Zwei sportliche Cabrios, zwei verschiedene Typen:
Maserati GranCabrio (vorne) und
BMW 6er eint nur das Konzept, charakterlich sind sie grundverschieden.
Wie hätten Sie es denn gern: soft oder scharf? Als 650i bewohnt der BMW (rechts) die Cruiser-Ecke. Der Maserati nutzt die Basis des
GranTurismo S, tendiert in Richtung Sportwagen und ...
... verweist den
BMW 6er auf den zweiten Platz. Der Bayer überzeugt mit Perfektion, kraftvolles Dahinströmen liegt ihm mehr als die feurige Kurvenhatz. Es fehlt aber das entscheidende Quäntchen Emotion, das den Funken überspringen lässt.
Der 650i gefällt sich in der Rolle der Businesslady: erfolgsverwöhnt, keineswegs unerotisch, aber eben züchtig genug. Obwohl der BMW im emotionalen Feuerwerk des Maserati zu verglühen droht – der distinguiertere Auftritt passt zum Charakter: Der 6er war nie das schillernde Starlet, ...
... nie jemand, der seine Reize an jeden x-beliebigen Handy-Paparazzo verschleuderte, sondern eher die rollende Skulptur, deren abstrakte Formen sich erst nach ausgiebigerem Betrachten erschlossen. Schön? Wie das mit Kunst eben so ist.
Im Vergleich mit der Maserati-Maschine fehlen dem BMW-V8 (367 PS, 490 Nm) 73 PS und Temperament. Trotzdem ist es ein Jammer, dass der charismatische 4,8-Liter-Sauger bald durch einen dieser herzlosen Turbomotoren ersetzt wird.
Mit der flauschigen Sound-Schleppe des V8, die wie eine dieser schnulzigen Achtzigerballaden hinter dem Heck herschmachtet, durchquert man die Nachbarschaft auch mal, ohne sich beim Aufschnittholen tags darauf gleich vor der Metzgereifachverkäuferin rechtfertigen zu müssen.
Längsdynamisch alles andere als reizlos: Der BMW 650i geht in glatten sechs Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und ...
... fährt erst bei 250 gegen die Barriere der elektronischen Beschleunigungsbremse.
Die variabel übersetzte Aktivlenkung vergrößert oder reduziert den Lenkwinkel je nach Tempo elektromotorisch und lässt die perfekt ausbalancierte Karosserie so entweder gelassen um den vorgegebenen Kurs schwingen ...
... oder unverzüglich in die Kurve spitzen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist dabei der optionale Wankausgleich. Mittels aktiver Stabilisatoren an beiden Achsen reduziert die Elektronik Karosseriebewegungen auf ein physikalisch notwendiges Minimum. Das hält die gefühlte Dynamik zwar hoch, ...
... führt gleichzeitig aber dazu, dass man sich – mangels eindeutiger Warnsignale – bisweilen näher an die Schwelle zur Gleitreibung heranwagt, als man vielleicht glaubt. Andererseits muss man ganz schön herumstemmen, um dem BMW einen Drift aus dem Heck zu hebeln.
Dem 6er-Fahrwerk fehlt in diesem Vergleich ein Reifen, der das Potenzial der M-Abstimmung auch auffangen kann. Die 19-Zöller liefert BMW aber auch ohne Runflat-Pneus.
Seit der Modellpflege beherrscht der 6er das große Latinum der Fahrerassistenz, ...
... sendet Vibrationen ins Lenkrad, wenn man versehentlich eine Fahrbahnmarkierung kreuzt, richtet sich radargestützt am Vordermann aus, tastet die Dunkelheit nach Fußgängern ab ...
... verschönert die Darstellung des Navisystems mit den hochauflösenden Satellitenbildern von Google Earth oder ...
... schärft die Krallen per Knopfdruck auf die Sport-Taste. Wer noch mehr will, muss seine Verkehrsmittel bei Boeing bestellen.
Den 650i veranschlagt BMW mit mindestens 89.300 Euro. Beim Preis schlägt der Bayer den Italiener damit locker, aber ...
... da das testende Magazin nun mal "SPORTSCARS" heißt, kann es in diesen Vergleich nur einen Gewinner geben: das
Maserati GranCabrio. Der Wagen pflegt den glamourösen Auftritt, posiert, flirtet, bezirzt. Wie so eine Art automobiles Äquivalent ...
... zur leicht frivolen Italienerin, die auch dort mit gewagtem Ausschnitt, knappem Rock und schwindelerregenden Absätzen herumstolziert, wo man für ein wenig Zurückhaltung vielleicht ganz dankbar wäre.
Der Quell der Fahrfreude liegt im Maserati-Bug und hat Ferrari-Gene: Aus 4,7 Litern Hubraum holt die Maschine 440 PS und 490 Nm Drehmoment. Wenn der V8 richtig loslegt und die Sporttaste im Cockpit den Auspuff auf rohrfrei schaltet...
... dann blasen die Endrohre frenetisch ein heiseres Tremolo ins Freie. Ein Kniefall vor dem grandiosen Konzert, stehende Ovationen für die Komponisten, tosender Applaus für die hinreißende Darbietung. Auf der berühmten Skala von eins bis zehn? Eine glatte Zwölf!
Der Maserati verspricht nicht nur akustisch enorme Schnelligkeit, er legt sie auch tatsächlich an den Tag: Sowohl beim Sprint auf Tempo 100 in 5,5 Sekunden als auch bei der Höchstgeschwindigkeit von 283 km/h hängt er den BMW ab.
Das GranCabrio lechzt geradezu nach Drehzahl, erst bei 7000/min entzündet es seine volle Leistung. Trotz sperriger Dimensionen feuert es gelenkig der Asphaltlunte hinterher und brennt dank Sperre auch mal Seitenfenster voraus durch die Kurven.
Der Grenzbereich des GranCabrio wirkt im Vergleich zu dem des 6ers, als hätte man ihn weiträumig mit Trassierband abgespannt. Was zum einen am ehrlicheren Fahrgefühl liegt, das einen ...
... zwar auch nicht gerade mit Rückmeldung weichklopft, auf Geschmacksverstärker jedoch weitgehend verzichtet. Zum anderen liegt es daran, dass einen die Karosserie mit beträchtlicher Schräglage darauf aufmerksam macht, dass man allmählich mal vom Gas gehen sollte.
Hübsches Detail in der Fahrzeugflanke: Die Entlüfftungskiemen an beiden Seiten sehen aus, als stemple Neptun jeden Maserati höchstpersönlich mit seinem Dreizack ab.
Ein durchdachter und technisch hochwertiger Arbeitsplatz sieht anders aus: Am Maserati scheinen ein paar aussortierte Fiat-Techniker herumoperiert zu haben. Anders ist es jedenfalls kaum zu erklären, ...
... dass sie dem GranCabrio ein vorsintflutliches Navi-Gerät in die Mittelkonsole pflanzten; dass die Parkpiepser in ihrer Vertrauenswürdigkeit an sizilianische Schutzgelderpresser erinnern; ...
... oder dass man Sitze montiert, die bestimmte Kreaturen vielleicht als bequem empfinden mögen, mit der Anatomie eines menschlichen Körpers aber herzlich wenig zu tun haben.
Blickfang: Die Analoguhr auf der Mittelkonsole ist ein obligatorisches Maserati-Accessoire.
Das GranCabrio sortiert seine Kraft über eine ZF-Automatik, deren sechs Stufen man sich mittels feststehender Schaltsicheln entweder selbst zurechtschnibbelt oder im D-Menü mundgerecht servieren lässt.
Schön und teuer: Der Perlmutt-Farbton heißt Bianco Fuji und kostet – festhalten – 7735 Euro extra. Auch beim Grundpreis von 132.770 Euro zeigt sich das Maserati GranCabrio alles andere als bescheiden.
Das Fazit von AUTO BILD SPORTSCARS-Redakteur Stefan Helmreich: "Obwohl am Ende nur hauchdünn voneinander entfernt, trennt beide eine halbe Welt. Nicht wegen der Längsdynamik, ...
... die der Maserati wegen seines satten Leistungsvorteils hier nur knapp gewinnen darf. Sondern weil der 6er trotz Elektronik-Overkill sowohl querdynamisch als auch emotional seltsam blass bleibt."
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