Still und heimlich kopieren chinesische Hinterhof-Werkstätten unseren Smart. AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz wagte sich in die geheimen Hallen der Produktpiraten.
Rund ein halbes Dutzend solcher Copyshops werkelt in ganz China still und vor allem heimlich vor sich hin. Die Arbeiter bauen in dieser Fabrik täglich etwa zwei Fake-Smarts. Oder besser: Sie basteln. Denn mit modernem Autobau hat das Werkeln in Dezhou wenig zu tun.
In einer langen, schmalen Halle sitzen sich ein Mann und eine Frau gegenüber. Wie alle hier tragen sie einen simplen Mundschutz aus Stoff. Von morgens bis abends legen sie Glasfasermatten auf ein Stück Plastik.
Beißende und giftige Dämpfe stehen im Raum, der kaum wärmer als null Grad ist. 180 bis 200 Euro pro Monat zahlt die Bastelbude ihren Leuten für den Job in der verpesteten Luft, fast doppelt so viel wie üblich.
Und das kommt dann raus, wenn Chinesen Autos bauen. Soll das ein Kugelfisch sein? Nein, laut Hersteller Huoyun sei das ein Auto für Kinder. Daneben...
... befindet sich ein Elektro-Winzling von Flybo, der ebenfalls für den Export bestimmt ist. Abnehmer: Kunden aus Südafrika, Neuseeland, Russland und neuerdings auch in den USA.
Eine absolute Ausnahme in den Werkstätten: Hier präsentiert Huoyun ein bislang namenloses Gefährt. In dem Wirrwarr von Plagiaten kann dieses "Auto" als erster Gehversuch gewertet werden, etwas Eigenes zu kreieren.
Nach drei bis vier Tagen ist eine Rohkarosse fertig. Draußen schleift ein Mann die Gebilde aus Fiberglas ab, in einer stockdunklen Halle ...
... nebenan blitzen Funken auf. Zwei Angestellte schweißen hier die Metallrahmen zusammen – das Chassis.
Später pflanzen Kollegen die Karosserie drauf – fertig. Eine knappe Woche dauert es, bis eine so zusammengeschusterte Kopie des Smart montiert ist.
Anders als in Europa und in Amerika sind Menschen im Reich der Mitte um ein Vielfaches billiger als Maschinen. Verkehrte Welt.
Der Firmenchef beschäftigt Wanderarbeiter aus dem ganzen Land, nachts schlafen sie auf dem Fabrikgelände in stickigen Mehrbettzimmern. Das Schrauben haben sie in Hinterhofwerkstätten gelernt.
Die Polizei stoppt die Fälscher nicht – sie bestellt lieber gleich selber ein paar Modelle. Kopieren gilt in China als Anerkennung für das nachgeahmte Produkt – als Lob und nicht als Straftat.
Ab 3970 Euro gibt es vier PS und 260 Lithiumionen-Batterien die den Elektro-Klon angeblich 220 Kilometer weit antreiben und 50 km/h Spitze ermöglichen sollen.
Plug and Play: Einfach ran an die Steckdose und schon fährt das chinesische Plagiat.
Ohne Scham lässt sich der Manager mit seinen eigentlich verbotenen Autos ablichten. Gibt es keine Probleme mit dem Copyright? "Ja, Daimler war hier2, sagt er, "die wollen kooperieren, wir sollen für die Autos bauen." Eine dummdreiste Lüge.
Der Unterschied lässt sich kaum erkennen. Einen wirksamen Kopierschutz hat Smarts Konzernmutter Daimler auch 15 Monate nach dem Bekanntwerden der ersten Smart-Klone immer noch nicht gefunden.
Aber auch andere Marken sind nicht vor dem Kopieren gefeit: Hier mit einer Schnauze von Toyota oder ...
... auch unverkennbar von BMW. Der Chef habe die Idee zur Smart-Kopie auf einer Deutschland-Reise gehabt und sich ein Original mit nach Hause genommen.
Auf Kollegen aus den anderen Copyshops sind die Firmenbosse gar nicht gut zu sprechen: "Die haben uns diesen Wagen nachgemacht", sagt er. Kopierer beschuldigen Kopierer des Kopierens. Willkommen im Herzen Absurdistans.
Viele bunte Smarties: Wer will, kann schon bestellen. Fast alle Firmen haben schöne Prospekte gedruckt.
Daimler ist machtlos gegen die im ganzen Land ebenso verstreuten wie versteckten Smart-Fälscher. Kapituliert der Weltkonzern vor einer versprengten Truppe chinesischer Produktpiraten?
Ein Kernsatz der Richter lautet: "Gewöhnlich schließen Verbraucher aus der Form der Ware nicht auf die betriebliche Herkunft." Übersetzt: Die Form eines Autos genießt grundsätzlich keinen Markenschutz.
Und wie fährt sich die Kopie? Auf den ersten Metern machen alle drei gefahrenen China-Smarts durchaus Spaß: super Drehmoment, tolle Beschleunigung. Doch ...
... beim Bremsen kommen die ersten Zweifel. Einige der Fake-Fahrzeuge verzögern miserabel. Das macht Angst, denn die stärkste Version ist dank Lithium-Ionen-Batterien immerhin 75 km/h schnell.
Obwohl emsige Arbeiter alles von Hand anfertigen, ist die Qualität unter aller Kanone. Urteil unter dem Strich: noch kein Auto, eher ein besserer Golfkarren.
Auf dem Hinterhof steht die Fiberglas-Karosserie eines New Beetle! Das nächste freche Plagiat? Boss Wang müsste es wissen. Doch statt zu antworten, wird der kleine Mann wütend – wegen der "unhöflichen Frage". Kein Kommentar.
Vor den grauen Betonhallen stapeln sich Prototypen-Karosserien im Schnee. Auch die Außenhaut eines Smart Fourfour ist dabei. "Wir bauen das, was der Kunde haben will", sagt Zhang. Auch eine Mercedes E-Klasse? Konkrete Antwort: 2Ja, machen wir."
Anders Sundt Jensen, Smart-Chef in Deutschland: "Mindere Qualität und die daraus resultierende mangelnde Produktsicherheit sind grundsätzlich ein großes Problem bei Kopien. Die Käufer knüpfen dann natürlich eine bestimmte Erwartungshaltung daran. Und die kann nur enttäuscht werden."
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