Der
911 GT3 R ist Porsches Hybrid-Pionier und liefert einen Ausblick, wie die hybride Zukunft der Sportwagenmarke aussehen könnte. Und die klingt spannend: Im GT3 kommt keine herkömmliche Hybrid-Technik zum Einsatz. Stattdessen geht
Porsche ganz neue Wege.
Bis zu 40.000 (!) Touren dreht der GT3 R. Okay, es ist nicht der Sechszylinder des Langstrecken-Rennwagens, in dem es so irrwitzig hoch hergeht, vielmehr legt sich hier das wichtigste Modul von Porsches neuem Hybridkonzept ins Zeug: der Schwungradspeicher.
Er ist eine Elektromotor-Generator-Einheit in Übergröße, die aus einem magnetisierten Kunststoffrotor und einem Spulenkern besteht. Zum Schutz vor Bersten ist der extrem schnell kreisende Rotor noch stramm in eine kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffmanschette eingepackt.
Dieser Hightech-Kreisel im Format einer Waschmaschinentrommel fängt beim Bremsen entstehende Energie auf, gibt sie später als elektrische Leistung wieder ab. Die maximale "Ladung", die in diesem Schwungmassenspeicher steckt, reicht immerhin sechs bis acht Sekunden lang für 162 zusätzliche PS, ...
... die an zwei Elektromotoren an der Vorderachse wirken. Macht im GT3 R Hybrid zusammen mit dem Vierliter-Boxermotor (480 PS) satte 642 PS. So will Porsche im Mai 2010 beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring mitmischen, die Konkurrenz regelrecht ausbremsen.
Und so funktioniert die Technik im Hybrid-GT3: Zwei E-Maschinen hinter der Vorderachse arbeiten beim Bremsen wie ein Dynamo und produzieren Strom. Damit wird ein Schwungrad auf Touren gebracht, das die Energie durch Drehung speichert und beim Beschleunigen wieder an die E-Motoren abgibt. Die leisten im Schiebebetrieb je 60 kW.
Die Details des Schwungradgenerators: Spulen erzeugen mit elektrischer Energie ein Magnetfeld, das den Rotor mit bis zu 40.000 Umdrehungen dreht. Beim Gasgeben gibt er die Bewegungsenergie als Strom wieder an die E-Motoren an der Vorderachse zurück. Die Leistunsgelektronik regelt den Energiefluss zwischen den Komponenten.
Dabei spielt das Plus an Leistung nur eine von mehreren Rollen. Als Allradler bietet er zusätzliche Traktion, dazu läuft der Hybrid-Renner dank der Energierückgewinnung sparsamer. Mindestens genauso wichtig ist jedoch , ...
... dass der GT3 R in diesem stressigen Renneinsatz wertvolle Erkenntnisse liefern wird, wie sich der Schwungmassenspeicher als Batterie-Ersatz schlägt und wie die Technik später in Serienautos verfeinert werden könnte. Der aktuelle Serien-GT3 ...
... zählt auch mit konventioneller Boxer-Power zu den Schnellsten auf der Straße. Im Vergleichstest tritt er gegen den
VW Golf R an. Zwar stammen beide aus demselben Konzern, ansonsten verbindet sie wenig. Trotzdem kein Grund, die beiden PS-Protze nicht zur gemeinsamen Ausfahrt zu bitten.
Die Blautöne sind so grundverschieden wie die technischen Inhalte des hellen 911 GT3 und des dunklen Golf R. Der Kontrast zwischen dem Rivierablau aus Stuttgart und dem Wolfsburger Shadow-Blue findet unter dem Blech seine Fortsetzung, ...
... hier treten Sechszylinder-Boxer-Sauger gegen Vierzylinder-Turbo, Heckmotor gegen Frontmotor, Hinterrad- gegen Allradantrieb und ...
... Schaltgetriebe gegen Doppelkupplungsgetriebe an. Ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Ligen, in denen die beiden an der Kasse spielen. Zwischen GT3 und Golf R liegen knapp 80.000 Euro Preisdifferenz.
Ohne Winterreifen geht hier gar nichts: Die bis 240 km/h zugelassenen M+S-Pneus bieten viel Grip und Traktion, ...
... und wenn gar nichts mehr geht, dann müssen auch Sportler die Schneeketten aufziehen.
Lassen wir dem Stärkeren mal den Vortritt: Der
911 GT3 ist umtriebig, nervös, hart im Nehmen und gnadenlos im Austeilen. Die schwarz-weiße Leistungsentfaltung des spät,...
... aber dann umso gieriger zupackenden 3,8-Liter-Saugers (435 PS) ist Gift für turboverwöhnte Naturen. Wer das Beste aus dem GT3 herausholen will, muss die Maschine im Drehzahlfenster zwischen 4500 und 8000/min bei Laune halten.
Das Fahrerlebnis in diesem sehr speziellen Elfer trübt kein Filter und kein Weichzeichner. Im Gegenteil: Der raue Kern des GT3 produziert Gänsehaut im Akkord. Was die Pupillen ebenso weitet wie die Herzkranzgefäße, das ist nicht nur die ungetrübte Lust am Querfahren, ...
... sondern auch diese ganz spezielle Mischung aus Ehrgeiz und Respekt. Doch wenn links der nackte Fels bleckt und rechts der tiefe Abgrund gähnt, dann muss man nicht unbedingt nach dem Stabilitätsprogramm auch noch die Antriebsschlupfregelung deaktivieren.
Andererseits begeistert gerade dieser
Porsche durch die transparente Unmittelbarkeit seiner Aktionen und Reaktionen, ...
... die Keramikbremse verzögert so nachhaltig wie ein vierfacher Türstopper, ...
... das Fahrwerk fräst immer mutigere Radien in den überzuckerten Asphalt. Bei optimalen Straßenbedingungen schießt der Über-Elfer in 4,1 Sekunden auf Tempo 100, erreicht 312 km/h Spitze.
GT3 fahren heißt Zähne zusammenbeißen. Die engen Schalensitze zwacken am angefutterten Hüftgold, der per Knopfdruck einstellbare Sportmodus knallt dir auf den französischen Rumpelpisten die Plomben einzeln aus dem Kiefer, und das knifflige Handling reißt schon beim ersten Lastwechsel den Grauschleier vom Kleinhirn.
Chrakteristisches Geflügel: Ein großer Heckspoiler hält den GT3 im Zaum und der Preis allzu übermütige Autokäufer: für den starken Elfer werden mindestens 116.947 Euro, das ziemlich genaue Gegenteil von billig.
Ein ganz anderer Charakter kommt mit dem Wolfsburger ins Spiel: Der
VW ist kein Über-GTI, sondern ein Gran Turismo im
Golf-Format. Der Allradantrieb macht sich den Schnee zum Freund, das DSG-Getriebe degradiert Gangwechsel zur simplen Fingerübung, ...
... das um 25 Millimeter abgesenkte DCC-Fahrwerk schafft auf Knopfdruck den Spagat zwischen Futon-Härte und Wasserbett-Geschmeidigkeit. Was dem R fehlt, ist eine Extraportion Dynamik und das letzte Quäntchen Sportlichkeit.
Wenn vorn der GT3 das Tempo vorgibt, dann giert, rollt und stampft der Golf im Schlepptau wie ein Kutter in schwerer See, und das ESP morst fleißig SOS. Der Golf R ist eben eher ein kommoder Cruiser ...
... mit beachtlichen Fahrleistungen, der ein nachgeschärftes Sportpaket verdient hätte – im Stile des GT3, bitte.
Alles andere als schwachbrüstig: Unter der Haube des Top-Golf arbeitet ein zwei Liter großer Turbo-Vierzylinder mit 270 PS. Der Motor reißt mächtig an, ...
... aber den Beschleunigungsvergleich mit dem GT3 verliert der Golf R: In 5,7 Sekunden erreicht er die 100-km/h-Marke. Auch 250 km/h Spitze reichen natürlich nicht an den GT3 ran.
Hier lässt sich ordentlich Gewicht einbauen: Den Golf R gibt's auf Wunsch mit vier Türen, Schiebedach, elektrisch verstellbaren Sitzen und Dynaudio-Sound.
Wer genug Oberklasse-Extras ordert, treibt den R auf 1541 Kilo Leergewicht. Damit bringt der voll ausgestattete VW 51 Kilo mehr auf die Waage als der schlanke Porsche.
Wer Sportlichkeit zum Schnäppchenpreis sucht, der liegt in diesem Vergleich mit dem R genau richtig: Für das Topmodell des Golf verlangt VW 38.275 Euro.
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