Was für ein Testfeld! Der Nissan GT-R tritt gegen die beiden deutschen Platzhirsche Porsche 911 Turbo und Audi R8 V10 an – auf der Nordschleife. So eine Konstellation dürfte auch den abgebrühtesten Autofan in Verzückung geraten lassen.
Drei Autos, drei Konzepte, drei Monstermotoren: Hier saugen ein Front-, ein Mittel- und ein Heckmotorsportler mit insgesamt 1490 PS die Rennstrecke auf. Was sie eint? Allradantrieb und atemberaubende Performance.
Alles Lüge? Porsche glaubt nicht, dass der GT-R in Serienkonfiguration die Nordschleife tatsächlich in 7:29 Minuten umrunden kann, während der 911 Turbo die Königsdisziplin in 7:38 Minuten erledigt. Wir hätten beide Zeiten gerne überprüft, aber ....
... wenn man sich in der Eifel auf eines verlassen kann, dann auf wechselhaftes, mitunter sehr feuchtes Wetter. Die Rundenzeiten mussten also – bei Sonnenschein – auf dem Handlingkurs des Contidroms bei Hannover ermittelt werden. Man muss ja schließlich wissen, was mit den dreien auf der Piste maximal geht.
Autofeinschmecker sind hier an der richtigen Adresse. Der V10 begeistert, der Rest ist edel und subtil abgestimmt. Eine echte Porsche-Alternative – aber nur mit dem Handschaltgetriebe. Am Ende reicht es für den Audi R8 zu Platz drei mit 234 von 300 möglichen Punkten.
Der Audi-Treibsatz vor der Hiinterachse bietet vier Zylinder mehr als die Maschinen der Konkurrenz, verzichtet dafür aber auf jegliche Zwangsbeatmung. Macht nix, 525 PS und 535 Nm Drehmoment sind in jedem Fall genug. Ein Prachtmotor, keine Frage.
Wahnsinn: Mit 4,1 Sekunden von 0 auf Tempo 100 belegt der R8 V10 in diesem Vergleich nur den letzten Platz. 316 km/h Spitze gleichen das aber wieder aus – Nissan und Porsche sehen da nur noch die Rücklichter des Audi.
Der Audi reagiert sauber auf den Input des Fahrers, leichtes Untersteuern dominiert. Doch gib ihm in den engeren Biegungen Stoff, und dank der heckbetonten Kraftverteilung lassen sich sanfte Drifts mit kleinen Lenkkorrekturen schön ausbalancieren – große Klasse, ...
... zumal die sensibel abgestimmte Elektronik und der Allradantrieb auf den schlüpfigen Passagen der Nordschleife feuchte Hände erspart. Bei der Rundenzeitenhatz auf dem Contidrom legte der R8 dann eine Zeit von 1:32,11 Minuten vor.
Draußen auf der Landstraße beweist der Audi, dass er auch mit dem wirklichen Leben bestens fertig wird. Sicher, auf engeren Passagen wirkt er zu breit, zu unübersichtlich, ...
... aber der Komfort verblüfft, die adaptiven Dämpfer ("Magnetic Ride") wirken Wunder.
Audi stellt den R8 V10 auf 19-Zöller. Wer bei der Bremsanlage dahinter auf Keramik-Komponenten setzen will, muss 8820 Euro extra nach Ingolstadt überweisen.
Nicht zu überhören: Der Zehnzylinder ist abgas- und ansaugseitig ein hochbegabter Klangkünstler.
Flache Sitzposition, edles Audi-Ambiente, genug Platz für Großgewachsene, aber ...
... der Kofferraum ist mit 190 Litern Fassungsvermögen nicht der Rede wert – bei einem Supersportler allerdings nicht wirklich ein Kriterium.
In Sachen Gestühl lässt sich der R8 ordentlich aufrüstet: Die große Lederausstattung hat Audi für 5900 Euro im Angebot, Sitzschalen mit Klammergriff stehen für 2870 Euro in der Preisliste.
Es ist wahr: Der 5,2-Liter-V10 darf tatsächlich bis 8700 Touren drehen.
Das optionale sequenzielle Getriebe ("R-Tronic") stört: Die Schaltrucke lassen den Beifahrer nicken wie einen Wackeldackel. Schade, dass das Doppelkupplungsgetriebe des V8 nicht in den V10 passt.
Verhältnismäßig bescheiden: Der Flügel des Audi R8 V10 zeigt sich nur bei Bedarf. Wer ihn im Innenspiegel ein- und ausfahren sehen will, sollte 149.800 Euro übrig haben.
Mit 236 Punkten landet der 911er knapp vor dem R8 auf dem zweiten Platz: Der Turbo kann es noch, besonders dann, ...
... wenn es der Fahrer auch kann. Er bietet das intensivste Fahrvergnügen – ohne den Stachel früherer Jahre. Aber der Preis, der tut weh.
Der Boxermotor im 911 war noch nie ein erbaulicher Anblick. Der Turbo ist keine Ausnahme. Aber die Leistung stimmt: 480 PS und 620 Nm Drehmoment ...
... schieben die knallrote Sportwagen-Ikone in 3,8 Sekunden aus der Parkposition auf Landstraßentempo. Erst bei 310 km/h ist endgültig Schluss mit der Raserei.
Der Porsche bietet dem Grenzgänger am Lenkrad das Gefühl, gebraucht zu werden. Er belohnt die korrekte Handhabung, lässt sich in Kurven auf die Wünsche seines Herrn ein, ...
... fährt auch ganz gern mal quer und übt bei allen Aktionen die rege Zwiesprache zwischen Mensch und Maschine. Seine Lenkung kommuniziert besser, ...
... der Fahrbahnkontakt ist intimer, dank seines kurzen Radstands ist er handlicher – da macht ihm keiner der Herausforderer etwas vor. Die Bestzeit des 911 Turbo auf dem Handlingparcours des Contidroms: 1:31,75 Minuten
Schöner Sound: Der Turbo-Bums des Elfers, untermalt vom Boxer-Grummeln, ist immer wieder eine Gänsehaut wert.
Extraportion Verzögerung: Hinter den 19-Zöllern des Porsche war beim Testwagen die optionale Keramikbremsanlage für 8711 Euro verbaut.
Weniger geht nicht – zumindest in diesem Test: Der Porsche verpackt vorne 105 Liter.
Angenehmer Luxus: Die Sportsitze sind elektrisch verstellbar. Gut sitzen kann man hier sowieso.
Ein reinrassiger Sportler: Wer Schnickschnack und Spielereien sucht, ist im Porsche definitiv im falschen Auto.
Ein Porsche-Fahrer will klassische Uhren sehen. Im Turbo bekommt er sie in ausreichender Anzahl – und so schön verschachtelt, wie es in Zuffenhausen Sitte ist.
Im Trend: Der Bordmonitor des Porsche lässt sich nun mittels Touchscreen bedienen.
Der geteilte Heckflügel – ein schöner Anblick. Was man von der Preisliste übrigens nicht unbedingt behaupten kann. Für den 911 Turbo verlangt Porsche die stolze Summe von 154.444 Euro. Das Sport-Chrono-Paket und die Hinterachssperre sind allerdings schon eingerechnet.
Sein Preis macht den Nissan GT-R unschlagbar. Dessen ungeachtet fasziniert der Pistenkönig Nissan auch so. Denn so leicht so schnell zu sein, das kann sonst keiner. Schade nur, dass er so hart ist. Trotzdem: 249 von 300 Punkten – Platz eins.
Zwei Turbolader quetschen aus dem 3,8 Liter großen V6 485 PS und 588 Nm Drehmoment. Auch nur sechs Zylinder können den Mund also ziemlich wässerig machen. Schade nur, ...
... dass der GT-R V6 aus seinen beiden Doppelendrohren nicht so klingt, wie er aussieht. Da liegen die beiden deutschen Konkurrenten um Längen vorn.
Ein Patt in Sachen Längsdynamik: Der Nissan bewältigt den Sprint auf Tempo 100 in 3,8 Sekunden und erreicht maximal 310 km/h – genau wie der Porsche 911 Turbo.
Der GT-R klebt in der Spur, und zwar auch noch dann, wenn seine Widersacher schon aufgeben. Kein Untersteuern, kein Übersteuern, ob mit oder ohne ESP-Hilfe und egal wie schnell. Die präzise, reaktionsschnelle Lenkung ...
... lässt ihn scheinbar schwerelos über die Piste tanzen. Einen Kinderwagen durch den Park zu schieben benötigt mehr Fahrkönnen. Vorausgesetzt, die Strecke ist eben und trocken. Andernfalls mangelt es den Dunlop-SP-Sport-Reifen an Grip, ...
... das hohe Gewicht macht sich bemerkbar, und bei Bodenunebenheiten läuft der Nissan auch schon mal heftig aus dem Ruder. Da könnte dann auch mehr Feedback in der Lenkung nicht schaden.
Ganz klar der Beste: Für seine schnellste Runde auf dem Handlingkurs des Contidroms brauchte der GT-R 1:30,95 Minuten – ein deutlicher Vorsprung vor Porsche und Audi.
Als einziger Wagen steht der Nissan auf 20-Zöllern. Dahinter packen die Brembo-Bremsen immer an klassichen Stahlscheiben zu. Und wie: 32,8 Meter von 100 auf 0 km/h sind der Bestwert dieses Vergleichs.
Lichtspiele: Die Scheinwerfer des GT-R sind schmal und weit in die Kotflügel gezogen, ...
... hinten gibt es die typischen runden Rückleuchten.
Auch in Sachen Nutzwert hat der Nissan die Nase vorn: Sein Kofferraum schluckt vergleichsweise üppige 315 Liter.
Die serienmäßigen Sportsitze mit Leder-Alcantara-Bezug bieten einen guten Kompromiss aus Komfort, Seitenhalt und Langstreckentauglichkeit, aber ...
... man sitzt hoch am Arbeitsplatz des Nissan, eher wie in einer Limousine.
Das Mitteldisplay zeigt auf Knopfdruck jede Info, von Beschleunigungskraft (G-Force) über Kraftverteilung bis zur Pedalbremskraft.
Nissan spendiert dem GT-R serienmäßig ein Doppelkupplungsgetriebe mit sechs Gängen, ...
... die sich natürlich auch mittels Wippen hinterm Lenkrad wechseln lassen.
Ausflüge in die Realität des Straßenbaus ahndet das Fahrwerk mit der Prügelstrafe, daran führt auch das Drücken der Komforttaste nicht vorbei. Da wird der Pistenheld zum Folterknecht.
Uhrensammlung im GT-R: Ein großer, zentraler Drehzahlmesser, Tacho und vier kleinere Anzeigen halten den Nissan-Piloten auf dem Laufenden.
Geschmacksache: Vermutlich ist das Heck die Schokoladenseite des GT-R. Über den Preis kann es jedenfalls keine zwei Meinungen geben: Der Fahrspaß im weißen Japaner ist für 83.500 Euro zu haben. Das ist in diesem Vergleich natürlich der Preis-Leistungs-Sieg.
Das Fazit von AUTO BILD-Redakteur Wolfgang König: "Die Platzhirsche müssen sich warm anziehen: Für den Preis gibt es nichts, was dem Nissan GT-R auch nur nahekommt. Ein Pistenschreck, der dem Establishment ...
... eiskalt die Auspuffrohre zeigt. Selbst dem 911 Turbo. Dennoch: Wer sich einen Sportwagen mit Seele wünscht, der dürfte sich eher für den Audi oder den Porsche erwärmen. Der R8 V10 begeistert mit sinnlichen Reizen, ...
... der 911 Turbo hofiert den engagierten Fahrer. Aber sind sie deshalb gleich doppelt so viel wert? Ganz klar: Sie sind es nicht."
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