Zwei Plattformbrüder greifen an: VW Golf und
Seat Leon wollen in der Kompaktklasse ganz nach vorne fahren. Wie stehen die Chancen gegen
Opel Astra,
Renault Mégane,
Kia cee'd und
Ford Focus. Ein Vergleich.
Nur Motorsportfans mit Hang zur gesunden Härte werden den Mégane mit GT-Line-Ausstattung mögen, ...
... denn das Sportfahrwerk bereitet auf abgesperrter Strecke zwar durchaus Laune, ...
... im Alltag nervt es aber mit fiesen (An-)Schlägen auf die Bandscheiben.
Der neue TCe-Motor mit 115 PS hinterlässt einen durchaus aufgeweckten Eindruck und erweist sich als Freund der leisen Töne. Allerdings entlarvt ihn das Messprotokoll ...
... als schlechtesten Sprinter, und beim Überholen im hohen Gang geben sich nur Opel und Kia als noch schläfriger. Schade, gerade hier hätte ein bisschen Sportgeist nicht geschadet.
Die Sitze mit den ausgeprägten Seitenwangen passen schlanken Rennfahrern ganz hervorragend, nicht aber wohlgenährten Durchschnittstypen, ...
... und die müssen im Fond zudem Kopf und Bauch einziehen – hier fühlt sich der Mégane nicht nur eine halbe Klasse kleiner an, hier fehlt auf die Konkurrenz tatsächlich der eine oder andere Zentimeter.
Trotz Überarbeitung in diesem Jahr wirkt das Mégane-Cockpit schon ziemlich alt, ...
... Radio und Klimasteuerung liegen tief, der Monitor ist gut platziert, aber klein.
Unpraktisch: Die Mittelkonsole ragt so weit nach hinten, dass es beim Umlegen des größeren Teils der Fondbank klemmt.
Praktisch: Beim Mégane muss kein Deckel vom Einfüllstutzen gedreht werden – die äußere Klappe reicht voll und ganz.
Was wir vermissen: mehr Ansehen im Alter. Mit sieben von 20 Punkten sieht Schwacke den Franzosen beim Wiederverkauf ganz am Ende des Feldes.
Platz sechs mit 441 von 700 Punkten: Nicht nur wegen der unkomfortablen Dynamique-Ausstattung fährt der Renault Mégane TCe 115 hinterher, ihm fehlt es auch an Platz.
Sechs von zehn Deutschen leiden an Übergewicht – und der gerade aufgefrischte Opel Astra ...
... gehört definitiv dazu. Mit 1462 Kilogramm wiegt er 220 Kilo mehr als der Leon.
Die Quittung dafür: Die 120 PS müssen sich ziemlich abmühen, ...
... können der Konkurrenz aber doch nicht so richtig folgen. Und verlangen mit 6,8 l/100 km auch noch am meisten Kraftstoff – dem Focus genügt fast ein ganzer Liter weniger.
Schade, denn das 980 Euro teure Flex-Ride-Fahrwerk verhilft dem Rüsselsheimer auf Knopfdruck ...
... zu ordentlichem Komfort oder aber zu selbstbewusster Sportlichkeit.
Die hervorragenden AGR-Sitze für 685 Euro mit Extra-Auszug sowie Neigungsverstellung für die Sitzfläche schrumpfen selbst Langstrecken zum gemütlichen Ausflug. Der hinter dem Gurt versteckte Hebel für die Lehnenneigung nervt aber.
Genau wie das eingeschränkte Platzangebot im Fond, wo große Gäste ihre Füße kaum unter den Vordersitz bekommen und auf einer ungemütlichen Bank hocken. Eine mittlere Kopfstütze im Fond kostet tatsächlich 50 Euro – lächerlicher Leichtsinn.
Es braucht schon seine Zeit, bis Astra-Piloten jeden der recht kleinen Knöpfe beim Namen kennen. Viel erfreulicher: Nichts wackelt, alles wirkt solide.
Ebenfall erfreulich: Der Astra fährt vergleichsweise günstig vor; wer auf die eine oder andere Annehmlichkeit verzichten kann, erhält das Basismodell Fun schon ab 18.545 Euro.
Platz fünf mit 446 von 700 Punkten: Schade, der Opel Astra 1.4 Turbo fährt richtig geschmeidig. Hohes Gewicht, lahmer Motor und magere Basisausstattung vereiteln eine bessere Platzierung.
Kinder, wie die Zeit vergeht. Hatten wir die Koreaner zuletzt immer für ihre Aufholjagd im Eiltempo gelobt, ...
... wirkt der schöne cee'd nicht mal ein Jahr nach seinem Debüt seltsam zurückgeblieben.
Hölzern und unharmonisch abgestimmt, rumpelt der Kia über schlechte Strecken, ...
... erreicht bei voller Zuladung auch schon mal seine Grenzen und schlägt durch.
Die eher kurzen, schwach konturierten Polster bringen gestressten Rücken auch nicht wirklich Entlastung.
Der spurtstarke und mit 135 PS gesegnete 1,6-Liter erweist sich zudem als eher unwilliger Reisebegleiter, ...
... denn der einzige Sauger im Test muss sich mit bescheidenen 165 Nm Drehmoment begnügen, ...
... lässt seinen Piloten beim Überholen etwas verzweifelt in der hakeligen Sechsgangbox rühren.
Was Kias Kompakten nach wie vor auszeichnet, sind das wirklich fein gemachte und funktional eingerichteten Cockpit ...
... sowie ordentliche Platzverhältnisse.
Ohne Strom, dafür mit Gefühl: Die mechanische Handbremse ist perfekt dosierbar – auch bei Batterie-Problemen.
Überflüssige Spielerei: Flex Steer variiert die Lenkkraft in drei Stufen (ab "Vision" Serie) – ein direkteres Ansprechen wäre viel wichtiger.
In der Basisausführung Edition 7 werden für den Koreaner gerade mal 18.190 Euro fällig. Und auch wenn Start-Stopp sowie weitere Annehmlichkeiten dann fehlen: Sieben Jahre Garantie gibt es immer.
Platz vier mit 457 von 700 Punkten: Auf den ersten Blick beeindruckt der Kia cee'd 1.6 GDI mit Qualität und Chic. Fahrwerk und Motor sind aber nicht auf Klassenniveau.
Ford rühmt sich derzeit mit dem Slogan "Eine Idee weiter". Nicht sonderlich originell, im Falle ihres Dreizylinder-Turbos aber durchaus zutreffend.
Das kleine Einliter-Motörchen überzeugt trotz fröhlichen Dreizylinderschnatterns unter Last mit Laufruhe und Leistungswillen wie kaum ein anderer. Völlig gleichmäßig, fast schon turbinenartig ziehen die 125 PS aus dem Drehzahlkeller los ...
... und machen einfach immer so weiter – bis über 6000 Touren. Die Fahrleistungen fallen dabei ordentlich aus, der Verbrauch ist vorbildlich. Als Einziger bleibt der Focus unter sechs Litern – wenn auch mit 5,9 Litern nur knapp.
Wäre der Rest des Kölners doch nur genauso gut, dann wäre viel mehr drin als Platz drei. Doch der Focus nervt mit seinem verschwurbelten, ...
... weit in den Innenraum ragenden Armaturenträger, ...
... einem nicht gerade üppigen Platzangebot ...
... und dem für Familienausflüge zu straffen Fahrwerk. Natürlich bringt das ...
... zusammen mit der präzisen Schaltung ...
... und der ausgesprochen direkten Lenkung Spaß, Otto Normalfahrer wären ein längeres als das jährliche Wartungsintervall oder mehr als zwei Jahre Garantie aber sicher lieber.
Ganz einfach, einfach genial: Beim Öffnen der Tür legt sich eine kleine Gummilippe vor die Türkante – das vermeidet Parkdellen.
Platz drei mit 473 von 700 Punkten: Das Beste am Ford Focus 1.0 EcoBoost ist der Einliter-Dreizylinder. Der Turbo ist top – und mit mehr Alltagstalent wäre auch mehr drin.
Der Spanier mit der Golf-Technik unterm gefälligen Blech macht seine Sache im ersten Test mehr als anständig, ...
... entscheidend dafür ist, dass Seat beim Leon neben der schönen Form auch die Funktion pflegt.
So gibt es vorn und neuerdings auch hinten ein erwachsenes Platzangebot, das nur der Golf noch überbietet.
Allerdings nervt der geräumige Kofferraum mit hoher Ladekante und einem Absatz bei umgelegten Fondlehnen.
Überzeugender tritt da der 1.4 TSI auf. Seine 122 PS verhelfen dem 1242 Kilo schweren Leichtgewicht ...
... zu flotten Fahrleistungen, lebendigem Leistungseinsatz und dynamischer Drehfreude.
Dazu das auf kurzen Wegen rastende Sechsganggetriebe – olé! Allerdings genehmigt sich der spritzige Spanier mit 6,7 l/100 km nicht gerade wenig Sprit. Zudem wird der Leon beim Ausdrehen erheblich lauter als der Golf mit gleichem Motor. Scheint fast so, als wurde das Kampfgewicht durch Weglassen von Dämmung erkauft.
Weggelassen hat Seat auch die aufwendige Mehrlenkerachse des Golf, die der Leon erst ab 180 PS tragen darf. Doch ganz ehrlich, ...
... die einfachere Verbundlenkerachse verlangt keine Abstriche bei der Sicherheit und liefert auch keinen Deut weniger Fahrspaß. Der liegt dank einer straff ausgelegten Federung auf Dauergrins-Niveau.
Weil Seat keine adaptiven Dämpfer anbietet, gibt es keinen Knopf für mehr Komfort. So kommt auf schlechten Strecken schon mal ein genervtes Murren aus der ungemütlich straff gepolsterten zweiten Reihe, ...
...wo die kurz und trocken ansprechenden Dämpfer die lieben Kleinen durchschütteln. Die schmalen Fenster und die ansteigende Gürtellinie trüben zusätzlich Raumgefühl und Rücksicht.
Vorn gibt es dagegen wenig zu meckern. Schmale A-Säulen erleichtern die Peilung, der klar gezeichnete und sauber zusammengesteckte Armaturenträger sorgt für zufriedene Piloten.
Wenn wir meckern wollen, dann über die schwach konturierten Sitze und ein leichtes Knistern auf miesen Holperstrecken.
Doch der Spanier entschädigt uns mit fairen Preisen. Ab 20.270 Euro ist der Leon zu haben, ...
... und für 1190 Euro Aufpreis wird es sogar richtig hell in der Golf-Klasse: Den Leon Style gibt es als ersten Kompakten auch mit Voll-LED-Scheinwerfern.
Platz zwei mit 485 von 700 Punkten: Der günstige Seat Leon 1.4 TSI fährt sich so dynamisch, wie er aussieht. Allerdings vernachlässigt er den Komfort.
Stellen Sie sich den Leon vor, nur weniger extrovertiert und dafür annähernd perfekt. Das Ergebnis hieße Golf.
Dank verstellbarer Dämpfer für 990 Euro extra bügelt der VW ebenso unbeirrt und komfortabel über kaputte Kreisstraßen, ...
... wie er im Sportmodus auf der Handlingstrecke glänzt.
Sein 122-PS-TSI hält sich akustisch zwar vorbildlich zurück, ...
... bringt den Bestseller aber flott in Fahrt und verlangt mit 6,4 l/100 km noch keine unanständig hohe Entlohnung.
Und die betont behutsam weiterentwickelte Karosserie sieht zwar nicht besonders aufregend aus, ...
... hält aber das beste Platzangebot bereit.
Auch Sitze, Qualität und Funktionalität ...
... setzen in der Kompaktklasse einmal mehr Maßstäbe, echte Schwächen offenbart der Golf kaum.
Musik vom MP3-Player: Smartphones oder andere mobile Geräte werden per Bluetooth verbunden – sehr bequem.
Störender Scheibenrest: Wie schon beim Vorgänger lassen sich die hinteren Seitenscheiben nicht ganz versenken – doof.
Große Ernüchterung auch beim Blick in die Preisliste: Mit vier Türen müssen für den 1.4 TSI mindestens 22.425 Euro überwiesen werden, als gut ausgestatteter Highline sind schon 24.075 Euro fällig; und mit allen für den Test relevanten Extras bringt es unser Golf auf 25.065 Euro.
Platz eins mit 514 von 700 Punkten: Hoher Komfort, viel Platz, flotter Motor – der VW Golf 1.4 TSI kennt kaum Schwächen, kostet dafür aber auch mit Abstand am meisten.
Das Fazit von AUTO BILD-Redakteur Gerald Czajka: "Sollte Seat tatsächlich von der automobilen Landkarte verschwinden, dann trüge der Leon ganz sicher keine Schuld daran. Als der etwas wildere und günstigere Bruder des Golf überzeugt er durchaus. Und dass er am sehr ausgewogenen Golf nicht vorbeikommt, ...
... wird zumindest die Konzernmutter VW freuen. Der Focus fährt mit seinem tollen Dreizylinder-Motörchen aufs Treppchen – vor dem günstigen cee'd, dem feisten Astra und dem harten Mégane."
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