Alfa Romeo Spider

Alfa Romeo Spider 2.0 Alfa Romeo Spider 2.0

Alfa Romeo Spider

— 09.09.2007

Spät wächst die Liebe zur Lippe

Der Spider mit Spoiler gilt als schlimme Alfa-Sünde. Die Nachfrage ist noch gering und die Preise sind im Keller – da lohnt sich der Einstieg in dieses gefühlsechte Cabrio.

Gummilippe. Wie das schon klingt. Irgendwie lieblos. So abschätzig, wie selbst Alfa-Freunde im Frühjahr 1983 den neuen Spider niedergemacht haben. Gummilippe hieß fortan nicht nur der Heckspoiler, sondern das ganze Auto. Armer Alfa. Dabei ist er ein Klassiker italienischer Cabrio-Kunst, das letzte Werk des großen Pininfarina – verschandelt mit einer hässlichen Plastikstola. Eine Sünde der Designer. Es waren kalte Jahre, die frühen 80er. Weltpolitisch und autotechnisch. Die US-Behörden riefen nach Sicherheit, sauberem Abgas und monsterdicken Stoßstangen. Die letzten Cabrios starben wie die Fliegen: MG B, Spitfire, der offene Käfer, später Fiat 124 Spider. Der Alfa Spider, Geburtsjahr 1990, bekam eiligst eine böse Botox-Kur.

Cuore Sportivo seit 1910: die Markengeschichte von Alfa Romeo

Im Innenraum dominiert schon der sachliche Stil der Neuzeit.

Wulstige Frontschaufel, Wappen im Gummiring und der Schand-Spoiler. Eine US-Version für den Rest der Welt. Doch dann geschah das Unerwartete. Alfas Lippen-Bekenntnis verkaufte sich in Deutschland besser denn je. Warum nicht, der Spider blieb technisch ein Oldie der 60er. Noch immer bollerte vorn das sportliche Herz, der Doppelnocker, der im Technik-Italienisch Bialbero heißt. So warm wie dieses Wort klingt auch der Alu-Vierzylinder, der durch Doppelvergaser atmet und bei der Homologation jeden Prüfer betört haben muss. Wie sonst konnten strenge Ohren 1983 solche Auspuff-Arien zulassen? Ein Evergreen der Vor-Katalysator-Ära. Der Zweiliter leistet bis 1986 herzhafte 127 PS und zieht dank des langen Kolbenhubs mit Pfeffer durch die Drehzahlmitte.

Cuore Sportivo: Der katlose Zwei-Liter-Vierzylinder mit zwei Nockenwellen dreht und klingt zauberhaft.

Kein Vergleich zu vielen Luftpumpen-Benzinern von heute. Dieser Bialbero-Genuss lässt viele Spider-Schwächen vergessen: die Optik, den ewigen Rost, die trampelnde Hinterachse (bei Nässe kriminell). Und das Getriebe, das beim Schalten in den Zweiten gern kratzt, weil dessen Synchronringe schnell verschleißen, und deinen Ehrgeiz weckt: "Ich muss OHNE Kratzen schalten". Also mit Gedenksekunde. Ein-und-zwanzig. Dazu ein Zwischengasstoß, und der Spider trompetet eine Sportlichkeit hinaus, die seine veraltete Konstruktion gar nicht besitzt. Eine Gummilippe lenkt man heute gelassen, denn Spider fahren ist schon bei Tempo 50 spannend.

Am Ende siegt die Liebe

Das Dach öffnet so schnell wie ein Regenschirm, seine Passagiere sitzen wirklich im Freien – und nicht unter der Frontscheibe wie in modernen Cabrios. 1986 zähmten die Italiener den Spider endgültig. Er bekam den neuen Brotkasten-Tacho, klobige Außenspiegel und einen Katalysator. Damit klang er wie Pavarotti nach einem Grappa-Gelage: Lustlos. Die Gummilippe, die zur letzten Spider-Ära 1990 wieder wegfiel, ist heute zu Recht gesucht. Als günstiges Open-Air-Revival der 80er.

Historie

Kritik am Styling erntete 1966 schon der erste Spider: Seine Karosserie-Rundungen erinnern Fans an den Knochen des Tintenfischs (Italienisch: Osso di Sepia). 1969 schnitt Alfa das Ende glatt ab, der Fastback lief mit Motoren von 1,3 bis 2,0 Liter Hubraum bis 1983. Nach dem ungeliebten Spoiler-Spider (ab 1986 mit Kat) folgte 1990 die letzte Version, die auch Spoiler trug, aber glattere. In 27 Jahren baute Alfa rund 127.000 Spider, der keilförmige Nachfolger erschien 1994.

Technische Daten

Alfa Romeo Spider
Vierzylinder, Reihe, vorn längs • Hubraum 1962 ccm • 93 kW (127 PS) bei 5300/min (Kat-Version: 115/5500) • max. Drehmoment 178 Nm bei 4300/min (162 Nm/3000) • Fünfganggetriebe • Hinterradantrieb • Länge/Breite/Höhe 4270/1630/1290 mm • Leergewicht 1040 kg • Reifen 185/70 HR 14 • vorn und hinten Scheibenbremsen • vorn Einzelradaufhängung, hinten Starrachse • Spitze 190 km/h (185 km/h) • 0–100 km/h in 10,2 s (12,1 s) • Verbrauch 11,4 l /100 km (9,5 l/100km) • Neupreis 1983 27.830 Mark, 1986 38.990 Mark

Plus/Minus

Offener Zweisitzer mit klassischem Italo-Charme: ab Baujahr 1983 tolle und zuverlässige Motoren (1,6 und 2,0 Liter), wenn sie sorgsam warm gefahren werden. Erstaunlich viel Platz, auch hinter den Sitzen und im Kofferraum, damit ist der Spider voll alltagstauglich. Erst für Fahrer ab 1,85 Meter Länge wird es eng. Dünnes Verdeck, dessen Plastikscheibe schnell blind wird und reißt. Größtes Problem ist der Rost, der sich in den Hohlräumen der Karosserie festsetzt. Davon sind auch die Kat-Spider ab 1986 betroffen, die deutlich weniger Temperament zeigen. Typisch 60er-Jahre-Konstruktion: Das Fahrwerk mit starrer Hinterachse ist heikel, bei Nässe wird der Spider zur Heckschleuder.

Marktlage

Günstiger kann Spider fahren kaum sein: Gummilippen-Alfa mit leichtem Sanierungsbedarf gibt es ab rund 3000 Euro, und schon für 5000 Euro sind ehrliche, gut erhaltene Spoiler-Spider der Vor-Kat-Zeit bis 1986 im Angebot. Die Preise liegen deutlich unter den letzten Fastback-Modellen, die technisch fast identisch sind. Noch ist das Angebot an Spoiler-Typen größer als die Nachfrage. Daher bleibt genug Zeit, angebotene Autos gründlich checken zu lassen. Obacht: Rostlauben sind echte Geldgräber.

Ersatzteile

Blechteile sind leicht zu beschaffen, jedoch nicht mehr billig. Die Totalsanierung einer morschen Karosserie verschlingt schnell 10.000 Euro, das teurere Auto ist im Zweifel der bessere Kauf. Elektrik- und Elektronikteile ab 1986 werden knapp, so Hossein Niemann-Ardehali vom Sportwagen Service Hamburg: E-Fensterheber oder -Außenspiegel, auch die Impulsgeber der Einspritzung sind mittlerweile gesuchte Raritäten. Unproblematisch: die Motoren.

Empfehlung

Zweiliter mit Vergaser, Baujahr 1983 bis 1986 – in dieser Version verströmt der Spider noch am besten seinen ursprünglichen Fahrmaschinen-Charme. Der 1.6er ist eine Drehorgel, wirkt angestrengt. Wer unbedingt im Alltag fahren, ein sauberes Gewissen behalten und Steuern sparen will, greift zum Kat-Modell ab 1986 – die gibt es ab 4000 Euro. Hände weg von nachgerüsteten Katalysatoren: Experten berichten von Pfusch-Technik und bösen Motorschäden.

Autor: Joachim Staat

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.