Ein Open-Air-Genuss der intensivsten Art: Dieser
Ferrari belebt die Sinne wie kaum ein anderer. Georg Kacher ist der Faszination des 458 Spider erlegen.
Bei diesem Anblick können einem ja nur die Knie weich werden. Das Herz schlägt wie wild, die Schläfen pochen, die Handflächen fühlen sich bereits leicht feucht an, das gestresste Großhirn bereitet sich auf die aufregendsten 374 Kilometer des Jahres vor.
Um punkt neun fällt die Startflagge. Über uns blauer Himmel, vor uns ein Cockpit ...
... wie aus der Fortsetzung von "Star Wars", hinter uns das Bellen des 570 PS starken 4,5-Liter-V8, neben und unter uns duftend-schwarzes Leder und stark tailliertes Carbon.
So stellt sich Ferrari den Ergonomie-Mix aus F1-Renner und Straßenauto vor. Willkommen im 458 Spider, ...
... dem ersten Mittelmotor-Ferrari mit versenkbarem Hardtop. Apropos Hardtop: In 14 Sekunden verändert dieser Italia seinen Aggregatzustand von zugfrei-Coupé-ähnlich ...
... zu was-kostet-die-Welt-luftig.
Das von Webasto gebaute Dach besteht aus zwei Teilen, die in geöffnetem Zustand flach wie ein dünn belegtes Sandwich unter der Abdeckklappe liegen
Durch diese Origami-Lösung bleibt der Stauraum hinter den Sitzen ebenso erhalten ...
... wie die charakteristischen Höcker rund um die beiden Überrollbügel.
Das kostet natürlich ein wenig. Der 458 mit den zwei Gesichtern macht seinen neuen Besitzer um 225.000 Euro ärmer – aber auch um unvergessliche Fahrerlebnisse reicher.
Der Spider ist ein Italia ohne Filter, Weichzeichner, Verdünnung. Ein offenes Auto pur, aber nicht puristisch, denn die Liste der optionalen Verführungen ist über 40.000 Euro lang.
Doch die meisten Extras sind verzichtbar, denn schon ein nackter 458 Spider verfügt über Carbon-Keramik-Bremsen mit eingebauter Sofort-Wirkung, fette 20-Zoll-Reifen, ein elektrisches Windschott, ...
... das große Straßenfeger-Soundpaket inklusive vorlautem Dreirohrauspuff und exakt die gleiche entwaffnend überlegene Fahrdynamik wie das Coupé.
Während Türen und Seitenfenster vom Coupé übernommen wurden, mussten der Ansaugtrakt und die Auspuffanlage neu entwickelt werden. Das Ergebnis ist ein akustisches Best-of mit Verdis Gefangenenchor aus "Nabucco" (Leerlauf), Nessun dorma aus Puccinis "Turandot" (Volllast) und dem Vorspiel aus Donizettis "Don Pasquale" (Teillast).
Wenn man den Fahrprogramm-Wählknubbel auf Race dreht, gibt es als Zugabe bei jedem Herunterschalten eine automatische Zwischengas-Salve. In Italien wird dieses Platzkonzert mit Szenenapplaus belohnt, denn ...
... Rotkäppchen erobert Herzen im Flug – kein Wunder bei den Motorsport-Genen. In Deutschland aber droht bei missgünstiger Nachbarschaft eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Solche ...
... spießigen Spaßverderber ahnen ja nicht, welches Fahrerlebnis der 458 Spider bietet. Der Fahrtwind zieht selbst bei geschlossenen Fenstern immer neue Scheitel, die Augen behalten trotz störender Reflexionen in der Scheibe stets die Kotflügel-Schenkel im Blick, die Finger spielen auf der Klaviatur des Overkill-Multifunktions-Lenkrads.
Über die Nase steigt uns der Feinstaub-Schweiß von Bremse und Reifen in den Kopf, die trockene Luft schmeckt vor allem in engen Kurven nach Esso Extra, die finalen 3000 Touren zwischen dem Drehmoment-Zenit bei 6000/min und dem Leistungsgipfel bei 9000/ min sind selbst für verwöhnte Ferraristi ein Ohrenschmaus.
Die Fahrleistungen des 570 PS starken Spider liegen auf Coupé-Niveau. Mit Launch Control ...
... und 540 Nm im Kreuz brüllt uns der 458 in 3,4 Sekunden von null auf 100 km/h. Theoretisch sind sogar offen 320 Sachen drin, aber zum Schutz von Brille, Skalp und Führerschein belassen wir es bei der Richtgeschwindigkeit.
Fast noch beeindruckender als der Zoom-Effekt bei Vollgas ist die negative Beschleunigung. Die vier Stopper im Gullydeckel-Format verzögern den 1430 Kilo schweren Spider in nur 32,8 Metern von 100 km/h auf null. Das Bremspedal lässt sich feinfühlig dosieren, das Ansprechverhalten erinnert an einen bissigen Hai.
Im CT-off-Modus meldet sich die Traktionskontrolle ab, doch das Stabilitätsprogramm bleibt auf seinem Posten. Während der ungehemmte Radschlupf spektakuläre Driftwinkel zulässt, erstickt die Elektronik Lastwechselreaktionen und den gefürchteten Gegenschlag beim Überkorrigieren schon im Keim.
Es ist übrigens erstaunlich, wie schnell wir uns an die superdirekte 458-Lenkung gewöhnt haben. Der Ferrari schafft dagegen trotz zackiger Lenkung eine Rückmeldung, die an die Kindertage des Gokarts erinnert – anno 2011 freilich inklusive verhaltener Servounterstützung und sahnesteifer Richtungsstabilität.
Auf schnell angegangenen Autobahn-Querfugen, bei plötzlichen Reibwertunterschieden und in Wechselkurven mit extremen Radien sollte man Korrekturmanöver trotzdem wohl dosieren und rasch ausführen – sonst droht der rote Blitz mit einer Teilentladung um die Hochachse, die in einem Dreher enden könnte.
Fazit: Schon wieder ein Traum, für den wir die Erbtante bemühen müssen. Aber es lohnt sich: Dieser Ferrari geht unter die Haut, belebt die Sinne, packt den Erlebnisspeicher im Kleinhirn randvoll mit unvergesslichen Querfahrten samt passendem Soundtrack. Fast ...
... mutiert der 458 sogar zum – relativ – sozialverträglichen Straßenfeger, der im City-Modus Sprit spart und an der roten Ampel brav den Motor abschaltet.
Weitere Bildergalerien und Videos zum Thema finden Sie in den Empfehlungen auf der linken Seite.