Bruderkampf im VW-Konzern: Mit dem neuen Polo steht ein starker Konkurrent für das unangefochtene Familienoberhaupt Golf in den Startlöchern. AUTO BILD hat die beiden zum ersten exklusiven Duell gebeten.
Schau mir in die Augen Kleiner! Eine unnötige Drohgebärde des Golf, der um seinen Platz in der Hierarchie fürchtet? Der Kleine gibt sich optisch durchaus offensiv: Im Profil zeigt er die stärker ausgeprägte Keilform, ebenso die höhere Schulterlinie mit kleineren Fensterflächen, ...
... auch mit den kantigen Linien und seinen flachen Scheinwerfern wirkt der Polo im Vergleich dynamischer. Er hat das modernere Gesicht – und Abmessungen, die in moderne Metropolen passen.
Am Ende doch ganz verschieden: Die Heckklappe des Polo steht flacher, beim Golf reichen die Rückleuchten weit in die Klappe. Unser Favorit ist der jugendliche Herausforderer, seine scharfen Linien verleihen ihm mehr Charakter. Gelungen bei beiden: die zeitlose Formensprache ohne Verfallsdatum.
Wie unfair! Zum Bruderduell erscheint der Polo mit dem brandneuen 1,6-Liter-TDI, der viel geschmeidiger läuft als die alten Pumpe-Düse-Aggregate und ...
... leichtfüßig hochdreht. Doch mit deutlichem Nageln kann auch der 105 PS starke Common-Rail-Diesel seine Herkunft nicht verheimlichen. Dazu kommt ...
... die Anfahrschwäche: Unter 2000 Touren holt er tief Luft, um dann ungestüm vorwärtszustürmen – das Turboloch zwingt zum häufigen Schalten im zu lang übersetzten Fünfgang-Getriebe. Den Sprint von 0 auf Tempo 100 erledigt der Polo in 10,4 Sekunden, maximal sind 190 Sachen drin.
In Sachen Motor gefällt der Golf mit seinem dezent brummenden, aber gut gedämmten 110-PS-TDI besser, ...
.. der Zweiliter zieht mit seinen 250 Nm knapp über Standgas schon wie ein Ochse, entfaltet seine Leistung viel harmonischer. Ein entspannter Geselle, der den rund 200 Kilo schwereren Golf ...
... souveräner antreibt. Schade, dass er auch hier bald Platz machen muss für den 200 Euro günstigeren 1.6er, der laut VW weniger verbraucht und entsprechend weniger CO2 ausstößt. Mit dem 2.0 TDI geht es in 10,7 Sekunden auf Tempo 100 und bis auf 193 km/h.
Beim Fahrwerk steht der Polo dem Großen in nichts nach, wieselt mit unerschütterlicher Sicherheit über kurvenreiche Landstraßen und läuft sauber geradeaus. Mit den optionalen 17-Zöllern lenkt er sogar noch einen Hauch zackiger ein als der große Bruder.
Der Golf kontert mit einer gefühlvolleren Lenkung. Und reagiert in Extremsituationen, zum Beispiel schnellen Ausweichmanövern bei hohem Tempo, mit seiner aufwendigen Mehrlenker-Hinterachse gelassener als der Polo, der dabei kräftiger wankt.
Das Highline-Cockpit des Polo gefällt mit gepolsterter Armaturentafel und tadelloser Ergonomie sowie Ablesbarkeit. Die Verarbeitung wirkt hochwertig. In der Basisvariante Trendline wird in Sachen Ausstattung geknausert.
Der Deutschen liebstes Wohnzimmer: Im Golf fühlt man sich gut aufgehoben, Sitzposition und Cockpit-Bedienung sind perfekt. ESP, Servolenkung, Klimaanlage, Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber vorn gibt es auch an der Basis serienmäßig.
Hier klemmt's: Großen fehlt hinten im Polo Platz für die Knie und überm Scheitel. Auf Kurzstrecken reicht's, auf Reisen eher nicht
Hier geht's: Der Fond des Golf ist wesentlich geräumiger, selbst Sitzriesen reisen bequem. Die flache Bank bietet allerdings nur wenig Beinauflage.
Üppig dimensioniert: In den Türablagen des Polo lassen sich auch große Wasserflaschen unterbringen.
In Verbindung mit dem RDC310-Radiosystem (640 Euro) lassen sich über den Stecker im Handschuhfach auch externe Datenquellen anzapfen. Das Bordbuch verschwindet unter einer Klappe.
Optional kommt der Polo mit einem einfach zu bedienenden Touchscreen-Navi, das 1140 Euro kostet. Auch das schlichteste Radio muss bezahlt werden (ab 475 Euro).
Platz für Kleinkram und Getränke: Staufach auf dem Mitteltunnel des Golf.
Jeder Golf kommt mit einfacher Climatic – und kein Mensch braucht wirklich mehr, aber eine Zweizonen-Klimaautomatik für Verwöhnte könnte durchaus eine Überlegung wert sein. Sie kostet 340 Euro extra.
Luxus, den man sich gern gönnt. RNS 510 (2575, ab Comfortline 2110 Euro) ist ein exzellenter Pfadfinder, die 30-GB-Festplatte bietet Lieblingsmusik nonstop.
Kofferraumvergleich: Beide bieten hoch aufschwingende Heckklappen, dahinter ...
... tun sich aber naturgemäß große Unterschiede auf. In den Polo passen zwischen 280 und 952 Liter Gepäck. Die asymmetrisch geteilte Rückbank und ein doppelter Ladeboden sind erst ab "Comfortline" Serie.
Beim Laderaum hat eindeutig der Golf die Nase vorn: 350 Liter gehen immer hinten rein, erst bei 1305 Litern stößt der Kompakte an seine Kapazitätsgrenze. Nicht so gut: Die Stufe bei umgelegten Rücklehnen erschwert das Beladen.
Für einen Polo 1.6 TDI als Viertürer werden mindestens 18.385 Euro fällig, ...
... der Golf 2.0 TDI steht mit 21.375 Euro in der Preisliste. Ein Unterschied von 3010 Euro. Auch wenn es zwei Fahrzeugklassen voneinander trennt, ist das nicht wirklich viel. Die beiden sind an der Kasse ganz schön eng zusammengerückt.
Ein viertüriger Polo 1.2 mit 60 PS startet bei 12.885 Euro, der billigste Golf mit vier Türen kostet 17.250 Euro. Doch der hat bereits den 1.4er mit 80 PS unter der Haube. Beim Polo gibt es den 1400er erst ab der mittleren Comfortline-Ausstattung für 15.810 Euro – bei vergleichbarer Ausstattung schmilzt der Preisvorteil des Polo.
Das Fazit von AUTO BILD-Redakteur Uli Holzwarth: "Der Polo ist zweifellos ein beeindruckender VW und kommt ganz nahe ran an seinen großen Bruder. Insbesondere qualitativ hat der Polo einen spürbaren Sprung gemacht. Hier müssen wir ...
... schon sehr genau hinsehen, um Unterschiede zu erkennen. Eine Klasse besser ist der geräumigere Golf im direkten Vergleich tatsächlich nur bei Platzangebot und Komfort. Andererseits habe ich im Polo nie das Gefühl, ...
... eine Klasse tiefer gelandet zu sein. Das gilt allerdings auch für den Preis. So kann der Kleine die Hierarchie in der VW-Familie (noch) nicht erschüttern."
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