Kombi-König gegen Taxi-Benz: AUTO BILD lässt den stärksten und schwächsten Vertreter des
Mercedes E-Klasse T-Modells zu einem verrückten Rennen antreten. Die Strecke führt einmal längs durch die Republik, knapp 1000 Kilometer von Flensburg nach Füssen. Wer ist eher am Ziel?
Die Kontrahenten: Jörg Maltzan (rechts) tritt im
E 63 AMG T gegen Alex Cohrs im E 200 CDI T-Modell an. 525 gegen 136 PS, 6,2 Liter gegen 2,1 Liter Hubraum, Hochdrehzahl-V8 gegen Vernunft-Spardiesel. Lohnt sich Leistung? Die Kollegen aus der AUTO BILD-Redaktion: "Der AMG ist ein bis zwei Stunden eher im Ziel als der CDI". Wirklich?
Damit unsere Wettfahrt nicht bei der ortsansässigen Punktebehörde aktenkundig wird, gibt es eine Regel: Tempolimits sind einzuhalten. Ansonsten gilt freie Fahrt. In beiden Autos errechnet das Navi eine Strecke von 986 Kilometern – und die Ankunft gegen Mitternacht.
Jetzt ist es 14.35 Uhr. Schon beim Anlassen brüllt der E 63 AMG (108.409 Euro) mit tiefem V8-Bass den Diesel an. Soll heißen: Du Wurm hast keine Chance, ich bin König aller Kombis. Dafür kostet der E 200 mit 43.483 Euro auch nur einen Bruchteil.
Die A 7 zwischen Flensburg und Bordesholmer Dreieck ist leer, Tempolimits sind selten. Ein Tritt aufs Gas, schon wird der AMG-Mercedes zum Chef der linken Spur. Oder ist er doch Feldherr? Geländegewinn ist angesagt: 120, 160, 200, 220, 240 km/h – der Big-Block-Benz bläst Richtung Bayern. Von 0 auf Tempo 200 ...
... in 14,4 Sekunden, das ist ein Wert aus der Welt der Supersportwagen. Was auf der Autobahn noch mehr zählt, ist der Durchzug. Von 200 auf 250 km/h braucht er nur rund zehn Sekunden, um dann vehement gegen den Drehzahl-Begrenzer zu rasen. Ob 250 oder noch mehr,...
... im Hamburger Elbtunnel ist das egal. Hier gilt Tempo 80. Und für die reichen auch die 136-Diesel-PS des E 200 CDI völlig aus. Gelassen nagelt der Vierzylinder dahin. Handschaltung, breitere Sitze, indirektere Lenkung – der 200er gleicht eher einem Taxi als einem Renn-Kombi. Trotz 389 PS Minderleistung fühlt er sich aber erstaunlich flott an.
Und wie sieht es mit dem Super-Kombi von AMG aus? Der E 63 muss um 17.57 Uhr in Göttingen zum Tanken.
422 Kilometer sind geschafft. Das Stundenmittel liegt bei 124 km/h, der Schnittverbrauch bei 17,2 Litern, und während sich der AMG-Benz das teure Super plus reinzieht, fährt der Diesel mit dem aufpreispflichtigen 80-Liter-Tank (119 Euro) weiter.
Keine Frage, Pause muss sein. Nicht nur der dicke V8 im E 63 AMG, auch der Fahrer verbraucht Treibstoff. Was wohl Kollege Cohrs im sparsamen CDI macht? Dessen Bordcomputer zeigt nur 8,2 Liter Durchschnittsverbrauch. Wenn das so weitergeht, hat der E 63 keine Chance.
Und es geht so weiter. Vor allem die vielen Linke-Spur-Träumer nerven den AMG-Fahrer. Kaum hat er auf 240 beschleunigt, zieht ein
A6 oder
5er auf die linke Spur. Die rechnen wohl nicht mit einer Sternschnuppe jenseits von 230 km/h. Also rauf auf die Bremse, runter bis 120, dann wieder Vollgas – hektisch schaltet die Automatik hin und her.
Eine Schrecksekunde erlebt Alex Cohrs im E 200 ...
... bei Hannover: Ein DAF-Truck steht quer vor einem
Mazda2. Zum Glück blieb es bei Blechschäden.
Der CDI hat das Wellness-Programm drauf: Er wirkt gelassener als der AMG, ab 120 km/h ist vom Motor nichts zu hören, sondern nur ein leichtes Säuseln des Fahrtwinds. Wie der AMG erzieht auch der Diesel seinen Piloten zu vorausschauender Fahrweise. Doch statt herzhaft aufs rechte Pedal zu drücken, ...
... fährt der CDI-Fahrer mit der Lupf-Methode besser: Wechselt ein Kriecher auf die linke Spur, erst leicht zurückfallen lassen, dann mit Anlauf vorbei. Klappt prima. So gut sogar, dass der Diesel erst um 19 Uhr seinen ersten Tankstopp in Uttrichshausen einlegt.
Mit einem Durchschnitt von 125 km/h liefert er sich bislang ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem
AMG-Modell. Denn das muss bereits ...
... das zweite Mal an die Säule. Mit dem letzten Tropfen und hell leuchtender Tanklampe rettet sich der E 63 um 20.05 Uhr auf die Raststätte Ellwanger Berge West. 760 Kilometer sind geschafft.
Normalerweise hat der AMG einen 66-Liter-Tank, der Testwagen trägt den (aufpreisfreien) 80-Liter-Behälter. So klickt die Zapfpistole erst bei 79,78 Litern.
Macht 120,79 Euro bitte. Die Kassiererin freut sich. Alles klar zum Endspurt. Der beginnt kurz hinter Ulm, und das im wahrsten Sinne des Wortes: kein Tempolimit, alles frei – der AMG-Brenner ...
... ist endlich in seinem Element. Hier fällt die Tachonadel selten unter 200 km/h; meistens liegen 230 und mehr an. Wenn die Bahn so leer ist, ergeben 525 PS Sinn und machen Spaß. Wie ein Geschoss jagt der Mercedes durch die Nacht. Ein Jammer, dass gerade jetzt keine
Porsche oder Zwölfzylinder-Limousinen in der Nähe sind.
Um 21.35 Uhr rollt der AMG total verdreckt auf die SB-Tankstelle in Füssen. Fahrtzeit: sechs Stunden und 45 Minuten, also zweieinhalb Stunden schneller als vom Navi errechnet.
Schön, aber wichtiger: Wie viel Vorsprung hat er gegenüber dem CDI rausgeholt?
Die Antwort kommt überraschend schnell: Der Diesel erreicht das Ziel um 21.48 Uhr, also nur 13 Minuten später. Obendrein hat er 184,64 Euro weniger Spritkosten verursacht als sein Konkurrent. Nein, Leistung lohnt sich in diesem Fall wirklich nicht. Nicht bei dem Verkehr.
Die Endabrechnung für den E 63 AMG: Fahrzeit sechs Stunden 45 Minuten • Zeitvorsprung gegenüber E 200 CDI 13 Minuten • Verbrauch 198,77 Liter Super Plus für 965 Kilometer • Spritkosten 292,99 Euro • Verbrauch/100 km 20,6 Liter • Gesamtkosten 826,32 Euro (inkl. Steuer, Versicherung und Unterhalt für einen Monat).
Die Endabrechnung für den E 200 CDI: Fahrzeit sechs Stunden 58 Minuten • Verbrauch 92,93 Liter Diesel für 965 Kilometer • Spritkosten 108,35 Euro • Verbrauch/100 km 9,6 Liter • Gesamtkosten 372,02 Euro (inkl. Steuer, Versicherung und Unterhalt für einen Monat).
Fazit von Alex Cohrs: "Ich hatte eine entspannte Fahrt im E 200 CDI, fühle mich als der moralische Sieger – und schiele trotzdem auf Jörgs E 63 AMG. Vielleicht wäre es anders, wenn der CDI so komfortabel wäre, wie ich es von einem
Mercedes erwarte. Ist er aber nicht."
Fazit von Jörg Maltzan: "Vernünftig ist er nicht, der Über-Benz. Das war mir klar. Aber dass er so unvernünftig ist, hätte ich nie gedacht: 13 Minuten auf 1000 Kilometer – lächerlich. Trotzdem: Sound, Durchzug, Handling machen Gänsehaut. Über die Kosten darf man nicht nachdenken."
Weitere Impressionen von der Deutschland-Tour der beiden T-Modelle gibt es auf den folgenden Bildern.
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