Pilgerfahrt nach Genf: Das AUTO BILD-Team (von links: Tomas Hirschberger, Joachim Walther, Dirk Branke, Gerald Czajka, Joachim Staat und Bernd Wieland) kürte die Tops und Flops des
Autosalons 2010. Welche Autos haben Zukunft, welche finden bei den Redakteuren keinen Zuspruch?
Bernd Wieland über den Peugeot 508: Endlich kehrt
Peugeot zu klassischer Eleganz zurück. Das wurde auch höchste Zeit: Viele Jahre lang quälte uns der traditionsreiche französische Hersteller mit hypersportlichem Design, das so gar nicht zu den Kernwerten der Marke passen wollte.
Kühlergrills so groß wie bei
Ferrari und fratzenhaft aufgerissene Scheinwerfer-Augen empfanden Peugeot-Fans immer als Form-Frevel an der 200-jährigen Geschichte der Löwen-Marke. Jetzt macht die Designstudie "
5 by Peugeot" alles wieder gut. Anfang 2011 geht sie als 508 in Serie. Zunächst als klassische viertürige Limousine, ...
... später dann auch als praktischer Kombi. Mit dem 508 knüpft Peugeot wieder an die gelungene Designperiode aus den 70ern an, als die Franzosen Autoliebhaber z. B. mit dem 504 Coupé verzauberten. Klare Linien, kleinerer Grill und viel mehr gefühlte Qualität im Innenraum werden dem zeitlosen Image der Marke wieder voll gerecht.
Apropos Qualität: Unter Jean-Marc Gales orientieren sich die Franzosen bei der Wertigkeit an
Audi, auch fahrdynamisch wollen sie es mit den Ingolstädtern aufnehmen. Und es kommt noch besser: Als Diesel-Hybrid leistet der schöne Gallier 200 PS und pufft dabei nur dezente 99 Gramm CO2 aus. Chapeau!
Bernd Wieland über den
Nissan Micra: Nissan stellt uns den neuen Micra als "Weltauto" vor: Erstmals, so die stolze Botschaft, wird der Kleine in 160 Ländern angeboten. Und sieht überall gleich aus. Wie schade! So sehr der alte Micra durch eigenständigen Charakter und originelles Design glänzte, ...
... so langweilig wirkt der neue. Das kommt dabei heraus, wenn man die Geschmäcker aller Nationen ansprechen will: der kleinste gemeinsame Nenner. Wie eine Mischung aus
Tata Nano und
Fiat Punto. Dabei haben schon viele Versuche gezeigt, ...
... dass das Weltauto nicht funktioniert. Es ist zwar billig zu bauen, aber der Charakter bleibt dabei auf der Strecke. Und das kommt in keinem Markt gut an. Wie gut es
Nissan eigentlich kann, zeigt eine andere Neuheit auf der Messe: der witzige Juke (ab Bild 34).
Joachim Walther über den
Opel Meriva: Ja, ja, ja – das ist Opel. Der Meriva ist ein Auto fürs Volk mit pfiffigen Ideen. Und das zu bezahlbaren Preisen. Den neuen Familien-Van gibt es mit 75 bis 140 PS, die Preisliste startet ab 15.900 Euro, ...
... und dafür erhalten die Käufer richtig viel Auto! 20 Zentimeter mehr als beim Vorgänger, um genau zu sein. Und das Augenfälligste am neuen Rüsselsheimer sind seine "Flügeltüren". Die öffnen nicht nach oben wie bei Mercedes, sondern im Fond nach hinten – wie bei
Rolls-Royce. Ein Hingucker – und ziemlich praktisch. Ein- und Ausstieg in die zweite Reihe ...
... sind so sehr komfortabel möglich. Sinnvolle Ideen finden sich auch im Innenraum. Die Rücksitze zum Beispiel. Sie sind verschiebbar, lassen sich nach innen versetzen, wenn hinten maximal zwei Passagiere sitzen, ...
... und sie verschwinden auf Wunsch mit einem Handgriff wie beim
Zafira, also plan im Unterboden. Mit solch gut gemachten Autos wie dem Meriva hat
Opel ganz sicher eine Zukunft.
Joachim Walther über den
Opel Flextreme: Nee, nee, Mr. Reilly, dafür kriegen Sie meine Steuergelder nicht. Der Flextreme, das ist nicht Opel. "Die dramatische Form soll zeigen, ...
... wie es mit Opel hinterm Horizont weitergeht", sagt Designchef Mark Adams. So sicher nicht: ein bisschen
Porsche Panamera, ein bisschen Shooting Brake – falsche Baustelle.
Dabei ist der Antrieb aus dem
Ampera zukunftsfähig. Aber nur in einem realistischen Kleinwagen. Sportwagenkäufer suchen keinen Opel, ...
... mit solchen Concept-Cars verzettelt Ihr euch. E-Technik und gute Ideen gehören in Eure Volks-Wagen!
Dirk Branke über den
BMW 5er Active Hybrid: BMW, also die Marke mit der Freude am Fahren, meint es wirklich ernst. Der bayrische Hersteller baut seine Efficient-Dynamics-Strategie unermüdlich aus. So hat es BMW geschafft, ...
... den Flottenverbrauch für Europa auf 5,9 Liter zu senken, kaum zu glauben. Doch die Bayern geben keine Ruhe und zeigen den brandneuen 5er schon jetzt als Hybriden – wenn auch noch als Studie deklariert. Man kann zum Thema Hybrid ja geteilter Meinung sein, aber ich denke, auf so hohem technischem Niveau wie beim 5er ergibt das dann schon Sinn.
Der fabelhafte Dreiliter-Reihensechser-Benziner mit Doppelturbo-Aufladung und 306 PS, die Achtstufenautomatik mit Start-Stopp-Funktion, ein 40-kW-E-Motor und superschlaue, mitdenkende Elektronik ...
... ergeben einen Vollhybriden, mit dem man auch rein elektrisch fahren kann. Dass bei diesem Konzept der Elektromotor deutlich stärker ausfällt als beim
7er Hybrid, macht Sinn. Auch so kann Freude am Fahren aussehen.
Dirk Branke über den
Abarth 500C: Jeder – oder sagen wir lieber jede – liebt den
Fiat 500. Und sogar ich mag diese zuckersüße Knutschkugel. Was
Fiat, sagen wir genauer Abarth, dem Cinquecento jetzt aber antut, lässt mich zittern. Die stacheligen Haustuner haben sogar das 500 Cabrio getunt, ...
... ihm 140 PS samt automatisiertem Getriebe unter die Haube gepflanzt und es zweifarbig kriegsbemalt. Wozu bitte? Das scheinen sie selbst bei Abarth nicht so ganz genau zu wissen. Und erklären den knallharten 500C von der männlichen Marke Abarth mal locker zum Frauentyp. Geht's noch?
Joachim Staat über den
Citroën DS Highrider: Der Mix von SUV und Coupé passt nicht? Doch, wenn
Citroën sein gewisses Etwas beimischt. Der DS Highrider wirkt auf erhabene Weise robust, ...
... sportlich durch seinen eleganten Dachschwung und erfrischend französisch im Detail. Das hochwertige Interieur macht schon Freude aufs Serienauto (kommt 2011), ...
... der versprochene Hybrid-Antrieb wirft eine Frage auf: Wie reibungslos klappt das Zusammenspiel zwischen Diesel und E-Motor? Egal, ich habe nur einen Wunsch: Bitte erhaltet das Vinyldach des Highrider auch für die Serie!
Joachim Staat über den
Lexus CT 200h: Die souveränen Flächen, der sichere Mix von Kanten und Proportionen – das ist es, was dem Lexus CT 200h fehlt. Endlich bringen die Japaner einen edlen Hybriden im gängigen Kompaktformat, ...
... und dann gerät sein Design teilweise aus dem Leim: vorn reckt sich die Nase ellenlang über die Räder, hinten knubbeln sich die auslaufenden Kanten. Hübsch sieht jedenfalls anders aus. Wo bleibt die stylistische Finesse, ...
... die souveräne Designlinie, die uns
Lexus mit dem ersten
IS versprochen hat? Dieses Hightech-Auto hätte mehr Sexappeal verdient.
Gerald Czajka über den
Audi A1 e-tron: Geht doch! Nach dem eher fragwürdigen e-tron-Sportwagen in Frankfurt letztes Jahr, präsentieren die Ingolstädter jetzt den A1 e-tron. Kompakt, knauserig und clever ...
... bringt der für Ende 2012 erwartete Mini-Stromer die Audianer endlich auf die richtige Strom-Stärke. Im Bug steckt ein E-Motor mit 61 PS (102 PS Spitzenleistung), der den 1190 Kilo leichten
A1 rund 50 Kilometer emissionsfrei rollen lässt.
Geht dem Lithium-Ionen-Akku im Unterboden der Saft aus, springt bei der Messestudie als besonderer Gag ein kleiner Einscheiben-Wankelmotor mit 0,25 Liter Kammervolumen an und lädt die Batterie nach.
Gerald Czajka über den
Renault Wind: Hoppla, hat der Wind sich in einen Design-Sturm verirrt? Das kleine Klappdach-Cabrio auf
Twingo-Basis sieht aus, ...
... als sei die Karosserie beim Bremsen nach vorn gerutscht und dort erstarrt. Sorry, liebe Franzosen, so witzig das Fahrerlebnis im kleinen und ab September 2010 für rund 17.000 Euro startenden Luftikus auch sein mag – das Auge fährt doch mit!
Tomas Hirschberger über den
Nissan Juke: Das ist kein Witz. Nissan meint es ernst. Mit dem Juke bringen die Japaner ab Oktober das skurrilste Gefährt des Jahres. Die Antithese zum
Mini. Everybody's Darling ...
... will dieser kleine Klops nicht sein. Er will polarisieren, provozieren. Er platzt in die konservative Klasse zwischen
Polo und
Golf wie ein Gala-Gast mit offener Hose: Was will der hier?
Entweder man mag ihn, oder man dreht sich angewidert ab. Ich find' dieses SUV klasse, auch wenn es aussieht, als hätte ihn sein Designer im Suff gezeichnet. Auf 4,13 Meter Länge treffen abenteuerliche Linien aufeinander, vorn blinzeln dich klobige Glupschaugen an. Ein schöner Schock.
Tomas Hirschberger über den
Mini Countryman: Mein erstes Auto war ein
Mini. Ewige Liebe. Aber was die Jungs da mit meiner Ikone anstellen, ist eine Umdrehung zu viel. Der Countryman ...
... hat mit Minimalismus nichts mehr zu tun. Getrieben vom Stückzahlenwahn, quetschen sie den Mini aus, bis nur noch blutarme Marketingsauce raustropft. Muss ein Mini über vier Meter lang, 1,80 Meter breit und fast 1,60 Meter hoch sein?
Aber was rede ich. Auch der Countryman wird wieder als Strahlemann durchs Revier der Schönen und Reichen streifen. Sollen die ihn doch kaufen. Stört mich nicht. Ist ja kein Mini mehr.
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