-Kapstadt, startet 1993 erstmals in der Autoklasse: als Beifahrerin im Buggy von Jean-Louis Schlesser.

Von 1994 bis 96 schafft sie im Buggy Platz 2 der Fahrer-Wertung des Marathon-Weltcups (Zweiradantrieb). 1997 gelingt ihr bei der Paris-Dakar als erster Frau ein Etappensieg. Ab 1998 fährt sie im Mitsubishi Pajero, hält 1999 als erste Frau über mehrere Etappen die Gesamtführung der Paris-Dakar. Als bestes T2-Team schafft sie 2000 Platz zwei der Fahrer-Wertung im Marathon-Weltcup. 2001: Kleinschmidt gewinnt als erste Frau die Paris-Dakar. Mitsubishi nimmt sie bis zur Dakar 2002 unter Vertrag (zweiter Platz).

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