So viel ist klar – diese beiden Gesichter verschaffen sich Respekt. Aber wer macht mehr an – der brandneue Jaguar XJ, der gerade auf der IAA debütiert und Anfang 2010 auf den Markt kommt ...
... oder der Maserati Quattroporte? Im Test trifft der rundum neu gezeichnete XJ im Stile des Herausforderers erstmals auf den klassischen Italo-Beau.
Keine Frage – der neue XJ polarisiert. Mit den klassisch-eleganten Linien des Vorgängers hat die Limousine nichts mehr gemeinsam. Eingefleischte Jaguar-Fans werden sich fragen, ...
... ob Chefdesigner Ian Callum beim Modellieren des jüngsten Jag die falschen Pillen eingenommen hat. Irgendwie merkwürdig, dieses ausladende Gebilde, der massige Hintern, die hohen Flanken, die Grafik von Dach und Fenstern. So gar nicht der XJ, wie wir ihn kennen. "Warten Sie ab", beschwichtigte Callum, "lassen Sie ihn auf sich wirken."
Und ja, es ist was dran – so wie die Limousine an der Linse des Fotografen vorbeihuscht, gewinnt sie zusehends an Reiz. Enorm gestreckt wirkt sie mit diesen schlanken Seitenfenstern, hockt breitbeinig auf dem Boden, das Gesicht bullig, die Haut glatt und straff.
Klar ist: Der alte Stil hat ausgedient, die klassische Designschiene erwies sich beim Vorgänger als Abstellgleis.
Der Kenner sieht's auf Anhieb: Ein dezenter Schriftzug in der Zierleiste weist auf die Topmotoriserung des noblen Briten hin. Unter der XJ-Haube ...
... haben wir den Kompressor-V8 mit 510 PS, die stärkste der drei Motorvarianten (sonst 3.0-V6-Diesel, 275 PS/ 5.0-V8, 385 PS). Leistungswünsche erfüllt er eben so spontan wie nachdrücklich, und bei höheren Drehzahlen dringt ein dezentes Grollen aus dem Maschinenraum. So gewaltig war bislang noch kein XJ motorisiert.
Vorn im Cockpit dominiert nun Leder statt Holz, während sich die Architektur am allgemein üblichen Muster orientiert. Auf dem Bildschirm vor dem Fahrer erscheinen drei virtuelle Rundinstrumente – echte Uhren wären für einen Jaguar angemessener.
Während die Mittelkonsole in tiefschwarzem Klavierlack glänzt, wurden die Holzverkleidungen größtenteils in die Türen verbannt.
Auch die riesigen, mittig aufgepfropften Belüftungsdüsen belasten die Geschmacksnerven, nett dagegen der ausfahrbare und inzwischen Jaguar-übliche Bedienknopf für die Sechsstufenautomatik. Das Nischengefühl im Cockpit ...
... erinnert noch an die gute alte Jaguar-Schule.
Vorn und hinten stehen körperfreundlich gepolsterte Sitze zur Verfügung, wobei das Raumangebot etwa dem des Vorgängers entspricht. Das liegt daran, dass sich auch der Radstand nicht veränderte (3,03 Meter), ...
... obgleich die Gesamtlänge um drei Zentimeter zunahm (5,12 Meter). Es reicht für 520 Liter Kofferraum und genügend Räkelkomfort im Fond. Wem das nicht reicht ...
... der bekommt den XJ gleich zum Start auch in einer Langversion mit 12,5 Zentimeter längerem Radstand.
Der rassige Maserati setzt auf kurvige Proportionen und entspricht im Gegensatz zum schnörkellos-kühlen Jaguar eher dem klassischen Schönheitsideal.
Er ist edel wie ein italienischer Maßanzug – als Charakterstück perfetto, aber ansonsten nicht perfekt. Mehr Rohdiamant als geschliffene Limousine.
Üppige Hüften, lange, tief nach unten gezogene Haube, kurzes Stufenheck – auch nach sechs Jahren macht der Quattroporte eine Figur zum Schwachwerden.
Der 50 Kilo gewichtigere und 70 PS schwächere Maserati hat seine Mühe, dem Kompressor-Jaguar zu folgen.
Musikalisch allerdings ist er haushoch überlegen, das bleibt uns selbst im vorausfahrenden Jaguar nicht verborgen. Wie ein italienischer Opernstar schmettert der V8 seine kernige Fanfare ins Freie.
Ferrari-Technik zum Angucken: Der Achtzylinder mit den zwei roten Köpfen holt aus 4,7 Litern Hubraum 440 PS und 490 Nm Drehmoment. Damit sprintet der Italiener ...
... in 5,1 Sekunden auf Tempo 100 – geringfügig langsamer als der deutlich stärker motorisierte XJ.
Emotion pur: Der Quattroporte ist eine kurvenreiche Schönheit, lange Schnauze, mit dem Grill dicht über dem Asphalt schnüffelnd, eher zierlich, obgleich in den Abmessungen kaum kleiner als der neue Jag.
Betont sportlich: Im Innenraum des Sport GT S ersetzt Carbonfaser das Holzfurnier aus dem Standardmodell.
Das blaue Runde: der V8 dreht munter bis 7500 Touren, schiebt den Maserati mit etwas Anlauf bis auf 285 km/h.
Der Sportmodus ist beschränkt auf das Wesentliche: Die Automatik gibt beim Runterschalten Zwischengas, im Auspuff öffnet das "Bypassventil". Dann röhrt der Quattroporte, als würde Adriano Celentano mit Reißnägeln gurgeln.
Bequem ist es im Maserati-Fond allemal, nur die tief angeordnete Sitzreihe erschwert das Verstauen langer Beine.
XJ ungelöst? Die Frage drängte sich auf, denn die Form des neuen Jaguar ist kein spontaner Hit. Keine Liebe auf den ersten Blick also. Aber nach dem zweiten und dritten Hinsehen ...
... beginnt sie zu zünden. Exklusivität ohne Schnörkel gepaart mit Spannkraft – der XJ ist alles, nur kein stilles Mauerblümchen. Selbst dann, wenn er neben dem klassisch schönen Maserati steht.
Weitere Bildergalerien und Videos zum Thema finden Sie in den Empfehlungen auf der linken Seite.