SLS AMG Roadster: der Flügeltürer ohne Flügel. Und doch so herrlich abgehoben. AUTO BILD-Redakteur Tomas Hirschberger hat sich aufgemacht zur ersten Ausfahrt mit dem aufregenden Supersportler. Ganz klar: Der SLS AMG Roadster ist ein Auto, das einem nicht jeden Tag passiert. Das war schon ...
... 1957 beim
300 SL Roadster so. Die Reichen, die Schönen, die Industriellen, Künstler, Schauspieler, sie alle fuhren ihn.
Elvis Presley hatte einen, Horst Buchholz auch, ebenso Clark Gable, Pablo Picasso und Curd Jürgens. Wenn ein 300 SL vorbeiglitt, sollen die Passanten abrupt stehen geblieben sein und spontan geklatscht haben.
Geschichte wiederholt sich. Anders in der Ausprägung, im Ergebnis aber erstaunlich nahe am Originalschauspiel. Auch heute verdrehen sich die Leute am Straßenrand wieder ihre Hälse, wenn der Roadster mit dem Stern am Bug an ihnen vorbeigleitet. Selbst hier ...
... im mondänen Saint-Jean Cap-Ferrat an der Côte d'Azur, wo Mercedes sein neues Baby erstmals an die frische Luft setzt.
Und wie damals ist der Zweisitzer wieder mehr souveräner Grand Tourer als rassiger Racer. Rund 40 Kilo Mehrgewicht im Vergleich zum geflügelten Stallgefährten gehen aufs Konto der soliden Versteifungen. Im Grunde erstaunlich wenig, ...
... doch mit nunmehr 1660 Kilogramm geht der SLS beim besten Willen nicht mehr als Bruder Leichtfuß unter den Supersportlern durch. Wobei wir uns hier nicht falsch verstehen sollten. Für die meisten von uns, die sich täglich brav in ihrem Golf in die City stauen, ist diese grandiose Windmaschine kein Auto, sondern ein Naturereignis.
Wer diesen verführerischen Knopf drückt und dann den rechten Fuß bleischwer Richtung Bodenblech drückt, ...
... der erlebt ein brutales Donnern und Beben. Da das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe nicht das schnellste ist, dauert es eine Gedenksekunde, bis der schwere Wagen einen Satz nach vorn macht ...
... und die Urkraft aus 6,2 Liter Hubraum brutal über den Zweisitzer herfällt.
Es scheint jetzt gerade so, als wolle das inflationär zugeteilte Drehmoment die acht Schmiedekolben aus dem Motorblock prügeln, um anschließend noch genüsslich Doppelknoten in die Carbon-Kardanwelle zu knüpfen.
Das Spektakel untermalt ein Auspuffgrollen, für das AMG eigentlich die Adresse einer Drogenberatung beilegen müsste. Denn es macht süchtig, hier noch viel intensiver als beim Flügeltürer, weil es komplett ungefiltert in die Lauscher dringt.
Ständig ertappt man sich dabei, wie ein pubertierender Vorstadtlümmel kleine Gasstöße abzusetzen, nur um den wummernden Bass zu hören.
Sicher, der Grenzbereich zum Peinlichen ist im SLS verdammt schmal. Schwarze Räder zum perlmuttweißen Kleid (wie bei unserem Testwagen) – damit kommt nicht jeder klar. Und doch ...
... muss sich Mercedes gerade solche Extremisten leisten. Autos zwischen Protz und Provokation. Leistungsträger, Neidobjekte, Muskelstränge auf Rädern – die Stuttgarter waren doch viel zu lange zurückhaltend. Welcher Schüler träumt denn heute noch von einem Daimler?
Tipp an Herrn Zetsche: Verkauft Soundtrack und Duftnote dieses dampfenden, stampfenden Boliden in kleinen handlichen Dosen. Deckel drauf – und ab ins Regal als rezeptfreies Antidepressivum.
An trüben Novembertagen könnte man dann in den Keller steigen und sich jederzeit mit einer dieser Endorphin-Bomben belohnen. Wobei auch Regen im offenen SLS kein Problem ist: der Roadster fährt ihm nämlich einfach davon.
Besonders empfiehlt sich die Dose mit der Aufschrift "Cole de Vence", sie konserviert die AUTO BILD-Testfahrt über diese Traumstraße im Hinterland von Nizza, rauf zum 970 Meter hohen Vence-Pass. Das ideale Spielzimmer für kleine Jungs, die Dampf ablassen wollen.
Mit sicherem Tritt und erstaunlich direktem Ruder degradiert der Roadster die extrem steile Serpentinenstrecke kraft seines Drehmoments zur Ebene.
In jede enge Haarnadelkurve legt unser Held allerdings auch sein stattliches Gewicht hinein und radiert zum Ausgang unfein über die Vorderräder das Gummi auf den Asphalt. Daran muss man sich ebenso gewöhnen wie an die üppigen Dimensionen.
Zeichen der Macht: Auch als Roadster trägt der SLS an den vorderen Kotflügeln Kiemen und den verheißungsvollen 6.3-Schriftzug.
Aus überraschend tiefer Sitzposition türmt sich die Motorhaube ...
... auf wie ein Blech gewordener Walbuckel.
Auch nach hinten zählt die Übersichtlichkeit nicht gerade zum besten Kaufargument, rangieren bringt nicht wirklich Spaß.
Schaltzentrale: Der Innenraum trägt reichlich Carbon. Wer nicht darauf steht, kann seinen SLS Roadster auch in Leder und Metall kleiden lassen.
Neu ist der Schalter rechts für die elektronische Dämpferkontrolle namens Magic Ride. Der Fahrer kann sein ...
... persönliches Fahrwerk-Setup vornehmen. Zur Wahl stehen die Stufen "Comfort", "Sport" und "Sport plus".
Wie es sich für einen echten Sportwagen gehört, hat auch der SLS AMG Roadster einen Tacho mit hängendem Zeiger.
Auf Wunsch können sich die Passagiere dank der Nackenheizung Airscarf warme Luft um dien Ohren blasen lassen.
Das Dach ist in drei Farben erhältlich und öffnet elektrisch in elf Sekunden.
Das Kofferraumvolumen beträgt im offenen wie geschlossenen Roadster 173 Liter und bleibt damit auf dem Niveau des Coupés (176 Liter).
Es ist keine Frage, dass sich die Schönen unc Reichen so wie damals auch heute wieder um ihn reißen werden. Die Zielgruppe ...
... dürfte in den 195.160 Euro (8330 Euro mehr als der Flügeltürer) für einen Traumwagen dieser Couleur nicht wirklich ein Hindernis sehen.
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