Alfa Romeo Montreal — 15.03.2011
Geld und Liebe
In Jürgen von der Lippes Fernsehshow mussten sich die Kandidaten zwischen Geld oder Liebe entscheiden. Beim Alfa Romeo Montreal ist es anders: Sein Besitzer muss ihm beides schenken.
| Klassiker für Mutige | ||
|---|---|---|
| Citroën SM | Jaguar XJ12 | Lancia Delta Integrale |
| Matra-Simca Bagheera | Mercedes Benz 300 SE | NSU Ro 80 |
Im Stammbaum des kleinen V8 findet sich ein Le-Mans-Sieger
La dolce vita: Alfa Romeo GT 1300 Junior
Das Fahrwerk des 1310 Kilogramm schweren, aus mancher Perspektive leicht pummelig wirkenden Coupés bildet einen harten Kontrast zum filigranen V8, dem eine mechanische Spica-Einspritzung den Saft fürs Leben verabreicht. Denn es stammt in seinen Grundzügen von der Mittelklasse-Limousine Giulia ab. Die Hinterachse ist daher nicht nur starr, sondern auf unebenen Pisten auch halsstarrig bis zum Versetzen. Die Lenkung ist zudem nicht nur nach heutigen Maßstäben schwergängig und indirekt. Den größten Spaß macht dieser nur 4,2 Meter lange 2+2-Sitzer aus der Feder von Bertone-Chefdesigner Marcello Gandini (richtig, Vater auch des Lancia Stratos und der Lamborghini-Ikonen Miura und Countach) daher nicht bei der Hatz über Berg und Tal, sondern mit wiegendem, verblüffend gutem Federungskomfort bei entspannten Reisen auf den langen Geraden eines erfolgreichen Lebens.
Eine begehrenswerte Diva
Und im richtigen Beruf erfolgreich, und daher wohlhabend, musste damals wie heute sein, wer sich in dieses Coupé verliebt. Das zelebriert zwar mit Details wie Türgriffen oder Lenkradhebeln die in Vergessenheit geratene Kunst, Bauteile filigran und zugleich funktional und ästhetisch zu gestalten. Andererseits nährt es mit wirr angeordneten Instrumenten und seiner wenig wartungsfreundlichen Bauart das Bild vom großen Wurf mit wenig Überblick. Die Tücken des Objekts, sie lauern also an vielen Ecken und in vielen schlecht zugänglichen Winkeln. Schon damals gab es nur wenige Werkstätten, die sich einem kranken Montreal gewachsen fühlten. Heute sind es noch weniger Spezialisten, die etwa die mechanische Einspritzung einstellen können oder wissen, dass es ein Tanksieb zu reinigen und einen Ölfilter für die Einspritzung zu wechseln gilt. Der Montreal – eine Diva? Ja, denn der braucht sachkundige Pflege und ist teuer bei Wartung und Reparaturen. Gut also, wenn sich zu der sehr verständlichen Liebe zum Alfa auch ebenso viel Geld im Portemonnaie gesellt.
Historie
Der Montreal lernt das Laufen langsamer als andere. 1967 zeigt Alfa Romeo ihn als Studie auf der Weltausstellung Expo in Montreal zum Thema Zukunfts-Automobile. Wegen der Schlitze in der B-Säule – und wohl auch wegen des im März 1967 vorgestellten Mittelmotor-Rennwagens Tipo 33/2 und dem von ihm abgeleiteten, zwischen 1967 und 1969 nur 18-mal gebauten Straßensportwagens 33 Stradale – dichten viele dem Montreal einen V8-Mittelmotor an. Doch unter der von Bertone-Designer Marcello Gandini gezeichneten Hülle steckt die Technik der seit 1962 gebauten Alfa Romeo Giulia mit Vierzylinder-Frontmotor. Wegen der positiven Resonanz beschließt Alfa Romeo die Serienfertigung und zeigt im Frühjahr 1970 auf dem Genfer Salon das Serienauto – nun mit dem gezähmten V8-Frontmotor des 33 Stradale. Bis 1977 werden 3925 Montreal gebaut, Modellpflegemaßnahmen gibt es so gut wie keine. Nach etwa 100 Exemplaren kommt der Frontspoiler in die Serie, die Einspritzung wird zweimal optimiert. Der nächste V8-Alfa für die Straße, der 8C Competizione, kommt erst 2007.Technische Daten
Alfa Romeo Montreal: V8, vorn längs • vier oben liegende Nockenwellen, Kettenantrieb, zwei Ventile pro Zylinder • mechanische Einspritzung • Hubraum 2593 ccm • Leistung 147 kW (200 PS) bei 6500/ min • max. Drehmoment 235 Nm bei 4750/min • Fünfgangschaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung vorn an Querlenkern, Starrachse hinten mit Schubstreben und Reaktionsdreieck, vorn und hinten Schraubenfedern, Stoßdämpfer, Stabilisator • Reifen 195/70 VR 14 • Radstand 2350 mm • Länge/Breite/Höhe 4220/1672/1205 mm • Leergewicht 1310 kg • 0-100 km/h 7,4 s • Spitze 222 km/h • Verbrauch ab 16 Liter Super/100 km • Neupreis 1972: 35.000 Mark.Plus/Minus
Der charismatische V8 und die elegante Form sprechen ebenso für den Montreal wie das Raumangebot und das souveräne Fahrgefühl. Die Karosserie ist aber nahezu überall anfällig für Rost. Das A und O der Prophylaxe ist die regelmäßige Kontrolle der Ablaufschläuche. Einmal eingestellt, arbeitet die Einspritzung problemlos, doch das erfordert Werkzeug, das nur noch wenige Experten haben. Thermische Überlastung kann zu Rissen in den Zylinderköpfen führen. Spezialisten optimieren deshalb Wasserpumpen und Kühlkreisläufe. Das filigrane Lenkgehäuse reißt gelegentlich. Originalteile sind rar, doch das Alfa Classic Center Dortmund und Partner arbeiten an einem gefrästen, stabileren Nachbau. Die gute Nachricht: Die Ersatzteilversorgung wird zusehends besser.| Reparaturkosten (manche Positionen des Alfa Classic Centers Dortmund können zu Ohnmachtsanfällen führen) | |
|---|---|
| Motorölwechsel mit Filter* | 250 Euro |
| Bremsbeläge und -scheiben rundum | 2000 Euro |
| Zylinderkopf überholen | 4600 Euro |
| Auspuffanlage ab Krümmer | 1100 Euro |
| Stoßdämpfer vorn und hinten | 1100 Euro |
| Reinigung Tanksieb | 250 Euro |
| Wasserpumpe mit Lager | 5800 Euro |
| Zündverteiler instandsetzen | 650 Euro |
| Lenkgehäuse erneuern | auf Anfrage |
| * Alle Angaben inklusive Lohn und Mehrwersteuer | |
Marktlage
Der Montreal stand immer im Schatten der Ferrari, Maserati und Lamborghini. Entsprechend billig wurde er als Gebrauchtwagen gehandelt – und geriet dadurch häufig in die Hände finanzschwacher Fans. Die Wartung wurde dadurch oft vernachlässigt, erhaltende Arbeiten fielen bei vielen Exemplaren sparsam oder ganz aus. Mittlerweile sind diese Montreal nahezu verschwunden, da die Restauration solcher Exemplare wirtschaftlicher Unfug gewesen wäre. Gepflegte Autos bestimmen daher das sehr übersichtliche Angebot, wobei der Teufel durchaus im Detail stecken kann. Zustand-3-Montreal kosten heute etwa 20.000 Euro.Empfehlung
Das beste, von Experten gewartete Auto am Markt ist allemal billiger als ein Montreal, an dem "nur noch Kleinigkeiten zu machen sind". Denn für die sind oft vierstellige Beträge fällig. Wenn möglich, das Objekt der Begierde vom Experten gründlich prüfen lassen!Kommentar verfassen
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Kommentare zum Artikel (1)
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Derjenige der sich dieses Auto kauft sollte sich über die Folgekosten bewusst sein und nicht nur mal an einem Ford Capri rumgeschraubt haben. Ich bin seit dreißig Jahren in den Besitz eines solchen Exemplares und kann nachdem ich den Block schon einmal aus,& wieder eingebaut habe ,einige Schlaflose Nächte mit dem Studiun der Werkstatthandbücher vollbracht habe, nur diejenigen warnen die sich dieses Monster antun, ohne ihre Ehe zu gefährden oder aufs Spiel setzten und sich vorher genau zu Überlegen was er seiner Familie und sich selber antut.