Alfa Romeo GT 1300 Junior
— 08.01.2011La dolce vita
Alfas größter Wurf der 1960er-Jahre: Der GT ("Bertone"). Das Sportcoupé vermittelt noch heute das italienische Lebensgefühl von damals: La dolce vita. Der GT 1300 Junior hätte prima in Fellinis Film gepasst.
| Legenden der 60er | ||
|---|---|---|
| Mercedes 300 SEL 6.3 | Jaguar E-Type 3.8 | Oldsmobile Toronado |
| BMW 2000 tii | Porsche 911 S Targa | Mini Cooper S |
Die Mutter aller GTI: Alfa Romeo Giulia Super 1300 TI
Kingt heute nicht nach viel, doch die meisten Deutschen waren vor nicht allzu langer Zeit von der Seitenwagen-NSU oder aus dem Kabinenroller in den 30-PS-Standard-Käfer umgestiegen. Und nur zwei Jahre später kam aus Mailand die volkstümliche Variante des Sprint GT, wie das Alfa-Coupé noch hieß, bevor alle Welt es nur noch "den Bertone" nannte. Die Sparversion deutete bereits mit dem Namen 1300 Junior an, dass sie sich an jüngeres, weniger betuchtes Publikum wandte. 11.700 Mark, also etwa so viel wie zwei VW 1200, kostete der Junior und war damit rund 4000 Mark billiger als der große Bruder Sprint GT. Dabei musste der knausrige Junior-Käufer gar nicht mal auf viel verzichten. Ihm fehlten 300 Kubik Hubraum und 19 PS, ein wenig Ausstattung, etwas Chrom, das war’s auch schon. Schneller als die meisten braven deutschen Limousinen oder untermotorisierten Coupés vom Schlage eines Karmann-Ghia war man auch mit den 87 PS des 1300. Und cooler obendrein.
Con Cuore Sportivo: Alfa Romeo 2000 Berlina
Heute lehrt der GT 1300 Junior Bescheidenheit: Er zeigt, dass weniger als 90 PS ausreichen, um schnell zu sein. Dass größer und stärker nicht immer auch besser ist. Klar doch, die Sitzposition auf dem kleinen Kunstledersessel ist mehr als bescheiden, der Sitz ist rutschig und bietet so viel Seitenhalt wie ein Küchenhocker. Der Verstellbereich des Fahrersitzes reicht bestenfalls für mittelgroße Italiener, und die Pedale stehen so eng beieinander, dass man ohne zu wollen Tacchetto spielt. So nennen Italiener jene Fahrtechnik, bei der beim Bremsen und Zurückschalten gleichzeitig mit der Hacke Zwischengas gegeben wird. Überhaupt, das Schalten: Das Getriebe der 105er-Alfa, so hieß die Giulia-Baureihe intern, hat eine heute nicht mehr gebräuchliche Sperrsynchronisation nach Porsche-Patent. Sie gibt dem feinsinnigen Alfa-Fahrer Lehrstunden in angewandtem Maschinenbau. Bei keinem anderen Getriebe lässt sich die Funktionsweise von Schaltverzahnung, Schaltmuffe, Sperrband und Synchronring so sinnlich aus dem Handgelenk erfahren. Die Fahrleistungen des 1300 reißen natürlich fast fünfzig Jahre später keinen mehr vom Hocker – in rund 13 Sekunden schafft er den Spurt aus dem Stand auf Tempo 100, auf der Autobahn wandert die Tachonadel bis zur 180-km/h-Marke, wenn’s pressiert. Dabei dreht der kleine Vierzylinder über 6000 mal in der Minute. Das macht ihm nichts aus, sofern er vorher ordentlich warmgefahren wurde, die korrekten Gleitfunkenkerzen in den Brennräumen zünden und die Doppelvergaser nicht durch poröse Ansauggummis Falschluft ziehen. Derartige Drehzahlorgien untermalt der Doppelnocker mit seinem unverwechselbaren schnarrenden Auspuffkonzert, das lauter und voluminöser wird, wenn man den Endtopf (natürlich streng verboten!) durch ein Rohr ersetzt. Sie brauchen noch mehr Argumente, um sich für einen Kantenhauber zu entscheiden? Bitte: Kenner behaupten, das Blech sei früher besser gewesen, alte Alfas rosteten weniger als jüngere Exemplare derselben Baureihe. Als ob so etwas Anita Ekberg interessiert hätte.
Historie
Technische Daten
Alfa Romeo GT 1300 Junior: Alfa Romeo GT 1300 Junior Reihenvierzylinder, vorn längs • zwei oben liegende Nockenwellen, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, zwei Doppelvergaser • Hubraum 1290 ccm • Leistung 64 kW (87 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 115 Nm bei 3200/min • Fünfgangschaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung vorn an Querlenkern, Federbeinen, hinten Starrachse an Längslenkern und Reaktionsdreieck • vier Scheibenbremsen • Reifen 185/70 R 14, Räder 4,5 x 14“ • Radstand 2350 mm • L/B/H 4080/1580/1315 mm • Leergewicht 930 kg • 0–100 km/h 12,5 s • Spitze 176 km/h • Neupreis (1966) 11.700 Mark.Plus/Minus
Die Coupés der Alfa-105-Baureihe sind seit mindestens 30 Jahren anerkannte Klassiker, mit allen Vor- und Nachteilen, die dieser Status mit sich bringt. So wurden viele Kantenhauber mit größeren Motoren, Tieferlegung und Alu-Rädern neuerer Alfa-Modelle verschönert. Zudem hat kaum ein Exemplar nicht bereits eine oder gar mehrere Restaurierungen hinter sich. Marodes Blech sowie unsachkundige Schweißvirtuosen sind die schlimmsten Feinde des Bertone. Magnet oder Lackschicht-Messgerät sollten bei der Besichtigung dabei sein. Die Technik dagegen ist robust und langlebig, entsprechende Wartung und pflegliche Behandlung vorausgesetzt. Ein gesunder Öldruck auf der serienmäßigen Anzeige bei Betriebstemperatur, kein Bläuen aus dem Auspuff beim Gaswegnehmen und ein sahnig schaltendes Getriebe etwa dürfen optimistisch stimmen, dass hier nicht allzu viel im Argen liegt.Ersatzteile
Bei Technik- und Verschleißteilen der frühen Bertone-Coupés gibt es kaum Engpässe, schließlich bedienen sich Giulia und Spider Duetto der identischen Basis. Bis auf ein paar Ausnahmen ist alles lieferbar, entweder als Original, als Gebrauchtteil oder als Nachfertigung. Nicht mehr zu bekommen sind etwa Dichtsätze für bestimmte Hauptbremszylinder, doch selbst in diesen Fällen gibt es Umrüstlösungen, die dem Alfista weiterhelfen.Marktlage
Das Angebot ist groß, ebenso die Preisspanne. Die reicht von 5000 Euro für gerade noch rollfähige Teilespender bis weit über 20.000 Euro für sehr originale oder exzellent restaurierte Exemplare. Die Junior-Ausführungen mit der einfacheren Ausstattung und den kleineren Motoren werden etwas günstiger gehandelt als die 1600er-Veloce und -Sprint. Eine Sonderstellung nehmen die ultraseltenen GTA 1600 und GTA 1300 Junior ein, da werden sechsstellige Summen aufgerufen.Empfehlung
Für Alfa der 60er-Jahre gilt, wie für viele andere Klassiker, die einfache Regel: Der Karosseriezustand entscheidet. Motor, Getriebe, Fahrwerk und Bremsen sind vergleichsweise einfach und preiswert zu überholen. Umfangreiche Karosseriearbeiten dagegen können sehr schnell den Zeitwert um ein Vielfaches überschreiten. Deshalb immer den Alfa mit der bestmöglichen Karosserie kaufen, der fürs Geld zu haben ist. Kleiner Tipp am Rande: Wenn es nicht unbedingt eine Kantenhaube sein muss, ist ein GT Junior aus den 70ern die billigere und kaum weniger verlockende Alternative.Anzeige








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