Jaguar auf der Mille Miglia 2012

60 Jahre Scheibenbremse

— 22.05.2012

Wer später bremst, ist länger schnell

Vor 60 Jahren testete Jaguar seine neu entwickelte Scheibenbremse im C-Type auf der Mille Miglia. Zum Jubiläum 2012 ging das Team von 1952 wieder an den Start: Renn-Legende Stirling Moss (82) und Jaguar-Entwickler Norman Dewis (91).

Brescia, Italien, im Sommer 1952. Bei der technischen Abnahme zur Mille Miglia ist gerade ein hitziges Palaver entbrannt. Englische, italienische und deutsche Wortfetzen fliegen über die Piazza della Loggia. Ratlos gucken die Prüfer aus der Wäsche, weil sie beim Jaguar C-Type keine Bremstrommeln in den Rädern entdecken. Und Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer kocht vor Wut. Sein Plan, den britischen Rivalen seiner 300 SL noch vor dem Start disqualifizieren zu lassen, scheitert. Pünktlich um 18.19 Uhr senkt sich die Startflagge für das Jaguar-Team. Am Steuer des Jaguar C-Type: der junge Stirling Moss, noch am Anfang seiner Rennkarriere. Neben ihm: Norman Dewis, Chef-Entwicklungstestfahrer von Jaguar in Coventry. Ihre Mission: die zusammen mit Dunlop neu entwickelte Scheibenbremse einem harten Belastungstest unterziehen.

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Der C-Type des legendären Teams Stirling Moss/Norman Dewis.

Von den starken Stoppern erhoffen sich die Briten eine Menge – vor allem eine Wiederholung des Le-Mans-Sieges vom Vorjahr gegen die erstarkte Konkurrenz aus Stuttgart. Frei nach dem Motto: Wer später bremst, ist länger schnell. Der 300 SL der "Krauts" hat zwar Flügeltüren, verzögert aber noch mit gewöhnlichen, weniger bissfesten Trommeln. 60 Jahre danach, gleiche Szene. Brescia, Piazza della Loggia. Stirling Moss, inzwischen 82 und zum "Sir" geadelt, am Steuer. Und neben ihm Dewis, 91 Jahre alt inzwischen, aber ebenfalls noch fit wie ein Turnschuh. Beide wieder in einem C-Type, wie damals. Nur gibt es diesmal keine Diskussionen mit den Prüfern, sondern frenetischen Applaus von Tausenden, die die zwei alten Herren feiern. Und selbst das Kriegsbeil mit Mercedes ist begraben: Statt eines wütenden Teamchefs kommt Daimler-Boss Dieter Zetsche persönlich auf einen entspannten Plausch vorbei.

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Zum Jubiläum ließ Jaguar sich nicht lumpen: Mk VII, XK 120 und C-Type waren 2012 in Brescia am Srtart.

Der pastellgrüne C-Type des Altherren-Duos hat für Jaguar Geschichte geschrieben. Stirling Moss fuhr mit exakt diesem Wagen, der heute einem britischen Sammler gehört, 1952 in Reims den ersten Rennsieg für die Scheibenbremse ein. In Italien hatte das Duo Moss/Dewis damals weniger Glück.Gerade 100 Meilen vor dem Ziel (die beiden lagen – für sie selber überraschend – auf Platz zwei) flog ihr C-Type in einer nassen Kurve von der Piste und krachte in eine Felswand. Die Scheibenbremse allerdings hatte ihre Feuerprobe bestanden. Mit ihr gewann Jaguar nicht nur im Folgejahr die 24 Stunden von Le Mans, sondern baute sie ab 1957 auch in den Seriensportler XK 150 ein.

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Den rekordverwöhnten bronzenen XK 120 kennt jeder Jaguar-Fan.

Auf der Mille Miglia 2012 feierte die britische Nobelmarke aber nicht nur das Jubiläum einer bahnbrechenden Technologie. Die Rallye diente auch als Bühne für den zweiten Auftritt des neu gegründeten Werksteams Jaguar Heritage Racing. In Brescia waren die Briten mit drei C-Types, zwei XK 120 und einem Mk VII am Start, darunter der C-TYPE XKC 018, der einmal der italienischen Fahrerlegende Juan Manuel Fangio gehörte. Außerdem dabei: der in Jaguar-Kreisen berühmte "LWK 707", ein XK 120 Fixed Head Coupé von 1952, das in seinem Produktionsjahr im französischen Monthléry mehrere Geschwindigkeitsrekorde aufstellte und bei einer Belastungsfahrt über 27.000 Kilometer in nur einer Woche einen Schnitt von 160,93 km/h erreichte. Am Steuer damals: Stirling Moss. Bei der "Mille" 2012 griff ein Mitglied des britischen Hochadels ins Lenkrad: Charles Innes-Ker, Marquess of Bowmont and Cessford, war mit seinen 31 Lenzen freilich nur halb so alt wie sein Wagen. Selbst sein Vater, der zehnte Duke of Roxburghe, war erst vier, als Jaguar zum ersten Mal die Scheibenbremse ausprobierte, die bald darauf zum Allgemeingut wurde und die seit Jahrzehnten, wie uns Stirling Moss verriet, nur deshalb so problemlos funktioniert, "weil wir alle Probleme schon 1952 hatten."

Autor: Martin G. Puthz

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