Alfa Romeo 164

— 20.04.2010

Klingt schön, selbst im Zorn

Der Sound des Alfa-V6 kann zur großen Oper werden. Doch nicht nur damit bestätigt der 164 all unsere schönen Italien-Klischees. Er gibt sich herb, maskulin und wird auch schnell zornig, wenn man ihn reizt.



Alfa werden geliebt oder gehasst. Wer sie liebt, hat etwas übrig für Erotik in der Stimme und die mediterrane Sicht der Dinge. Wer sie hasst, ist Perfektionist. Nein, perfekt war er nie. Das ging schon beim Namen los. Auf Chinesisch klingt 164 wie "direkt in den Tod", weshalb er im asiatischen Raum 168 hieß. Beim Faktor Sinnlichkeit ist der Notizblock für den Alfa Romeo 164 Quadrifoglio Verde Super V6 24V, wie das Top-Modell mit Vor- und Zunamen und allen motorischen Titeln hieß, jedoch prallvoll. Er hat dieses vielschichtige Vibrato in der Stimme, diesen kratzbürstig-herb-maskulinen Charakter, und er kann sogar zornig und rüpelhaft werden. Auch wegen des Frontantriebs, dem ersten bei den großen Alfa.

Enger Verwandter: Saab 9000

Pininfarinas strenge Geometrie, dazu Alfas erster Frontantrieb sorgten anfangs für Lieferfristen.

Die gut gefütterten Pferde zupfen bei welliger Fahrbahn derart vehement am Lenkrad, dass man eisern zupacken muss. Was den Fahrer natürlich im Grunde freut, denn so spürt er, alle PS sind beieinander. Von dem sogenannten Arese-V6 des Rennmotorenkonstrukteurs Giuseppe Busso gab es zahlreiche Varianten. Stärkste war oben genanntes Modell mit 232 PS. Dieser Motor ist so ungestüm, dass man sich beim Aussteigen jedesmal wundert, dass hinten noch zwei Türen sind. "Ach ja", fällt es einem ein, "ist ja eine Limousine." Schade nur, dass Alfa (damals noch nicht unter dem Dach von Fiat) diesen herrlichen Motor aus Spargründen opferte und heute einen V6 implantiert, der aus einer australischen Holden-Limousine stammt – dem Patchworkfamilien-Überbleibsel einer längst vergessenen Affäre von Fiat mit General Motors.

Starker Bruder: Lancia Thema 8.32

Der Viertürer, der einer Entwicklungskooperation zwischen Alfa, Fiat (Croma ), Lancia (Thema) und Saab (9000) entstammt, ist trotz Frontantrieb leicht zu bändigen. Die Lenkung ist präzise, das sportliche Fahrwerk vermittelt guten Kontakt zur Straße. Sanftmut ist hingegen nicht seine starke Seite. Die Karosse nickt bei bestimmten Bodenwellen, und die Federung leitet den Zustand der Straße grundehrlich direkt ins Gesäß. Der 164er hat nicht nur außen das unverwechselbare Pininfarina- Design der geradlinigen, schnörkelfreien 80er-Jahre, auch innen ist er eigenständig und italienisch stilsicher. Verwechselbar sind hier nur die wie bei einer Heimorgel angeordneten Tasten auf der Mittelkonsole, auf denen man Tonleitern üben kann.

Labiler Säufer

Bei aller Liebe zu Italien: Kaum verzeihbar ist der hohe Verbrauch. In der Stadt genehmigt sich der Alfa 14,9 Liter auf 100 Kilometer. Ebenso wenig akzeptabel ist seine mechanische Labilität. Romeo ist ein kränklicher Typ und guter Kunde beim Arzt. Ständig plagen ihn die großen italienischen Seuchen. Die Elektrik, Mamma mia, ist bloß ein marodes Kupfergeflecht mit Ausfällen an allen Wicklungen, Adern und Schaltern. Doch was ist das schon gegen diesen wunderbaren Motor.

Technische Daten

Alfa Romeo 164 Quadrifoglio Verde Super V6 24V

Klare Linien auch im Cockpit. Das Schalter-Keyboard in der Mittelkonsole ist so übersichtlich wie die Tasten einer Heimorgel.

V6, zwei obenliegende Nockenwellen, 24 Ventile • Hubraum 2959 ccm • Leistung 171 kW (232 PS) bei 6300/min • max. Drehmoment 284 Nm bei 5000/min • Sechsganggetriebe • Vorderradantrieb • Länge/Breite/Höhe 4555/1760/1390 mm • Leergewicht 1530 kg • Reifen 195/65 ZR 15 • Scheibenbremsen rundum • Einzelradaufhängung an Querlenkern und Federbeinen vorn, Mehrlenkerachse und Federbeine hinten • Höchstgeschwindigkeit 245 km/h • 0–100 km/h 7,9 Sekunden • Neupreis 1993: 71.700 Mark

Historie

Alfa Romeo ist Anfang der 80er noch ein Staatsbetrieb, und dem geht es schlecht. In der Not baut man zusammen mit Fiat und Saab vier Autos der oberen Mittelklasse auf einer Plattform, das heißt: Abkehr vom traditionellen Hinterradantrieb. Präsentation 1987. Größter Motor ist der aus dem Alfa 6 bekannte Dreiliter-"Arese"-V6. Zunächst als Zweiventiler und 180 PS, wird daraus zum Facelift 1993 ein Vierventiler mit bis zu 232 PS. 1998 kommt der Nachfolger Alfa 166.

Plus/Minus

Stark und schön - der quer eingebaute "Arese"-V6 mit verchromten Einlasskanälen.

Das Pininfarina-Design ist in seiner Klarheit ein Klassiker, der rattenscharfe, kehlig schreiende Motor ein Gedicht. Der V6 ist aber auch ein Quell der Scherereien. Der Zahnriemen sollte alle 60.000 bis 80.000 km gewechselt werden, der Motor will behutsam warmgefahren werden. Dennoch kleckert oft Öl. Die Elektrik hält Überraschungen jeder Art bereit, von streikenden Fensterhebern bis zum Chaos im System der Kontrollleuchten. Die Bremsanlage ist bei einem derart sportlichen Auto hoch belastet, benötigt reichlich Zuwendung. Dito die Achslager. Auch sind die Federbeinteller rostgefährdet. Frühe 164er wurden schlampig produziert. Obwohl das Design ursprünglich schön zurückhaltend war, wurde es beim Quadrifoglio leider ziemlich verspoilert.

Marktlage

Das Angebot an Dreiliter-V6-Modellen ist klein, dennoch liegen die Preise noch erfreulich niedrig: zwischen 500 und 3000 Euro. Allerdings zeigen die 164er-Sechszylinder meist Laufleistungen bis zu 250.000 Kilometer. Wegen des günstigen Kaufpreises wird der Wagen oft von Leuten gefahren, die sich keinen Werksservice leisten können. Entsprechend sind viele verpfuschte Fahrzeuge am Markt. Beim Kauf daher auf ein lückenloses Serviceheft achten. Selten und teuer ist die Allradversion Q4.

Ersatzteile

Ersatzteile werden reichlich nachgefragt, auch ist der letzte 164er erst vor gut zehn Jahren vom Band gelaufen. Daher bestehen nur wenige Engpässe, besonders weil viele 164er ausgeschlachtet werden. Für Originalteile gibt es teilweise saftige Preise, zum Beispiel kosten allein die Bremsklötze vorn 144 und ein Auspuffendtopf 315 Euro. Knapp sind Teile für den Q4 (Allrad).

Empfehlung

Je jünger (1998 wurden die letzten Alfa 164 ausgeliefert), je weniger Kilometer und je weniger Vorbesitzer, desto besser. Beim Alfa-Kauf muss man sehr vorsichtig sein, denn der Wagen verzeiht keine Schlamperei beim Service oder gar eine rüde Behandlung im Alltag. Bekommt man aber das berühmte Rentnerauto aus erster Hand, kann so ein Sechszylinder mit seiner rauchigen Stimme der Anfang einer langen Freundschaft werden.

Autor: Bernhard Schmidt

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