Luxusklasse mit zwölf Zylindern zum Aldi-Tarif: Schon für weniger als 8000 Euro sind die Flaggschiffe von gestern zu finden. Wobei es nicht einfach ist, ein gepflegtes Exemplar aus seriösem Vorbesitz zu finden.
Vor dem Kauf eines stilvollen Zwölfzylinders geht es in den Second-Hand-Laden. Alltags-Jeans und Ami-Pparka passen nicht zum edlen Charakter der Luxuslimousinen.
"Einmal englischer Landlord bitte, aber vom Feinsten", lautet der Kundenwunsch. Das Ergebnis: Cordhose, Tweed-Jacket, kariertes Hemd, Seidenschal, eine Mütze und rahmengenähte Budapester, alles für nur 400 Euro. Hat neu alles mal 1600 Euro gekostet. So gerüstet, geht es nun zum Kauf eines V12.
Mehr Mercedes geht nicht: Der 1995er S 600 L gehörte einem Milliardär in Hamburg, ehemaliger Neupreis 245.553,75 D-Mark. 242.000 Kilometer und 13 Jahre später ist der 600er für nur 7900 Euro zu haben. Leider präsentiert sich die intern W 140 genannte S-Klasse in einem verwahrlosten Zustand.
Der Verkäufer Felix Thiede hat den S 600 L aus dritter Hand gekauft, jetzt sucht er einen Fan für das einstige Top-Modell der S-Klasse. Thiede ist Chef eines Mercedes-Oldtimer-Clubs und kümmert sich mit Hingabe um pflegebedürftige Fahrzeuge der S-Klasse.
Das Scheckheft des Mercedes ist nur bis 2005 und 120.000 km geführt, seitdem wurde der S 600 nur noch gefahren, bekam nur noch Sprit, aber keine Wartung und Pflege mehr. Trotzdem beeindruckt der W 140 auch heute noch mit allerbestem Komfort und üppigem Erscheinungsbild.
Einziges Unterscheidnugsmerkmal des 394 PS starken V12 ist das dezente V12-Emblem auf der C-Säule und der Typenschriftzug. Beides ließ sich natürlich aufpreisfrei abbestellen.
Sichtbares Zeichen schlechter Pflege: Rostansatz am Radlauf vorn. 1993 stellte Mercedes auf umweltfreundlichen Wasserbasislack um. Nachteil: An Karosseriekanten und -ecken platzt er schnell ab und bietet schlechtere Rostresistenz als die bisherigen Lacke auf Lösemittelbasis.
Auch am Schließzylinder des Heckdeckels findet sich der typische Kantenrost. Fahrzeuge aus den ersten Baujahren 1991 und 1992, die noch mit lösemittelhaltigem Lack lackiert wurden, sind weniger von Kantenrost betroffen.
Die legendären Peilstäbe der Baureihe W 140 waren immer umstritten, 1995 wurden sie aus dem Auto verbannt. Gegen Aufpreis konnte man die elekronische Einparkhilfe Parktronic (Serie nur im S 600) ordern.
Aus dem Vollen geschnitzt: Jedes Detail im Innenraum des W 140 wirkt so massiv, als sei es für die Ewigkeit gebaut. Die Lenkung ist sehr leichtgängig und trotzdem präzise. Beim Fahren merkt man nicht, das man ein 5,21 Meter langes und 2,2 Tonnen schweres Auto fährt. Der 600er ist so agil wie ein Mittelklassewagen.
Der S 600 L war zwar serienmäßig komplett ausgestattet, Dinge wie Standheizung, Navigationssystem, Reiserechner oder Autotelefon mussten aber auch im Top-Modell extra bezahlt werden.
Selbst in der First Class im Flugzeug ist weniger Raum und Luxus als im Fond eines langen S 600 mit Fond-Einzelsitzanlage. So fahren Millionäre, Vorstandsvorsitzende und Filmstars.
Ein Fond à la carte: Einzelsitzanlage mit Gurt-Komfortautomatik für 6900 D-Mark, Polsterung Leder Exklusiv für 8211 D-Mark, Sitzheizung hinten 764,75 D-Mark, Heckrollo elektrisch 787,75 D-Mark, Fond-Klimaanlage 2817,50 D-Mark... Den Optionen waren 1995 kaum Grenzen gesetzt!
Zwölf Zylinder, vier Nockenwellen, 48 Ventile, 570 Nm und 394 PS ergeben akustisch kaum wahrnehmbaren, dafür umso mehr zu spürenden Vorwärtsdrang. Und beim günstigen Kaufpreis niemals vergessen: Die Kosten für regelmäßige Wartung sind auf höchstem Niveau, allein der Ölwechsel beim 600er kostet gut 200 Euro.
Der Bayern-Express: Die Brüder Ali-Reza und Hossein Zolfaghari führen AUTO BILD-Redakteur Andreas May den sehr gepflegten BMW 750i vor. Die Brüder kauften den Wagen von BMW in einem Gebrauchtwagen-Paket, im Showroom stehen auch Ferrari 355 und Porsche 911.
Der BMW 750i präsentiert sich wie aus dem Ei gepellt. 154.000 km gelaufen, bis Januar 2007 regelmäßig bei einem BMW-Händler scheckheft-gepflegt.
Der BMW erweckt Vertrauen: Nur ein Vorbesitzer, hervorragender Pflegezustand, regelmäßige und dokumentierte Wartung bei ein und demselben BMW-Händler, glaubhafter Kilometerstand von 154.000. Kosten soll der BMW 750i 7985 Euro. Ein fairer Preis angesichts des Zustandes.
Der intern E38 genannte BMW 7er (1994 bis 2001) wirkt aus jeder Perspektive dynamisch, das Design wirkt stimmiger als beim BMW-untypisch klobig gestylten Nachfolger E65.
Unpassend beim einem Zwölfzylinder: die Anhängekupplung. Wenigstens versenkbar hätte sie sein können.
Top-Ausstattung mit Lederpolstern, Navigationsgerät, TV, CD-Wechsler, Soundpaket, Standheizung, Einparkhilfe, Schiebedach,automatische Heckklappen-Betätigung – als der 7er zusammengestellt wurde, hat der Käufer fast alle Exras geordert.
Der Beweis: In diesem BMW 750i wurde selten geraucht, der Zirarettenanzünder ist kaum benutzt und die Ascher neuwertig. Außerdem riecht es im Siebener eher nach frischer Alpenluft als nach miefiger Kneipe.
Da schau her: Im 750i kann man sogar TV gucken, allerdings nur im Stand. Voll ausgestattete Luxusfahrzeuge erkranken jedoch häufig an Unterspannung: Zu viele elektrische Helferlein zerren sehr an der Kapazität der Batterie.
Im BMW kann man die Extremitäten zwar nicht soweit ausstrecken wie im Mercedes, über mangelnden Komfort kann sich jedoch niemand beklagen.
Aus Freude am Fahren sitzt man im BMW nicht nur hinten rechts, sondern auch gern mal vorn links. 326 PS und zwölf Zylinder dürften auch dem kühlsten Pragmatiker ein Lächeln hervorlocken.
Lückenlos: Ein einziger BMW-Betrieb kümmerte sich um den Service.
Der BMW-V12 schöpft seine Kraft von 326 PS aus 5,4 Litern Hubraum, der technische Aufbau ist schlichter als beim Mercedes-V12. Überragend sind beim BMW Drehfreude und Laufkultur.
Ein Herrenfahrzeug durch und durch: Lack in British Racing Green und Polster in Champagner-farbigem Leder. Der Jaguar XJ 12 trägt ein stilechtes Outfit.
Das Angebot klingt zu schön, um wahr zu sein: Jaguar XJ 12, zweite Hand, Baujahr 1993, erst 142.600 Kilometer gelaufen, topgepflegt, nur im Sommer gefahren, alle Wartungsnachweise vorhanden, Verkauf aus Altersgründen für nur 5500 Euro.
Der Verkäufer (rechts im Bild) ist 82 Jahre alt hat eine Vorliebe für englische Autos und besitzt neben einem Range Rover und einem Morgan Plus 4 auch einen Alfa GTV für die Stadt. Vier Autos sind ihm aber zuviel – der Jag muss weg.
Der Jaguar XJ 12 ist sehr gut gepflegt. Das ist äußerst wichtig, denn ein XJ ist ein wartungsaufwändiges Auto. Schmiernippel an den Antriebswellen brauchen regelmäßig frisches Fett. XJ40-Schwächen: Ölverlust an sämtlichen Wellendichtringen, verschleißanfällige Traggelenke vorn.
Der Kofferraum bietet durch das mittig platzierte Reserverad nicht viel Platz. Auch im vergeichsweise knapp geschnittenen Innenraum müssen groß gewachsene Menschen schon mal den Kopf einziehen.
Very british: Im XJ 12 dominieren Leder und Wurzelholz – das Richtige für den Gentleman. Die Bedienung via kleiner Tasten links und rechts neben dem Lenkrad ist allerdings gewöhnungsbedürftig.
Ein Prachtstück: Der Jaguar-V12 säuselt nahezu unhörbar vor sich hin, einen kurzen Gasstoß quittiert das Triebwerk mit einem heiseren, aber unaufdringlichen Fauchen. Keine Frage: Diesen V12 stellt man nur sehr ungern wieder ab.
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